Wenn Eltern Krebs haben, leiden die Kinder mit

Astrid Goldmayer

Eltern sollten Kinder über Krebsdiagnose aufklären


16.05.2012

Mit der Diagnose Krebs kommt nicht nur die Angst vor dem eigenen Tod, sondern auch die Frage nach der Alltagsbewältigung. Die Sorge um die Kinder ist bei betroffenen Eltern häufig eine zusätzliche immense Belastung. „Wie soll ich es meinem Kind sagen“ werden Ärzte häufig von Müttern und Vätern gefragt. Doch diese können die psychosozialen Betreuung in der Regel nicht leisten. Das Projekt „Seelentröster“ an der Magdeburger Uniklinik nimmt sich dieser Problematik erfolgreich an.

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Kinder reagieren anders als Erwachsene auf die Krebsdiagnose eines Elternteils
Laut aktueller Angaben des Statischem Landesamt Sachsen-Anhalt erhielten allein 2010 mehr als 52.600 Menschen im Bundesland (etwa 29.800 Männer und 22.800 Frauen) eine Krebstherapie in einem Krankenhaus. 7.839 Bürger (27 Prozent aller Todesfälle) starben im Folgejahr aufgrund von bösartigen Neubildungen. Im Vergleich zu 2009 traten 2010 248 mehr Krebsfälle in Sachsen-Anhalt auf.

Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen bösartige Tumore die zweithäufigste Todesursache dar. Besonders schlimm empfinden Eltern die Diagnose, da sie neben der Angst um das eigene Leben, die Frage quält, wie sie ihren Kindern davon erzählen sollen. „Bei fast allen betroffenen Familien besteht da eine ganz große Unsicherheit“, berichtet Hans-Henning Flechtner von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Magdeburg. Um Familien in dieser schwierigen Situation unterstützend beiseite zu stehen, wurde das Projekt „Seelentröster“ ins Leben gerufen. Zwei psychologische Mitarbeiter der Uniklinik kümmern sich um betroffene Eltern und ihre Kinder und setzen speziell da an, wo Erwachsene an ihre Grenzen stoßen.

„Wie reagiere ich, wenn mein dreijähriges Kind fragt, warum der Mama die Haare ausfallen“ führt der Psychiatrie-Professor als Beispiel für die Problematik im alltäglichen Umgang mit der Krebserkrankung an. „Oder mein Kind im Jugendalter sich völlig verschließt und den Eindruck erweckt, ihm sei die Situation egal.“ Derartige Reaktionen sowie schulische Probleme seien in einer solchen Situation normal, erklärt Flechtner. Jugendliche würden die Krankheit und ihre Auswirkungen als sehr bedrohlich empfinden und deshalb häufig das ganze Thema abwehren. In der Regel würden sie Einzelgesprächen offener gegenüberstehen. Eltern würden auf der anderen Seite häufig versuchen, alles, was mit der Krankheit zu tun hat, von den Kindern fernzuhalten. Jedoch müsse über alles gesprochen werden, um die Situation zu verarbeiten.

Ärzte können psychosoziale Betreuung der Familien nicht leisten
„Der behandelnde Arzt kann diese Betreuung der Familien gar nicht leisten“, erklärt Flechtner. Deshalb seien Projekte wie „Seelentröster“ eigentlich an allen onkologischen Zentren nötig. Der Experte berichtet, dass auch Betroffene aus anderen Bundesländern Hilfe an der Uniklinik Magdeburg bei diesem besonderen Projekt suchen würden.

Ein wichtiges Thema bei den Sprechstunden sei auch der mögliche oder baldige Tod des Elternteils. Den Familien müsse dabei häufig erklärt werden, dass sie ihre Trauer zulassen dürfen. Bei Kindern äußere sich diese oft durch Schlafstörungen und Leistungseinschränkungen. „Sie brauchen eine beratende Begleitung, aber meist noch keine Therapie“, erklärt Flechtner.

„Projekte wie Seelentröster bieten betroffenen Familien Untersützung in einem Bereich, der bei der sonstigen Krebstherapie nicht vorgesehen ist. Zwar bieten einige onkologische Zentren psychosoziale Betreuungsmöglichkeiten für Betroffene und Angehörige an, jedoch fehlt in der Regel eine kindgerechte Betreuung“, erklärt Gritli Betram, Sozialpädagogin aus Hannover.

Das Projekt „Seelentröster“ wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts von fünf Universitäten für drei Jahre ins Leben gerufen. In den Sprechstunden soll der Bedarf an Beratung und Betreuung von Kindern krebskranker Eltern ermittelt werden. Zudem soll die Wirksamkeit der Sprechstunden überprüft werden. Die Familien, die am Projekt teilnehmen, werden von verschiedenen Kooperationseinrichtungen vermittelt. Dazu gehören neben onkologischen Zentren unter anderem Selbsthilfegruppen, Reha-Kliniken und die Sachsen-Anhaltische Krebsgesellschaft. Obwohl das Forschungsprojekt im Sommer ausläuft, soll „Seelentröster“ fortgesetzt werden. „Wir werden die Sprechstunde aber auf jeden Fall fortführen“, unterstreicht Flechtner. (ag)