Wie chronischer Schmerz entsteht

Alfred Domke

EU-Projekt zu chronischen Schmerzen

01.12.2013

Ein neues EU-Projekt soll dazu beitragen, zu verstehen, wie chronischer Schmerz entsteht und welche Rolle RNA-Moleküle dabei spielen. Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt.

20 Prozent aller Europäer leiden an chronischen Schmerzen
Ein neues EU-Projekt unter Innsbrucker Leitung soll dazu beitragen, herauszufinden, welche Rolle RNA-Moleküle bei der Entstehung von chronischen Schmerzen spielen. Für viele Menschen könnten die erwarteten Ergebnisse von Bedeutung sein, da 20 Prozent aller Europäer laut dem europaweiten Pain Proposal Consensus Report an chronischen Schmerzen leiden. Neben den immensen persönlichen Konsequenzen, wie etwa der Angst vor sozialer Isolation oder einem Jobverlust, ergäben sich riesige volkswirtschaftliche Folgen: auf 1,5 bis drei Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung (BIP) werden die Kosten von chronischen Schmerzen geschätzt.

Bis zur Diagnose können Jahre vergehen
Was in dem Bericht besonders auffällt, ist, dass ein Viertel der Patienten länger als ein Jahr auf eine korrekte Diagnose warten müsse. Und jeder Zehnte habe noch nicht einmal nach fünf Jahren eine. Eine genaue Diagnose wäre aber die Basis für eine effektive Behandlung. Doch selbst knapp 40 Prozent der chronischen Schmerzpatienten berichteten, dass sie nicht adäquat behandelt würden.

Unterschiedliche Schmerzarten
Grundsätzlich gilt, zwischen den Schmerzarten zu unterscheiden. So gibt es einerseits den nozizeptiven Schmerz, der entsteht, wenn Schmerzrezeptoren mechanisch, chemisch oder thermisch gereizt werden. Dies ist ein wichtiges Frühwarnsystem des Körpers. Andererseits gibt es den neuropathischen Schmerz, der durch Schädigung von Nerven hervorgerufen wird. Außerdem sind Schmerzen oft Begleiter anderer Krankheiten. Doch praktisch allen Schmerzarten gemein ist, dass Nerven- und Immunsystem eng zusammenwirken.

Forschung weit fortgeschritten
Die Forschung ist in manchen Bereichen bereits weit fortgeschritten. So ist etwa bekannt, dass die Muster (die relativen Häufigkeiten) von Signalmolekülen verändert sind. Bei neuropathischen Schmerzen beispielsweise gebe es mehr entzündungsfördernde Zytokine und weniger entzündungshemmende. „Wenn man durch Medikamente ein Zytokin blockiert, dann hat das zwar eine Wirkung, die anderen Zytokine werden aber nicht beeinflusst“, erklärt Michaela Kress, Professorin an der Med-Uni Innsbruck. Aus diesem Wissen entwickelte sich die Frage danach, was wäre, wenn man die gemeinsame Ursache der veränderten Zytokinmengen beeinflussen könnte?

Entdeckung vor wenigen Jahren
Diese Idee bekam durch Fortschritte in der Genforschung weitere Nahrung: Die Mikro-RNA (miRNA) spielt bei der Regulation vieler Vorgänge im Körper eine wichtige Rolle. Diese kleinen Moleküle, die aus rund 20 Basen bestehen, sind im Gegensatz zur bekannteren DNA einsträngig und entstammen aus einer sehr frühen Phase der Evolution. Nach gängiger Meinung gab es damals noch keine Proteine. Erst vor einigen Jahren entdeckte man, dass die miRNA für die Regulierung der Genexpression entscheidend ist, also beim Abschreiben der Gene (DNA) in die Boten-RNA (mRNA) und dem folgenden Aufbau von Proteinen nach diesem Bauplan.

Forscher aus sieben Staaten
Bei manchen Krankheiten, wie Krebs oder Herzkreislauferkrankungen, kennt man laut Kress den Einfluss der miRNA recht gut. Da dies bei Schmerz noch nicht der Fall ist, wird kommendes Wochenende das EU-Projekt ncRNAPAIN mit einem Kick-off-Meeting gestartet, um in dem Bereich weiterzukommen. Forscher aus sieben Staaten kooperieren unter der Leitung von Kress bei dem vierjährigen Projekt. Das Budget liegt bei knapp sechs Millionen Euro. „Wir wollen die Mechanismen verstehen, wie chronischer Schmerz entsteht und welche Rolle die miRNA spielt“, so Kress.

Untersuchungen anhand von zwei Schmerzarten
Anhand von zwei Schmerzarten solle dies untersucht werden: Zum einen an Polyneuropathien, an denen 40 Prozent aller Diabetiker zehn Jahre nach Ausbruch der Krankheit leiden sowie an Morbus Sudeck (CRPS), einem chronischen Schmerz, der teilweise nach Verletzungen entsteht. Unter anderem sollen bei dem Projekt Methoden der Bioinformatik zum Einsatz kommen, mit denen vorhergesagt werden soll, welche miRNAs auf welche Gene wirken. „Bei manchen kennen wir einen Zusammenhang, bei vielen vermuten wir einen“, erläuterte Kress.

Schnelle wirksame Schmerztherapie für Patienten als Ziel
In der Klinik sollen dann mit diesem Grundwissen miRNA-Muster identifiziert werden, die dann als Biomarker dienen könnten, also zur Vorhersage, wie groß das individuelle Risiko ist, etwa nach einem Knochenbruch oder dem Ausbruch von Diabetes an chronischen Schmerzen zu leiden. Zudem könnten die Biomarker zeigen, auf welche Medikamente die Patienten ansprechen. „Unser langfristiges Ziel ist es, für jeden Patienten möglichst schnell die optimal wirksame Schmerztherapie bereitzustellen“, sagte Kress. Offen bleibt jedoch, ob die Forschungsergebnisse auch neue Therapieansätze für neuropathische Schmerzen begründen könnten. (ad)

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Bild: Sigrid Rossmann / pixelio.de