Ordnungstherapie

Die Ordnungstherapie umfasst zahlreiche Bereiche und lässt sich Leben im Einklang mit Körper und Geist beschreiben. (Bild: Klempner/fotolia.com)
Fabian Peters
Für die Ordnungstherapie existiert bis heute keine eindeutig gültige Definition. Sie ist Forderung nach einer gesunden Lebensweise und somit die Basis aller naturheilkundlichen Therapien. Bereits Hippokrates (460 – 370 v. Chr.), der berühmte, griechische Arzt des Altertums, sprach schon davon, wie wichtig für den Menschen eine gesunde Lebensführung ist. Sebastian Kneipp (1821 – 1897) stellte die Ordnungstherapie als eine der fünf Säulen seines Therapiesystems dar. Dazu gehören Wasser, Heilpflanzen, Bewegung, Ernährung und die Lebensordnung, auch Ordnungstherapie genannt. Ebenso spielt diese Therapieform bei dem Arzt Max Bircher-Benner (1867 – 1939) eine große Rolle. Er bezeichnete eine gesunde Lebensführung unerlässlich für das Gelingen jeglicher Heilverfahren.

Bereits der Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 – 1179) war der Begriff der Ordnungstherapie nicht fremd. Sie stellte diese auf sechs Säulen. Jeder Mensch sollte demnach auf Folgendes achten: Natürliche Bedürfnisse, Eigenschaften der Nahrungsmittel, ausreichend Schlaf, Balance zwischen Bewegung und Ruhe, natürliche Ausscheidungsmechanismen, Ausgeglichenheit des Gemütes.

Die Ordnungstherapie umfasst zahlreiche Bereiche und lässt sich Leben im Einklang mit Körper und Geist beschreiben. (Bild: Klempner/fotolia.com)
Die Ordnungstherapie umfasst zahlreiche Bereiche und lässt sich Leben im Einklang mit Körper und Geist beschreiben. (Bild: Klempner/fotolia.com)

Die bewusste Lebensführung

Für die Therapien des Pfarrers Kneipp, aber auch für alle anderen naturheilkundlichen Therapien, bildet eine gesunde Lebensführung die Basis für Gesundheit und Wohlbefinden. Diese umfasst bewusstes Erleben der Natur mit all ihren Rhythmen wie der Jahreszeiten, des Mondes und des Tagesablaufs, regelmäßiger Schlaf- und Wachrhythmus, Ausgewogenheit von Arbeit und Freizeit, regelmäßige Nahrungsaufnahme, verantwortungsvoller Umgang mit Genussmitteln, gesunde, ausgewogene, maßvolle Ernährung, viel Bewegung an der frischen Luft, aktive Freizeitgestaltung und das pflegen sozialer Kontakte. All diese Komponenten zählen zu einer bewussten Lebensführung beziehungsweise fallen unter den Oberbegriff der Ordnungstherapie.

Wichtig zu erwähnen sind auch die Entspannungsverfahren wie Yoga, Meditation, Autogenes Training, Atemübungen und Qi Gong, die ebenfalls Bestandteile der Ordnungstherapie sind.

Verschiedene Autoren nehmen Stellung

Zu dem Thema Ordnungstherapie nahmen in den den Jahren 1980 bis 2003 die verschiedensten Autoren Stellung. Hier ein paar Beispiele dazu:

Wolfgang Brüggeman zitiert Kneipp, der die Ordnungstherapie als „neue Lebensordnung“ beschrieb. Hans Dieter Henschel bezeichnet sie als Ordnungsbeziehung, sowohl in körperlichen, als auch psychischen Bereichen. Victor Harth definiert diese Therapieform als Rückführung des Menschen zurück in seine Ordnung und nennt sie die Basis aller Naturheilverfahren. Für Robert M. Bachmann ist die Ordnungstherapie der Überbegriff für Entspannungstechniken, wie Autogenes Training, progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und Atemtherapie. Im Pschyrembel, dem medizinischen Lexikon, wird der Begriff wie folgt definiert: Die Ordnungstherapie beinhaltet Anregungen und Hilfen für eine geordnete Lebensführung und dies auf der Basis naturheilkundlicher Erfahrungen. Dazu gehören Verfahren für die Wiederherstellung der seelischen Ordnung, wie zum Beispiel die Logotherapie.

Bircher-Benner und die Ordnungstherapie

Maximilian Bircher-Benner handelte aus eigener Erfahrung heraus. Er litt während seines Medizinstudiums immer wieder unter Schlafstörungen. Aus diesem Grund teilte er seinen Tagesablauf sehr strukturiert ein, machte sich einen genauen Plan, der zum Beispiel Atemübungen enthielt, die er immer zu einer ganz bestimmten Uhrzeit durchführte. Er war sich damals sicher, dass diese Selbstbeherrschung, dieser in Rhythmen eingeteilte Tagesablauf, seinen Schlaf wiederbrachte.

Bircher-Benner teilte die Ordnungstherapie in neun Ordnungsgesetze ein. Das Ganze nannte er eine „therapeutische Ordnung“. Dazu gehörten folgende Gesetze: Organisationsgesetz der Nahrung, Gleichgewichtsgesetz der Ernährung, Ökonomiegesetz, Mundgesetz (ausreichendes Kauen) , Ordnungsgesetz des Hautorgans, Ordnungsgesetz der Lungen, Ordnungsgesetz der Beziehung zur Schwerkraft, Ordnungsgesetz des Lebensrhythmus und das Ordnungsgesetz des Seelenlebens. Für Bircher Benner entstand Krankheit durch eine Art Unordnung, eine Störung der Periodizität im Zusammenhang von Körper und Seele. Für ihn war die Ordnung in Bezug auf Heilung äußerst wichtig. Bircher Benner eröffnete ein Sanatorium, in dem sich die Patienten in die verschiedensten Regeln einfinden mussten. Die Umgebung der Kranken, das zuständige Personal – all dies war für ihn wichtig, um Patienten heilen zu können. Die Ordnungstherapie war keine Therapieform, sondern ein Konzept für eine gesunde Lebensführung und gleichzeitig schon der Ausdruck der Ganzheitlichkeit, das Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist.

Heute ist dies jedoch anders. Die Ordnungstherapie ist zwar immer noch keine Therapie im Sinne einer Heilmethode, jedoch ist sie nicht mehr als übergeordnet zu sehen, sondern stellt die Basis aller naturheilkundlicher Therapien dar. Wehren sich die Betroffenen gegen jegliche gesunde Lebensführung, so werden die durchgeführten Naturheilverfahren keinen oder nur wenig Erfolg bringen.

Die natürlichen Rhythmen

Gerade in der heutigen, stressigen und teilweise auch chaotischen Zeit ist die Ordnungstherapie wichtiger denn je. Die natürlichen Rhythmen, die den meisten Menschen abhanden gekommen sind, gewinnen zunehmend an Bedeutung. Der Mensch entfernt sich immer weiter von seinem eigentlichen biologischen Rhythmus. Gründe dafür sind das vermehrte Arbeiten ohne Tageslicht, das schnelle Wechseln verschiedener Zeitzonen – möglich gemacht durch die Reisen im Flugzeug – und das Manipulieren des natürlichen Menstruationsrhythmus durch die Einnahme von Hormonen.

Übermäßiger Stress, permanente Reizüberflutung und emotionale Konflikte richten den Blick immer mehr auf das „Außen“, wobei der Rückzug, die Entspannung, das nach „Innen-Gehen“ immer mehr verdrängt wird. Dies führt nicht nur zu Unpässlichkeiten, sondern auch zu Krankheiten. Hier greift die Ordnungstherapie ein, die versucht, das Leben wieder in Balance zu bringen.

Vieles kann nicht sofort oder nicht vollständig geändert werden, jedoch lässt sich das Eine oder Andere ins eigene Leben einbauen und kann so die Gesundheit verbessern. In der ganzheitlichen Medizin ist heutzutage die Ordnungstherapie der Grundstock für die Heilung. Dazu sollte die Patientin beziehungsweise der Patient jedoch bereit sein. Eventuell müssen das Leben überdacht, die Ernährung verändert und verschiedene neue, feste Rhythmen und Rituale in den Alltag integriert werden.

Die Mind Body Medicine

Etwas aufgehübscht, mit einem englischen Namen versehen, basiert die Mind Body Medicine auf den Erkenntnissen der „alten“ Ordnungstherapie. Frei übersetzt kann diese als „Geist-Seele-Körper-Medizin“ bezeichnet werden. Dies bedeutet, die eigene Gesundheit wichtig zu nehmen, gut auf sich selbst und den eigenen Körper auf zu passen. Hierfür muss gegebenenfalls zuerst im Kopf „aufgeräumt“ werden. Alte eingefahrene Verhaltensmuster werden überdacht, die Ernährung wird umgestellt und Betroffenen müssen sich auf die Veränderungen wie zum Beispiel regelmäßige Gymnastikübungen am morgen oder der tägliche Abendspaziergang einlassen.

Dies sind die wesentlichen Punkte einer gesunden Lebensführung, wie sie auch der Ordnungstherapie zugrunde liegen. (Bild: Trueffelpix/fotolia.com)
Dies sind die wesentlichen Punkte einer gesunden Lebensführung, wie sie auch der Ordnungstherapie zugrunde liegen. (Bild: Trueffelpix/fotolia.com)

Die integrative Medizin vereint Schulmedizin und Naturheilkunde. Hier hat die Mind Body Medicine ihren festen Platz: Achtsamkeit, Entspannung, Bewusstsein für den eigenen Körper und Veränderung des Lebensstils. Die innere Haltung, sich selbst wahrzunehmen und auf den eigenen Bauch zu hören, ist der Anfang. Betroffene werden dazu angehalten, Alles, was krank macht, zu meiden. Daran knüpfen Entspannungsmethoden, moderate, individuelle Bewegungskonzepte und eine gesunde Ernährung an. Diese moderne Ordnungstherapie setzt sich zum Ziel, Verfahren in den Alltag zu integrieren, die Stress reduzieren, um so mit der Zeit daraus eine gesündere Lebensweise zu entwickeln. Auf diese Art und Weise können die Selbstheilungskräfte wieder wirken, denen vor allem in der Naturheilkunde ein sehr großer Stellenwert zugeschrieben wird.

Schon lange ist bekannt, dass Dauerstress dem Körper schadet und sich daraus die verschiedensten Krankheiten entwickeln. Viele Menschen können gar nicht mehr richtig entspannen – sie haben dies verlernt und sind sowohl in der Freizeit als auch im Urlaub unfähig, ihre Seele baumeln zu lassen. Diese Patienten sollten unbedingt wieder lernen, regelmäßig Auszeiten einzuplanen und diese auch zu genießen.

Zusammenfassung

Die moderne Ordnungstherapie beinhaltet gesunde Ernährung, Bewegung, Gleichgewicht von Anspannung und Entspannung, Bewältigung von Stress, kognitive Neuorientierung, soziale Unterstützung und Hilfen aus der Naturheilkunde. Kurz gesagt – die Ordnungstherapie ist wichtig, um Geist, Seele und Körper wieder in ein Gleichgewicht zu bringen, was wiederum Voraussetzung für den Erfolg einer ganzheitlichen Heilbehandlung ist. (sw)

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