Zweifel an der Krebs-Vorbeugung mit ASS

Fabian Peters

Experten äußern Zweifel an der Krebs-Vorbeugung mit ASS: Die medizinische Fachwelt reagiert skeptisch auf die angebliche Krebs-Vorbeugung mit dem ASS Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS).

10.12.2010

Die aktuelle Veröffentlichung einer Studie britischer Forscher im Fachmagazin „The Lancet“, bei der dem Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) eine krebsvorbeugende Wirkung zugesprochen wurde, hat weltweit unter Medizinern für großes Aufsehen gesorgt. Doch nach der anfängliche Euphorie wächst mittlerweile die Skepsis. Zahlreiche Experten melden sich zu Wort und weisen auf gravierende Mängel der veröffentlichten Studie hin.

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Die britischen Forscher um den Neurologen Peter Rothwell von der Universität Oxford hatten acht Studien mit über 25.000 Teilnehmern ausgewertet und kamen zu dem Ergebnis, dass eine regelmäßige geringe Dosis Aspirin, das Risiko für zahlreiche Krebsarten deutlich verringert. Abhängig vom Tumortyp sei das Krebsrisiko durch die Einnahmen von täglich mindestens 75 Milligramm Aspirin um 20 bis 35 Prozent zurückgegangen, bei Speiseröhrenkrebs sogar um 60 Prozent und bei Dickdarmkrebs um 40 Prozent , berichteten die Forscher im „The Lancet“-Artikel. Das internationale Interesse der medizinischen Fachwelt war angesichts des überraschenden Ergebnisses groß und es wurden bereits erste Gedankenspiele zum vorbeugenden Einsatz von ASS gegen Krebs angestellt. Doch mittlerweile wachsen die Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Studienergebnisse, denn zahlreiche Fachleute bescheinigen der Studie erheblich Mängel.

So habe das Team um den Neurologen Peter Rothwell zum Beispiel sein Aussage, dass ASS das Risiko, an Lungen- oder Prostatakrebs zu sterben, in 20 Jahren um 20 Prozent senken könne lediglich auf einen Beobachtungszeitraum von vier Jahren gestützt, erklärte Raymond DuBois vom Anderson Krebszentrum der Universität von Texas. Auch sei nicht überprüft worden, ob die dafür vorgesehenen Teilnehmer täglich mindestens 75 Milligramm des Aspirin-Wirkstoffs einnahmen bzw. ob die anderen Teilnehmer der Kontrollgruppe, welche nur Scheinmedikamente erhalten sollten, tatsächlich gänzlich auf Aspirin verzichteten, so ein weiterer Vorwurf des Experten. Außerdem waren sämtliche acht Studien ursprünglich nur dafür angelegt, die Auswirkungen der ASS-Einnahme auf das Herzrisiko zu untersuchen, nicht auf des Krebsrisiko, erklärte DuBois. So wurden Faktoren, die für eine erhöhte Krebsgefahr sprechen, wie zum Beispiel eine familiäre Vorbelastung, bei den den Teilnehmern nicht erfasst. Daher ist die vorliegende Studie nach Ansicht von Raymond DuBois nicht geeignet, um langfristige Rückschlüsse auf die Tumorgefahr zu ziehen. „Auf Grundlage dieser Studie sollte man ganz bestimmt keine Therapieentscheidung treffen“, betonte DuBois.

Auffällig war nach Ansicht der Kritiker auch, dass in der britischen Studie bei den Frauen, welche rund ein Drittel der Teilnehmer bildeten, durch die Einnahme von ASS keine Reduzierung des Krebsrisikos festgestellt werden konnte. Bereits frühere Untersuchungen der American Cancer Society seien zu einem ähnlichen Ergebnisse gekommen, wonach davon auszugehen ist, dass Aspirin bei den meisten Krebsarten keinen schützenden Effekt entfaltet – Lungenkrebs bilde hier die Ausnahme. Denn auch die älteren Studien mit über 40.000 amerikanischen Frauen hätten eine leichte Reduzierung des Lungenkrebsrisikos festgestellt, erklärten die Kritiker des aktuellen „The Lancet“-Artikels.

Der Epidemiologe Eric Jacobs von der Amerikanischen Krebsgesellschaft war mit seiner Kritik an den aktuellen Ergebnissen ein wenig zurückhaltender als sein Kollege vom Anderson Krebszentrum und erklärte die Resultate als durchaus plausibel. Jacobs verwies jedoch darauf, dass eine US-Expertenkommission Menschen mit normalem Krebsrisiko explizit von der präventiven ASS-Einnahme abrät, da das Mittel zum Beispiel die Blutgerinnung beeinträchtigte und Blutungen im Verdauungstrakt hervorrufen könne.

Der Krebsexperte Ed Yong von der Organisation Cancer Research UK äußerte angesichts der der präventiven ASS-Einnahme ebenfalls Zweifel: „Die Vor- und Nachteile von Aspirin gegeneinander abzuwägen ist sehr wichtig, und das sollte auf individueller Basis erfolgen“, betonte Yong und ergänzte: „Wer überlegt, regelmäßig Aspirin zu nehmen, sollte zuerst mit seinem Arzt sprechen“. Eine präventiven ASS-Einnahme sehen die meisten Mediziner, nicht zuletzt aufgrund er möglichen Nebenwirkungen, in jedem Fall äußerst kritisch. Außerdem scheinen bei der aktuellen Studie der britischen Forscher auch aus einem anderen Grund Zweifel geboten. Denn sechs der sieben Autoren des „The Lancet“-Artikels haben eine guten Draht zur Pharmaindustrie und standen in der Vergangenheit auf der Gehaltsliste von Pharmaunternehmen, die den Aspirin-Wirkstoff ASS und ähnliche Arzneimittel produzieren. Eine Verbindung die angesichts des aktuellen Artikels, durchaus kritisch zu bewerten ist. (fp)