Zusatzbeiträge 2012 bei fast allen Krankenkassen?

Fabian Peters

Krankenversicherungen: Zusatzbeiträge ab 2012 „auf breiter Front“.

(14.09.2010) Die Kosten im Gesundheitssystem explodieren weiter und erreichen ein Maß, dass nach Ansicht von AOK-Chef Herbert Reichelt bereits ab 2012 die Erhebung von Zusatzbeiträgen auf "breiter Front" erforderlich macht. Nach Aussage des Fachmanns sind nicht zuletzt die stetig steigenden Behandlungskosten für das drohende Defizit verantwortlich. Wobei eine aktuelle Umfrage des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) ergeben hat, dass etwa 8 Prozent der gesetzlich Versicherten ohnehin den Eindruck haben, dass sie bei Arztbesuchen zu umfangreich untersucht und behandelt werden.

Im kommenden Jahr können fast alle gesetzlichen Krankenkassen aufgrund der geplante Erhöhung des Beitragsatzes von 14,9 auf 15,5 Prozent und der zusätzlichen Sparmaßnahmen noch ohne Erhebung von Zusatzbeiträgen auskommen. Ab 2012 werden nach Ansicht der Experten jedoch die meisten gesetzlichen Krankenversicherungen Zusatzbeiträge einführen müssen. Die massiv steigenden Kosten sind anders kaum aufzufangen, wobei die aktuelle Studie des WIdO nahelegt auch auf Ebene der Behandlung und Untersuchung mit Sparmaßnahmen anzusetzen.

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Die Patientenquittung bietet hier nach Ansicht der Experten einen guten Ansatz, um auch von Seite der Versicherten eine bessere Kostenkontrolle bei Behandlungen und Untersuchungen zu erreichen. So forderte auch der Gesundheitsexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Stefan Etgeton, im Interview mit der „Rheinischen Post“, dass die Patientenquittung mehr beworben wird, denn „wir brauchen mehr Transparenz im System." Dabei solle dies jedoch keine Ausdruck des generellen Misstrauens gegen Ärzte sein, sondern lediglich für mehr Übereinstimmung zwischen den Erkrankungen der Patienten und den ärztlichen Diagnosen sowie der anschließenden Behandlung sorgen. Auf der Patientenquittung wird die Diagnose des Arztes und seine Therapien eindeutig vermerkt. So können Patienten, die das Gefühl haben unnötig behandelt oder untersucht worden zu sein, sich mit der Patientenquittung an die unabhängige Patientenberatungen, die eigene Krankenkasse oder auch an die Kassenärztliche Vereinigung wenden. Diese können in den meisten Fällen exakt feststellen, ob die verzeichnete Diagnose und Behandlung bei den genannten Symptomen bzw. Erkrankungen des Versicherten angebracht war. Die Umfrage des WIdO ergab jedoch auch, dass etwa 80 Prozent der Versicherten generell mit ihrer ärztlichen Behandlung zufrieden waren.

Mit der momentane Struktur des Gesundheitssystem zeigten sich hingegen nur 30 Prozent der Befragten zufrieden und fast zwei Drittel Zweidrittel gehen davon aus, dass in Zukunft die Leistungen ihrer Krankenversicherung abnehmen wird. So fordern auch die Vertreter der gesetzlichen Krankenkassen eine Strukturreform des gesamten Systems. Das drohende Defizit für 2012 erfordert ein Handeln der Politik, betont der AOK-Bundesvorsitzende Reichelt und erwartet, dass die Krankenkassen mehr Verhandlungsfreiheiten beim Abschluss preisgünstiger Verträge mit Ärzten, Krankenhäusern und Pharmafirmen erhalten. Die gesetzlichen Versicherungen sehen sich einem immer stärkeren Wettbewerbsdruck ausgesetzt, bei dem die Erhebung von Zusatzbeiträgen einen eindeutigen Nachteil darstellt. So versuchen fast alle gesetzlichen Versicherungen bisher auf derartige Beiträge zu verzichten, da ihnen sonst massive Mitgliederverluste drohen.

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Für viele gesetzliche Krankenversicherungen setzt mit der Einführung von Zusatzbeiträgen ein Teufelskreis aus Zusatzbeiträgen, Mitgliederverlusten, wachsendem Defizit und erneuten Zusatzbeiträgen ein, den sie nur schwer durchbrechen können. Erst wenn Zusatzbeiträge den Planungen der schwarz-gelben Bundesregierung entsprechend ein fester Bestandteil des System sind und jede Versicherung diese erhebt, ließe sich die beschriebene Entwicklung vermeiden. Bis dahin werden die gesetzlichen Versicherungen jedoch alles tun, um nicht in den Teufelskreis der Zusatzbeiträge zu geraten. So ist es ein wesentliches Ziel der momentanen Fusionen unter den gesetzlichen Krankenversicherungen, durch Kostensenkungen die Erhebung von Zusatzbeiträgen zu vermeiden. Aufgrund der Entwicklung werden nach Ansicht der Experten, wie AOK-Vize-Chef Jürgen Graalmann, von den derzeit noch 163 gesetzlichen Krankenkassen in vier bis fünf Jahren nur noch rund 50 Kassen übrig sein.

Obwohl viele gesetzliche Krankenversicherungen (GKV) bereits das Limit ihrer finanziellen Belastbarkeit erreicht haben, plant Bundesgesundheitsministers Philipp Rösler (FDP) mit verschiedene Maßnahmen, den Wettbewerbsdruck auch aus Richtung der privaten Krankenversicherungen (PKV) weiter zu erhöhen. So sollen z. B. Zusatztarife gestrichen, die bisher den gesetzlichen Krankenkassen vorbehaltenen Pharmarabatte auf die PKV´s ausgeweitet und der Wechsel zwischen PKV und GKV erleichtert werden. Damit nimmt die Bundesregierung immer mehr Abstand vom bisher gültigen Solidarprinzip, welches im Rahmen der aktuellen WIdO Befragung von 71 Prozent der Versicherten positiv beurteilt wird. Die Situation im Gesundheitssystem spitzt sich weiter zu, da häufig grundsätzlich gegenläufige Interessen verfolgt werden. Dabei wäre ein klares Bekenntnis zu den gesetzlichen Versicherungen und eine Neuregelung der Kostenstruktur dringend geboten. (fp)