WHO-Studie: Mehr als 25 Millionen unsichere Abtreibungen pro Jahr

Fabian Peters
Millionen Abtreibungen erfolgen unter unsicheren Bedingungen
Die Gründe für eine Abtreibung können äußerst vielfältig sein, wobei insbesondere in ärmeren Ländern oftmals auch die fehlenden Möglichkeiten zur späteren Versorgung des Kindes eine Rolle spielen. Die Abtreibungen werden in diesen Ländern zudem häufig unter Bedingungen durchgeführt, die für die Frauen ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellen. Weltweit werden rund 25 Millionen solcher unsicheren Abtreibungen pro Jahr durchgeführt, so das Ergebnis einer aktuellen Studie.

Die gemeinsame Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des amerikanischen Guttmacher Instituts zeigt, dass jährlich Millionen unsichere Abtreibungen durchgeführt werden – der Großteil davon (97 Prozent) in den Entwicklungsländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Ein verbesserter Zugang zu Verhütungsmitteln könne hier zu einer deutlichen Reduzierung der ungewollten Schwangerschaften und somit auch zu einer Reduzierung der unsicheren Abtreibungen beitragen, berichten die Forscher. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden in dem Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht.

Für viele Frauen in Entwicklungsländern sind unsichere Abtreibungen die einzige Möglichkeit, um eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Weltweit erfolgen pro Jahr rund 25 Millionen Schwangerschaftsabbrüche unter unsicheren Bedingungen, die das Risiko massiver Komplikationen mit sich bringen. (Bild: unlimit3d/fotolia.com)

Mehr als 55 Millionen Abtreibungen pro Jahr
Für die aktuelle Studie wurden die Abtreibungen weltweit ausgewertet, welche in den Jahren 2010 und 2011 erfolgten. Die Wissenschaftler unterschieden dabei anhand der WHO-Definition zwischen sicheren und unsicheren Abtreibungen, wobei die unsicheren Abtreibungen weiter unterteilt wurden in „weniger sichere“ („less safe“) und „am wenigsten sichere“ („least safe“) Methoden. Von den 55,7 Millionen Abtreibungen pro Jahr waren demnach 30, 6 Millionen (55 Prozent) als „sicher“ zu bewerten, 17, 1 Millionen (31 Prozent) waren „weniger sicher“ und acht Millionen (14 Prozent) waren „am wenigsten sicher“.

Unterscheidung zwischen sicheren und unsicheren Schwangerschaften
Die sicheren Abtreibungsmethoden stimmen mit den WHO-Richtlinien und -Standards überein. Die Abtreibungen werden hierbei durch gut ausgebildetes Gesundheitspersonal mit einer von der WHO empfohlenen Methode durchgeführt, die sich nach der Schwangerschaftsdauer richtet. Das Risiko schwerer Komplikationen oder des Todes bleibt bei diesen Abtreibungen laut Aussage der Forscher vernachlässigbar. Als „weniger sicher“ werden Schwangerschaftsabbrüche eingestuft, die zwar von einem geschulten Anbieter, aber mit einer unsicheren oder veralteten Methode durchgeführt werden. Oder andersherum von einer ungeübten Person, aber mit einer sicheren Methode wie Misoprostol (Medikament, das zur Abtreibung nutzbar ist).

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Viele Todesfälle durch unsichere Abtreibung
Bei den „am wenigsten sicheren“ Abtreibungen erfolgte der Eingriff durch ungeübte Personen mit gefährlichen Methoden wie der Einführung von Fremdkörpern oder der Verwendung von pflanzlichen Zusammensetzungen, berichten die Wissenschaftler. Die Todesfälle bei unsicheren Abtreibung seien keine Seltenheit. Des Weiteren drohen vermehrt Komplikationen wie beispielsweise unvollständige Abtreibung, Unfruchtbarkeit, Hämorrhagie (Blutungen), Uterusverletzungen und Infektionen, erläutern die Experten.

Unsicheren Schwangerschaftsabbrüche vor allem in Entwicklungsländern
Insgesamt waren in der Studie 25,1 Million (45 Prozent) unsichere Abtreibungen pro Jahr festzustellen, wobei 24,3 Millionen davon in Entwicklungsländern durchgeführt wurden. Dies ist einerseits darauf zurückzuführen, dass hier grundsätzlich mehr Abtreibungen erfolgen. Anderseits liegt auch der Anteil der unsicheren Abtreibungen in diesen Ländern deutlich höher als in den modernen Industrienationen. Des Weiteren sei die Situation in Ländern mit stark restriktiven Abtreibungsgesetzen, in denen Abtreibungen teilweise gänzlich untersagt sind, äußerst problematisch, berichten die Wissenschaftler.

Verhütungsmittel und sichere Abtreibungsmethoden entscheidend
„Wenn Frauen und Mädchen nicht auf effektive Empfängnisverhütung und sichere Abtreibungsdienste zugreifen können, gibt es ernsthafte Konsequenzen für ihre eigene Gesundheit und die ihrer Familien“, warnen die Forscher in einer Pressmitteilung zu den Studienergebnissen. Viel zu viele Frauen leiden und sterben weiterhin an den Folgen unsicherer Abtreibungen, so die Experten weiter. Hier seien vor allem in den Entwicklungsländern dringend „erhöhte Anstrengungen erforderlich, um den Zugang zu Empfängnisverhütung und sicherer Abtreibung zu gewährleisten“, betont Dr. Bela Ganatra von der WHO-Abteilung für reproduktive Gesundheit und Forschung.

Restriktive Gesetze mit nachteiliger Wirkung
Die Wissenschaftler haben in ihrer Studie auch die Faktoren untersucht, die Frauen zu einer unsicheren Abtreibung veranlassen. Neben den finanziellen Kosten ist zum Beispiel die eingeschränkte Verfügbarkeit sicherer Abtreibung, die mangelnde Ausbildung der Gesundheitsdienstleister und die gesellschaftliche Einstellungen zur Abtreibungen hierbei von Bedeutung. In Ländern, in denen Abtreibungen verboten sind, war nur eine von vier Abtreibungen als sicher zu bewerten, während in Ländern, „in denen die Abtreibung aus breiteren Gründen legal ist, fast neun von zehn Abtreibungen sicher durchgeführt wurden“, berichten die Forscher.

Niedrige Abtreibungsraten in Nordamerika und Westeuropa
„In den Ländern mit hohem Einkommen in Nordamerika und West- und Nordeuropa, wo die Abtreibung weitgehend legal ist und die Gesundheitssysteme stark sind, ist die Inzidenz von unsicheren Abtreibungen weltweit die niedrigste“, betont Dr. Gilda Sedgh vom Guttmacher Institut. Zudem zeige sich in einigen dieser Ländern auch insgesamt die niedrigste Abtreibungsrate. „Wie viele andere medizinische Verfahren ist die Abtreibung sehr sicher, wenn sie in Übereinstimmung mit den empfohlenen medizinischen Richtlinien durchgeführt wird und das ist wichtig, zu bedenken“, so das Fazit von Dr. Sedgh. (fp)