Zungen-Schrittmacher kann Schnarchen besiegen

Heilpraxisnet

Schlafapnoe-Therapie: Zungen-Schrittmacher gegen Schnarchen

28.05.2014

Schnarchen ist für die Betroffenen nicht nur lästig, sondern kann auch gefährlich sein. Viele Menschen ringen im Schlaf nach Luft, ohne es zu wissen. Ein neuartiger Schrittmacher für die Zunge kann Abhilfe schaffen, allerdings nur für manche Schlafapnoe-Patienten.

Schnarchen kann gefährlich sein

Viele Menschen ringen im Schlaf nach Luft, ohne etwas davon zu wissen. Wer am Tag trotz regelmäßigen Schlafs mit Müdigkeit, Kreislaufschwäche oder Kopfschmerzen zu kämpfen hat, leidet möglicherweise an Obstruktiver Schlafapnoe (OSA). Dabei sackt die Zunge im Schlaf wegen der erschlaffenden Muskulatur zurück in den Rachen und versperrt die oberen Atemwege. Dies führt zu Schnarchen und Atempausen, bis Stresshormone den Körper aufgrund des Sauerstoffmangels wecken. Der ständig wiederkehrende Sauerstoffmangel schädigt mittelfristig die Blutgefäße und kann zu Bluthochdruck führen. Das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigen, die Unfallgefahr nimmt zu. Etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sollen so nachts nach Luft ringen. Betroffen seien vor allem übergewichtige Männer im mittleren Lebensalter.

Zungen-Schrittmacher nur für kleinen Teil der Betroffenen

Für einen kleinen Teil der Betroffenen könnte künftig ein Zungen-Schrittmacher („Upper Airway Stimulation“), der die Mechanik des Atemvorgangs stimuliert, medizinische Abhilfe schaffen. Das Gerät, das unter dem Schlüsselbein implantiert wird, misst mittels eines Sensors zwischen den Rippen den Druck der Lunge und kurz vor dem Einatmen sendet es per Kabel ein Signal an einen Hirnnerv unter der Zunge. Der elektrische Impuls sei für den Patienten nur leicht beziehungsweise gar nicht spürbar. Diese „milde Stimulation“ verhindert das Erschlaffen der Muskulatur. „Der Patient atmet dadurch im Schlaf wieder regelmäßig“, so Joachim Maurer von der Universitäts-HNO-Klinik Mannheim. Ärzte testen die Technologie bereits seit einigen Jahren an Patienten. Maurer zufolge kommen derzeit jedoch nur ein bis zwei Prozent von ihnen dafür infrage.

Viele Patienten sind bisher nicht behandelt

Zum Auftakt der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie (DGHNO KHC) stellte er am Dienstag in Dortmund die erste große internationale Studie zur Wirksamkeit der Behandlung vor. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden auch im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht. Demnach verringern sich die Atemaussetzer mit dem Schrittmacher bei den speziell ausgewählten Patienten um 68 Prozent und der Sauerstoffabfall im Blut um 70 Prozent. Die Tagesschläfrigkeit nimmt ab und die Lebensqualität verbessert sich. Maurer erklärte: „Fast die Hälfte aller Patienten ist bisher nicht ausreichend oder überhaupt nicht behandelt.“ Der Grund dafür sei, dass die bisher angewandte Therapie mit nächtlich zu tragenden Atemmasken („Continuous Positive Airway Pressure“) vielen Patienten zwar hilft, doch für manche sei die Prozedur derart unangenehm, dass die Geräte häufig im Schrank verschwinden.

Immenser und teurer Eingriff

Im Rahmen der Studie waren insgesamt 124 Patienten international behandelt worden, unter anderem in Deutschland, Russland und den USA. Maurer fasst die Ergebnisse der Studie zusammen: „Bei 70 Prozent zeigt die Behandlung genau so gute Ergebnisse wie die Atemmasken, bei 20 Prozent zeigt sich Besserung, die noch optimierbar ist – bei lediglich zehn Prozent der Patienten schlägt die Behandlung nicht an.“ Betroffene beim Allgemeinen Verband Chronische Schlafstörungen Deutschland (AVSD) sind bislang jedoch skeptisch. „Das ist ein immenser Eingriff in den Körper und dazu extrem teuer – wobei unklar ist, ob die Krankenkassen die Behandlung jemals bezahlen werden“, meinte Hartmut Rentmeister, Vorstand des Verbandes, der 4.000 in Selbsthilfe organisierte Patienten vertritt. Pro Behandlung werden die Kosten auf etwa 20.000 Euro geschätzt. „Außerdem kann das Gerät nur bei einer ganz bestimmten Patientengruppe eingesetzt werden“, so Rentmeister.

Viele Ausschlusskriterien für den Zungen-Schrittmacher

Dass nur wenige Betroffene mit dem Zungen-Schrittmacher behandelt werden können, räumte auch Maurer ein. Auch wenn die Obstruktive Schlafapnoe eines der verbreitetsten Krankheitsbilder innerhalb der schlafbezogenen Atmungsstörungen ist, komme die Therapie aber nur für Patienten infrage, die die Standardtherapien wie Atemmasken oder Kieferschienen nicht vertragen würden. Darüber hinaus gebe es weitere mögliche Ausschlusskriterien, wie zu große Mandeln, zu kleine Kiefer oder Herzschwäche. Patienten dürften auch keine Lungenkrankheit, keinen Herzschrittmacher und kein übermäßiges Übergewicht (Adipositas) haben. Zudem sei die zentrale Schlafapnoe, bei der das Atemzentrum betroffen ist, ebenfalls nicht auf diesem Wege behandelbar. Auch wenn eine akribische Vorauswahl der Patienten für die guten Ergebnisse der Studie verantwortlich sei, ist Maurer optimistisch, dass mit fortschreitender Forschung bald auch weitere Patienten für die Behandlung infrage kommen und somit möglicherweise langfristig auch die Kosten sinken könnten. Die Kostenübernahme sei derzeit durch die gesetzliche Krankenkasse aber noch an die Teilnahme an weiterführenden Studien gebunden. (sb)

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