Gesichtsdiagnose

Susanne Waschke

Die Gesichtsdiagnose, auch als Antlitzdiagnostik bezeichnet, ist eine Diagnoseform in der Naturheilkunde. Die Chinesen, die das Verfahren „Siang Mien“ nennen, haben aus der Kunst des Gesichterlesens eine Wissenschaft entwickelt. Genannt wird dies in der Fachsprache Physiognomie. Diejenigen, die diese Kunst beherrschen, können aus Gesichtsausdruck, Gesichtsform, Stellung der Augen, Form des Mundes und der Nase usw. Aussagen über Charakter, Gesundheit und Krankheit der Person treffen. Im Gesicht spiegeln sich das Leben, der Gemütszustand und der Zustand der Gesundheit des jeweiligen Menschen wider.

Menschen strahlen Freude, Trauer oder aber Angst aus. Bestimmte Menschen sind auf den ersten Blick sympathisch, andere wiederum nicht. Die äußere Erscheinung eines Menschen, insbesondere sein Gesicht, lässt Rückschlüsse auf seine momentane Gemütsverfassung, auf seine Stimmung und, wenn es um die Anwendung der Gesichtsdiagnose geht, auch auf die Situation im Inneren zu.

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Geschichtlicher Rückblick

Bereits vor Christus haben sich Gelehrte, wie Sokrates (470 – 399 v. Chr.), Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) und Hippokrates (5.Jahrhundert v. Chr.) damit beschäftigt, aus den Gesichtern zu lesen. Die wirkliche Hauptzeit der Physiognomie begann aber erst vor ungefähr 250 Jahren. So fand der Nervenarzt Dr. Henry Head den Zusammenhang zwischen bestimmten Hautzonen und den im Körper liegenden Organen, was den heutigen Begriff der Head´schen Zonen geprägt hat.

Car Huter (1861 – 1912), von Beruf Maler, war der bekannteste Begründer der neuzeitlichen Gesichtsdiagnose. Seine Veröffentlichungen waren, vor allem aufgrund seines fehlenden akademischen Werdeganges, äußerst umstritten. Er entwickelte sein eigenes Psycho-Physiognomie-System, das aus drei verschiedenen Grundnaturellen, dem „Empfindungs-Naturell“, dem „Bewegungs-Naturell“ und dem „Ernährungs-Naturell“ besteht. Die Psycho-Physiognomie verbindet den Körper mit der Seele. Das bedeutet, dass mit Hilfe seines Systems auch Seelenzustände aus dem Gesicht erkannt werden können. Die drei Naturelle kommen natürlich nicht in reiner Form vor, sondern in vielfältigsten Mischformen.

Bekannt für seine Gesichtsdiagnose ist auch der Arzt Dr. Wilhelm Heinrich Schüssler, der Begründer der Schüssler-Salz-Therapie. Er beschreibt die Anwendung der einzelnen Schüssler Salze nach bestimmten Zeichen, Farbveränderungen und Formen des Gesichtes.

In der Neuzeit wurde Natale Ferronato sehr berühmt mit der Physiognomie. Natale Ferronato wurde 1925 in Italien geboren und da seine Mutter Krankenschwester war, wurde er schon in frühester Kindheit mit kranken Menschen konfrontiert. Er selbst bemerkte bereits als kleiner Junge die Zusammenhänge zwischen Krankheit und bestimmten Verfärbungen der Gesichtshaut der betroffenen Patienten. In seinem Leben beschäftigte er sich immer wieder intensiv mit der Naturheilkunde und betrieb Forschungen in Bezug auf die Gesichtsdiagnose. Natale Ferronato gründete 1993 eine Heilpraktikerschule, in der er vor allem die Physiognomie lehrte. An seinen Seminaren nahmen nicht nur Naturheilkundige, sondern auch Hunderte von Ärztinnen und Ärzten teil.

Doctor examining senior woman patient. Health care
Das Gesicht der Paatienten kann wichtige Hinweise für die Diagnose liefern. Bild: Petrik/fotolia.com

Ablauf einer Gesichtsdiagnose

Um eine aussagekräftige Gesichtsdiagnose durchzuführen, sind eine gute Beobachtungsgabe, ein feines Gespür, ein gutes Gedächtnis, Kombinationsgabe und vor allem viel Übung und Routine wesentliche Voraussetzungen. Diese Diagnosetechnik erfordert gründliche Kenntnisse der Anatomie und Patophysiologie. Ohne ein zusätzliches Hilfsmittel, allein durch den offenen Blick, wird das Gesicht des Patienten genau betrachtet. Eventuell werden die Beobachtungen auf ein spezielles Diagnoseblatt eingetragen.

Das Gesicht ist in verschiedene Reflexzonen eingeteilt. Das bedeutet, dass jeder Teil des Gesichts einem bestimmten Organ, einer bestimmten Stimmung oder einem Organsystem zugeordnet ist. So wird das Gesicht genau betrachtet und Farbnuancen, Schwellungen, Rötungen, Flecken, Falten detailliert aufgenommen beziehungsweise notiert. Daraus ergibt sich dann ein Gesamtbild. Als Hinweisdiagnose gibt die Gesichtsdiagnose dem Therapeuten einen Hinweis auf chronische oder aber akute Erkrankungen, momentane Stimmungen und ungesunde Lebensweisen. Zur Ergänzung der Gesichtsdiagnose dienen Laboruntersuchungen, körperliche Untersuchungen und eine ausführliche Anamnese.

Zonen im Gesicht

In der Gesichtsdiagnose kommen mehr als 10 verschiedene Gesichtsformen vor. So bedeutet zum Beispiel in der alten chinesischen Lehre der Gesichtsdiagnose ein mondförmiges Gesicht, dass die Person für eine Karriere als Händler geeignet ist. Bei der Nase werden Größe, Form und Farbe beurteilt. Die Falten neben der Nase, die sogenannten Nasolabialfalten, wenn beidseitig ausgeprägt, sprechen für eine Neigung zu Magenproblemen. Unter dem Auge befindet sich die Nierenzone. Schwellungen an dieser Stelle sprechen für eine Nierenbelastung. Die oberen Augenlider hingegen zeigen zum Beispiel ein ausgeprägtes Schlafbedürfnis oder einfach generelle Nervenbelastung an.

Die Augenbrauen befinden sich in der Bezugszone der Hormone. So sprechen zum Beispiel buschige Augenbrauen für einen guten Hormonhaushalt. Die Wangenpartie stellt die Herzzone dar. Eingefallene Wangen sind jedoch auch ein Zeichen für Probleme von Magen und Bauchspeicheldrüse, aufgedunsene Wangen erzählen von einem Zuviel an Eiweiß oder Fett. Bei der Stirn unterscheidet man die Verschiedenartigkeit der Faltenanordnungen. So deuten senkrechte und waagrechte Falten, wenn sie zusammen vorkommen, zum Beispiel auf eine geschwächte Leber hin. Die Schläfen geben darüber Auskunft, wie belastbar die Person momentan noch ist, ob sie eventuelle sehr erschöpft ist, sich gut erholen kann oder einen massiven Substanzverlust in sich trägt. Beim Mund wird auch die Größe ins Kalkül gezogen, ebenso die Farbe und Form der Lippen. Unterschieden wird zwischen Unter- und Oberlippe. Verfärbungen um den Mund herum, beispielsweise in der Farbe gelb, lassen an Leber und Galle denken. Das Kinn steht für den Willen des Menschen. So wird ein ausgeprägtes Kinn mit einem starken Willen in Verbindung gebracht.

Zu den einzelnen Merkmalen des Gesichtes muss noch die Haut als Ganzes betrachtet werden. Blässe, Gelbfärbung, Röte, seidenartige Haut, kühle oder heiße Haut, ebenso wie Verfärbungen an bestimmten Stellen, schuppige und trockene Haut sind nur einige der vielen Merkmale, die bei einer Gesichtsdiagnose berücksichtigt werden müssen.

Die chinesische Lehre, die sogenannte “Siang Mien,“ teilt das Gesicht in acht Zonen ein. Dies sind die Lebensregion (zwischen den Augenbrauen), die Antriebspunkte (rechts und links über der Schläfe), die Karriereregion (über der Lebensregion), die Wohlstandregion (auf der Nase), die Freundschaftsregion (Haaransatz), die Elternregion (links und rechts unter dem Haaransatz), die Gesundheits- und Kraftregion (in den Augenwinkeln) und die Liebesregion (Verbindung zwischen Auge und Schläfe). Acht Zonen – die Zahl acht ist in der chinesischen Lehre eine Glückszahl und bedeutet Unendlichkeit.

Zusätzlich wird das Gesicht noch in drei Alterabschnitten unterschieden. Der erste Abschnitt ist der Stirnabschnitt, wobei die Stirn die Jugend verkörpert. Der zweite Abschnitt ist zwischen Augenbrauen und Nase und stellt den Lebensabschnitt zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr dar. Der dritte Abschnitt befindet sich zwischen Nasenspitze und Kinn und gibt über das Alter des Menschen Auskunft.

Insgesamt bestehen zahlreiche Ansatzpunkte mit deren Hilfe anhand des Gesichts mögliche psychische und körperliche Beschwerden abgelesen werden können und die Gesichtsdiagnose hat trotz ihres in der Schulmedizin bis heute äußerst umstrittenen Ansatzes in vielen Fällen bereits zur Erkennung bestimmter Krankheiten beigetragen. (sw)