Ohrengeräusche: Fragen und Antworten zu Tinnitus

Sebastian
Ca. zehn Millionen Menschen bekommen jedes Jahr die Folgen eines Tinnitus zu spüren. Drei Millionen Menschen leiden an chronischem „Ohrensausen“. Was gegen die quälenden Geräusche hilft und wie man vorbeugen kann, erläutert Dr. Michael Bohndorf, HNO-Facharzt in Düsseldorf, in folgendem Experten-Gespräch:

Wie entsteht ein Tinnitus?
Dr. Bohndorf: Über die komplexen Zusammenhänge ist sich die Wissenschaft noch nicht ganz sicher. Störungen im Ohr oder im Hörsystem, verursacht etwa durch Lärm oder Entzündungen, können Phantomgeräusche auslösen. Oft reagieren Hörsinneszellen dadurch überaktiv. Nicht selten spielen aber auch psychische Momente oder Überreizungen durch Stressbelastungen eine Rolle bei der Entstehung. Häufig tritt ein Tinnitus zudem in Verbindung mit einem Hörsturz auf.

Wie äußert sich ein Tinnitus?
Dr. Bohndorf: Dem Namen entsprechend (lat. „Klingeln“) äußert sich ein Tinnitus durch störende Ohrgeräusche. Manche Patienten beschreiben sie als Klingeln oder Ohrensausen, manche leiden eher unter einem Pfeifen oder Zischen. Dabei handelt es sich um keine Erkrankung, sondern um ein ernstzunehmendes Warnsignal des Körpers. Wichtig ist es, die Ursachen zu ergründen, damit keine weiteren Beschwerden wie etwa Schlafstörungen oder Depressionen hinzukommen.

Kann man einem Tinnitus vorbeugen?
Dr. Bohndorf: Lärmschutz und Stressabbau – das sind zwei sinnvolle Präventivmaßnahmen. Außerdem gelten auch hier die klassischen Gesundheitsregeln: Möglichst viel bewegen, ausgewogen ernähren, laute Musik meiden und auf Alkohol und Nikotin verzichten.

Was kann ich selbst gegen die Ohrgeräusche tun?
Dr. Bohndorf: Dafür muss natürlich erst einmal die Ursache geklärt werden. Liegen beispielsweise organische Gründe vor, etwa ein Hörschaden oder eine Gefäßverengung? Oder sind Stress, Lärm oder eventuell psychische Konflikte die Auslöser? In letzteren drei Fällen helfen oft schon mehr Ruhe und Gelassenheit. Förderlich sind Entspannungsübungen oder auch der Besuch von Selbsthilfegruppen.

Gibt es „Tricks“, um akut auftretende Phantom-Geräusche „auszuschalten“?
Dr. Bohndorf: Versuchen Sie sich nicht auf die Geräusche zu fixieren, lenken Sie sozusagen die Aufmerksamkeit vom Tinnitus weg. Denn: Je mehr Betroffene sich auf die Beschwerden konzentrieren, desto größer wird das Problem.

Wann muss ich zum HNO-Arzt?
Dr. Bohndorf: Treten Ohrgeräusche plötzlich mit einer starken Intensität auf oder werden die Abstände immer kürzer, so sollte innerhalb von 24 Stunden der HNO-Facharzt aufgesucht werden. Denn je früher eine Tinnitus-Therapie beginnt, umso größer die Erfolgsaussichten. Kommt eine Hörverminderung hinzu, so sollte der HNO-Facharzt umgehend konsultiert werden. In vielen Fällen kann auch eine psychotherapeutische Behandlung unterstützend helfen.

Wie viele Menschen sind betroffen?
Dr. Bohndorf: Laut einer Studie der Deutschen Tinnitus-Liga tritt Tinnitus jährlich bei zehn Millionen Erwachsenen auf. Die Medizin geht davon aus, dass jeder Vierte einmal im Leben von den quälenden Ohrgeräuschen betroffen ist. Erfreulicherweise meist nur vorübergehend. Anders sieht es bei chronischem Tinnitus aus, der hierzulande ca. drei Millionen Menschen das Leben erschwert. Je länger er andauert, desto geringer übrigens die Chancen des völligen Abklingens. Deshalb sollte ein Tinnitus immer frühzeitig behandelt werden, bevor er zur dauerhaften Plage wird.
Wann leide ich unter chronischem Tinnitus?

Dr. Bohndorf: Halten die Beschwerden ca. drei Monate unvermindert an, spricht die Medizin von chronischem Tinnitus. Die Ohrgeräusche verschwinden in diesem Fall nur noch bei ca. einem Viertel der Betroffenen wieder völlig. Dementsprechend wichtig ist es, den Tinnitus bestmöglich ins Leben zu integrieren.

Existieren Medikamente gegen Tinnitus?
Dr. Bohndorf: Nein, bisher wurden keine entsprechenden Medikamente zugelassen. Infusionen mit dem Wirkstoff Lidocain sind wegen möglicher erheblicher Nebenwirkungen höchstens kurzfristig einsetzbar.

Welche neuen Therapie-Optionen gibt es?
Dr. Bohndorf: Es gibt verhaltenstherapeutische Programme, mit denen Betroffene auch zuhause den Belastungen des Tinnitus entgegenwirken können. Die vielen neuen Geräte und Methoden, die im Internet angepriesen werden, sind in Punkto Wirksamkeit grundsätzlich kritisch zu betrachten. Als neuerer, viel versprechender Therapieansatz bei akutem Tinnitus gilt die Neuro-Musiktherapie. Laut einer klinischen Studie führte diese Kombination aus Gehörschulung und Entspannungstraining bei 85 Prozent der beteiligten Patienten zu einer Verringerung der Tinnitus-Belastungen. (pm)