Fabelwesen und Krankheiten

Dr. Utz Anhalt
Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer und die Fantasien von Fiebernden brachten Monster in die Welt. Psychose und Vergiftung schaffen Kreaturen wie ein Gott im Wahn. Doch liegen Fabelfiguren wie Werwölfen oder einäugigen Zyklopen auch wirkliche Krankheiten zu Grunde? Wanderten Wesen des Mythos in die moderne Medizin? Verführerische Sirenen gelangten auf ihrer Odyssee von der Antike in die Postmoderne und die Ziegenböcke der alten Griechen liegen mit dem Herzensbrecher Don Juan in der Psychiatrie.

Sexsüchtige Ziegenböcke

Wein im Übermaß hat gefährliche Folgen – und wo das Leben wuchert, kommt der Tod auf die Welt. Dionysos war für die Griechen der Gott des Rausches und der Fruchtbarkeit. Er verkörperte ebenso die kultivierte Natur, den Weinanbau, wie auch die unkontrollierte Natur, die entfesselte Lust, der auch das Töten kein Tabu ist.

Der historische Zusammenhang zwischen Fabelwesen und Erkrankungen. Bild: Kristin Gründler - fotolia
Der historische Zusammenhang zwischen Fabelwesen und Erkrankungen. Bild: Kristin Gründler – fotolia

Die Satyre saufen und tanzen mit dem Sexgott. Diesen Mischwesen wachsen Ziegenohren, Ziegenhörner und ein riesiger Penis: Die geilen Böcke stellen den Nymphen nach und ihre Gesichter übertreiben menschliche Züge; möglicherweise boten Affen ein Vorbild. Wer an ihrem Tanz teilnimmt, wird wahnsinnig. Das Satyrspiel meckerte über die Gesellschaft und formte so die heutige Satire.

Kranke Geilheit?

Den grotesken Phallus der Ziegenmänner übertrugen bereits die antiken Autoren auf übersteigerte Wollust; „Satyriasis“ bezeichnete solch sexuelles Leid, und der Arzt Aretaios skizzierte diese Qual: Von der „Satyriasis“ Befallene dünsteten demnach einen „bockartigen Geruch“ aus und trugen die Last einer Dauererektion. Aretaios war der mythologische Hintergrund bewusst, denn er schrieb: „ Die Krankheit hat den Namen „Satyriasis“ wegen der Ähnlichkeit mit der Figur des Gottes (Satyros sprich Dionysos).“ Dieser sexuelle Überdruck führte, laut Aretoais, in einer Woche zum Tod.

Ein römischer Arzt der Spätantike, Caelius Aurelianus, definierte die Plage ähnlich nebulös: „Die Satyriasis besteht in einer heftigen Begierde nach Geschlechtsverkehr unter starker Erektion infolge eines krankhaften Zustandes des Körpers.“ Welche Krankheit war gemeint? Wir wissen es bis heute nicht. Aurelianus kannte den Ursprung: „Genannt wird sie aber nach den Satyrn, die man sich als trunkene und zum Geschlechtsverkehr stets bereite Dämonen vorzustellen hat, oder auch nach der Wirkung einer Pflanze, die man „Satyrion“ nennt, denn diejenigen, die sie zu sich nehmen, werden unter Erektion der Geschlechtsteile zur sexuellen Begierde angeregt.“

Die Griechen kannten aber auch eine weniger erregte Satyriasis: Aristoteles bezeichnete derartig Hautausschlag hinter den Ohren. Die davon Geplagten ähnelten in seinen Augen den Bildern der Ziegenmänner.

Teufelsböcke und Herzensbrecher

Die Christen formten die lüsternen Böcke zu Teufeln um, selbst bestimmter Sex wurde zur satanischen Seuche und der Leibhaftige erschien in Gestalt eines Ziegenbocks. Der Geschlechtsverkehr mit diesem Teufelsbock gab den Hexen ihre Zaubermacht: In der Fantasie vom Hexensabbat sprangen also die Ziegen der Antike herum. Conrad Gessner, ein Tierforscher des 16. Jahrhunderts, vermutete in Satyren hingegen reale Lebewesen; er ordnete sie unter die Menschenaffen ein, nannte sie „Geißenmännlein“, und die Zoologen der Moderne vermuteten unsere nächsten Verwandten als Vorbild für die Ziegendämonen: Der erste lateinische Name für den Orang-Utan lautete folgerichtig Simia Satyrus.

Die Medizin benutzte den Begriff Satyriasis bis in unsere Zeit, und die moderne Psychiatrie verstand darunter einen krankhaft gestörten Sexualtrieb: Casanova und Don Juan mit Ziegenpisse als Parfüm wirken zwar ein wenig uncharmant – Casanova-Syndrom und Don Juanismus bedeuteten klinisch aber das gleiche wie die Bockigkeit.

Romantiker im 19. Jahrhundert und Hippies unserer Zeit entdeckten die Satyre wieder, zogen an die Strände der griechischen Mythen, und bald lagen in Kreta nackte Wilde herum, die mit ihren Zauselbärten und Naturdeodorant als Satyre durchgingen.

Der Schrecken des Pan

Der göttliche Bote Hermes und eine Nymphe brachten einen anderen Götterbock in die Gebirge Arkadiens. Kleine Hörner wuchsen auf der Stirn des Pan, Haare bedeckten seinen Körper, wie die Satyre stellte auch er den Nymphen hinterher, begehrte aber auch Knaben und Ziegen. Packte der Pan einen schlummernden Hirten, dann schüttelte diesen die Panolepsie und lähmte seine Sinne. Doch der Ziegengott versetzte auch ganze Massen von Menschen und Tieren in Angst, so dass sie in alle Himmelsrichtungen davon liefen. Die Hirten kannten die Stampede, sie sahen Tierherden, die außer Kontrolle gerieten, alles überrannten und sogar von Bergkuppen stürzten. Sie erklärten sich diese Furcht übernatürlich: Pan versetzte die Tiere und Menschen in Schrecken – also in Panik. Die Griechen nannten diesen Zustand panikós, die Franzosen sprachen im Mittelalter von panique und um 1500 geriet das panische auch ins deutsche. Das Paniksyndrom und die Panikattacken erkannte die moderne Psychiatrie als psychische Störungen.

Zyklopen und Sirenen

Einäugige Riesen schmiedeten dem Gott Zeus Blitz wie Donner, und diesen Rundaugen, griechisch Zyklopen, lag ihr einziges Auge in der Stirn. Gaben Missbildungen das Vorbild? Dies vermutete schon 1836 der französische Naturkundler Geoffrey Saint-Hillaire. Die Medizin kennt solche menschlichen Einaugen und nannte sie bereits in der frühen Neuzeit Zyklopen: Ein verformter Schädel verschmelzt beide Augenhöhlen zu einer einzigen und die Augäpfel zu einem Auge über der Nasenwurzel. Saint-Hillaire nannte diese Form „Cyclocéphallie“. Geburtsfehler erklären aber nicht den Riesenwuchs der antiken Rundaugen und nicht das Auge des Arztes, sondern das des Paläontologen erweitert den Blick: Die Zyklopen der Odyssee leben in Höhlen auf einer Insel, und Odysseus irrt durch das Mittelmeer – auf Sizilien und Zypern lebten einst Zwergelefanten; deren Rüssel setzte dort am Schädel an, wo bei den Zyklopen das Auge liegt und diese Schädel lagen in Höhlen, in denen die alten Griechen sie vermutlich fanden. Die Schädel von Zwergelefanten sind im Vergleich zu Menschen immer noch riesig. Allerdings müssen Fantasiefiguren gar keinen natürlichen Kern haben.

Die Aufklärer der Moderne sahen in den Monstren des Mittelalters falsche Interpretationen wirklicher Beobachtungen; der Positivismus erkannte nur Tatsachen an und erwies sich dabei als wissenschaftlicher Zyklop: Ohne das zweite Auge für die unbewussten Vorgänge der Seele zu öffnen, verfiel er seinen eigenen Sirenengesängen. Sirenen, schreckliche Menschenvögel in Frauengestalt lebten im antiken Mythos am Meer; sie betäuben die Seefahrer des Odysseus mit ihrem Zauberstimmen, dann ermorden sie die Betörten. Das Sirenenheulen der Feuerwehr erweist den gefiederten Femme Fatales heute die Ehre.

Wie kommen aber die korpulenten Seekühe, Pflanzen fressende Wassersäugetiere zu ihrem lateinischen Namen „Sirenidae“; und was haben Neugeborene, deren Beine zu einem einzigen „Fischschwanz“ zusammen wachsen, mit Männer fressenden Vogelfrauen zu tun? Warum bezeichnet die Medizin solche Fehlbildungen als Sirenen? Die nur Tatsachen gelten lassende Medizin übersah die stille Post der historischen Überlieferung, denn die Gelehrten des Mittelalters übersetzten die alten Mythen falsch: Konrad von Megenburg setzte die Sirenen mit Nixen gleich und verlieh ihnen Schuppen statt Federn. Ambroise de Paré formte 1575 ein einfüßiges Monsterfischmädchen ohne Arme, aber mit Flügeln. Geoffrey Saint-Hillaire bezeichnete schließlich den missgebildeten Unterleib bei Säuglingen, deren zusammen gewachsene Beine tatsächlich an Andersens Meerjungfrau erinnern, als Sirenengliedrigkeit.

Werwölfe im Wahnsinn

Menschen verwandeln sich in Wölfe – das glaubten Menschen von der Antike bis in die Neuzeit. Spielten Krankheiten und seelische Ausnahmezustände in den Werwolfsmythos hinein? Derjenige sollte zum Beispiel ein Wolf werden, der seine Haut mit einer Salbe aus Wolfsfett, Mohn, Christrose oder Stechapfel einrieb.

Der Arzt Rudolf Leubuscher vermutete eine „(…) perverse Sensation der peripherischen Hautnerven (…)“ und schloss dies aus Berichten vieler „Werwölfe“, die behaupteten, dass ihr Fell nach innen gewachsen sei. Dieses „Fell“ könnte mit Konsum der Pflanze Eisenhut zusammenhängen. So schrieb Mythenerzähler Sergius Golowin: „Schon wenn man winzige Mengen Akonit mit unserer Haut in Verbindung bringt, entsteht auf ihr eine gewisse Verminderung des Gefühls. Schläft dann der Mensch, empfindet er seine Haut irgendwie pelzig.“

Vlkodlak nannten die Slowaken auch einen Trinker. Extremes Verhalten führte ebenfalls dazu, jemand als Werwolf zu bezeichnen: Tobsucht und Geisteskrankheit. Aus der historischen Distanz heraus lässt sich kaum sagen, ob die Menschen daran glaubten, dass sich der Betroffene seelisch oder körperlich in ein Tier verwandelte. Oft schrieben sie ihm wohl lediglich zu, sich wie dieses Tier zu verhalten: Wenn wir „die Sau raus lassen“ oder „Hunger haben wie ein Wolf“ wächst uns auch kein Fell. In manchen Fällen bedeutete Werwolf einfach „grimmiger Wolf“. Halluzinationen von Suchtkranken nehmen die Gestalt von Tieren an. Alkoholiker im Delirium Tremens sehen, laut Elias Canetti, „Spinnen, Käfer, Wanzen, Schlangen, Ratten, Hunde und undefinierte Raubtiere“. Dabei verbinden sich die verschiedenen Sinne: „Mäuse und Insekten werden nicht nur gesehen, sondern auch getastet.“ Canetti hegt einen Verdacht, der auf die Vorstellung, ein Wolf zu sein, spekulieren lässt: Der Alkoholiker im Delirium Tremens ist von anderen Menschen abgetrennt und auf seinen Körper zurück geworfen. In dem aber tobt ein „Krieg“ zwischen Bakterien, die die Zellen angreifen. Scheint hier, ein, so Canetti, „dunkles Gefühl für diese primitiven Verhältnisse im Körper auf?“ Auch Mischwesen entstehen in den Bildern des Delierenden: „In den Menagerien erscheinen Tiere, die es gar nicht gibt, in fantastischen Kombinationen (wie) die Geschöpfe, mit denen Hieronymus Bosch seine Bilder bevölkerte.“ Sind Wolfsmenschen auch eine Körperwahrnehmung im Drogenrausch?

Sind Wolfsmenschen auch eine Körperwahrnehmung im Drogenrausch? Bild: Fernando Cortés – fotolia

Unsere imaginäre Welt spiegelt unsere Erlebnisse. Baring-Gould schreibt: „Überraschend ist es nicht, dass der Lykanthrop daran glaubte, sich in ein Tier verwandelt zu haben. In den von mir geschilderten Fällen handelte es sich stets um Schäfer, deren Beruf es zwangsläufig mit sich bringt, dass man mit Wölfen aneinander gerät, und es verwundert gar nicht, dass solche sich in wilde Tiere verwandelt und sich selbst im Zustand zeitweiligen Wahnsinns Taten zu beschuldigen, die von den Tieren begangen worden waren.“

Als Werwölfe Verdächtige waren oft Hungerleider. Zum einen unterstellten die Etablierten zwar diesen Ausgegrenzten sowieso jede Missetat. Wir sagen heute zum anderen aber immer noch „ich bin hungrig wie ein Wolf“ oder „der Wind heult“. Die antiken Germanen glaubten, dass wirklich ein Wolf am Himmel heult und Hungernde entwickeln Fantasien vom Essen. Wer im Hunger fantasiert, Schafe zu verschlingen und zugleich glaubt, dass sich Menschen in Tiere verwandeln, glaubt auch, dass er ein Wolf geworden ist.
Die Zwangsvorstellung, ein Wolf zu sein, heißt pathologische Lykanthropie. Folter im Hexenprozess und seelischer Terror führen ebenso zu Irritationen wie psychische Störungen. Waren so genannte Werwölfe also verhaltensauffällige Menschen? Dinzelbacher erörtert einen angeblichen Werwolf, der vermutlich an einer psychischen Störung litt: „1603 ging das Parlament von Bordeaux gegen den vierzehnjährigen Hirten Jean Grenier vor, der gestand, Wolfshaut und eine Salbe benutzt zu haben, als er durch Wälder und Weiler zog, Tiere und Kinder tötend.“ Aufschluss ergibt, laut Dinzelbacher, das Benehmen des Jungen: „Greniers Hände, seine Art, sich zu bewegen und zu essen wird als kongruent mit denen eines wilden Tieres beschrieben, und der Anblick von Wölfen erfreute ihn am meisten.“ Ein Mädchen namens Marguerite berichtete: Jean behaupte, seine Seele dem Teufel verkauft zu haben und nachts, aber auch am Tage als Wolf durch die Gegend zu streifen. Meist fräße er Hunde, aber kleine Mädchen schmeckten viel besser. Ein Mädchen hätte er bis auf die Schultern aufgefressen, so hungrig sei er gewesen. Dieses Mal, so sagte Marguerite, sei Jean nicht beim Schafe hüten gewesen. Aber ein wildes Tier habe ihr mit den Zähnen die Kleider vom Leib gerissen. Sie hätte die Bestie mit ihrem Stock in die Flucht geschlagen. Das Tier hätte einem Wolf sehr ähnlich gesehen, sei aber viel größer gewesen, mit rötlichem Fell und Stummelschwanz. Vorausgesetzt, das Mädchen fantasierte nicht, dann handelte es sich wohl um den Angriff eines Hundes.

Jean gab alles zu. Der Herr der Wälder schicke ihn los, um Kinder zu fressen. Seine Stiefmutter hätte sich von seinem Vater getrennt, da sie gesehen hätte, wie Jean die Pfoten eines Hundes und die Finger eines Kindes ausgewürgt hätte. Sein Vater erläuterte jedoch, dass alle Welt den Sohn als Idioten kenne, der schon behauptet hätte, mit jedem Mädchen im Dorf im Bett gewesen zu sein. Der Gerichtspräsident hielt den Angeklagten für geistig retardiert und seine Verwandlungen für den Wahn eines Schwachsinnigen. Es galt aber als bewiesen, dass er Kinder getötet hatte. Joseph Görres (1776-1848) schrieb: „Grenier lief also wirklich, das bewiesen die schwarzen klauenartigen Nägel, die abgeschliffenen Zähne und der Appetit nach Menschenfleisch.“ Mehrfacher Mord, ob auf vier Pfoten oder zwei Beinen bedeutete seinerzeit in aller Regel den Tod. Ganz überzeugt scheint das Gericht nicht gewesen zu sein, denn der Angeklagte landete nicht auf dem Scheiterhaufen, sondern zur lebenslangen Haft in einem Kloster. Er verschlang rohes Fleisch und seine Fingernägel splitterten, weil er auf den Händen lief, sein Blick stierte in die Leere, sein Geist war zu keinen gedanklichen Leistungen zu bewegen. Er sagte, dass er weiterhin nach Kinderfleisch verlange und starb 1610. Baring-Gould vermutet eine Wahrnehmungsstörung bei dem „Werwolf“ Jean Grenier: „So sprach auch Jean Grenier eine Menge wahrer Dinge aus, sie sich jedoch mit dem Gefasel mischten, der seinem Irrsinn entsprach.“

Blumenthal, der so genannte wilde Menschen untersuchte, kam zu folgendem Ergebnis: „Wilde Menschen hausen nicht unbedingt bei den Wölfen. Sie sind Außenseiter, weil sie in sich selbst eingesperrt sind. Sie sind kaum fähig, das eigene Umfeld und die eigene Innenwelt differenziert zu erfassen, zumindest auf eine Art, die uns zugänglich wäre.“

Leubuscher wies darauf hin, dass sich bei Fieber das Körpergefühl verändert, so dass die Gliedmaßen größer oder kleiner scheinen. Bei Typhus meinten die Kranken demnach, dass ihre Person körperlich in zwei Menschen gespalten sei. Im Fieber scheint es, als dehnten sich die Gliedmaßen aus oder zögen sich zusammen.

Multiple Persönlichkeiten spalten Bewusstseinsinhalte als Folge traumatischer Erlebnisse ab. Sophia, eine Betroffene, berichtet: „Mit sieben Jahren missbrauchten mich ältere Mitschüler. Das ist der Dreh- und Angelpunkt der Abspaltung und der multiplen Persönlichkeit. Als kleines Kind träumte ich von Alaschtika, die mir sagte „Ich bin deine wirkliche Mutter, und eines Tages hole ich dich ab. Nach dem Missbrauch war Alaktschika verschwunden, und ich kam mir nun vor wie ein Alien, wie die einzige meiner Art. Wenn ich in meiner Hauptpersönlichkeit bin, ist mir das bewusst, wenn Alexa die Kontrolle übernimmt oder das sieben Jahre alte Mädchen nicht. Ich verändere mich und bemerke die Veränderung nicht. Meine Stimme ist anders, meine Schrift ist anders. Ich wache auf und weiß nicht, was sie getan hat, wie eine Betrunkene. Wenn ich aufwache, fühle ich mich von bösen Geistern verfolgt. „Wer war das?“ frage ich. Und ich antworte: „Ich war das.“ Aber der Mensch, der ich bin, wenn ich aufwache, war es nicht.“ Menschen, die an Traumatisierungen leiden, am Borderline- Syndrom oder unter manischer Depression, fühlen sich von ihrem Körper getrennt, fühlen, dass etwas in ihnen ist, über das sie keine Kontrolle haben. Der „böse Wolf“ ist ihnen das eigene Unbewusste und viele von ihnen identifizieren sich mit dem Werwolf.

Seuchen bringende Vampire

Werwölfe sind lebende Menschen mit magischen Kräften. Gespenster sind körperlose Geister. Die Vampire der Kulturgeschichte sind jedoch ausgesprochen körperlich: Sie schlagen, beißen und würgen. Sie erscheinen als verwesende Leichname, waren Zombiefilmen näher als Twillight – Schönlingen. Der Vampir, der türkische Upir, ist ausdrücklich keine Traumfigur. Zerrissene Kleider oder blaue Flecken zeugen von seiner Anwesenheit. Im Frühmittelalter hatten die Menschen Angst vor umhergehenden Toten: Abgeschnittene Köpfe belegen, dass diese Monstren als lebende Leichname gedacht wurden.

Der Südosteuropa-Wissenschaftler Peter Kreuter untersuchte Vampirvorstellungen auf dem Balkan und sein Ergebnis verblüfft: Der Vampir in Serbien, Montenegro oder Albanien ist kein Blutsauger, sondern ein Würger. Das hat auch einen Grund. Vampire verursachen im traditionellen Glauben Krankheiten. Eine Infektion durch einen Biss ist aber eine moderne Vorstellung. Sie setzt das Wissen über Viren und Bakterien voraus. Im Mittelalter reichte die schlechte Luft um einen Untoten herum, um Krankheiten zu verbreiten.

Medizinische Erklärungen für Vampirglauben reichen von der Porphyrie, einer extrem seltenen Krankheit, die mit Gesichtslähmung und Lichtempfindlichkeit verbunden ist, bis zur Tollwut. Bei der Tollwut fließt rotes Sekret aus Körperöffnungen, die Augen glitzern fiebrig, die Zunge tritt aus dem Hals und die Zähne treten hervor. Nur: Vampire der Volkskultur sind tot und begraben, bevor sie Vampire werden. Ärzte, die Porphyrie und Tollwut hinter dem Vampirglauben vermuten, haben Graf Dracula im Film im Kopf und wissen nichts über die gänzlich anderen Vorstellungen der Volkskultur.

Nosferatu verballhornt das griechische Nosophoros

(Seuchenbringer). Vampire und Nachzehrer des Mittelalters übertragen Krankheiten, aber nicht durch einen Biss, sondern dadurch, dass sie die Namen der Opfer rufen, die Glocken läuten, oder einfach umherstreifen, ‚schlechte Luft’ verbreiten. „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ von Friedrich Murnau erschien 1922. Graf Orlok, der Vampir, ist eine kahlköpfige steife Gestalt und sehr unmenschlich. Dieses Wesen bringt die Pest, wie dem Hamelner Rattenfänger folgen ihm die Nager. Orlok ist eine Figur aus einem Alptraum, lebensecht ausgeleuchtet, „Nosferatu“ eines der prägenden Werke des Horrorfilms. Als naturalisierter Alptraum erinnert er an H.P. Lovecraft. Natur und Okkultismus, Traum und Wirklichkeit, Mensch und Tier verschmelzen im Grafen. Kein anderer Vampirfilm entspricht so sehr dem Seuchenbringer des Volksglaubens wie die „Sinfonie des Grauens“.

Einige der ‚lebenden Toten’ waren vermutlich gar nicht tot. Im Mittelalter erreichte die Gelehrtenmedizin nur wenige Wohlhabende, die einfachen Leute waren angewiesen auf Henker, Kräuterfrauen oder Bader. Der Aderlass eignete sich oft eher, den Patienten zur Strecke zu bringen als ihn zu heilen. Tankred Koch berechnet, dass die Ärzte bis zu 2,5 Liter Blut abzapften: Die Patienten konnten froh sein, wenn sie nur scheintot waren. Ein Holzschnitt von 1604 zeigt Geister von Pesttoten, die auferstehen. Es ist wahrscheinlich, dass in Seuchenzeiten bewusstlose Kranke mit Gestorbenen beerdigt wurden und zurückkehrten. (Dr. Utz Anhalt)

Literatur:
Utz Anhalt: Der Werwolf. Ausgewählte Aspekte einer Figur der Mythengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Tollwut. Magisterarbeit Geschichte. E-Text im historicum net unter hexenforschung.

Norbert Borrmann: Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Kreuzlingen / München 1998

Claude Lecouteux: Die Geschichte der Vampire. Metamorphose eines Mythos. Düsseldorf 2001

Christa A. Tuczay: Die Herzesser. Wien 2007.

Axel Karenberg: Amor, Äskulap & Co. Klassische Mythologie in der Sprache der modernen Medizin. Stuttagrt 2005.