Alt Werden durch Gene oder gesundes Leben?

Warum werden manche Menschen "steinalt"? Bild: Robert Kneschke - fotolia
Dr. Utz Anhalt
Alt werden: Gene oder ein gesundes Leben?
Methusalem in der Bibel soll 979 Jahre alt geworden sein. So alt wird kein wirklicher Mensch, aber Camelo Flores aus Bolivien erreichte immerhin 123 Jahre, nachdem er am 16. Juli 1890 zur Welt kam; er lebte somit zwölf Jahre mehr als der älteste US-Amerikaner, Alexander Imich, der mit 111 Jahren starb. Doch zweifelsfrei belegt ist Flores Alter nicht – im Unterschied zur Französin Jeanne Calment, die 1997 im Alter von 122 Jahren starb. Heute gilt die US-Amerikanerin Susannah Mushatt Jones, geboren am 6. Juli 1899, als ältester Mensch.

Mythische Methusalems

Viele Menschen sollen angeblich wesentlich älter geworden sein: Der Engländer Thomas Parr starb 1635 nach Angaben seiner Zeitgenossen mit 152 Jahren; der Deutsche Martin Kaschke 1727 laut den Quellen mit 117. Joseph Brunner segnete 1827 mit vermeintlich 120 Jahren das Zeitliche, und Therese Fiedler von Hülsenstein soll 1876 immerhin 119 Jahre geschafft haben.

Warum werden manche Menschen "steinalt"? Bild: Robert Kneschke - fotolia
Warum werden manche Menschen „steinalt“? Bild: Robert Kneschke – fotolia

Historiker fanden indessen heraus, dass Brunner in Wirklichkeit nur 88 wurde. Erst seit dem 19. Jahrhundert gibt es in vielen Staaten Geburtsurkunden, die ein hohes Alter vom Reich der Mythen auf den Boden der Realität stellen.

Der erste Mensch, der zweifelsfrei 110 Jahre alt wurde, war der Holländer Geert Adriaas Boomgard. Er kam 1788 in Groningen zur Welt und starb 1899 in seinem Geburtsort. 1792 erblickte Margaret Ann Neve in Guernsey zur Welt und starb 1903 – damit ist sie die erste belegte 110jährige Frau. Delina Filkins aus New York starb 1928 im Alter von 113 Jahren und hielt diesen Rekord 50 Jahre.

Doch auch im 20. Jahrhundert ließen sich manche Rekorde nicht aufrechterhalten. So nannte das Guiness-Buch der Rekorde 1980 den US-Amerikaner Charlie Smith als ältesten Menschen. Er gab an, dass ihn Sklavenhändler 1854 aus Afrika in die USA verschleppt hätten – ein Urkunde von 1854 schien das zu bestätigten. 1980 tauchte aber Smith Heiratsurkunde auf, die sein Alter auf 104 korrigierte.

Manche Altersrekorde fallen in das Milieu von Ufo-Gläubigen, denen auf obskure Art das angebliche Foto verschwindet, das die vermeintlichen Außerirdischen zeigt: Die Indonesierin Turinah Masih Sehat Sehat zum Beispiel machte sich 2010 als angeblich 157jährige einen Namen. Doch ihre Dokumente hatte sie angeblich 1965 zerstört, um nicht als vermeintliche Kommunistin im Gefängnis zu landen.

Die Kubanerin Juana Bautista de la Candelaria hingegen hatte einen Ausweis mit dem Geburtsjahr 1885 – eine plumpe Fälschung. Unter der 1885 ließ sich unschwer das überschriebene 1913 erkennen.

Gesund bis ins höchste Alter

Einige tausend Menschen, die über 110 wurden, sind jedoch historisch belegt – und es dürfte viel mahr gegeben haben. Diese ältesten Menschen beschäftigen die Wissenschaft. Enthalten ihre Lebensweise, ihre Umwelt und ihre Gene vielleicht Informationen, die auch anderen Menschen zu einem längeren Leben verhelfen?

Generell werden die ältesten Frauen älter als die ältesten Männer. Wissenschaftler erklären dies mit den gleichen Ursachen wie die durchschnittliche Lebenserwartung, die bei Frauen ebenfalls höher ist.

Biologische Ansätze sehen die männlichen Hormone am Werk, die den Körper schneller verschleißen. Dafür spricht, dass Eunuchen, denen das Testosteron fehlt, im Schnitt länger leben als potente Männer.

Wachstumshormone und männliche Geschlechtshormone verkürzen demnach das Leben. Eine These sagt zudem, dass die weibliche Menstruation Schadstoffe, Schwermetalle und Eisen aus dem Körper entfernt. Außerdem soll das doppelte X-Chromosom der Frauen vor Erbkrankheiten und frühzeitigem Tod schützen.

Soziologische und psychologische Theorien vermuten eher die traditionelle Rollenverteilung. Männer leiden demnach unter Tätigkeiten, die dem Köper schaden: Sie verzehren ihre Kräfte in ihrer Rolle als Versorger, sie sterben und ziehen sich Verletzungen im Krieg zu, sie übernehmen gefährliche Arbeiten mit Langzeitfolgen für die Gesundheit; sie gehen bei Krankheiten seltener zum Arzt; sie rauchen und trinken mehr.

Wo leben die ältesten Menschen?

Die meisten Uralten kommen aus den reichen Ländern, aus Europa, den USA und Japan. In den Entwicklungsländern sind wenig Altersrekorde bekannt – mit Einschränkungen. Bergregionen Chinas, Aserbaidschan und andere Regionen des Kaukasus sind seit Jahrhunderten für ihre hohe Anzahl an extrem Alten berühmt, und auch Abchasien ist für seine Greise und uralten Frauen bekannt.

Allerdings sind zum Beispiel in Aserbeidschan die Angaben fraglich. So behauptete der Schäfer Shirali Muslimov 1973 168 Jahre alt zu sein. Als Beleg diente eine Geburtsurkunde von 1805.

In der Provinz Nuoro auf Sardinien leben besonders viele sehr alte Menschen, ebenso in Oinawa und Kyotango in Japan.

Für die Altersrekorde in den Industrieländern gibt es vermutlich ähnliche Ursachen wie für die durchschnitllich ebenfalls sehr hohe Lebenserwartung. Wer heute in Spanien, Deutschland oder den Niederlanden zur Welt kommt, hat statistisch gute Chancen, 20 Jahre älter zu werden als seine Urgroßeltern – die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei über 80 Jahren. In Bangladesch oder Tansania beträgt sie nicht einmal die Hälfte.

In Deutschland verdoppelte sich die durchschnittliche Lebenserwartung von 1880 bis 2007, mehr noch: Männer werden heute 76, 6 Jahre im Durchschnitt statt 35,6, Frauen sogar 82,1 statt 38,5. Jedes Jahr steigt die Lebenserwartung um drei Monate. Die Ursachen sind unbestritten medizinische Fortschritte und besssere Hygiene sowie gesündere Arbeitsbedingungen.

Mangelhafte medizinische Versorgung, Krankheiten, defizitäre Ernährung, fehlende Aufklärung, Kriege und schlechte hygienische Verhältnisse sorgen dafür, dass in der Dritten Welt nur wenige 100 Jahre alt werden und somit viel weniger als in den Industrieländern überhaupt in den Kreis der Superalten gelangen können: Gegen Völkermord hätten auch die Gene von Alexander Imich nichts ausrichten können, und Jeanne Calment hätte ihr Alter nie erreicht, wenn sie bei einem Tsunami ertrunken wäre.

Auch die mangelnde Datenbasis spielt eine Rolle. Geburts- und Todesjahr werden in den Industriestaaten akribisch erfasst, im Kongo, Kambodscha oder bei den Yanomani im Amazonasbecken ist das nicht der Fall.

Die generell besseren Bedingungen in den Industrieländern erklären aber nicht Uralte in Pakistan oder dem Kaukasus. Denn hier herrscht das Gegenteil von umfassender medizinischer Versorgung und guter Hygiene.

Genetische Dispositionen?

Sehr alte Menschen gab es in allen Gesellschaften und in allen Jahrhunderten. In Familien von Hundertjährigen erreichen viele Angehörige ebenfalls ein hohes Alter – das spricht für eine genetische Disposition. So wurde die US-Amerikanerin Rosabell Zielke Champion Fenstemaker 111 Jahre als, bals sie 2005 starb. Ihre Mutter, Mary P. Romeri Zielke Cota, starb im gleichen Alter 1982. Rosabells Schwestern Edna, Edith und Marjoire wurden 99, 100 und 102 Jahre alt.

Die „Methusalems“ in den Industriestaaten sprechen jedoch gegen eine ethnische Disposition zum langen Leben: Es gibt zwar proportional mehr superalte US-Amerikaner als Staatsbürger Ugandas, doch darunter fallen Hispanics ebenso wie Afroaamerikaner, US-Bürgerinnen mit japanischen Wurzeln ebenso wie Native Americans.

Über Hundertjährige durchbrechen die Regeln des Alterns. Generell zählen Krebs, Demenz, Alzheimer, Parkinson oder Herzkrankheiten zu den typischen Krankheiten der späten Lebensphasen. Nicht aber bei den Uralten: Ab dem Alter von 85 nimmt die Zahl der Krankheiten ab – die extrem Alten altern dann offenbar langsamer als die normal Alten. Sie bleiben meist von den altersbedingten Krankheiten verschont.

Manche von ihnen verhöhnen sogar die Lehren für ein gesundes Leben, das zu hohem Alter führt: Jeanne Calment starb mit 122 und hatte doppelt so lange geraucht, wie viele Menschen, die ein gesundes Leben führen, leben. Dazu trank sie Portwein in Mengen.

Wissenschaftler der Universität Boston verglichen das Genmaterial von Uralten mit „normal Alten“ und fanden 150 Unterschiede im Genom. Diese Mutationen gehörten zudem zu 19 genetischen Signaturen, die viele dieser extrem Alten gemeinsam hatten. Einige dieser Signaturen sind bekannt für das Entstehen altersbedingter Krankheiten.

Die über Hundertjährigen brechen aus den generellen genetischen Dispositionen aus. Bei „Normalmenschen“ spielt die genetische Basis nur zu circa 20 % eine Rolle. Viel wichtiger ist die Lebensführung: Wer nicht raucht, sich gesund ernährt, nicht zuviel isst und wenig Alkohol konsumiert, außerdem regelmäßig, aber nicht extrem Sport treibt, stellt damit die Weichen über 80 zu werden – nicht aber über 100.

Über-Hundertjährige werden nicht nur sehr alt, sondern auch selten krank. Dabei haben sie ebenso krankheitsassoziierte Gene wie die Frühsterblichen. Doch setzen sich vermutlich die genetischen Dispositionen für ein langes Leben gegenüber den Genen durch, die Krankheiten begünstigen. Zum Beispiel trug eine Hundertjährige das „Brustkrebsgen“ BRCA-1. Davon Betroffene erkranken mit hoher Wahrscheinlichkeit ab dem 40. Lebensjahr an Brustkrebs – sie nicht.

Gesundes Leben?

Besonders viele Uralte gibt es auf der griechischen Insel Ikaria, auf Sardinien und im japanischen Okinawa.

Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut in Rostock sagt: „Auffallend viele hochaltrige Menschen gibt es in einigen Gegenden von China, in Japan oder im Hunza-Tal in Pakistan, auch in Sardinien leben extrem viele sehr alte Männer.“

Die Menschen in diesen Regionen haben einige Gemeinsamkeiten:

– Die Rate an Herzkreislauf-Versagen ist sehr gering.

– Auch sehr alte Menschen arbeiten und leben im eigenen Haushalt, ein Drittel lebt in der Familie und nur jeder dritte 100jährige ist pflegebedürftig.

– Die Uralten sind also nicht nur alt, sondern auch in ihrer letzten Lebensphase meist noch gesund und selbstständig.

Die uralten Menschen leben vor allem in Dorfgemeinschaften. Sie haben weder die Möglichkeiten der modernen Apparatemedizin, noch suchen sie häufig einen Arzt auf.

Sehr alte Menschen in traditionellen Gesellschaften ähneln sich in Bewegung, sozialem Umfeld und Ernährung. Zum Beispiel handelt es sich oft um Hirten und Bauern in Bergregionen. Diese Menschen arbeiten jeden Tag körperlich im Freien – und das seit ihrer Kindheit.

Ihre Möglichkeiten, den Lebensweg zu wählen, sind eingeschränkt. Bei Krankheiten vertrauen sie auf Hausmittel und mündlich überlieferte Methoden, die wir hier als Naturheilkunde bezeichnen. Ihre Nahrung besteht aus Feldfrüchten und wenig Fleisch; sie nehmen kaum industriell hergestellte Lebensmittel zu sich, sondern Tomaten, Kartoffeln und Erbsen vom eigenen Hof.

Die Täler des Kaukasus, die Berge Sardiniens und die Dörfer Ithakas ähneln sich: Sie haben ein mildes Mikroklima, eine regionale Kücke mit wenig Fleisch, viel Obst und Gemüse und ein Lebensstil ohne der Stress der modernen Großstädte.

In Sardinien besteht die Nahrung zum Beispiel aus der mediterranen Küche, die Ernährungswissenschaftler empfehlen: Vollkornbrot, Schafs- und Ziegenkäse, Oliven, Zucchini, Zwiebeln und Hülsenfrüchte, Oregano und Rosmarin, gelegentlich Fisch und selten Lamm-, Ziegen- oder Schweinefleisch.

Im Kaukasus sind Gemüseeintöpfe die Regel, Äpfel, Granatäpfel, Oliven, Knoblauch und frische Kräuter, dazu geschmolzene Butter, Joghurt, Schafskäse und Buttermilch. Allerdings ernähren sich die für ihr hohes Alter legendären Talyschen in Aserbeidschan kalorienreich. Auf dem Speiseplan stehen vor allem fettes Hammelfleisch, Brot und vor allem Milchprodukte.

Die Ernährung scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Bild: M.Studio - fotolia
Die Ernährung scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Bild: M.Studio – fotolia

Der sehr alte Sohn der noch viel älteren Talyschin Mizayeva erklärt das lange Leben mit der sozialen Geborgenheit: „Die Alten genießen in unserer Kultur Hochachtung. Sie leben inmitten der Großfamilie, werden geliebt, umsorgt und sind glücklich.“

Die Psyche spielt eine wesentliche Rolle dabei, ob wir gesund sind – an Körper und Seele. Das ist unbestritten. Die Lebenserwartung von Menschen aus dysfunktionalen Beziehungen leidet: Sie entwickeln psychosomatische Symptome, darunter Störungen wie Borderline oder Depressionen, die sie wiederum in die Selbstzerstörung treiben. Auch starben diverse Alte kurz nachdem ihr Ehepartner verschied.

Leben Uralte in traditionellen Gesellschaften also so lange, weil sie sozial integriert sind, einen Sinn im Leben finden und eine Aufgabe haben?

Diese Vorstellung entspricht zwar den Sehnsüchten postmoderner Neurotiker, die diese soziale Wärme vermissen – empirische Untersuchungen stehen aber aus.

Logisch ist lediglich, dass den Methusalems, deren Alter einen Wert hat, ein Motiv fehlt, ihr Leben aktiv oder passiv zu beenden; dass sie nicht dahin siechen, weil ihre Angehörigen sie vernachlässigen, und dass sie psychisch gesund bleiben, weil sie nicht unter dem Stigma der Überflüssigen leiden.

Die Uralten in Okinawa, Sardinien, Pakistan und Aserbeidschan haben jedenfalls alle viele soziale Kontakte. Ob dies aber ein entscheidender Faktor im Vergleich zu unter Hundertjährigen ist, die isoliert im Altersheim leben, ist nicht belegt. Dafür wären tragfähige Studien vonnöten, die das Ausmaß und die Qualität sozialer Kontakte zwischen diesen Uralten und Alten in den Industrieländern vergleichen.

Die wissenschaftliche Erforschung des „Methusalem-Komplexes“ steht also am Anfang. Sie verspricht nicht nur Erkenntnisse über die Uralten, sondern auch über Faktoren, die bei den „Normalen“ Krankheiten beeinflussen, die letztlich zu einem früheren Tod führen. So hilft sie vielleicht auch uns Normalsterblichen zu einem längeren Leben. (Dr. Utz Anhalt)

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