Wie eine Sucht: Warum wir uns bei Chips nicht stoppen können

Alfred Domke

Heißhunger auf Chips: Warum immer die ganze Tüte leer gegessen wird

Chips gehören wahrlich nicht zu einer gesunden Ernährung. Wer zu viel davon konsumiert, riskiert nicht nur dick zu werden, sondern bekommt oft auch Pickel, Mitesser und unreine Haut. Obwohl sich die meisten Menschen dessen bewusst sind, fällt es doch meist schwer aufzuhören, wenn die Tüte einmal geöffnet wurde. Warum ist das aber so? Mit dieser Frage haben sich deutsche Forscher nun beschäftigt.


Nach dem „Tatort“ ist die Chipstüte meist leer

Eigentlich weiß jeder, dass man nicht zu viele Chips essen soll, da sie als Dickmacher bekannt sind. Doch vor allem beim gemütlichen Fernsehabend, wenn man zusammen „Tatort“ oder einen Blockbuster guckt, können viele gar nicht mehr mit dem Knabbern aufhören. Erst wenn die Tüte leer ist, ist Schluss. Doch warum ist das eigentlich so? Mit dieser Frage haben sich nun erneut deutsche Wissenschaftler beschäftigt.

Wenn man einmal damit angefangen hat Chips zu essen, ist meist erst Schluss, wenn die Tüte leer ist. Deutsche Forscher sind nun der Frage nachgegangen warum das so ist. (Bild: Syda Productions/fotolia.com)

Knabbereien mit Suchtfaktor

„Hedonische Hyperphagie“ – so nennen es Wissenschaftler, wenn man beim Essen von Kartoffelchips oder Schokolade nicht mehr aufhören kann.

Dieser sogenannte „Kartoffelchips-Effekt“ zeigte sich in der Vergangenheit auch schon in wissenschaftlichen Untersuchungen.

So berichteten Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) vor einigen Jahren über Versuche mit Ratten, die zeigten, warum Chips süchtig machen.

Die Wissenschaftler schrieben damals in einer Mitteilung, dass „das Verhältnis, wie ein Lebensmittel zusammengesetzt ist, dabei eine wichtige Rolle“ spielt: „50 Prozent Kohlenhydrate und 35 Prozent Fett verführen zum Naschen“, so die Experten.

Allerdings ließ sich der Heißhunger auf Chips nur bedingt mit dem Fett- und Kohlenhydrate-Gehalt erklären.

Denn Ratten, welche die gleiche Fett-Kohlenhydrate-Mischung erhielten, wie sie in Kartoffelchips vorliegt, zeigten eine weniger ausgeprägte Aktivierung im Gehirn, als Tiere nach dem Verzehr der Chips.

Belohnungszentrum im Gehirn wird aktiviert

Die Erlanger Forscher haben nun eine Folgestudie mit Menschen durchgeführt und kamen zu dem Ergebnis, dass das Belohnungszentrum im Gehirn beim Chips-Essen umso stärker aktiviert wird, je höher der Body Mass Index (BMI) ist, berichtet die Nachrichtenagentur dpa.

Im Rahmen ihrer Studie gaben die Forscher knapp 20 Männern und Frauen erst Kartoffelchips zu essen und drei Tage später Zucchini. Davor und danach wurde ihr Gehirn jeweils im Kernspin untersucht.

Den Angaben zufolge reagierte das Gehirn auf den Genuss der Chips besonders stark, und zwar ähnlich wie zuvor bei Ratten beobachtet worden war.

„Für uns war das interessanteste Ergebnis, dass abhängig vom BMI der Person sich genau die gleiche Struktur im Gehirn wie bei Ratten ändert – der Nucleus accumbens“, so Studienleiter Andreas Hess laut dpa.

Dabei handelt es sich um eine Region, die am sogenannten Belohnungszentrum des Gehirns beteiligt ist. Warum das so ist, wissen die Experten allerdings noch nicht. „Wir erforschen das weiter, wir sind hier an einer sehr kritischen Stelle.“

Bei adipösen Menschen reagiert das Belohnungssystem etwas anders

Die Wirkung von Essen auf das Gehirn wird manchmal auch mit der von Drogen verglichen. Dabei spielt Dopamin eine große Rolle.

Forschern zufolge könne dabei eine Art Teufelskreis entstehen, der dafür sorgt, dass man immer mehr von einer bestimmten Substanz braucht, um den gleichen euphorischen Zustand, das gleiche Belohnungsgefühl, zu bekommen – man wird also süchtig danach.

Laut Isa Mack vom Universitätsklinikum Tübingen werde das Thema Ess-Sucht in der Wissenschaft jedoch sehr kontrovers diskutiert. Ernährung und Belohnungssystem gehörten immer zusammen.

„Für alles, was zur Selbsterhaltung und Selbstvermehrung wichtig ist, muss das Belohnungssystem anspringen“, sagte die Expertin laut dpa.

Es sei ein „evolutionäres Erbe“, dass es auf „süß und fettig“ reagiere. Zudem sei bekannt, dass beim Essen das Belohnungssystem bei stark übergewichtigen Menschen etwas anders reagiere.

„Das heißt aber nicht, dass das immer so war oder nicht veränderbar ist“, so Mack. „Hirnaktivitäten sind wandelbar“, sagte die Ernährungswissenschaftlerin. Sie änderten sich zum Beispiel nach Gewichtsabnahme.

Forscher waren von dem Ergebnis überrascht

Für den Menschen könnten womöglich auch die Ergebnisse der früheren Ratten-Untersuchung interessant sein, bei der sich zeigte, dass Kartoffelchips „zu einer Aktivierung im Belohnungszentrum“ führen, wie Hess erklärte.

Die Forscher hatten damals eigentlich erwartet, dass die Tiere das Futter umso attraktiver finden, je fetter es ist – also je höher der Energiegehalt. „Dem war aber nicht so“, erläuterte Hess. „Die Ratten bevorzugen eindeutig das Verhältnis von ungefähr 35 Prozent Fett zu 45 Prozent Kohlenhydraten.“

Dieses Verhältnis haben außer Chips auch viele andere Lebensmittel wie Schokolade oder Nuss-Nougat-Creme.

„Das Säugergehirn ist nicht nur auf hohen Energiegehalt aus, sondern auf dieses Mischungsverhältnis. Das spricht das Belohnungszentrum besonders gut an“, so die Erklärung der Erlanger Forscher.

Zwar stehen die Belege dafür noch aus, doch dies dürfte wohl auch beim Mensch nicht viel anders sein.

Da der Mensch als Spezies noch sehr jung und gute Ernährung, wie wir sie heute haben, relativ neu sei, sei das menschliche Gehirn immer noch darauf aus, möglichst viel „gute“, also reichhaltige Nahrung aufzunehmen, wenn sie verfügbar ist.

„Für den Körper ist diese Mischung möglicherweise physiologisch ideal – sie liefert schnell mobilisierbare Energie durch die Kohlenhydrate und speicherbare Energie im Fettanteil“, so die Hypothese von Hess.

Nicht die ganze Packung mit vor den Fernseher nehmen

„Überraschend ist, dass sich Ratte und Mensch hier relativ ähnlich zu verhalten scheinen“, meinte der Ernährungsmediziner Hans Hauner von der TU München in der dpa-Meldung.

Dieses Prinzip sei früher sehr sinnvoll gewesen, weil Nahrung nicht garantiert war. „Erst seit 50 Jahren haben wir einen Überschuss an Nahrungsenergie, sodass dieses Prinzip zunehmend zu einem Problem wird und insbesondere Übergewicht fördert“, so der Experte.

Laut Isa Mack spielten allerdings auch andere Dinge für die Beliebtheit eines Lebensmittels eine Rolle.

Wie es in der Agenturmeldung heißt, hätten die Erlanger Forscher in ihrer Studie ausgeschlossen, dass das Salz bei der Attraktivität des Futters, also der Chips, eine große Rolle spielt. Mack halte das jedoch nicht für irrelevant.

„Wenn wir Chips ohne Salz und ohne Würze hätten, dann würden wir die auch nicht in größeren Mengen essen“, so die Expertin.

Außerdem mache auch Fett allein durch seine Energiemenge das Essen beziehungsweise Futter durchaus attraktiver. Allerdings könne der Körper ab einem bestimmten Punkt mit zu viel Fett nicht mehr gut umgehen und es schmecke dann auch nicht mehr.

„Wenn ich eine halbe Butter essen würde, würde mir kotzübel“, sagte Mack, die darauf hinwies, dass auch die Lebensmittelindustrie schon ausgiebig getestet habe, welches Mischungsverhältnis der Chips-Bestandteile beim Menschen am besten ankommt.

Andreas Hess hat daher einen Rat, wie man den Heißhunger auf Chips besser unter Kontrolle bekommt:

„Bewusst dran gehen: Nicht die ganze Tüte vor den Fernseher mitnehmen, sondern nur ein kleines Schälchen.“ Dieses sich selbst austricksen sollte helfen, dass nicht jede Packung auf dem Sofa geleert wird. (ad)