Wissenschaft: Weinen deutsche Babys anders als chinesische?

Forscher haben herausgefunden, dass chinesische Babys melodischer weinen als deutsche. Das hat damit zu tun, dass die Mütter der asiatischen Kinder eine tonale Sprache sprechen. (Bild:  allari/fotolia.com)
Alfred Domke
Weinen von chinesischen Babys ist melodischer als das von deutschen
In einer wissenschaftlichen Untersuchung wurde festgestellt, dass deutsche Babys anders weinen als welche, die beispielsweise aus China oder Kamerun stammen. Die Unterschiede werden von den Forschern mit der Melodie der Muttersprache erklärt.

Schreien von Babys trägt Spuren der Muttersprache
Bereits das erste Schreien von Neugeborenen trägt Spuren der Muttersprache. Dies zeigt sich bei Sprachen, bei denen Tonhöhe oder Tonhöhenverlauf die Bedeutung von Wörtern bestimmen, offenbar besonders deutlich, berichtet die Julius-Maximillians-Universität Würzburg in einer aktuellen Pressmitteilung. Das hat ein Forscherteam der Hochschule zusammen mit Kollegen aus anderen Ländern herausgefunden.

Die Ergebnisse ihrer Studien haben sie in den aktuellen Ausgaben der Fachzeitschriften „Speech, Language and Hearing“ und „Journal of Voice“ veröffentlicht.

Professor Kathleen Wermke, Leiterin des Zentrums für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen des Universitätsklinikums Würzburg (Poliklinik für Kieferorthopädie) und Erstautorin der beiden Studien, erklärte: „Das Weinen von Neugeborenen, deren Mütter eine tonale Sprache sprechen, zeigt eine deutlich stärkere melodische Variation, verglichen beispielsweise mit deutschen Neugeborenen.“

Forscher haben herausgefunden, dass chinesische Babys melodischer weinen als deutsche. Das hat damit zu tun, dass die Mütter der asiatischen Kinder eine tonale Sprache sprechen. (Bild: allari/fotolia.com)
Forscher haben herausgefunden, dass chinesische Babys melodischer weinen als deutsche. Das hat damit zu tun, dass die Mütter der asiatischen Kinder eine tonale Sprache sprechen. (Bild: allari/fotolia.com)

Bei tonalen Sprachen haben Wörter unterschiedliche Bedeutungen
Um zu ihren Ergebnissen zu gelangen, haben die Wissenschaftler 55 Neugeborene aus Peking und 21 aus dem Volk der Nso in Kamerun untersucht und deren Lautäußerungen in den ersten Lebenstagen aufgezeichnet. Die dort gesprochenen Sprachen Mandarin (in China) und Lamnso (in Kamerun) sind sogenannte tonale Sprachen, bei denen auch die Tonhöhen, in denen Silben oder Wörter ausgesprochen werden, zur Bedeutung beitragen.

Der scheinbar gleiche Laut kann dabei völlig unterschiedliche Dinge bezeichnen – je nachdem, ob er in einer hohen oder tiefen Tonlage oder mit einem besonderen Tonverlauf ausgesprochen wird. Wer Lamnso perfekt sprechen will, muss acht charakteristische Töne beherrschen. Im Mandarin sind es vier solcher Töne.

Spontane Lautäußerungen von Babys aufgezeichnet
Extra zum Weinen gebracht wurden die Babys bei der Studie nicht. „Wir haben nur spontane Lautäußerungen aufgezeichnet, in der Regel immer dann, wenn sich ein Baby bemerkbar machte, weil es Hunger hatte“, erläuterte Wermke.

Es zeigte sich, dass bei den Kindern der Nso in Kamerun nicht nur die „innerlautliche Gesamtvariation der Tonhöhe“, also der Abstand zwischen tiefstem und höchstem Ton, deutlich größer war, sondern auch das kurzzeitige Auf und Ab von Tönen während einer Lautäußerung fiel intensiver aus im Vergleich zu den Neugeborenen deutschsprachiger Mütter. „Ihr Weinen glich mehr einem Singsang“, so Wermke. Die Ergebnisse bei den Neugeborenen aus Peking sahen ähnlich aus, jedoch etwas schwächer ausgeprägt.

Sprachentwicklung beginnt gleich nach der Geburt
Laut den Forschern spricht dieser Befund für eine Theorie, die sie auch schon bei Vergleichen von deutschen und französischen Neugeborenen bestätigt gesehen hatten: „Der Erwerb von Bausteinen für die spätere Sprache beginnt bereits gleich nach der Geburt; nicht erst, wenn Babys anfangen zu babbeln oder erste Wörter produzieren“, sagte die Wissenschaftlerin.

Experten weisen daher auch immer wieder darauf hin, dass Eltern ihrem Nachwuchs nichts Gutes tun, wenn sie in Ausdrücken wie „Dutzi Dutzi“ oder „Bubu machen“ mit ihm reden. Babys verdummen durch Babysprache.

Universalität über Kulturgrenzen hinweg
Laut den Würzburger Wissenschaftlern zeigen Neugeborene – nachdem sie während des letzten Drittels der Schwangerschaft hinreichend Gelegenheit hatten, im Bauch der Mutter ihre „Muttersprache“ kennen zu lernen – in ihrem Weinen charakteristische melodische Muster, die von der Umgebung – wie eben der Sprache der Mutter – beeinflusst sind. Und das noch bevor sie erste Laute gurren oder sich im sprachähnlichen „Silbenbabbeln“ ausprobieren.

Die Forschungsergebnisse sprechen aber gleichzeitig für ein hohes Maß an Universalität in den Lautäußerungen von Babys über Kulturgrenzen hinweg. „Wir haben in diesem Fall Neugeborene aus sehr unterschiedlichen Kulturkreisen untersucht“, so Kathleen Wermke. Einerseits Neugeborene aus Peking, die umgeben von allen Einflüssen moderner Zivilisation – Radio, Fernsehen, Smartphone – herangewachsen sind. Und andererseits die Kinder der Nso, die in einer ländlichen Umgebung zur Welt gekommen sind, in der es an allen technischen Errungenschaften der Moderne fehlt.

„Dass sich trotz dieser Unterschiede in den Kulturen ähnliche Effekte in den beiden tonalen Sprachgruppen gegenüber der nicht-tonalen deutschen Gruppe zeigen, spricht dafür, dass unsere Interpretation der Daten in die richtige Richtung weist“, meinte die Wissenschaftlerin.

Neugeborene können jede Sprache der Welt erlernen
Wie es in der Mitteilung der Universität heißt, könnten die Ergebnisse – vorsichtig formuliert – sogar den Schluss nahelegen, dass nicht nur äußere, sondern auch genetische Faktoren hier mitbeteiligt sind. „Natürlich bleibt unbestritten, dass Neugeborene dazu in der Lage sind, jede gesprochene Sprache der Welt zu erlernen, unabhängig davon, wie komplex sie ist“, so Wermke.

Laut den Wissenschaftlern können ihre Ergebnisse dabei helfen, wesentliche Einflussfaktoren auf die frühesten Phasen der Sprachentwicklung besser zu verstehen als dies bisher der Fall war. Dies verbessere gleichzeitig die Möglichkeit, Frühindikatoren zu identifizieren, die Auskunft über mögliche Entwicklungsstörungen in diesem Bereich zu einem sehr frühen Zeitpunkt geben können. Allerdings seien bis zu einer klinischen Anwendung noch zahlreiche weitere Fragen zu klären. (ad)

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