Zahlreiche Todesfälle weil Krankheit zu spät erkannt oder falsch therapiert wird

Alfred Domke
Tückische Krankheit: Hunderte Tote weil Aortendissektion falsch behandelt wurde
Gesundheitsexperten zufolge sterben jedes Jahr Hunderte Menschen in Deutschland weil zu spät erkannt wird, dass sie an einer Aortendissektion leiden beziehungsweise weil die tückische Krankheit falsch behandelt wird.

Doppelt so viele Aortendissektion-Erkrankte
Mediziner haben vor kurzem darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, plötzlich einsetzende Brustschmerzen ernst zu nehmen. Denn diese können ein erster Hinweis auf schwere Herzerkrankungen wie einen akuten Herzinfarkt oder Einrisse in der Hauptschlagader (Aortendissektion) sein. Da sich die Symptome dieser Erkrankungen ähneln, ist eine sichere Diagnose oft nicht leicht. Eine neue Studie des Deutschen Herzzentrums Berlin (DHZB) kommt nun zu dem Ergebnis, dass wohl doppelt so viele Menschen wie bisher angenommen an einer lebensbedrohlichen Aortendissektion erkranken.

Einer neuen Studie zufolge erkranken wohl doppelt so viele Menschen wie bisher angenommen an einer lebensbedrohlichen Aortendissektion. Die Symptome, wie heftige Brustschmerzen, werden aber oft als Anzeichen eines Herzinfarkts missgedeutet. (Bild: Bits and Splits/fotolia.com)

Innere Wandschicht der Hauptschlagader reißt ein
Hinter dem komplizierten Fachbegriff „akute Typ A-Aortendissektion“ steht eine ebenso lebensbedrohliche wie tückische Erkrankung: Dabei reißt die innere Wandschicht der Hauptschlagader (Aorta) direkt am Herzen ein und löst sich ab.

In den Zwischenraum fließt Blut und vergrößert ihn entlang der Aorta immer weiter. So können Abzweigungen – etwa zum Gehirn – verschlossen werden. Die größte Gefahr der Aortendissektion aber ist die Einblutung in den Herzbeutel, die rasch zum Herzstillstand führen kann.

Eine Aortendissektion muss deshalb so schnell wie möglich in einem spezialisierten Herzzentrum operiert werden, schreibt das DHZB in einer Mitteilung. Unbehandelt verläuft sie in einem Großteil der Fälle innerhalb von 48 Stunden tödlich.

Schnelle und sichere Diagnose ist nicht leicht
Allerdings ist eine schnelle und sichere Diagnose der akuten Aortendissektion nicht leicht. Die Symptome – vor allem der heftige Brustschmerz – können auch von erfahrenen Notärzten als Anzeichen des weitaus häufiger vorkommenden Herzinfarktes missdeutet werden.

Häufig sorgt erst eine Untersuchung mit dem Computertomographen (CT) für Klarheit, der aber nicht überall und schnell genug zur Verfügung steht.

Schlimmer noch: Wird die Aortendissektion behandelt wie ein Herzinfarkt, kann das fatale Folgen haben, so Stephan Kurz, Kardioanästhesist und Notarzt am DHZB:

„Vereinfacht gesagt ist ein Herzinfarkt die Folge eines Blutgerinnsels und wird deshalb mit Medikamenten behandelt, die das Blut verdünnen. Bei der Aortendissektion wird die Blutung dadurch noch beschleunigt und die weitere Versorgung erheblich erschwert“.

Acht Stunden von den ersten Symptomen bis zur Operation
Ein Team der Klinik für Herz,-Thorax- und Gefäßchirurgie am DHZB (Direktor: Prof. Dr. Volkmar Falk) unter der Leitung von Stephan Kurz hat die Patientenakten und Notarztprotokolle von über 1.600 Patienten analysiert, die wegen einer akuten Typ A-Dissektion am DHZB behandelt wurden.

Zusätzlich wurden über 14.000 Autopsieberichte aus dem Institut für Rechtsmedizin der Charité und dem Fachbereich Pathologie des Vivantes-Netzwerks ausgewertet, um zu erfassen, wie viele Patienten in Berlin und Brandenburg an einer Aortendissektion verstorben sind.

Die Ergebnisse wurden jetzt im Fachmagazin „International Journal of Cardiology“ veröffentlicht und zeigen dringenden Handlungsbedarf.

Es zeigte sich, dass die mittlere Zeit vom Auftreten der ersten Symptome bis zum Beginn der Operation bei über acht Stunden liegt.

Des Weiteren wurde festgestellt, dass die Aortendissektion mit hoher Wahrscheinlichkeit viel häufiger auftritt als bisher angenommen: Das statistische Bundesamt geht von jährlich 4,6 Fällen auf 100.000 Einwohner aus, die Hochrechnung der in der Studie erhobenen Daten ergibt einen mehr als doppelt so hohen Wert (11,9 Fälle).

„Anhand unserer Daten müssen wir von einer Dunkelziffer von über 200 Menschen ausgehen, die in Berlin und Brandenburg jedes Jahr verstorben sind, weil eine akute Aortendissektion zu spät erkannt oder falsch behandelt wurde“, so Kurz.

Mediziner für Erkrankung sensibilisieren
Das DHZB hat deshalb vor Jahren das Konzept eines „Aortentelefons“ ausgearbeitet: Eine medizinische Hotline, die allen Berliner und Brandenburger Ärzten rund um die Uhr koordinierend und beratend zur Seite steht. Die Zeit vom Ereignis bis zur OP werde so entscheidend verkürzt.

Unter einer einheitlichen Nummer steht rund um die Uhr ein Facharzt für Anästhesie oder Herzchirurgie als Ansprechpartner für das Personal der regionalen Rettungsstellen zu Verfügung. Er leistet medizinischen wie organisatorischen Support für die Kollegen vor Ort, koordiniert aber auch die Vorbereitung des Eingriffs am DHZB selbst.

Hierzu wurden Standardverfahren zur bildgebenden Diagnostik und Medikation erarbeitet und mit Rettungsdiensten, leitenden Notärzten und den Rettungsstellen der Kliniken in Berlin und Brandenburg abgestimmt.

„Dabei ging es uns auch darum, die Kolleginnen und Kollegen weiter für eine Erkrankung zu sensibilisieren, die weit seltener, aber deshalb nicht weniger schwerwiegend ist als ein Herzinfarkt.“

Abläufe wurden verbessert
Auch die Abläufe von Aufnahme, Anästhesie, operative Versorgung und die Weiterbehandlung auf der Intensivstation am DHZB selbst wurden weiter verbessert und standardisiert.

Das Konzept hat bereits zu einer deutlichen Verbesserung der Diagnostik und Erstversorgung geführt: Die Zahl der am DHZB wegen einer akuten Typ A-Dissektion operierten Patienten stieg von durchschnittlich 80 in den Vorjahren auf 138 in 2016, also um mehr als 70 Prozent.

Die Zeitspanne vom Eintreten der ersten Symptome bis zum Operationsbeginn konnte ebenfalls bereits um durchschnittlich 20 Prozent gesenkt werden.

„Viele dieser Patienten hätten ohne die zügige und effiziente Verlegung ins DHZB nicht überlebt“, erklärte Klinikdirektor Prof. Dr. Volkmar Falk: „Der beste Ansporn für uns, das Projekt auszubauen und weiter voranzutreiben“. (ad)