Wiederbelebtes Riesenvirus aus dem ewigen Eis

Fabian Peters

Forscher erwecken 30.000 Jahre altes Riesenvirus zum Leben

04.03.2014

Erwachende Riesenviren aus der Arktis? Der Klimawandel birgt möglicherweise bislang ungeahnte Risiken. Ein Team französischer und russischer Wissenschaftler hat Viren aus dem 30 Meter tiefen Permafrostboden Nordostsibiriens aufgetaut und wieder zum Leben erweckt. Die 30.000 Jahre alten Viren sind deutlich größer als alle bisher bekannte Riesenviren, berichten die Forscher um Matthieu Legendre und Julia Bartoli von der Universität Aix-Marseille in dem Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS).

Bislang waren laut Aussage der Forscher zwei sehr unterschiedliche Arten der Riesenviren bekannt. Die Viren der Gattung Megaviridae, als dessen Prototyp das vor zehn Jahren identifizierte Mimivirus gilt, und die Viren aus der erst kürzlich entdeckten Gattung der Pandoraviren. Nun haben die Forscher im Permafrostboden eine weiter Gattung der Riesenviren identifiziert, die Eingenschaften beider bisher bekannten Gattungen kombiniert – das Pithovirus sibericum. Nach 30.000 Jahren im ewigen Eis ließen sich die Viren dennoch wiederbeleben und waren umgehend wieder aktiv. Die Forscher werteten dies „als sicheren Indikator für das mögliche Vorhandensein pathogener DNA-Viren im Permafrostboden.“ Wenn der Boden durch die globale Erwärmung oder die vorrückende industrielle Nutzung (insbesondere Ölbohrungen) zunehmend auftaut, könnten zukünftige Bedrohungen für die menschliche Gesundheit durch wiederbelebte Viren nicht ausgeschlossen werden, so das Fazit von Legendre und Bartoli.

Viren mit außergewöhnlicher Größe und Überlebensfähigkeit
Beim Auftauen eines Bohrkerns aus dem sibirischen Permafrostboden erwachten die bislang unbekannten Riesenviren, welche anschließend bei Kontakt mit einem potenziellen Wirt – Amöben der Gattung Acanthamoeba – zu einer tödlichen Infektion führten, schreiben die Wissenschaftler. Die Viren wurden nach 30.000 Jahren bei durchschnittlichen Temperaturen von Minus 18 Grad Celsius wiederbelebt. Außergewöhnlich war nicht nur diese einzigartige Überlebensfähigkeit der Viren, sondern auch ihre enorme Größe. Die Viren waren bei den folgenden Untersuchungen unter dem Lichtmikroskop erkennbar. Sie erreichten eine Größe von 1,5 Mikrometern Länge, verfügten jedoch im Vergleich zu anderen Riesenviren über ein überraschend kleines Genom, berichten Legendre und Bartoli. In seiner Größe überrage das Pithovirus sibericum viele Bakterien und einzellige Parasiten.

Neu entdeckte Viren kombinieren Eigenschaft andere Riesenviren
Viren mit einer Größe über einem Mikrometer galten lange Zeit als undenkbar, bevor vor gut zehn Jahren die ersten Riesenviren entdeckt wurden. Mittlerweile häufen sich die Meldungen über neu identifizierte Arten der Riesenviren. Sie werden an unterschiedlichsten Stellen gefunden. So ging beispielsweise im Sommer vergangenen Jahres die Meldung über Riesenviren im Meerschlamm vor der Küste Chiles um die Welt. Die bislang nachgewiesenen Viren konnten dabei zwei unterschiedlichen Gattungen zugeordnet werden: den Megaviridae und den Pandoraviren. Die nun entdeckten Erreger verbinden laut Aussage der Forscher Eigenschaften beider Gattungen. So entspreche die Amphoren-artige Form den Pandoraviren, das Genom erinnere jedoch eher an die Viren der Gattung Megaviridae.

Riesenviren eine wachsende Bedrohung im Zuge des Klimawandels?
Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass möglicherweise die Familie der Riesenviren deutlich größer ist, als bislang angenommen. Ob sich darunter auch Viren finden, die für den Menschen gefährlich werden können, bleibe bislang offen. „Die Wiederbelebung eines solchen Vorfahrens der Amöben-infizierenden Viren kann als sicherer Indikator für das mögliche Vorhandensein pathogener DNA-Viren im Permafrostboden gewertet werden“, berichtet das russisch-französische Forscherteam. Hier bringe der Klimawandel schlimmstenfalls eine massive Ausbreitung bisher unbekannter Viren mit sich, womit zukünftige Bedrohungen für die menschliche Gesundheit nicht auszuschließen seien. (fp)

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Bild: Aka / pixelio.de