WHO: Neuer EHEC-Erregerstamm löst Infektionen aus

Fabian Peters

WHO: EHEC-Stamm der aktuellen Infektionswelle bisher unbekannt

03.06.2011

Die Suche nach dem Ursprung des EHEC-Erregers HUSEC 41 (auch O104:H4 genannt) läuft weiterhin auf Hochtouren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat unterdessen erklärt, dass die vorläufige genetische Untersuchung zu dem Ergebnis gekommen sei, dass der neue Erregerstamm eine mutierte Form aus zwei bekannten Enterohämorrhagische Escherichia coli-Bakterienstämmen ist.

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Der jetzt als Ursache der schweren EHEC-Infektionswelle identifizierte EHEC-Bakterienstamm wurde laut Aussage der WHO-Expertin für Lebensmittelsicherheit, Hilde Kruse, noch nie zuvor bei Patienten isoliert. Der besonders aggressive EHEC-Erreger HUSEC 41, der momentan für die vermehrt auftretenden EHEC-Symptome wie blutiger Stuhlgang verantwortlich gemacht wird, ist nun „bekannt, jedoch noch nie bei einem Ausbruch aufgetreten“, erklärte eine Sprecherin der WHO am Freitag in Genf. Anhand der molekularen und genetischen Eigenschaften des Erregers können die zuständigen Behörden fortan wesentlich einfacher die entsprechenden EHEC-Infektionen feststellen und auch bei der Suche nach dem Infektionsweg beziehungsweise der Quelle des Ausbruchs könnten die speziellen Eigenschaften von HUSEC 41 hilfreich sein, hoffen die Experten der WHO.

Woher kommt der neue EHEC-Stamm?
Doch woher kommt der neue, äußerst aggressive Bakterienstamm der Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC) eigentlich. Während die Gesundheitsbehörden fieberhaft nach der akuten Ursache der gehäuft auftretenden EHEC-Infektionen forschen, stellen Kritiker die Frage, unter welchen Bedingungen sich der besonders gefährliche Erregerstamm überhaupt entwickeln konnte und warum dieser sich derzeit so rasant verbreitet. Da Wiederkäuer als Hauptreservoir der EHEC-Bakterien gelten, stand schnell der unsachgemäße Umgang mit den Fäkalien der Tier im Verdacht. Außerdem lag die Vermutung nahe, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung, für die Resistenz der Erreger gegen die entsprechenden Arzneimittel verantwortlich sein könnte. Darüber hinaus machte der Münsteraner EHEC-Experte Professor Helge Karch schon bei früheren Ausbrüchen die „nicht artgerechte Fütterung“ in der Massentierhaltung, für die Ausbreitung der Erreger verantwortlich. Denn die verwendeten Getreide-Kraftfutter-Mischungen begünstigen die Verbreitung der aggressiven EHEC-Erreger, so die Einschätzung des Experten. Schon 1998 hatten US-Forscher Forscher der Cornell-Universität in Ithaca, New York eine Studie vorgestellt, bei der die verfütterten Getreide-Kraftfutter-Mischungen als Ursache einer erhöhten Verbreitung der EHEC-Erreger verantwortlich gemacht wurden.

Futtermethoden in der Massentierhaltung begünstigen EHEC-Ausbreitung
Die US-Wissenschaftler stellten damals fest, dass die Getreide-Kraftfutter-Mischung im Magen der Tiere nur unvollständig abgebaut wurde und anschließend unverdaut in den Darm gelangte. Im Darm begann die Nahrung zu gären und die enthaltenen EHEC-Erreger konnten sich langsam an das saure Milieu gewöhnen. Dadurch wurden die Erreger auch widerstandsfähiger gegenüber der menschlichen Magensäure, berichteten die US-Wissenschaftler. Außerdem wurden in dem Darminhalt der Tiere, die Getreide-Kraftfutter erhielten, 250.000 EHEC-Zellen pro Gramm nachgewiesen wohingegen Wiederkäuer, die Heu oder Gras bekamen, nur 20.000 EHEC-Zellen pro Gramm Darminhalt aufwiesen. Bei den Tieren, die Heu und Gras erhielten, waren die Erreger außerdem weniger resistent gegen die Magensäure, berichteten die US-Forscher 1998 im Fachmagazin „Science“. So liegt der Verdacht nahe, dass die Ausbreitung, der für den Menschen bedrohlichen EHEC-Erreger, maßgeblich durch die Futtermethoden der Massentierhaltung begünstigt wird.

Rasante Ausbreitung der EHEC-Erreger
Auch die derzeit zu beobachtende ungewöhnlich schnelle Verbreitung der EHEC-Erreger führen Kritiker zumindest teilweise auf die Produktionsstrukturen bei der Lebensmittelherstellung zurück. Durch die globalisierte Massenproduktion von Nahrungsmitteln, können sich die gefährlichen Erreger unverhältnismäßig schnell verbreiten. So ist es kaum verwunderlich, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) derzeit vermehrte EHEC-Infektionen aus zwölf Ländern meldet. Insgesamt wurden laut WHO 502 Fälle des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS) und 1.122 EHEC-Infektionen gemeldet, wobei neben dem Hauptinfektionsland Deutschland auch Österreich, Tschechien, Dänemark, Frankreich, die Niederlande, Norwegen, Spanien, Schweden, Großbritannien, die Schweiz und die USA betroffen sind. Der neue Erregerstamm verbreitet sich vermutlich entlang der Lieferketten in der Lebensmittelindustrie. Doch sind die ersten Personen vor Ort infiziert, können die gefährlichen Erreger auch relativ leicht von Mensch zu Mensch übertragen werden, wodurch sich die Ausbreitung der Infektionen noch beschleunigt. In Deutschland leiden derzeit laut WHO 470 Personen an dem durch EHEC bedingten lebensbedrohlichen hämolytisch-urämisches Syndrom und 1.064 haben eine EHEC-Infektion. (fp)