WHO: Fehlende Krankenversicherung macht arm

Fabian Peters

Weltgesundheitsbericht der WHO: Eine fehlende Krankenversicherung macht die Menschen weltweit arm.

22.11.2010

Die Weltgesundheitsorganisation weist daraufhin, dass immer mehr Menschen weltweit aufgrund einer fehlenden Krankenversicherung in Armut abrutschen. Die selbst zu zahlenden Behandlungskosten treiben die Betroffenen oft in eine Schuldenfalle, aus der sie ohne Hilfe von außen nicht wieder entkommen können.

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Rund 100 Millionen Menschen landen jährlich aufgrund einer fehlenden Krankenversicherung in der Armutsfalle. Dabei sind nicht nur Entwicklungsländer sondern auch Industriestaaten wie die USA, Griechenland, Portugal, Polen und Ungarn betroffen. Die Zahlen gehen aus dem Weltgesundheitsbericht 2010 der WHO hervor, der heute in Berlin offiziell vorgestellt werden soll und aus dem „Welt Online“ vorab zitierte. Wer nicht krankenversichert ist, untersteht demnach einem erheblich höheren Armutsrisiko, da viele Menschen mit den anfallenden Behandlungskosten schlichtweg überfordert sind.

In Ländern ohne ein funktionierendes, staatlich subventioniertes Krankenversicherungssystem sind „finanzielle Härten“ im Krankheitsfall Gang und Gäbe, da die Betroffenen selber für ihre medizinische Versorgung bezahlen müssen. Die anstehenden Behandlungskosten sind für eine Privatperson jedoch häufig kaum zu bewältigen, so dass die WHO davon ausgeht, dass weltweit jährlich rund 150 Millionen Menschen aufgrund mangelnder Absicherung im Krankheitsfall „finanzielle Katastrophen“ erleiden.

Daher ruft die WHO ärmere Nationen dazu auf, ihre Investitionen in die Gesundheitsversorgung auszubauen. Margaret Chan, WHO-Generaldirektorin, forderte von den Regierungen, „die Gesundheitsfinanzierung zu verbessern und die gesundheitliche Absicherung zu stärken“. Zur Gegenfinanzierung könnten dabei nach Aussage der WHO zum Beispiel Steuern auf Alkohol und Tabak dienen. Dies würde einerseits die Finanzierung bei der Gesundheitsversorgung sichern und hätte zudem einen abschreckenden Effekt auf den Tabak- und Alkoholkonsum. Bis heute machen in 33 Ländern mit hauptsächlich niedrigem und mittlerem Einkommen die Direktzahlungen für medizinische Behandlungen mehr als 50 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben aus, so die Aussage im Weltgesundheitsbericht. Nach Empfehlung der WHO sollten diese Zahlungsformen jedoch weniger als 15 bis 20 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben eines Landes ausmachen.

Auch einige Industriestaaten haben nach Einschätzung der WHO noch erhebliche Defizite in ihrer Gesundheitsversorgung. Wobei die WHO die Steigerung der Effizienz des jeweiligen Gesundheitssystemen als ersten Ansatz zur Bewältigung der Probleme empfiehlt. Denn nach Aussage der WHO-Generaldirektorin werden zum Beispiel jährlich fast 300 Milliarden US-Dollar aufgrund von Ineffizienz im Krankenhausbereich verschwendet. Zudem habe die Auswertung von rund 300 Studien im Rahmen des Weltgesundheitsberichts 2010 ergeben, dass Krankenhäuser bei gleichem Aufwand im Schnitt 15 Prozent mehr leisten könnten.

Daher sollten die Industrienationen nach Ansicht der WHO in erster Linie versuchen, die Effizienz ihrer Gesundheitssysteme zu steigern, um eine bessere Versorgung der Bevölkerung zu erreichen. Dabei spiele auch die gezielte Verwendung bestimmter Anreize eine entscheidende Rolle. Sind diese richtig gesetzt, können sie die Effizienz des Gesundheitssystems erheblich steigern. Sind die Anreize in den nationalen Gesundheitssystemen hingegen falsch gesetzt, können sie Fehlentwicklungen verursachen, welche die Effizienz erheblich beeinträchtigen, so die Aussage im Weltgesundheitsbericht. Als Beispiel falscher Anreize nennt die WHO die einzelne Vergütung bestimmter medizinische Leistungen, welche zur Überversorgung mit den entsprechenden Behandlungen führt. Die WHO verweist dabei auf Kaiserschnitte, die meist einzeln vergütet werden und deren Anzahl in 69 von 137 Ländern gestiegen ist. Mit pauschalen Vergütungen zum Beispiel für die Hausärzte ließe sich nach Ansicht der WHO hingegen der Schwerpunkt der medizinischen Versorgung auf die Prävention verlagern.

Außerdem bestehen laut WHO im Arzneimittelsektor in vielen Ländern noch erhebliche Einsparpotenziale. Etwa fünf Prozent der Gesundheitsausgaben ließen sich in den Industriestaaten durch den sachgerechten Einsatz sowie die verbesserte Qualitätskontrolle von Arzneien einsparen, erklärte die WHO-Generaldirektorin. Vorbildlich ist nach Ansicht der WHO an dieser Stelle das Vorgehen von Frankreich gewesen, das mit Hilfe seiner „Strategie der Generikasubstitution“ im Jahr 2008 knapp zwei Milliarden US-Dollar im Gesundheitswesen einsparen konnte. Über die Hälfte aller Arzneimittel weltweit werde „unsachgemäß verordnet, abgegeben bzw. verkauft“, so die Aussage im Weltgesundheitsbericht. Dabei seien die Patienten oftmals nur ungenügend über die richtige Einnahme der Präparate aufgeklärt worden. So bestehen im Bereich der Arzneimittel nach Ansicht der WHO in den meisten Ländern ebenfalls noch gute Möglichkeiten der Effizienzsteigerung bzw. erhebliche Einsparpotenziale

Die WHO rief jedoch die Industrieländer nicht nur dazu auf, die Effizienz ihrer Gesundheitssysteme zu steigern, sondern forderte auch, dass sie ihren Verpflichtungen gegenüber den Entwicklungsländern in Zukunft stärker nachkommen sollen. Denn würden alle Geberländer ihre gemachten Zusagen unverzüglich erfüllen, könnten nach Aussage der WHO sogar die „Millenniumsziele“ erreicht werden, mit denen unter anderem die Gesundheitsversorgung in den ärmsten Ländern weltweit verbessert werden soll. So könnten bis zum Jahr 2015 mehr als drei Millionen Menschenleben gerettet werden, betonte die WHO. Um die benötigten finanziellen Mittel aufbringen zu können, empfiehlt die WHO, die Gelder auf neuen „innovativen Wegen“, wie zum Beispiel durch eine Steuer auf Devisentransaktionen, zu beschaffen.

Mit den „Millenniumszielen“ wurde vor zehn Jahren, die ehrgeizigen Ziele formuliert bis 2015 die extreme Armut, den Hunger, die Sterblichkeit von Millionen Kindern und Müttern sowie die Seuchen Aids und Malaria zumindest zu großen Teilen erfolgreich zu bekämpfen. Der Weltgesundheitsbericht verdeutlicht jedoch, dass diese „Millenniumsziele“ im Bereich Gesundheitsvorsorge bisher nicht Ansatzweise erreicht wurden. So hat weltweit rund eine Milliarde Menschen immer noch keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. „Für viele Menschen gibt es schlicht keine Gesundheitsleistungen, andere können sie sich nicht leisten“, betonte David Evans, Direktor der WHO. In Deutschland ist es gesetzlich vorgeschrieben, über einen Krankenversicherungsschutz zu verfügen. Dennoch sind vor allem viele Kleinunternehmer noch immer nicht krankenversichert.

Im Rahmen der Vorstellung des WHO-Berichtes erklärte Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP), dass die Qualität der Gesundheitsversorgung ein „Gradmesser für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ sei, wobei es jedoch „keine Patentlösungen“ für ein funktionierendes Gesundheitssystems gebe. Jedes Land sei hier gefordert, einen eigenen Weg zu finden und der Bundesregierung sei es mit ihrer Gesundheitsreform gelungen, eine solide Finanzierung der Krankenversicherungen bei fair verteilten Lasten sicherzustellen, betonte der Minister. Die Kritiker der Gesundheitsreform, welche den Gesundheitsminister in den letzten Monaten scharf angegangen waren, dürften dies ein wenig anders sehen. (fp)