Wird das Asperger-Syndrom wegen Nazi-Befürwortung umbenannt?

Volker Blasek

Der österreichische Arzt Hans Asperger war ein Nazi-Kollaborateur

Aktuelle Nachforschungen der Medizinischen Universität Wien belegen, dass der österreichische Arzt Hans Asperger, nach dem das Asperger-Syndrom benannt wurde, aktiv am Nazi-Regime beteiligt war. Er unterstützte sowohl das sogenannte Euthanasie-Programm des Dritten Reiches als auch das Konzept der Rassenhygiene.


Asperger gilt als Pionier auf dem Gebiet der Kinderpsychiatrie und Pädiatrie, insbesondere wegen seines bahnbrechenden Beitrags zum Verständnis des Asperger-Syndroms. Der Medizinhistoriker Herwig Czech widmete seinen Studien über den bekannten Arzt acht Jahre Forschungsarbeit. Die Ergebnisse präsentierte der Historiker in dem Fachjournal „Molecular Autism“.

Der Fachbegriff Asperger-Syndrom beruht auf den Arbeiten von Hans Asperger. Der österreichische Arzt soll laut neuen Nachforschungen ein Nazi-Kollaborateur gewesen sein und die Mitschuld an zahlreichen Kindermorden tragen. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)

Die dunkle Seite von Hans Asperger

Czech analysierte bislang unberührte Dokumente aus Staatsarchiven, darunter Aspergers Personal- und Patientenakten. Die Nachforschungen des Historikers zeigten, dass Asperger häufig Kinder an die Klinik „Am Spiegelgrund“ überwies, die als Sammelstelle für Kinder galt, die nach den Ansichten des Regimes für „nicht lebenswert“ gehalten wurden. Dort starben fast 800 Kinder zwischen 1940 und 1945. Viele von ihnen wurden ermordet.

Zur Zeit der Namensgebung war dies unbekannt

Der Begriff Asperger-Syndrom wurde erstmals 1981 in London von Dr. Lorna Wing geprägt. Sie und andere Wissenschaftler sowie die breitere Autismus-Gemeinschaft konnten bislang nichts von Hans Aspergers enger Zusammenarbeit mit den Nazis wissen.

Verschreckende Kommentare in Asperger Akten

Czech berichtet, dass in den Patientenakten von Asperger kranke Kinder mit Kommentaren wie „sie muss eine unerträgliche Last für ihre Mutter sein“ beurteilt wurden. Für Czech steht eine Mitschuld Aspergers an den 789 Kindermorden zweifelsfrei fest, allerdings gibt es keine Beweise dafür, dass Asperger von den Morden wusste. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte weiter als Arzt.

Aspergers Heilpädagogik

Laut Czech war Asperger sehr stolz auf seine „Heilpädagogik“, die unter den Nazis poulär war. Er bezeichnete Menschen mit Autismus in bestimmten Fällen als hervorragende Soldaten und zuverlässige Arbeiter. Aber Asperger schrieb auch über die Notwendigkeit, „restriktive Maßnahmen“ gegen diese „unheilbar“ Kranken zu ergreifen, „aus Verantwortung gegenüber der deutschen Rasse“.

Asperger-Syndrom als medizinischer Fachbegriff

Herwig Czech berichtet in einer Pressemitteilung der Medizinischen Universität Wien: „Das Asperger-Syndrom ist einer der wichtigsten nach einer Person benannten medizinischen Fachbegriffe aus dem deutschsprachigen Bereich.“ Viele Betroffene würden sich mit der Diagnose und deren Namensgeber identifizieren. Schon allein deshalb sei es wichtig, die Geschichte der Erstbeschreibung des Autismus durch Asperger bekannt zu machen.

Wird das Asperger-Syndrom nun umbenannt?

Viele bekannte Ärzte äußerten sich zu der Studie. Ein Umbenennung des Syndroms ist nicht unwahrscheinlich. Simon Baron-Cohen, Professor für Psychologie an der Universität Cambridge ist einer der führenden Autismusexperten. „Wir sind uns bewusst, dass die Veröffentlichung dieses Artikels Kontroversen auslösen wird“, kommentiert er die Studie. Die historischen Belege mussten aber der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Weitere Kommentare

Auch Joseph Buxbaum, Professor für Psychiatrie und Neurowissenschaften an der Icahn School of Medicine in New York kommentiert die Studie: „Der Artikel von Herwig Czech hat uns überzeugt, dass Asperger nicht bloß sein Bestes getan hat, um unter unerträglichen Verhältnissen zu überleben, sondern dass er auch an den Maßnahmen gegen die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft mitschuldig war.“ (vb)