Wissenschaftler warnen vor Antibiotika-Resistenzen

Sebastian

Auftreten von Antibiotika-Resistenzen eine der größten Gefahren für die menschliche Gesundheit?

29.01.2013

Forscher schlagen Alarm, denn in Europa steigt die Zahl der Antibiotika-Resistenzen stetig. 25.000 Menschen sterben geschätzt mittlerweile jedes Jahr in Europa an Infektionen mit resistenten Erregern, wobei insbesondere Darmkeime wie Klebsiellen und Escherichia coli oder Tuberkulose-Bakterien hier eine zentrale Rolle spielen. Diese Entwicklung stelle laut der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein ernst zu nehmendes Problem dar: Denn seit den 1970er Jahren werden immer weniger neue Antibiotika entwickelt, sodass unter Experten die Sorge wächst, dass der Bedarf an den zum Teil lebenswichtigen Medikamenten zukünftig nicht mehr ausreichen könnte: „Einer steigenden Zahl von Infektionen durch Antibiotika-resistente Bakterien stehen immer weniger neue Antibiotika gegenüber“, so die Warnung der Wissenschaftler. Daher bestehe hier dringender Handlungsbedarf, so die Experten weiter, denn wie sie in einer aktuellen Stellungnahme schreiben, gehöre „das weltweite Auftreten von Antibiotika-Resistenzen nach Einschätzung der WHO zu den größten Gefahren für die menschliche Gesundheit.“

Antibiotika töten Bakterien bzw. verhindern, dass diese sich vermehren. Dieses geschieht laut Ansgar Lohse vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf dadurch, dass die Medikamente die Zellwände der Keime zerstören und in den Stoffwechsel oder das Erbgut eingreifen. Dass die Mikroorganismen sich dagegen wehren, sei Wissenschaftler nach ein "natürliches Phänomen im evolutionären Wettbewerb", denn die Resistenz könne durch Bakterien an andere weiter übertragen werden oder auch durch Mutationen entstehen. Ein weiteres Problem sei hier auch der Austausch von Erregern zwischen Menschen und Tieren.

Gefahr eines medizinischen Rückschritts
Laut den Wissenschaftlern bestünde nun jedoch die Gefahr, in eine Situation zurückzukehren wie sie vor der Einführung des Penizillins in den 1940er Jahren bestand: „Bislang war es so, dass drei, vier oder fünf Jahre nach der Einführung eines Antibiotikums Resistenzen entdeckt wurden und man sich darauf verlassen konnte, dass die Industrie ein neues Antibiotikum liefert“, so Werner Solbach vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein – doch dies sei heute nicht mehr ohne weiteres der Fall.

Um die Situation zu ändern, würden die Mediziner laut Solbach neue Substanzklassen benötigen, die den Bakterien auf andere Weise als bislang schaden – das Prinzip "More of the same" ("Mehr vom Gleichen") würde dagegen nicht weiterhelfen. Doch entgegen dieser Empfehlung des Experten, würden nur vier der zwischen 2000 und Oktober 2012 in den USA und Europa zugelassenen Substanzen neue Antibiotika-Klassen zugrunde liegen – und diese würden lediglich gegen die „grampositiven“ Erreger wirken.

Antibiotika für Pharma-Industrie unattraktiv
Den Grund für die unzureichende Neu-Entwicklung von Antibiotika sehen die Wissenschaftler unter anderem in fehlenden Anreizen für die Pharmaindustrie – für diese sei es nicht attraktiv genug, neue Medikamente auf den Markt zu bringen, denn die Behandlung mit Antibiotika würde in den meisten Fällen nur wenige Tage andauern – die Einnahme von Blutdruckmittel hingegen sei in den meisten Fällen über Jahre hinweg notwendig. Wird dann ein neues Antibiotikum eingeführt, so würde sich bei der Verschreibung erst einmal zurückgehalten und dieses eher als „Reserve“ behandelt.

Akademien geben Empfehlungen im Kampf gegen die resistenten Erreger
Doch welche Alternativen gibt es im Kampf gegen die resistenten Erreger? Um die Ausbreitung von Resistenzen zu verringern und neue Antibiotika zu entwickeln, seien der Stellungnahme der beiden Institutionen einerseits stärkere Forschungsanstrengungen notwendig, zum anderen und wären Rahmenbedingen „erforderlich, die eine effektive Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis ermöglichen.“
Ansatzpunkte hierzu liefern die Wissenschaftler in ihrer Stellungnahme in Form von acht Empfehlungen, zu denen unter anderem eine Stärkung der Grundlagenforschung und die Verbesserung der strukturellen Voraussetzungen für Innovationen gehören. Hier sei es den Experten nach zudem wichtig, „Kooperationen zwischen Industrie und akademischer Forschung zu erleichtern und zu stärken, um Ressourcen der Grundlagenforschung effizienter mit den vielfältigen Anforderungen der pharmazeutischen Produktentwicklung zu verknüpfen.“

Zu den acht Empfehlungen der Autoren gehören auch die Erleichterung der klinischen Forschung sowie die Weiterentwicklung bzw. Vereinfachung der regulatorischen Vorschriften für die Entwicklung und Zulassung neuer Antibiotika. Auch eine Einschränkung des Einsatzes von Antibiotika in der Tiermedizin und im Pflanzenschutz wird gefordert, sowie die Notwendigkeit der Aufklärung: „Beschäftigte in der Landwirtschaft und in der Lebensmittelindustrie sollten im Rahmen von Fortbildungsmaßnahmen darüber aufgeklärt werden, wie Antibiotika-Resistenzen entstehen und welche Maßnahmen ihre Entstehung verringern“, so die Empfehlung der Wissenschaftler.

Im Kampf gegen die steigenden Antibiotika-Resistenzen müsse darüber hinaus eine kontinuierliche Überwachung und Erfassung „wichtiger Erreger auf allen Ebenen erfolgen: lokal bis weltweit und bereichsübergreifend in Klinik, Ambulanz und Tierzucht“ und „die sozio-ökonomischen, rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen für die Entwicklung neuer Antibiotika stärker erforscht, Hemmnisse identifiziert und Lösungswege aufgezeigt werden“, so die Autoren weiter. (sb)