Zehntausende Tote durch Tollwut in Indien

Heilpraxisnet

Neue Strategien gegen Ausbreitung Tollwut in Indien

22.09.2014

Tollwut ist eine zu 100 Prozent vermeidbare Erkrankung, an der dennoch pro Jahr rund 60.000 Menschen versterben, berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Indien bildet dabei das Land mit den meisten Infektionen und Todesfällen. Durch eine Impfung ließe sich das Auftreten der Infektionskrankheit deutliche eindämmen, doch ist der Impfstoff für eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung zu teuer. Daher sollen nun die Straßenhunde, welche als Hauptüberträger der Tollwut gelten, zumindest in den urbanen Zentren Indiens eingefangen, geimpft und sterilisiert werden, berichtet die Nachrichtenagentur „dpa“.

Mit der Immunisierung und Sterilisation der Hunde im Kampf gegen Tollwut hat die WHO bereits in Südostafrika erste Erfahrungen gesammelt. Der leitende Mediziner des Projektes, Dr. François Xavier Meslin, erklärte hierzu vergangenes Jahr in einer Pressemitteilung der WHO, dass die Methode der Hunde-Immunisierung der kostengünstigste Weg sei, die meisten menschlichen Tollwut-Todesfälle zu vermeiden. Doch bleiben Zweifel an der Effizienz der Methode. Eine Immunisierung sämtlicher Straßenhunde in Indien gilt bei vielen Experten als nahezu aussichtslos. Die Hunde-Immunisierung wird am Welt-Tollwut-Tag (28. September) einen der Themenschwerpunkte bilden.

Kinder am stärksten durch Tollwut gefährdet
Landesweit besteht in Indien „ein hohes Risiko an Bissverletzungen durch streunende Hunde und Übertragung einer Tollwut, auch in den Städten“, berichtet das Auswärtige Amt und ergänzt: „Affen können ebenfalls Tollwut übertragen.“ Vor einer Reise nach Indien sei daher dringend die Tollwutimpfung zu überprüfen und gegebenenfalls aufzufrischen. Doch die Bevölkerung vor Ort ist hier nur unzureichend geschützt. Der Impfstoff ist schlichtweg zu teuer und kann nicht in allen Regionen des Landes vorgehalten werden. Die Nachrichtenagentur „dpa“ berichtet in ihrer aktuellen Mitteilung aus der einzigen staatlichen Klinik der indischen Hauptstadt Neu Delhi, die über entsprechende Impfstoff-Vorräte verfügt. Die dort tätige Krankenschwester Sunil Yadav habe bereits viele verzweifelte Angehörige erlebt, die mit ihren erkrankten Kindern in die Klinik kamen. „Kinder sind am stärksten von der Krankheit gefährdet“, berichtet die WHO und ergänzt: „Vier von zehn Todesfällen durch Tollwut betreffen ein Kind im Alter unter 15 Jahren.“

Ausbreitung der Erreger ins Gehirn verhindern
„Eine Wundreinigung und Immunisierung innerhalb weniger Stunden nach dem Biss eines tollwütigen Tiers kann den Ausbruch von Tollwut und damit den Tod verhindern“, erläutert die WHO. Doch hier spielt der Zeitfaktor eine wesentliche Rolle. Die Behandlung sollte möglichst unmittelbar nach dem Biss beginnen. In der indischen Hauptstadt erreichen viele Infizierte jedoch erst deutlich verspätet das staatliche Maharishi-Valmiki-Hospital, so dass die auslösenden Viren bereits das Gehirn erreicht haben und die Erkrankung einen tödlichen Verlauf nimmt. Grundsätzlich werde jeder eingelieferte Tollwut-Patient zuerst in den Waschraum gebracht, wo die Wunde mehrere Minuten mit Seife gereinigt, gründlich gespült und mit Jod behandelt wird, berichtet die „dpa“ unter Berufung auf die Krankenschwester Sunil Yadav. Auf diese Weise lasse sich die Viruslast um bis zu 80 Prozent verringern. Anschließend werde den Patienten das Tollwut-Immunglobulin injiziert – direkt im Umfeld der Wunde und in den Arm, so Yadav weiter. Damit solle verhindert werden, dass die Viren sich von der Wunde in das zentrale Nervensystem ausbreiten und eine tödliche Entzündung im Gehirn auslösen.

Antikörper nur in einer staatlichen Klinik der Hauptstadt vorrätig
Eigentliche sollte „jeder, der gebissen wird, ein Serum erhalten“, zitiert die „dpa“ den Mediziner Mukesh Naran, der das Tollwut-Projekt im Maharishi-Valmiki-Hospital Krankenhaus leitet. Allerdings ist die Klinik das einzige staatliche Krankenhaus der 25-Millionen-Einwohner-Stadt, in dem die Antikörper dauerhaft vorgehalten werden. Dies liege am Preis, denn „eine Flasche mit Serum kostet 5.000 Rupien (64 Euro)“, erläuterte der Arzt gegenüber der „dpa“. Patienten, die von einem infizierten Tier gebissen wurden, müssen laut Aussage des Mediziners oftmals einige Beschwerlichkeiten auf sich nehmen, um überhaupt in die Klinik zu gelangen, weil das Krankenhaus sich rund 35 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt befindet. „Die Menschen kommen mit Bussen, Auto-Rikschas, Autos, Fahrrädern oder laufen zu uns“, zitiert die Nachrichtenagentur die Aussage des Arztes. Krankenwagen zur Überführung der Patienten aus anderen Kliniken seien nicht verfügbar. In den verschiedenen privat geführten Kliniken Neu Delhis müssten die Patienten für die Behandlung jedoch selbst bezahlen, was den meisten Betroffenen nicht möglich sei.

Hunde-Immunisierung zur Eindämmung der Tollwut?
Eine vorbeugende Tollwutimpfung ist laut Aussage der Mediziner für eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung in Indien zu aufwendig und kostspielig. Denn die Impfstoff ist relativ teuer und die Immunisierung müsse über mehrere Injektionen an verschiedenen Tagen erfolgen. Zudem bedürfe es alle zwei bis fünf Jahre einer Auffrischung der Impfung. „Also wird versucht, die Gefahr durch die Tiere einzudämmen“, zitiert die „dpa“ den Geschäftsführer der Tollwut-Stiftung in Asien, Ashwath Narayana. Da das Töten der Straßenhunde seit dem 2001 gesetzlich untersagt sei „werden die Hunde – vor allem in den urbanen Zentren – eingefangen, geimpft, sterilisiert, und wieder freigelassen“, so Narayana weiter. Diese Art der Hunde-Immunisierung wurde mit Unterstützung der WHO bereits in Südostafrika praktiziert. Allerdings bleiben in Indien angesichts der extremen Größe der Hundepopulation durchaus Zweifel an den Erfolgschancen. So müssten 80 Prozent der Straßenhunde gegen Tollwut immunisiert werden, um in einer der Megastädte gegen Tollwut anzukommen, erläutertet Gadey Sampath, Arzt am Institut für Präventionsmedizin in Hyderabad, gegenüber der „dpa“. Auch bedürfte es jährlich einer Erneuerung des Impfschutzes, was nur im Rahmen einer landesweiten, koordinierten Aktion umzusetzen wäre, betonte Sampath. Doch werde die Tollwut in Indien nicht als Epidemie betrachtet. So wird das Land mittelfristig vermutlich auch weiterhin mit bis zu 20.000 Tollwut-Todesfällen pro Jahr das Hauptverbreitungsgebiet der Tollwut bleiben. (fp)

Bild: Karl-Heinz Laube / pixelio.de