Wut: Der richtige Umgang mit Gefühlsausbrüchen

Astrid Goldmayer

Der richtige Umgang mit Wutausbrüchen

06.06.2012

Wutausbrüche kommen in der Regel unerwartet. Manchmal reicht schon ein falsches Wort und es fällt schwer, kontrolliert und überlegt zu handeln. Doch wer sich genau in diesem Moment zurückhält, erreicht später häufig doch noch das Gewünschte. Ungezügelte Wut führt hingegen zu Überreaktionen, die noch mehr Ärger verursachen. Die Nachrichtenagentur „dpa“ sprach mit Experten darüber, wie der Antrieb der Wut positiv genutzt werden kann.

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Wut und Ärger nicht in sich hineinfressen
„Bis zehn zählen, aus dem Raum gehen, tief Luft holen“, rät der Diplompsychologe Christoph Burger aus Herrenberg in Baden-Württemberg, um den Wutausbruch abzuwenden. Gelingt die kleine Verschnaufpause sollte über den Ärger gesprochen und verdeutlicht werden, was die Wut ausgelöst hat. „So bekommt das Gegenüber die Emotionen noch zu spüren, solange sie heiß sind“, meint Burger. Wird das Problem zu spät angesprochen, könne der Ärger möglicherweise schnell verpuffen. Der Informationswert des Dargelegten sei dann nicht mehr derselbe.

Wutausbrüche zu kontrollieren kann erlernt werden. „Das ist ein längerer Prozess“, erklärt der Diplompsychologe. Im ersten Schritt müsse geklärt werden, welcher Antrieb hinter der Wut stecke und was die eigenen Bedürfnisse seien. Häufig sei beispielsweise der Wunsch nach mehr Entscheidungsfreiheit oder Anerkennung dabei ausschlaggebend. „Wer einmal an einem exemplarischen Beispiel diese Selbsterkenntnis ans Licht geholt hat, verändert schon viel“, berichtet Burger.

Das Entscheidende sei jedoch, die Wut im Bauch los zu werden. „Den aufgestauten Ärger abzulassen, ist grundsätzlich gesünder, als ihn in sich hineinzufressen“, sagt der Trainer für Zeitmanagement und Arbeitsmethodik aus Wien, Burkhard Heidenberger. Es sei wissenschaftlich belegt, dass häufig unterdrückte Wut Krankheiten auslösen könne. Das Gefühl der Wut als solches gilt allgemein als negativer Einfluss für die Gesundheit. Das belegt beispielsweise eine zehnjährige Langzeitstudie von Forschern des Instituts für klinische Physiologie in Pisa, die bei Herzinfarktpatienten festgestellt haben, dass sich negative Gefühle wie Aggressionen, Depressionen, Feindseligkeit und Wut negativ auf das Herz auswirken. Demnach sollten sich Herzpatienten keinesfalls allein auf Medikamente verlassen, sondern einen emotional positiven Lebenswandel herbeiführen. So haben Patienten, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben und sich auch danach noch häufig ärgern und gestresst sind, eine deutlich schlechtere Prognose als jene mit einem ausgeglichenen und glücklichen Leben, so die italienischen Wissenschaftler. Während negative Gefühle schädlich für das Herz sind, können Positivgefühle die Heilungschancen sogar verbessern, betonen die Forscher. Dazu zählen laut Studie Mitgefühl, Phantasie, Geborgenheit sowie spirituelle Interessen.

Wut macht kreativ
Ein scheinbar unkontrollierter Wutausbruch kann gleichzeitig aber auch etwas Positives haben. „Der Emotionszustand Wut ist immer auch ein Antreiber“, erklärt Heidenberger. „Er setzt Kräfte frei und kann einen Änderungsprozess ins Rollen bringen.“ Zudem kann Wut auch kreative Ideen fördern, da sie zu neuen Lösungswegen zwingt, die teilweise zuvor nicht einmal in Betracht gezogen wurden. Bereits Goethe sagte: „Das Gleiche lässt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht.“ Auch Sozialpsychologin Janina Marguc teilt die Auffassung, dass Hindernisse allgemein der Kreativität zuträglich sind. Während sie ihre Doktorarbeit an der Universität von Amsterdam schrieb, beobachtete sie, dass Menschen distanziertere Perspektiven einnehmen, wenn ihnen Hindernisse im Leben begegnen. So würde dann mehr auf das „große Ganze“ als auf Details geschaut und neue Wege aufgedeckt, die zielführend seien. „Ein Hindernis, auf das man wütend reagiert, muss der kreativen Lösungsfindung nicht im Wege stehen“, erklärt Marguc.

Gesellschaftlich werden Wutausbrüche sehr unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Dabei kommt es darauf an, wem gerade der Kragen platz. Während Kleinkinder häufig sogar als niedlich empfunden werden, wenn sie sich tobend und schreiend an der Supermarktkasse zu Boden werfen, werden Wutausbrüche von Erwachsenen negativ empfunden. Es gibt auch eine geschlechtsspezifische Unterscheidung, wie Christoph Burger erläutert: „Die Gesellschaft toleriert eher männliches Wutablassen.“ Er rät Frauen zu weniger Höflichkeit beim Zornigsein. „Damit verletzen sie zwar niemanden, werden aber auch von vielen Männern nicht verstanden.“ (ag)