Wurden Reiche bei Spenderorgane bevorzugt?

Fabian Peters

Manipulation bei Organtransplantationen: Verkaufte ein Arzt Spenderorgane am Uniklinkum Göttingen?

20.07.2012

Medienberichten zufolge hat ein Mediziner an der Universitätsklinik Göttingen Krankenakten gefälscht, um reichen Patienten schneller eine Spenderleber zu beschaffen. 25 Patienten erhielten auf Basis der gefälschten Angaben eine Transplantation. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen möglicher Bestechlichkeit.

Mehr zum Thema:

Der Organspendenskandal am Universitätsklinikum Göttingen erschüttert die Fachwelt. Sollte sich bestätigen, dass Patienten gegen Geldzahlung bei der Auswahl für eine Spenderleber bevorzugt wurden, hätte dies eine fatale Außenwirkung. Bisher steht fest, dass ein Mediziner des Universitätsklinikums im großen Stil die Krankenakten der Patienten gefälscht hat, um ihnen schneller zu einem Spenderorgan zu verhelfen. Ob hierfür Geld geflossen ist, muss nun die Staatsanwaltschaft klären.

Gefälschte Dialyseprotokolle und Laborwerte
Aufgeflogen waren die Machenschaften des Oberarztes am Universitätsklinikum Göttingen durch Ermittlungen der Ständigen Kommission Organtransplantation. Diese stellte fest, dass nicht nur Dialyseprotokolle gefälscht wurden, um den Patienten ein Nierenleiden anzudichten, welches die Notwendigkeit einer zeitnahen Lebertransplantation deutlich erhöht, sondern teilweise auch die Laborwerte manipuliert waren. In mindestens zwei Dutzend Fällen hatte der Mediziner die Patienten auf dem Papier kränker erschienen lassen, als sie in Wirklichkeit waren, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ über das Ausmaß des Skandals. Im Juni wurden bereits erste Vorwürfe gegen den Arzt erhoben, der im Jahr 2008 aus Regensburg an die Göttinger Universitätsklinik gekommen war. Ein russischer Patienten hatte offenbar auf Basis der gefälschten Krankenakte eine Lebertransplantation im Universitätsklinikum Göttingen erhalten, obwohl er eigentlich in Deutschland überhaupt keinen Anspruch auf ein Spenderorgan gehabt hätte. In diesem Fall ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen den Arzt und den Patienten.

Zwei Dutzend manipulierte Lebertransplantationen
Nun wurde jedoch bekannt, dass die manipulierte Lebertransplantation im Universitätsklinikum Göttingen offenbar kein Einzelfall war. Der beschuldigte Arzt soll in 24 weiteren Fällen ebenfalls die Krankenakten der Patienten gefälscht haben, um ihnen über die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant, in der Deutschland und sieben weitere europäische Staaten zusammengeschlossen sind, schneller Zugang zu einem Spenderorgan zu verschaffen. Der Arzt bescheinigte den Patienten ein zusätzliches Nierenleiden und schreckte dabei nicht davor zurück, Dialyseprotokolle mit frei erfundenen Werten vorzulegen. Auch andere Laborbefunde wurden frei erfunden. So hatten viele der Patienten auf dem Papier zum Beispiel deutlich erhöhte Kreatininwerte oder eine zu hohe Blutgerinnungsneigung, wobei tatsächlich keinerlei entsprechende Beschwerden vorlagen. Die Angaben sollten bestätigen, dass die Patienten nicht nur ein Leberleiden haben, sondern auch die Nieren bereits in Mitleidenschaft gezogen sind, was den Bedarf nach einer Lebertransplantation wesentlich dringlicher werden lässt. Damit rutschen die Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan deutlich nach oben, zum Nachteil derjenigen, die tatsächlich aus gewichtigen Gründen auf eine Spenderleber warten.

Weitere Personen an dem Organspendenskandal in Göttingen beteiligt?
Das Universitätsklinikum Göttingen hat auf die Vorwürfe gegen den Arzt umgehend reagiert und diesen "von seinen Tätigkeiten mit sofortiger Wirkung entbunden", so die Auskunft des Klinikums. Allerdings bezweifeln Experten, dass der Mediziner die teilweise äußerst umfassende Manipulation der Krankenakten ohne Hilfe und allein vorgenommen hat. Derzeit wird in diesem Zusammenhang bereits gegen zwei Mitarbeiter eines Unternehmens für medizinische Dienstleistungen aus Nordrhein-Westfalen ermittelt. Vermutlich sind jedoch noch mehr Personen in die Machenschaften des Arztes verwickelt. In jedem Fall drohen dem Beschuldigten erhebliche Strafen, sollte sich der Vorwurf der Bestechlichkeit bestätigen. Das Strafmaß könnte sich allerdings noch erhöhen, wenn die laufenden Ermittlungen zu dem Ergebnis kommen, dass andere Patienten, welche auf eine Spenderleber warteten, durch die Manipulation gesundheitlich geschädigt wurden oder möglicherweise sogar verstorben sind. (fp)