Kieselerde – Silizium Anwendung und Wirkung

Kieselerde als Heilmittel und Wellnessprodukt? Bild: Picture-Factory - fotolia
Dr. Utz Anhalt
Kieselerde kennzeichnet heute in der Regel Silicea terra aus versteinerten Kieselalgen. Die Hülle dieser Algen enthält Silizium und deshalb bleiben sie nach dem Tod der Pflanze erhalten. Die Bezeichnung ist jedoch nicht klar abgegrenzt: Ursprünglich war Kieselerde ein Sammelbegriff für Mineralien, die viel Silizium enthalten.

Kieselerde als Wellness-Produkt

Heute dient Kieselerde vor allem als Wellness-Produkt. Die Anbieter preisen es als „Allheilmittel“ gegen brüchige Nägel, splissige Haare, und um das Bindegewebe zu straffen.

Kieselerde als Heilmittel und Wellnessprodukt? Bild: Picture-Factory - fotolia
Kieselerde als Heilmittel und Wellnessprodukt? Bild: Picture-Factory – fotolia

Warum soll Kieselerde auf Nägel, Haare oder Bindegewebe einwirken? Die plausible Idee: Unser Körper enthält Silizium – vor allem in Knorpeln, Knochen und Bindegewebe, in der Haut und in den Zähnen. Außerdem stellt der Körper Silizium nicht selbst her. Es ist also unabdingbar, den Stoff von außen zuzuführen, um den Aufbau der Knochen zu stärken, und das Bindegewebe zu straffen.

Dies erfolgt über Nahrungsmittel: Gerste, Hafer, Kartoffeln, Mohr- wie Steckrüben oder Bier enthalten zum Beispiel Silizium. Ist zusätzliches Silizium als Kieselerde-Präparat sinnvoll? Ist es notwendig? Oder schädigt es sogar den Organismus?

Wie kommt der Körper an Silizium?

Wir können Silizium in niedrigen Dosen gut verarbeiten und führen uns die notwendigen Mengen durch „normale“ Lebensmittel zu. Die Food and Drug Adminstration (FDA) in den USA fand heraus, dass Amerikaner 55 % ihres zugeführten Siliziums über Getränke wie Kaffee, Tee und Bier einnehmen, 14 % über Getreideprodukte und 8 % über Gemüse. In tierischen Produkten ist der Stoff hingegen kaum enthalten.

Englische Wissenschaftler fanden die höchsten Konzentrationen von Silizium in wenig verarbeitetem Getreide und Produkten auf Hafer-Basis. Bohnen, Spinat, getrocknete Datteln, Bananen, Ananas und Mango enthalten ebenfalls viel Silizium, und Leitungswasser (in GB) immer noch 2,5 mg/Liter. Auch rote Beete, Kartoffeln und Zwiebeln liefern Silizium.

Bei Lebensmitteln mit Siliziumanteil git: Je näher sie am Rohzustand sind, umso besser. Je mehr sie nämlich verarbeitet werden, umso weniger Silizium bleibt.

Unser Körper enthält gewöhnlich um die 20 mg Silizium pro Kilogramm Körpergewicht.

Wie viel Silizium verträgt der Körper?

Bisherige Studien sind unzureichend, um die tolerable Menge von Silizium zu bestimmen, die gesunde Menschen dem Körper zuführen können, ohne ihn zu schädigen, so die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA).

Durch die Nahrung aufgenommenes Silizium führt offensichtlich nicht zu Problemen. Anders sieht es beim Einatmen aus: Hoch konzentrierte Siliziumverbindungen in der Atemluft über einen langen Zeitraum können eine Silikose auslösen – gemeinhin als Staublunge bekannt.

Siliziumpräparate

Kieselerde, also Präparate, die Silizium enthalten, sind in diversen Varianten auf dem Markt. Sie sollen das Haar in vollem Glanz erstrahlen lassen, die Nägel stärken und die Knochen härten.

Silizium - Enthalten in Kieselerde. Bild: Sport Moments - fotolia
Silizium – Enthalten in Kieselerde. Bild: Sport Moments – fotolia

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hält diese Wirkungen jedoch für „nicht hinreichend gesichert“. Wer Kieselerde als Nahrungsmittelergänzung verkauft, darf deshalb nicht mit den medizinischen Versprechen werben.

Eine Ausnahme sind lediglich Kieselerden, die als traditionelle Arzneimittel in den Handel kommen. Die erhalten die Aufschrift: „Traditionell angewendet zur Vorbeugung von brüchigen Fingernägeln und Haaren, zur Kräftigung des Bindegewebes. Diese Angaben beruhen ausschließlich auf Überlieferung und langjähriger Erfahrung.“

2007 fand die Bundesanstalt für Materialforschung heraus, dass neun von zehn untersuchten Nahrungsergänzungsmitteln mit „Kieselerde“ kristalline Siliciumoxide enthielten, also Quarz und Cristobalit. Die zählen als Feinstoffe in der Industrie zu den gefährlichen Substanzen.

Wenn wir Quartz als Nahrungsergänzung schlucken, könnten wir auch Sand essen. Quartzsand besteht nämlich vor allem aus Quartz.

Der Arzt Wolfgang Becker-Brüser sieht die Präparate kritisch. Er sagt: „Kieselerde ist ein überflüssiges Produkt. Es wird mit vielen Versprechungen auf den Markt gebracht, die nicht gehalten werden können. Es kann potenziell bei langer Anwendung die Niere schädigen. Insofern gibt es keine Veranlassung, Kieselsäure zu schlucken und dafür auch noch viel Geld auszugeben.“

Den Kritikern stehen die Befürworter gegenüber. Ihnen zufolge ist Silizium nicht schädlich, weil es im Körper vorkommt.

Belegt ist heute, dass zu viel Silizium in Nahrungsergänzungsmitteln auf lange Sicht zu Harn- und Nierensteinen führen kann.

Verbrauchertäuschung?

Öko-Test prüfte 18 Nahrungsergänzungsmittel und zwei traditionelle Medikamente mit Kieselerde. Das Versprechen war immer das Gleiche: Straffe Haut und glänzende Haare, schöne Nägel und festes Bindegewebe.

Das Ergebnis war ernüchternd: Alle geprüften Präparate erhielten ein mangelhaft oder ungenügend. Die Medikamente werteten die Prüfer gleich um vier Noten ab, weil sie keine therapeutisch belegte Wirkung hatten und deshalb keine Arzneimittel sind. Ist Silizium notwendig?

Essentielle Stoffe sind chemische Elemente und Verbindungen, die unser Körper zum Leben braucht und nicht selbst produzieren kann. Dazu gehören neben Amino- wie Fettsäuren, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente.

Die essentiellen Mineralstoffe sind Calcium, Chlor, Kalium, Magnesium, Natrium, Phosphor und Schwefel, die unabdingbaren Spurenelemente Cobalt, Eisen, Jod, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen und Zink. Ob Silizium zu den essentiellen Spurenelementen ist umstritten.

Silizium kommt in allen Bindegeweben vor, in den Blutgefäßen, der Haut und den Haaren ebenso wie in den Knochen.

Tierexperimente deuten darauf hin, dass zugeführtes Silizium sich positiv auf den tierlichen Knochenaufbau auswirkt. Einschlägige Studien bei Menschen gibt es dazu nicht.

Eine amerikanische Studie mit 2847 Probanden lässt vermuten, dass sich eine tägliche Einnahme von mehr als 40 mg Silizium positiv auf die Knochendichte auswirkt und möglicherweise vor Osteoporose schützt.

Ebenso deutet eine Studie an Alzheimer-Patienten darauf hin, dass Mineralwasser mit einem hohen Anteil an Silizium den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen könnte. 3 von 15 Probanden verbesserten ihre kognitiven Leistungen.

Wohlgemerkt: Es geht, ganz vorsichtig, um Vermutungen und Möglichkeiten, die sich erst durch weitere Studien verifizieren lassen.

Bei diesen Studien spielten aber Nahrungsergänzungsmittel mit Kieselsäure keine Rolle. Im Klartext heißt das: Es gibt Hinweise darauf, dass eine verstärkte Einnahme von Silizium positive Auswirkungen haben könnte.

Nahrungsergänzungsmittel wurden aber nicht getestet, und um sich über 40 mg Silizium zuzuführen, bedarf es keiner Präparate: Hafer und Hirse enthalten jeweils mehr als 400 mg des Stoffes pro Kilo. Zwei Teller Haferflocken und dazu einige Gläser siliziumreiches Mineralwasser überschreiten locker die Menge von 40 mg.

Bei Mischkost nehmen wir circa 20-50mg Silizium pro Tag auf, bei vegetarischer Vollwertkost bis zu 150 mg. Wer Kartoffeln, Hirse und Weizen als Basis nimmt, dazu Petersilie als Gewürzkraut, Blumenkohl hinzu gibt oder Spinat, und sich zwischendurch einen Teller Erdbeeren, Weintrauben und Birnen gönnt, ist mit Silizium gut bedient.

Ein Präszendenzfall

Das österreichische Verwaltungsgericht entschied am 4. 9. 1995, folgende Aufschrift sei nicht als gesundheitsbezogene Angabe im Sinne des § 9 LMG 1975 zu bewerten: „Silicium, enthalten in Kieselsäure und Calcium sind essentielle Bestandteile von Haaren, Zähnen, Nägeln, Knochen, Haut- und Bindegewerbe“.

Die Beschwerdeführerin hatte ein Produkt namens „Kieselerde Forte-Kapseln“ auf den Markt gebracht.

Das Gericht ließ außerdem folgende Aussage nicht zu: „Die Kieselerde ist ein reines Naturprodukt (Panzer von Kieselalgen = Diatomeen) das vor Urzeiten entstanden ist. Sie besteht im wesentlichen aus Kieselsäure und enthält Silicium. Silicium ist ein essentieller Bestandteil von Haaren, Zähnen, Nägeln, Knochen, Haut- und Bindegewebe.“

Der Amtssachverständige erklärte, ein Element sei essentiell, wenn eine Mangelversorgung im Organismus eine Mangelerscheinung hervorrufe, und diese Mangelerscheinung durch Zufuhr physiologischer Konzentrationen des Elements rückgängig gemacht werden könne. Damit sei Silizium für den menschlichen Organismus nicht essentiell, denn es gäbe keine nachgewiesenen Mangelerscheinungen.

„Silicium ist ein essentieller Bestandteil von Haaren, Zähnen, Nägeln, Knochen, Haut- und Bindegewebe“ sei als Aussage mit dem Verbraucherschutz vor Täuschung nicht vereinbar.

Nierenschäden?

Der Pharmakologe Gerd Glaeske sieht in solchen Präparaten sogar eine Gefahr, denn wer dauerhaft Quarz in hohen Dosen zu sich nähme, könnte Nierenschäden erleiden. Glaeske hält Kieselerde generell für ein Placebo, die Präparate für Verbrauchertäuschung und fordert, sie vom Markt zu nehmen.

Schlussbemerkungen

Ob und wie viel Silizium sich Menschen zuführen sollten, ist ungeklärt. Um die Körperfunktionen aufrecht zu erhalten, ist die Substanz nicht notwendig. Wie sich Silizium genau auf die Knochenbildung und das Bindegewebe auswirkt, ist unklar.

Es gibt ebenso wenig einen Hinweis, dass Silizium in der Nahrung und in Getränken der Gesundheit schadet, wie eine seriöse Vermutung, dass sich Kieselerde als Nahrungsergänzung positiv auf den Körper auswirkt. (Dr. Utz Anhalt) 

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