Zahlreiche Todesfälle nach Krebs-OPs wären vermeidbar

Fabian Peters

Fehlende Routine verursacht zahlreiche unnötige Todesfälle bei Krebs-Operationen

Krebsbehandlungen sind meist riskant und es bedarf einer gründlichen Nutzen-Risiko-Abwägung. Dies gilt in besonderer Weise bei erforderlichen Operationen. Ein vielfach unterschätztes Risiko bei den Krebs-Operationen scheint laut einer aktuellen Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) das Risiko der mangelnden Erfahrung in den behandelnden Kliniken zu sein. Oftmals hat dies für die Betroffenen tödliche Folgen.

„Viele Patienten in Deutschland sterben zu früh, weil sie in Kliniken operiert werden, die zu wenig Erfahrung mit komplizierten Krebs-OPs haben“, so die aktuelle Mitteilung des WIdO. Den Angaben der Experten zufolge könnte die Festsetzung einer Mindestmenge an Eingriffen für die Kliniken hier Abhilfe schaffen. Allein die Zahl der Todesfälle infolge von Lungenkrebs-Operationen könnte durch die Einführung einer rein rechnerisch ermittelten Mindestmenge um etwa ein Fünftel sinken (von 361 auf 287 pro Jahr), berichtet das Institut.a

In vielen Kliniken fehlt die Erfahrung bei der Durchführung von Krebs-Operationen, was vermehrte Todesfälle zur Folge hat. (Bild: AntonioDiaz/fotolia.com)

Krankenhaus-Abrechnungsdaten ausgewertet

Für den „Qualitätsmonitor 2018“ haben das WIdO, der Verein Gesundheitsstadt Berlin und die Initiative Qualitätsmedizin (IQM) unter anderem die Krankenhaus-Abrechnungsdaten der Jahre 2009 bis 2014 ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die Kliniken mit den geringsten Fallzahlen bei den Krebs-Operationen tendenziell eine deutlich höhere Todesrate nach erfolgtem Eingriff aufwiesen, als Kliniken, in denen derartige Operationen besonders häufig durchgeführt wurden. Dies habe nicht nur für die Operationen bei Lungenkrebs gegolten, sondern auch bei anderen Krebs-Indikationen wie Speiseröhren-Krebs, Bauchspeicheldrüsen-Krebs, Blasen- und Darmkrebs.

Fehlende Erfahrung bei Krebs-Operationen ein verbreitetes Problem

Professor Thomas Mansky, Leiter des Fachgebietes Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen der Technischen Universität (TU) Berlin und einer der Autoren des Qualitätsmonitors, betont angesichts der aktuellen Ergebnisse, dass es in Deutschland offensichtlich immer noch viel zu viele Kliniken gibt, „die nur hin und wieder mal eine komplizierte Krebs-Operation durchführen.“ Bei den Operationen zur teilweisen Entfernung der Lunge, die bei Lungenkrebs-Patienten in vielen Fällen erforderlich sei, werde zum Beispiel ein Fünftel der Patienten in insgesamt 260 Kliniken behandelt, die im Durchschnitt nur fünf dieser OPs pro Jahr durchführen.

Operationsroutine und notwendige Spezialisierung nicht vorhanden

Aufgrund der geringen Behandlungszahlen ist es laut Prof. Mansky „sehr wahrscheinlich“, dass in den genannten 260 Kliniken „die nötige Operationsroutine und die für eine adäquate Gesamtbetreuung notwendige Spezialisierung nicht vorhanden“ sind. Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes Martin Litsch ergänzt, dass diese „Gelegenheitschirurgie“ nicht akzeptabel sei. Das Problem lasse sich nur durch die Einführung und konsequente Durchsetzung von OP-Mindestmengen in den Griff bekommen. Die Durchsetzung solcher Mindestmengen und die damit verbundene Zentralisierung von Leistungen werde allerdings für die Krankenhäuser nicht einfach und ein „schmerzhafter Prozess“, welcher angesichts der eindeutigen Datenlage jedoch „absolut folgerichtig“ ist, so Professor Ralf Kuhlen, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der IQM.

280 Darmkrebstodesfälle pro Jahr durch OP-Mindestmenge vermeidbar

Auch beim Darmkrebs zeigt sich laut Aussage der Studienautoren, dass es in Deutschland immer noch viel zu viele Kliniken gibt, die nur hin und wieder eine dieser komplizierten Operationen durchführen. Ein Fünftel der Patienten sei in insgesamt 492 Kliniken behandelt worden, die im Durchschnitt nur 23 dieser Eingriffe pro Jahr durchführen. Auch hier sei die nötige Operationsroutine und die für eine adäquate Gesamtbetreuung notwendige Spezialisierung vielfach nicht vorhanden. So liege das Risiko nach einer Darmkrebs-Operationen zu versterben in den 492 Kliniken, die die wenigsten Darmkrebs-Fälle pro Jahr operieren um 59 Prozent höher als in den 71 Kliniken mit den meisten Operationen. 280 Todesfälle pro Jahr wären hier vermeidbar, wenn eine Mindestmenge von 82 Operationen für die behandelnden Kliniken eingeführt würde, berichtet das WIdO.

Die AOK fordert auf Basis der neuen Datenlage die Einführung von Mindestmengen für komplizierte Operationen bei Lungenkrebs und Brustkrebs und eine Erhöhung der bestehenden Mindestmengen bei Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Auch werde die Krankenkasse den Druck auf die Kliniken zur konsequenten Umsetzung der bestehenden Mindestmengen erhöhen. „Krankenhäuser, die die Vorgaben nicht einhalten und bei denen kein Ausnahmetatbestand vorliegt, erhalten von der AOK im Sinne der Patientensicherheit keine Vergütung mehr für diese Eingriffe“, so Litsch. (fp)