Zu viele Patienten nutzen die Notfallversorgung für Kleinigkeiten

Volker Blasek

Analyse zeigt aktuellen Zustand deutscher Notaufnahmen

Eine aktuelle Analyse, die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Auftrag gegeben wurde, ergab, dass in den Notaufnahmen der Krankenhäuser zunehmend Patienten sitzen, die objektiv gar keine Notfälle sind. Dieser Trend belastet der Analyse zufolge das Gesundheitssystem immens. Das Resultat: Weniger Zeit und Aufmerksamkeit für echte Notfälle, überlastetes Krankenhauspersonal und vermeidbare Zusatzkosten.


Das Leibniz Institut für Wirtschaftsordnung (RWI ) analysierte diese Thematik für die KBV. Der erkennbare Trend zeige, dass immer mehr Menschen die Notaufnahme als Alternative zum Arztbesuch nutzen. Ein Teil der Patienten halte sich tatsächlich für einen Notfall, anderen passt ein Arztbesuch nicht in den Terminkalender oder den nächsten freien Termin beim Facharzt gibt es erst in drei Monaten. Der vollständige Bericht „Notfallversorgung in Deutschland“ lässt sich auf der Webseite der KBV einsehen.

Viele Patienten in den Notaufnahmen zählen aus Expertensicht nicht zu den Notfällen. Dies könnte zukünftig durch eine Allgemeinmediziner oder durch ein Telefonat überprüft werden. (Bild: schulzfoto/fotolia.com)

Warum auf einen Arzttermin warten, wenn es Notaufnahme gibt?

„Die Ergebnisse der Untersuchung verdeutlichen, dass eine Reform der Notfallversorgung in Deutschland dringend notwendig ist“, berichtet Professor Dr. Andreas Beivers, Gesundheitsökonom an der Hochschule Fresenius, der an der Analyse mitarbeitete. Ein zentrales Probleme, dass die Analyse verdeutlicht habe, sei die mangelnde Patientensteuerung.

Fehlende Steuerungsmechanismen

Laut Beivers fehlt es an Steuerungsmechanismen, die Patienten im Idealfall noch vor der Ankunft in der Notaufnahme beurteilen. Dadurch könne die richtige Versorgung sichergestellt werden. „Mehrere Nachbarländer haben in den letzten Jahren Reformen durchgeführt, unter anderem mit dem Ziel, die Zahl der unangemessenen Notfallabteilungsbesuche zu verringern“, so Beivers. So habe beispielsweise Dänemark seit einigen Jahren die Patientensteuerung ausgebaut und dabei auch telefonische Beratungsangebote etabliert.

Beispiel Dänemark

Seit 2014 verfügen Patienten in Dänemark über einen eingeschränkten Zugang zu Notfallzentren. Patienten, die selbstständig eine Notaufnahme aufsuchen möchten, benötigen eine Überweisung von einem niedergelassenen Allgemeinarzt oder eine Registrierung über den Notruf. „Wenn sie das nicht beachten, kann es zu nicht unerheblichen Zuzahlungen kommen“, erläutert Beivers. Er schlägt ein ähnliches Modell auch in Deutschland vor.

Ärztlicher Telefondienst 116117

Weiterhin schlägt Beivers vor, den Bekanntheitsgrad der Rufnummer 116117 zu steigern. Dieser telefonische ärztliche Bereitschaftsdienst kann auch medizinische Hilfe in der Nacht, am Wochenende und an Feiertagen bieten und einschätzen, ob es sich tatsächlich um einen Notfall handelt. Die Telefonnummer 116117 funktioniert ohne Vorwahl und gilt deutschlandweit. Der Anruf ist sowohl für Festnetztelefone als auch für Handys kostenfrei.

Jede zweite Notaufnahme ist im Prinzip überflüssig

Die KBV berichtet, dass 736 Notaufnahme-Zentren nötig sind, um 99,6 Prozent aller Einwohner in Deutschland innerhalb eines Radius von maximal 30 Minuten Fahrzeit zu versorgen. Derzeit nehmen allerdings insgesamt 1.456 Krankenhäuser an der Notfallversorgung teil. „Das ist versorgungstechnisch sowie im Hinblick auf einen vernünftigen Ressourceneinsatz nicht sinnvoll“, kommentiert Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV in einer Pressemitteilung zu der Analyse.

Subjektiver Handlungsbedarf ist nicht gleich Notfall

„Die Bürgerinnen und Bürger suchen sich ihren Weg in das Versorgungssystem und gehen in die Notaufnahme auch dann, wenn es nicht notwendig ist“, fügt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KBV Dr. Stephan Hofmeister hinzu. Dies geschehe sowohl aus Unwissenheit als auch aus einer Komforthaltung heraus. In vielen Fällen handele es sich lediglich um einen subjektiv empfundenen dringenden Behandlungsbedarf.

Besseres Informationsangebot

„Deshalb müssen wir das Informationsangebot über die verschiedenen Versorgungsebenen ausbauen und die Bürgerinnen und Bürger mit Hilfe multimedialer Angebote dazu befähigen, sich die passende Anlaufstelle auszusuchen“, so Hofmeister. Auch er empfiehlt ein telefonisches Erstgespräch zur Einschätzung der Notlage. (vb)