Wirtschaftliche Interessen: Patienten werden oft ohne medizinischen Grund therapiert

Alfred Domke

Viele ärztliche Behandlungen werden ohne medizinischen Grund durchgeführt

Einer aktuellen Studie zufolge werden ärztliche Entscheidungen in deutschen Krankenhäusern häufig durch wirtschaftliche Interessen beeinflusst. Ursache dafür sei der Kostendruck, der auf den Kliniken laste.

In deutschen Krankenhäusern wird sehr viel operiert

Immer wieder wird kritisiert, dass in deutschen Kliniken zu viel und zu schnell operiert wird. Viele Operationen sind unnötig, mahnten Experten schon vor Jahren. Eine aktuelle Studie der Universität Bremen zeigt nun, dass offenbar finanzielle Interessen eine Rolle dabei spielen, warum bei vielen Patienten in deutschen Krankenhäusern Behandlungen ohne medizinischen Grund durchgeführt werden.

Laut einer aktuellen Studie werden ärztliche Entscheidungen in deutschen Krankenhäusern oft durch finanzielle Interessen beeinflusst. Viele Patienten werden ohne medizinischen Grund behandelt. (Bild: bmf-foto.de/fotolia.com)

Gesundheitliche Interessen im Mittelpunkt?

Steht der Patient tatsächlich mit seinen gesundheitlichen Interessen im Mittelpunkt, wenn er ins Krankenhaus aufgenommen, dort behandelt und wieder entlassen wird?

Ist der zu beobachtende fortwährende Anstieg der Fallzahlen und der Komplexitätsgrade der Erkrankungen ausschließlich auf medizinischen Bedarf zurückzuführen?

Entspricht die Ausrichtung der Kliniken den gesundheitlichen Bedürfnissen der Bevölkerung? Oder sind diese Entwicklungen Ausdruck eines „Ökonomisierungsprozesses“, der medizinische Indikationen zunehmend mit wirtschaftlichen Interessen vermengt?

Diese und weitere Fragen wurden bei der Abschlussveranstaltung zu der von den Professoren Heinz Naegler (Berlin) und Professor Karl-Heinz Wehkamp vom Socium Forschungszentrum der Universität Bremen durchgeführten Studie debattiert.

Für die wissenschaftliche Untersuchung befragten die beiden Wissenschaftler rund 60 Ärzte und Geschäftsführer aus Krankenhäusern in zwölf Bundesländern, wie der „NDR“ berichtete.

Die Ergebnisse sollen demnächst als Buch (Medizin im Krankenhaus zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung von der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsanstalt, Berlin) veröffentlicht werden.

Ärzte bieten eher gewinnbringende Behandlungen an

Wie die Studie zeigt, steht das Wohl der Patienten nicht immer an erster Stelle. Laut Professor Wehkamp komme es bundesweit vor, dass Patienten ohne medizinischen Grund im Krankenhaus behandelt würden.

„Das System geht zulasten der Patienten und der Medizin“, so der Mediziner laut einer Mitteilung der Nachrichtenagentur dpa. Das Krankenhauspersonal stehe ebenfalls unter enormem Druck.

„Die vorgelegten Ergebnisse der qualitativen Studie zeigen die Dilemmata auf, denen Geschäftsführer und Ärzte ausgesetzt sind, wenn sie zur Sicherung der wirtschaftlichen Existenz der Kliniken Gewinne erzielen müssen“, heißt es in einer Mitteilung der Universität Bremen.

Der Analyse zufolge bieten Ärzte beispielsweise eher gewinnbringende Behandlungsverfahren an. Zudem sorge die Arbeitsverdichtung beim Personal für gesundheitliche Risiken.

Patientenwohl stärker berücksichtigen

„Erschreckend ist, dass die Politik das nicht zur Kenntnis nehmen will“, so Wehkamp in der dpa-Meldung mit Blick auf die alarmierenden Zustände in vielen Krankenhäusern.

„Bei diesem Defizit an Grundfinanzierung können sie auch bei einer einigermaßen menschenwürdigen Personalpolitik nur sehr schwer Gewinne machen“, sagte der Experte.

„Wenn das Patientenwohl konsequent als Maßstab patientenbezogener und unternehmerischer Entscheidungen berücksichtigt würde, wäre die Zahl der in die stationäre Behandlung aufgenommenen Patienten geringer, die Behandlungsprozesse könnten sorgsamer, zuwartend und weniger aggressiv verlaufen“, heißt es in der Mitteilung.

Laut den Experten wäre der Arbeitsplatz Krankenhaus „attraktiver und gesünder und das Problem des Fachkräftemangels wäre ebenfalls geringer. Vorausgesetzt freilich, dass genügend Fachpersonal vorhanden wäre und der Druck der Krankenhäuser, Gewinne zu ihrer Zukunftssicherung zu machen, vermindert würde.“ (ad)