Phytotherapie

Sebastian
Der Begriff Phytotherapie wurde von dem französischen Arzt und Autor Henri Leclerc (1870 – 1955) festgelegt. Dahinter verbirgt sich das Wissen um die Behandlung von Krankheiten mit Pflanzen. Angewandt wird die Pflanzenheilkunde unter wissenschaftlichen oder erfahrungsheilkundlichen Aspekten. Die wissenschaftlich orientierte Phytotherapie beschäftigt sich intensiv mit den einzelnen Wirkstoffen der jeweiligen Pflanze. Die Phytotherapie, die eher ihre Erfahrung in den Vordergrund stellt, betrachtet jede Pflanze ganz genau, in ihrer vollkommenen Gesamtheit. Das heißt, sie wendet die sogenannte Signaturenlehre an.

Geschichtlicher Rückblick

Die Phytotherapie gehört zu den ältesten Heilmethoden der Naturheilkunde. Ihr Ursprung geht bis in die Steinzeit zurück. In China und in Indien wurden bereits im sechsten Jahrtausend vor Christus Heilpflanzen angebaut. Im 17. Jahrhundert vor Christus wurden in einem ägyptischen Papyrus 700 verschiedenen Substanzen, darunter schon Pflanzen, wie zum Beispiel Anis, Kümmel, Leinsamen und Hanf, erwähnt. Eine fünfbändige Arzneimittellehre, die Materia Medica, die circa 100 nach Christus von dem griechischen Arzt Pedanios Dioskurides verfasst wurde, beschreibt rund 1000 Heilpflanzen und war bis in das 16. Jahrhundert die Grundlage sämtlicher Arzneibücher.

Gingko, asiatisches Heilmittel
Die Pflanzenheilkunde hat sich seit Jahrhunderten bei der Behandlung verschiedenster Erkrankungen bewährt. Bild: hjschneider/fotolia.com

Pflanzen, wie zum Beispiel Schafgarbe, Süßholz, Meerzwiebel und Weidenrinde, die heute wieder mehr denn je in der Phytotherapie verwendet werden, wurden auch bereits von Galen (129 – 201 n. Chr.) benutzt. Claudius Galenus (Galen) stellte Regeln für die verschiedenen Arten der Arzneizubereitung auf. Auf ihn zurück geht auch der Begriff Galenik – der Wissenschaft von der Herstellung von Arzneimitteln. Die Blütezeit der Phytotherapie begann im 15. Jahrhundert. Paracelsus schrieb das Werk „Herbarius“ und Ende des 16. Jahrhunderts wurde eines der größten Werke westlicher Kräutermedizin von Jakobus Theodorus Tabernaemontanus, einem Schüler von Hyronimus Bock, veröffentlicht. Dieses Buch enthielt mehr als 3000 Pflanzenbeschreibungen und circa 2400 Abbildungen. Die letzte Auflage stammt aus dem Jahre 1731.

Die moderne Phytotherapie begann im 18. Jahrhundert mit der Entdeckung des Morphins. Damals isolierte der Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner (1783 – 1841) aus Opium diesen noch heute in der Medizin bedeutenden Stoff.

Naturwissenschaftlich orientierte Pflanzenheilkunde

Die naturwissenschaftlich orientierte Pflanzenheilkunde setzt die Pflanzen nach deren verschiedenen einzelnen Inhaltsstoffen und deren dazugehörigen Wirkungen ein. In einer einzigen Heilpflanze befinden sich mehrere Einzelwirkstoffe. So enthält die Kamille zum Beispiel unter anderem Flavonoide, Schleimstoffe und ätherische Öle.

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Signaturenlehre

Mit Hilfe der Signaturenlehre wird die Pflanze als Ganzes betrachtet. Hier stehen nicht deren Inhaltsstoffe im Vordergrund, sondern ihre äußeren Zeichen, ihre Form, Farbe, wo und wie sie wächst. Zu verstehen ist dies besser mit Hilfe eines Beispiels. Jeder kennt das Gänseblümchen, das unermüdlich blühende, liebliche Blümchen. Diese Blume vermittelt Unversehrtheit, Unschuld und Kindlichkeit. Aber auch Mütterlichkeit strahlt das Gänseblümchen aus, was sich dadurch zeigt, dass sich bei Regen oder am Abend der Blütenkranz schützend um den Blütenkorb legt. Diese Blume, auch Maßliebchen, oder Tausendschön genannt, wächst unter den widrigsten Umständen, steht immer wieder auf und blüht immerzu. Bei Verletzungen, sowohl äußerlich als auch innerlich und seelisch, hilft die Pflanze verlorengegangene Unversehrtheit wiederherzustellen.

Wirkstoffgruppen der Pflanzen

Jede Heilpflanze enthält verschiedene Inhaltsstoffe, die wiederum sogenannten Wirkstoffgruppen zugeordnet werden. Jede Wirkstoffgruppe hat dabei bestimmte Wirkungsbereiche. Wer in der Phytotherapie naturwissenschaftlich arbeitet, wendet die verschiedenen Pflanzen, je nach Zusammensetzung an.

Alkaloide

Alkaloide sind stickstoffhaltige Inhaltsstoffe von Pflanzen. Sie entstehen als Abbauprodukt. Je heißer und feuchter die Umgebung ist, desto mehr Alkaloide werden hergestellt. Die Verwendung von Alkaloiden ist nicht ungefährlich, da diese sehr stark wirken und bei falscher Dosierung tödlich sein können. Hier ist die richtige Menge und Aufbereitungsform sehr wichtig. So ist die Tollkirsche sehr giftig und darf niemals in purer Form angewendet werden, jedoch wird diese in der Homöopathie, also potenziert, mit Erfolg eingesetzt. Alkaloide wirken vor allem auf das Nervensystem.

Saponine

Der Begriff Saponine leitet sich von dem lateinischen Wort sapo = Seife ab, da Saponine, vermischt mit Wasser, schäumen. Der Großteil der Saponine schützt die Pflanzen vor Pilzbefall. Sie wirken entzündungshemmend, auswurffördernd, antiviral und antibiotisch. Efeublätter, zum Beispiel, die vielen Hustenmitteln beigesetzt sind, verflüssigen das Bronchialsekret und erleichtern somit das Abhusten.

Glykoside

Glykoside bestehen aus verschiedenen Stoffen, haben jedoch ein gemeinsames Merkmal: Sie enthalten alle eine Zuckerverbindung. Da sie so unterschiedlich sind, besitzen sie auch einen vielfältigen Wirkungsbereich. So wirken Herzglykoside, die zum Beispiel im Maiglöckchen enthalten sind, auf das Herz. Flavonglykoside, wie sie im Ginkgo anzutreffen sind, wirken durchblutungsfördernd und Triterpenglykoside, zum Beispiel im Wurzelstock der Cimicifuga (Traubensilberkerze) enthalten, wirken Östrogen ähnlich.

Gerbstoffe

Gerbstoffe helfen beim Gerben des Leders. Sie sind in der Lage, Eiweißmoleküle miteinander zu verbinden, was die Eigenschaft der Proteine verändert und dadurch das gebundene Wasser verdrängt wird. Die Gerbstoffe wirken adstringierend (zusammenziehend), antibakteriell, entzündungswidrig und blutstillend. Beispiele dafür sind Blutwurz, Frauenmantel, Eichenblätter und Walnussblätter.

Bitterstoffe

Wie der Name schon sagt, haben Bitterstoffe einen bitteren Geschmack, der sich appetitanregend und verdauungsfördernd auswirkt. Dabei wird mehr Speichel produziert und die Verdauungssäfte werden ins Fließen gebracht. Bitterstoffe sollten unbedingt von den Schleimhäuten im Mund aufgenommen werden, um wirken zu können. Beispiele für bitterstoffhaltige Pflanzen sind Enzian, Tausendgüldenkraut, Benediktenkraut und Angelikawurzel. Vor dem Essen eingenommen, wirken diese appititanregend, nach dem Essen verdauungsfördernd.

Flavonoide

Flavonoide sind Farbpigmente, die sich im Zellsaft der Pflanzen befinden. Diese kommen vor allem in gelben Blüten (lat. flavus = gelb), aber auch in allen oberirdischen Pflanzenteilen vor. Sie üben auf die Pflanzen einen Schutz vor Strahlenschäden aus. Diese Schutzwirkung lässt sich aber auch in der Phytotherapie nutzen. So wurde zum Beispiel festgestellt, dass Goldrute und Ringelblume die Haut vor Strahlenschäden schützen können. Aufgrund ihrer antioxidative Wirkung gelten Flavonoide heute als besonders gesundheitsfördernd, wobei sich dies nicht nur auf die Vermeidung von Strahlenschäden bezieht. So wirken zum Beispiel die Flavonoide der Mariendistel schützend auf die Leberzellen.

Die sogenannten Isoflavonoide leiten sich von den Flavonoiden ab und sind mittlerweile in aller Munde. Sie wirken hormonartig und sind enthalten in Soja, Rotklee, Besenginster, Linsen und vielem mehr. Vor allem gegen Wechseljahresbeschwerden und hormonbedingte Krebserkrankungen wird ihnen eine positive Wirkung zugeschrieben.

Cumarine

Cumarine kommen im Pflanzenreich häufig vor. In der frischen Pflanze sind diese meist geruchlos, hingegen duften sie nach dem Trocknungsprozess nach frisch gemähtem Gras. Cumarine wirken vor allem hemmend auf die Blutgerinnung. In höheren Dosen könnte dies eventuell die Leber schädigen. Bekannte Cumarin-Pflanzen sind Waldmeister, Steinklee und Mariengras.

Schleimstoffe

Schleimstoffe sind sogenannte Polysaccharide, die in Wasser aufquellen können und damit eine gelartige Substanz bekommen. Zwei Arten von Schleimstoffen werden unterschieden – wasserlöslich und unlöslich. Die Wasserlöslichen wirken durch Bildung eines Schutzfilms auf Haut und/oder Schleimhaut. Diese reizmildernde und auch entzündungshemmende Wirkung ist vor allem in der Behandlung von Husten, Halsschmerzen und Magen-Darm-Entzündungen gefragt.

Ätherische Öle

Ätherische Öle sind ölige Substanzen, die sich bei Verdampfung vollständig verflüchtigen und je nach Pflanze ein anderes Aroma besitzen. Allein schon der Duft sagt viel über eine Pflanze aus. Ätherische Öle besitzen ein großes Anwendungsspektrum. So wirkt zum Beispiel Fenchel blähungstreibend, Lavendel beruhigend, Kamille entzündungshemmend und Majoran antibiotisch. Der Duft ist in der Phytotherapie ein wichtiges Merkmal. Lehnt der Patient ein bestimmtes Aroma ab, so ist die Pflanze nicht zur Behandlung geeignet, löst dieser jedoch ein Wohlbehagen aus, spricht dies für die Anwendung.

Verschiedene Zubereitungsarten für Heiltees

In der Phytotherapie existieren verschiedene Zubereitungsarten für die unterschiedlichen Heiltees. Je nach Inhaltsstoffen, wird der Tee mit heißem Wasser aufgegossen, mit kaltem Wasser angesetzt und dann abgekocht oder gar als Kaltauszug verwendet.

Aufguss (Infus)

Der Aufguss entspricht dem Übergießen der getrockneten Teesorten mit heißem Wasser. Diese Zubereitungsart wird vor allem für sensible Pflanzenteile, wie Blüten, Blätter und Samen verwendet, aber auch für Pflanzen, bei denen ein Kochvorgang die Inhaltsstoffe zerstören würde.

Abkochung (Dekot)

Bei der Abkochung wird die betreffende Teemenge mit kaltem Wasser angesetzt, zum Sieden gebracht und je nach Rezept ein bis drei oder fünfzehn bis zwanzig Minuten lang gekocht. Harte Drogen, wie Rinden, Wurzeln und Hölzer mit schwer löslichen Bestandteilen werden dieser Zubereitungsart unterzogen.

Kaltauszug (Mazeration)

Diese Zubereitungsart ist zu wählen, wenn durch heißes Wasser unerwünschte Begleitstoffe frei werden würden, wie dies zum Beispiel bei den Gerbstoffen der Bärentraubenblätter der Fall wäre. Die Pflanzenmenge wird mit Wasser vermischt und sollte dann zwischen sechs und acht Stunden zugedeckt stehen. Danach wird das Ganze abgegossen. Für Schleimdrogen ist diese Art der Zubereitung nötig.

Anwendungsbereich der Phytotherapie

Die Heilpflanzen in der Phytotherapie werden als Heilmittel verwendet. Von einer Selbstmedikation ist abzusehen, da jedes „Kraut“ auch Nebenwirkungen haben kann. In vielen Naturheilpraxen wird die Phytotherapie mit Erfolg bei den verschiedensten Erkrankungen eingesetzt. Die Pflanzen werden verabreicht in Teemischungen, als Frischpflanzensäfte, in Ur-Tinkturen oder Tinkturen, in Badezusätzen, für Umschläge und Kompressen, als Dragees, Tabletten oder auch in Form von Zäpfchen. Die Pflanzen, je nach Inhaltsstoffen, haben die unterschiedlichsten Wirkungen. Mischungen werden gewissenhaft zusammengestellt, damit die einzelnen Heilmittel sich gegenseitig unterstützen und somit die Wirkung verstärken können. Hierfür ist ein fundiertes Wissen erforderlich. Die Phytotherapie wird erfolgreich angewandt bei Atemwegserkrankungen, Erkältungen, für den Aufbau der Abwehrkräfte, bei Schlafstörungen, bei Beschwerden im Urogenitaltrakt, in der Frauenheilkunde und bei Vielem mehr.

Wichtig für die Wirkung der einzelnen Pflanzen ist der Zeitpunkt der Ernte, die Qualität, Verarbeitung und Aufbewahrung. Auch Schwangere, Stillende und Kinder können von der Phytotherapie profitieren. Hier ist jedoch unbedingt ein erfahrener Therapeut und/oder eine ausführliche Beratung in der Apotheke notwendig. Auch wenn „nur“ Teerezepte zum Einsatz kommen ist Vorsicht geboten. Die dafür verwendeten Pflanzen sind Heilpflanzen. Die selbe Teemischung sollte deshalb niemals länger als vier bis sechs Wochen ohne Unterbrechung getrunken werden. Danach ist eine Pause einzulegen oder die Rezeptur zu wechseln. (sw)

: JPW.Peters  / pixelio.de