WHO warnt vor Antibiotika-Resistenzen

Fabian Peters

WHO fordert verantwortungsbewusste Anwendung von Antibiotika und warnt vor Resistenzen

08.04.2011

„Gemeinsam Antibiotikaresistenzen verhüten und bekämpfen“ lautet das Motto des heutigen Weltgesundheitstages. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt davor, dass immer mehr krankheitserregende Bakterien Resistenzen gegen die gängigen Antibiotika entwickeln. Die Welt steuere „auf ein postantibiotisches Zeitalter“ zu, erklärte die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan.

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Die antibiotikaresistenten Bakterienstämme stellen im medizinischen Alltag ein erhebliches Problem dar, weil die Behandlung der Patienten deutlich erschwert, die Heilung verzögert oder verhindert und das Risiko einer Ausbreitung erhöht wird. Nach Angaben der WHO sterben in der Europäischen Union jährlich rund 25.000 Menschen in Folge einer Infektionen mit resistenten Bakterien. Doch könnte sich die Situation in den kommenden Jahren noch weiter zuspitzen, wenn weiterhin so sorglos wie bisher mit der Verwendung von Antibiotika umgegangen wird, warnte die WHO.

Verbreitung multiresistenter Erreger ein ernsthaftes Problem
Insbesondere in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Kliniken, wo relativ viele kranke Menschen auf relativ engem Raum zusammen leben, ist die Ausbreitung multiresistenter Erreger ein ernsthaftes Problem. Immer häufiger berichten Medien von Infektionen mit gefährlichen Krankenhauskeimen, wobei meist die Erreger MRSA (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus) gemeint sind. Diese antibiotikaresistenten Staphylokokken-Bakterienstämme stellen ein erhebliches Risiko für die Gesundheit dar, weil bei einer Infektion schlimmstenfalls lebensbedrohlichen Folgen wie zum Beispiel Lungenentzündungen, Blutvergiftungen (Sepsis), Entzündungen der Herzinnenhaut (Endokarditis) oder das Toxische Schock-Syndrom (TSS) drohen. In Deutschland litten im Jahr 2008 laut einer Hochrechnung des Robert-Koch-Instituts (RKI) rund 132.000 Krankenhaus-Patienten an einer MRSA-Infektion. Doch nicht nur die Staphylokokken-Bakterienstämme entwickeln Resistenzen gegen Antibiotika, auch andere Bakterien wie beispielsweise die Erreger der Tuberkulose sind in wachsendem Maße gegen die gängigen Antibiotika immun, erklärte die WHO. Im Rahmen des diesjährigen Weltgesundheitstags fordert die WHO daher „eine gezielte Herangehensweise zur Reduzierung von antimikrobiellen Resistenzen und zur Stärkung präventiver Maßnahmen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene“.

Ursache für Antibiotika-Resistenzen: Leichtfertige, unsachgemäße Verwendung
Als wesentliche Ursache für die wachsende Verbreitung antibiotikaresistenter Erreger, nennt die WHO den leichtfertigen, unsachgemäßen, teilweise irrationalen Einsatz von Antibiotika bei Mensch und Tier. Kommen Bakterien über einen längeren Zeitraum mit Antibiotika in Kontakt, ohne das die Medikamente ein Absterben der Erreger bewirken können, entwickeln manche von ihnen Resistenzen gegen die verwendeten Antibiotika. Daher forderte die WHO die verschreibenden Ärzte, Tierärzte, die Apotheker und die pharmazeutische Industrie dazu auf, Antibiotika verantwortungsbewusst zu verschreiben und anzuwenden. So sei dringend darauf zu achten, dass die Anwendungsdauer und Dosierung ausreicht, um die Bakterien erfolgreich abzutöten und einen Wiederausbruch der Erkrankung zu verhindern, mahnen die Experten der WHO. Zugleich kritisierte die WHO massiv den leichtfertigen und unsachgemäßen Einsatz der Antibiotika. Diese würden teilweise sogar zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt, bei denen keine erfolgreiche Therapie mit Antibiotika möglich ist, da es sich um virale Infekte handelt und nicht um bakterielle Infektionen. Wie der Name schon sagt, dienen Antibiotika jedoch nicht zur Bekämpfung von Viren sondern von Bakterien.

Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht
Besonders kritisch ist nach Einschätzung der WHO auch der Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht zu beurteilen. Dabei seien als Negativbeispiel 14 von 21 osteuropäischen Ländern zu benennen, in denen Antibiotika frei verkäuflich sind, was viele Landwirte nutzen, um ihre Tiere vorbeugend mit Antibiotika zu behandeln. Auch auf diesem Wege kommen die Bakterien ständig in Kontakt mit Antibiotika und können leicht weitreichende Resistenzen entwickeln. „Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt, weil die Resistenz gegen vorhandene Antibiotika beispiellose Ausmaße erreicht hat“, betonte die europäische WHO-Chefin, Zsuzsanna Jakab und warnte davor, dass „neue Antibiotika nicht schnell genug bereitgestellt werden können“. Denn es dauere etwa zehn Jahre, bis ein neues Antibiotikum entwickelt ist, doch die Verbreitung multiresistenter Erreger sei bereits heute ein Problem. Die WHO appellierte daher an die einzelnen Staaten, den Einsatz von Antibiotika besser zu regulieren und zeitgleich mehr Gelder in die Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika zu investieren. Bisher steuere die Welt „in Ermangelung dringender Korrektur- und Schutzmaßnahmen (…) auf ein postantibiotisches Zeitalter zu, in dem viele gewöhnliche Infektionen nicht mehr geheilt werden und, noch einmal, unvermindert töten“, warnte die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan.

Resistenz-Gen NDM-1bei Bakterien nachgewiesen
Besondere Sorge bereitet den Gesundheitsexperten der WHO, das bei Bakterien in öffentlichen Wasserstellen Indiens nachgewiesene Resistenz-Gen "NDM-1" (Neu-Delhi-Metallo-Beta-Laktamase). Erreger, die diesen DNA-Abschnitt in sich tragen, seien gegen fast alle Antibiotika inklusiver der sogenannten Reserveantibiotika immun, die Behandlung von Patienten daher fast aussichtslos, berichten die Wissenschaftler um Timothy Walsh von der Universität Cardiff und Journalisten des britischen Fernsehsenders „Channel 4“ im Fachmagazin „The Lancet Infectious Disease“. Bei der Untersuchung des Wasser in Neu Delhi sei das Resistenz-Gen bei mehr als einem Dutzend Bakterienstämmen nachgewiesen worden, erklärten die Experten in dem entsprechenden Fachartikel. Die Ergebnisse der Untersuchung verdeutlichen, das „besorgniserregende Potenzial für eine umfassende Ausbreitung von NDM-1 in der Umwelt“, kommentierte Mohd Shahid von der indischen Aligarh Muslim Universität die Veröffentlichung. Dabei beschränkt sich die Verbreitung des Resistenz-Gens keineswegs auf Länder mit eher schlechten hygienischen Standards, sondern auch in Europa wurden die NDM-1-Bakterien schon nachgewiesen. Allerdings sind NDM-1-Resistenzen nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts in Deutschland bislang äußerst selten.

DART – Die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie
In Deutschland haben das Bundesministerium für Gesundheit, das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sowie das Bundesministerium für Bildung und Forschung bereits im Jahr 2008 die „Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie“ (DART) ins Leben gerufen, um die Resistenzen zu reduzieren und in Zukunft möglichst zu vermeiden. Dabei werden Maßnahmen zur Erkennung, Verhütung und Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen in Deutschland benannt, doch eine deutlicher Rückgang der Verbreitung multiresistenter Erreger konnte bisher dennoch nicht erreicht werden. (fp)