Wissenschaft: Babyzähne können frühe Hinweise auf ein Autismus-Risiko anzeigen

Alexander Stindt
Mediziner untersuchen Babyzähne auf die Exposition gegenüber verschiedenen Metallen
Seit Jahrzehnten versuchen Forscher herauszufinden, warum einige Kinder Autismus entwickeln. Es gibt sogar Fälle, bei denen ein Zwilling die Erkrankung entwickelt, der andere Zwilling aber völlig gesund ist. Mediziner fanden jetzt heraus, dass Babyzähne Hinweise darauf geben können, ob Kinder ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Autismus entwickeln.

Die Wissenschaftler der Icahn School of Medicine stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass die Zähne von einigen Babys eine Exposition gegenüber verschiedenen Metallen aufweisen. Dies könnte erklären, warum betroffene Kinder ein erhöhtes Autismus-Risiko haben. Die Mediziner veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der Fachzeitschrift „Nature Communications“.

Bei der Untersuchung von Zähnen von kleinen Kindern kann man beispielsweise feststellen, ob diese regelmäßig ordentlich die Zähne putzen. Mediziner ist es jetzt sogar gelungen, mit der Hilfe von Babyzähnen das Risiko für eine Autismus-Spektrum-Störung zu ermitteln. (Bild: Sabine Hürdler – fotolia)

Aufgenommene Metalle beeinflussen verschiedene Stadien der Entwicklung eines Kindes
Bei ihrer aktuellen Untersuchung beleuchteten die Experten einige mögliche Faktoren des Risikos für Autismus. Diese scheinen durch die Zähne von Kindern offenbart zu werden. Zu diesem Ergebnis kamen die Forscher bei der Untersuchung der Babyzähne von 32 Zwillingen. So konnte festgestellt werden, dass erhöhte Konzentrationen von Blei und anderen Metallen mit einem erhöhten Risiko der Entwicklung von Autismus zusammenhängen, erläutern die Mediziner. Diese Metalle können zu Veränderungen in verschiedenen Stadien der Entwicklung eines Kindes führen.

Ein bis zwei Prozent aller Kinder in Europa leiden unter einer Autismus-Spektrum-Störung
Eine sogenannte Autismus-Spektrum-Störung betrifft ein bis zwei Prozent aller Kinder in Europa und Nordamerika, erklären die Autoren der Studie. Obwohl bereits viel Forschung auf diesem Gebiet durchgeführt wurde, gab es bisher wenige Studien darüber, wie spezifische Umweltfaktoren das Risiko für Autismus beeinflussen können.

Beginnt Autismus bereits im Mutterleib?
Wir glauben, dass der Autismus schon sehr früh beginnt, höchstwahrscheinlich schon im Mutterleib, erläutern die Forscher. Die Ergebnisse der Untersuchung deuten darauf hin, dass dieses Risiko für Kinder durch Umwelteinflüsse erhöht werden kann. Wenn die Erkrankung mit drei oder vier Jahren diagnostiziert wird, ist es schwer herauszufinden, welchen Umweltfaktoren die Mutter ausgesetzt war. Durch die Untersuchung von Babyzähnen ist es aber scheinbar möglich, genau dies festzustellen, fügen die Autoren hinzu.

Forscher führen eine Metallanalyse durch
Die Mediziner haben eine Methode entwickelt, um durch die Untersuchung von Babyzähnen die Exposition von Kindern gegenüber Blei und anderen Metallen zu messen, während diese sich noch im Mutterleib befanden. Dafür extrahierten die Experten mit der Hilfe eines Lasers präzise Schichten von Dentin (einer harten Substanz unter dem Zahnschmelz) für eine Metallanalyse.

Exposition gegenüber Metallen kann durch Untersuchung der Zähne festgestellt werden
Im Gegensatz zu den Genen ändert sich unsere Umwelt ständig, sagen die Mediziner. Die Reaktion unseres Körpers auf bestimmte Umweltfaktoren hänge nicht nur davon ab, wie vielen Faktoren wir ausgesetzt waren, sondern auch in welchem Alter wir diese Exposition erlebt haben, erklären die Wissenschaftler. Die Forscher untersuchten Metalle, welche wichtige Nährstoffe für den menschlichen Körper sind (wie Zink und Mangan) und toxische Metalle wie Blei. Die Experten konnten durch ihre Untersuchung abschätzen, an welchem Punkt in der Entwicklung die Kinder bestimmten Metallen ausgesetzt waren und wie stark diese Exposition war.

Wie verbreitet waren Autismus-Spektrum-Störungen während der Studie?
Von den 32 untersuchten Zwillings-Paaren hatten sechs einen Zwilling mit Autismus-Spektrum-Störung. In sieben Fällen hatten beide Zwillinge eine Autismus-Spektrum-Störung. 19 Kinder waren nicht von der Erkrankung betroffen.

Blei und Mangan wirken sich auf das Risiko für Autismus aus
Die Forscher fanden nur kleinere Unterschiede im Metall-Aufnahme Muster, wenn beide Zwillinge Autismus hatten. Sie fanden allerdings signifikante Unterschiede bei Zwillingspaaren, bei denen nur bei einem Zwilling Autismus diagnostiziert wurde. Es konnten Unterschiede in den Konzentrationen von sechs Metallen festgestellt werden, einschließlich Blei, Zink, Zinn, Chrom und Mangan. Sowohl Blei als auch Mangan haben einen direkten Zusammenhang mit dem Risiko für Autismus, erläutern die Autoren.

Wann waren die Konzentrationen von Blei am größten?
Die festgestellten Ebenen von Blei waren – om Zeitpunkt zehn Wochen vor der Geburt bis 20 Wochen nach der Geburt – konsequent erhöht bei Kindern mit einer Autismus-Spektrum Störung. Der größte Unterschied wurde 15 Wochen nach der Geburt der Zwillinge beobachtet. Die Blei-Werte waren bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung 1,5-mal höher als bei ihren Zwillingen, erklären die Wissenschaftler.

Mangan-Spiegel ist niedriger bei Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung
Der Mangan-Spiegel war zehn Wochen vor der Geburt und 5 bis 20 Wochen nach der Geburt geringer in Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Der größte Unterschied wurde im Alter von 15 Wochen festgestellt, als der Mangan-Spiegel bei Autismus-Spektrum-Störungen um das 2,5-fache niedriger war, berichten die Wissenschaftler. (as)