Placebo-Effekt: Erklärung und Anwendung

Dr. Utz Anhalt
Placebo-Effekt – Die Kraft des Glaubens
Wenn Menschen glauben, dass eine Therapie ihre Krankheit heilt, und sich ihr Zustand darauf hin wirklich vuerbessert, obwohl die Behandlung medizinisch gesehen, keine Wirkung hat, zum Beispiel, weil Tabletten keine Arzneimittel enthalten, sprechen wir von Placebo-Effekt.

Dieser Placebo-Effekt ist in diversen Studien nachgewiesen. Heute wissen wir, dass der Organismus die Patienten in solchen Situationen mit Neurotransmittern und Hormonen versorgt – der Glaube an die Wirkung einer an sich wirkungslosen Behandlung löst also die Selbstheilung des Körpers aus.

Umgekehrt gibt es auch den Nocebo-Effekt: Wer davon überzeugt ist, dass eine Behandlung, ein Medikament oder eine Operation schlimme Auswirkungen hat, bei dem verstärkt sich der Schmerz, verzögert sich die Heilung oder die Beschwerden verschlimmern sich sogar.

Wie funktioniert der Placebo-Effekt?

Wie der Placebo-Effekt Schmerzen lindert, kann die Neuromedizin heute gut erklären: Schmerz spüren wir nicht sofort an einer verletzten Stelle, sondern das periphere Nervensystem und das Rückenmark senden die Information „Schmerz“ zum Gehirn. Das Gehirn hat dabei ein Schmerzgedächtnis. Das heißt: Je nachdem, wie wir konditioniert sind, ordnet das Gehirn Schmerz stärker, schwächer oder auch gar nicht ein.

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Typisches Placebo Mittel, dass die Selbstheilung aktivieren kann. Bild: alimyakubov – fotolia

Körpereigene Medikamente schütten im Gehirn Hormone und Neurotransmitter aus, die das Signal „Schmerz“ regulieren.

Die Opioide des Körpers knüpfen dabei an die gleichen Schaltpunkte an wie künstliche Schmerzmittel. Das Glückshormon Dopamin lässt sich durch den Placebo-Effekt auslösen, Cholecystokinin hingegen löst Angst aus und wird durch den Nocebo-Effekt ausgeschüttet.

Normalerweise entsteht der Schmerz an der Wunde, und die Information wandert in kürzester Zeit zum Gehirn, das auf den Schmerz reagiert. Beim Placebo hingegen erwartet der präfrontale Cortex eine Linderung des Schmerzes. Deshalb sendet er Signale an die Bereiche des Gehirns aus, in denen sich die Opioide bilden und durch das Rückenmark zur Wunde laufen.

Die Betroffenen verdrängen den Schmerz nicht etwa, sondern sie lindern ihn tatsächlich.

Scheinoperationen und Pillengröße

Sogar Scheinoperationen wirken bei manchen Patienten. Bei Pseudoarznei wirken viele kleine Pillen besser als eine große. Und es gilt die gleiche Regel wie bei Markenprodukten: Je teurer die wirkungslosen Pillen sind, umso effektiver halten die Menschen sie.

Außerdem wirken Placebos auch negativ. Zum Beispiel würgten Patienten ihren Mageninhalt heraus, nachdem sie ein angebliches Brechmittel zu sich nahmen.

Das emotionale Gehirn

Der Neurologe David Servan-Schreiber vermutet, dass mehr als die Hälfte aller Arztbesuche ihre Ursache in Stress haben, und die Mehrzahl aller Medikamente in den westlichen Ländern dienten dazu, stressbedingte Beschwerden zu beheben: Antidepressiva, Beruhigungsmittel, Antacida bei Sodbrennen, Mittel gegen Bluthochdruck und zu hohen Cholesterinspiegel.

Auch Alkohol sei ein Mittel, mit Stress und Depressionen umzugehen.

Dabei regele das limbische Hirn die Emotionen, und mit ihm der Mandelkern, von dem Angstreaktionen ausgingen. Dieses „emotionale Gehirn“ kontrolliere die Herzfunktion, den Blutdruck, die Hormone, das Verdauungs- und Immunsystem, Atmung, Appetit, Schlaf und Libido.

Die „Killerzellen“ des Immunsystems würden vom emotionalen Gehirn gesteuert. Während also positive Gefühle wie Ruhe oder Wohlbefinden sie aktivierten, würden Angst, Stress und Depressionen sie hemmen.

Das Hirn steuert die Immunzellen. Bild: sdecoret – fotolia

Dieses emotionale Gehirn verfüge über die Fähigkeit, den Körper selbst zu heilen, und es lasse sich dazu „programmieren“, so Servan-Schreiber. Zum Programmieren können auch alt bekannte Methoden dienen: So würden die Stiche von Akupunkturnadeln die Schmerzzentren deaktivieren.

Der Neurowissenschaftler Benedetti sagt: „Die Interaktion mit dem Arzt, die Umgebung der Arztpraxis oder der Klinik mit ihren typischen Gerüchen und Geräuschen – all das sind starke sensorische Stimuli, die der Patient mit einer therapeutischen Handlung verbindet.“

Zwei Schmerzphasen

Der Placebo-Effekt verläuft in zwei Phasen, erstens Erwartung und zweitens erlernte Reaktion. Zuerst tritt das Netzwerk in Aktion, das verhindert, dass der Schmerzreiz das Gehirn erreicht, dann bremst zweitens die Aktivität von Schmerz verarbeitenden Hirnregionen.

Es gibt nicht einen Placebo-Effekt, sondern diverse, so Benedetti, und es hänge von der vorher gehenden Konditionierung ab, welche biochemischen Mechanismen abliefen.

So setze ein Placebo-Schmerzmittel verschiedene Neurotransmitter frei, je nachdem, welches Analgetikum der Patient zuvor erhalten hätte – waren die Betroffenen an Morphine gewöhnt, stieß der Körper Opioide aus.

Bei Parkinson-Patienten steige freies Dopamin im Körper bis zu 200 % an, wenn sie Placebos nutzten.

Placebo-Effekt steigert die Wirkung realer Medikamente

Benedetti untersuchte auch, wie die Stimuli einer ärztlichen Behandlung die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. So erhielten Patienten mit postoperativen Schmerzen Analgetika entweder offen von einem Arzt oder verdeckt über eine Computer-gesteuerte Injektionspumpe.

Das Ergebnis war eindeutig: Bei allen getesten Schmerzmitteln wirkte die verdecte Injektion weniger. Bei der offenen Injektion setze bereits die Erwartung Botenstoffe frei, so Benedetti, und die besetzten dieselben Rezeptoren wie die Analgetika.

Das galt auch zeitlich: Bei der ärztlichen Infektion linderte sich der Schmerz sofort, bei der verdeckten dauerte es wesentlich länger.

Benedettis Versuche ließen sich anwenden, um zu testen, wann Medikamente pharmakologisch und wann sie psychologisch wirken.

Ärzte und der Placebo-Effekt

Wissenschaftler am Institut für Medizinische Psychologie setzen den Placebo-Effekt gezielt ein. Die dort tätige Ärztin Karin Meissner ist sich zum Beispiel als Wissenschaftlerin bewusst, dass Akupunktur objektiv wenig nützt, setzt sie aber trotzdem erfolgreich gegen Beschwerden wie Heuschnupfen ein.

Studien am Institut ergaben, dass es egal ist, ob Ärzte die Nadeln nach den „Energiemeridianen“ der Traditionellen Chinesischen Medizin platzierten oder sie ohne Muster auf der Haut verteilten. Das Ergebnis verblüffte: Die Nadeln wirkten nämlich in beiden Fällen. Meissner erklärt das mit dem Placebo-Effekt. So wirkte die Erwartung der Patienten und die Umstände, wie das Vertrauen und die beruhigenden Worte des Arztes.

Der amerikanische Medizinprofessor Ted Kaptchuk gab Patienten 2010 Placebo-Pillen gegen das Reizdarmsyndrom und informierte sie sogar vorher darüber, dass es sich um Placebos handelte. Trotzdem verbesserten sich die Symptome der mit Placebos behandelten Kranken erheblich gegenüber Probanden, die keine Behandlung erhielten.

Ärzte, Psychologen und Neurobiologen setzen deshalb darauf, die Patienten einbeziehen und aufzuklären. Die Neurologin Ulrike Bingel sagt: „Der Patient muss den Sinn einer Therapie verstehen.“

Statt Patienten also Placebos zu geben, ohne dass diese davon wissen, sollten Ärzte den Betroffenen genau erklären, dass es sich um Placebos handelt, wie das Gehirn Botenstoffe und Hormone produziert, und warum die positive Haltung der Kranken das Ergebnis beeinflusst.

Die amerikanische Medizinern Jo Marchant hält eine solche Selbstheilung für umso erfolgreicher, je genauer sich ein Mensch seine Heilung vorstellt. Er könne sich zum Beispiel im Wortsinn einbilden, wie eine Wunde sich schließt, wie Knieschmerzen enden oder wie er wieder laufen kann. Solche präzisen Heilbilder lehren Schamanen übrigens weltweit.

Zweitens ist das Vertrauen zum behandelnden Arzt entscheidend. Deshalb sollten sich Patienten auf ihr „Bauchgefühl“ verlassen. Wenn Freunde einem Mediziner vertrauen, überträgt sich das auf die Betroffenen, weil das Gehirn nicht zwischen eigenen Erlebnissen und Informationen anderer Menschen unterscheidet.

Wenn zudem Freunde den Patienten unterstützen, fördert das den Placebo-Effekt. Das Gehirn schüttet dann nämlich Oxytocin aus, ein Bindungshormon.

Bei Placebo-Pillen, aber auch bei Arzneimitteln, die tatsächlich chemisch wirken, steigt die Wirkung durch Rituale. Das kann bedeuten, seine „Medizin“ immer zur gleichen Zeit am gleichen Ort einzunehmen, ein bestimmtes Glas zum Nachspülen zu benutzen oder gar einen „feierlichen“ Akt zu entwerfen.

Homöopathie und Placebo-Effekt

Ein vielfach angeführtes Beispiel für den Placebo-Effekt ist die Homöopathie. Hier werden Stoffe so stark verdünnt, dass sie chemisch betrachtet, nicht mehr vorhanden sind. Die Erfolge bei der Heilung von Krankheiten werden insbesondere von Kritikern der Homöopathie auf den Placebo-Effekt zurückgeführt. Ein Vorwurf dem praktizierende Homöopathen energisich widersprechen, obwohl auch eine therapeutische Anwendung des Placebo-Effekts durchaus sinnvoll erscheinen kann.

Homöopathen nehmen sich Zeit und gehen auf die individuellen Beschwerden ihrer Patienten ein. Es ist also ein besonderes Setting plus Therapeut-Patienten-Beziehung. Außerdem glauben Arzt und Patient an die Kraft der Homöopathie. Kritisch formuliert, besteht das Verfahren aus einer unstrukturierten Gesprächstherapie plus Placebos.

Die Frage ist, ob die Globuli dabei nicht nur als symbolisches Medium funktionieren, das die Kommunikation zwischen Arzt und Patient wie das Ausschütten von Hormonen und Neurotransmittern erst in Fluss bringt.

Eine alte Geschichte

Schon Hippokrates nutzte in der Antike Placebos, also Methoden, von denen er wusste, dass sie wirkungslos sind, und Schamanen inszenieren ein magisches Theater, bei dem sie Fremdkörper hervorzaubern, die angeblich im Körper des Patienten die Krankheit verursachten und die sie mit „geistigen Operationen“ entfernen.

Manche missbrauchen so den Glauben ihrer Mitmenschen, um Scharlatanerie zu betreiben, meist verhalten sich die Heiler traditioneller Kulturen aber nicht anders als heutige Ärzte, die wissen, wie der weiße Kittel, eine sanfte Stimme und Assoziationen zum Krankenhaus eine Heilung mitbedingen.

Der Militärmediziner Henry Beecher stellte die Placebos im Zweiten Weltkrieg auf ein wissenschaftliches Fundament, nachdem er beobachtet hatte, wie eine Krankenschwester Kochsalz statt Morphium spritzte und es den Patienten trotzdem besser ging.

Beecher inspirierte auch die Doppelblindstudien, mit denen wir heute die Wirksamkeit von Medikamenten bestimmen. Dabei wissen die Versuchsteilnehmer nicht, ob sie eine reale Arznei oder Pseudomedizin bekommen.

Placebos gegen Phobien

Placebos wirken hervorragend gegen Phobien, denn die bilden sich im Gehirn und lassen sich durch positive Suggestionen ändern. So unterzogen sich 34 Frauen mit übertriebenem Abscheu vor Spinnen einer Studie, in der sie angeblich Angostura, eine Medizin aus Südamerika bekamen. In Wirklichkeit nahmen sie reine Kieselerde zu sich. Sämtliche Probandinnen empfanden nach dem Placebo viel weniger Ekel vor Spinnen als ohne das Scheinmittel.

Placebos können im Rahmen einer Therapie helfen, um Phobien zu überwinden. Bild: lucato – fotolia

Forscher planen jetzt Placebos als ersten Schritt in Psychotherapien gegen Phobien einzusetzen, insbesondere, um den Patienten zu zeigen, wie wirkungsvoll ihre Selbstheilung ist, um die Beschwerden zu besiegen.

Religiöses Ritual und Placebo

Hindus reinigen sich rituell im Ganges, der in „heiligen Städten“ wie Vahranassi, der Stadt des Gottes Schiwa, chemisch betrachtet, eine Kloake darstellt, und dessen Wasser eher zu diversen Infektionskrankheiten führen müsste statt sie zu heilen.

Die Hoffnung, das Beten hilft, führt ebenso zum Ausschütten von Hormonen und Botenstoffen wie der Glaube an die Wirksamkeit einer Placebo-Pille. Eine Studie an der Universität Georgetown zeigte, dass der Glaube an übernatürliche Hilfe bei 75 % der Patienten die Heilung beschleunigte.

Diese positive Selbstsuggestion gilt für viele Bereiche des Lebens. Wenn ich glaube, dass die Frau meines Herzens mich ebenfalls liebt, erzeugt das allein positive Emotionen, auch wenn es nicht der Wahrheit entspricht. Das gilt auch, wenn ich glaube, dass ein gütiger Gott mich liebt und mich nach meinem Tod in die Arme nimmt.

Dieser Anti-Realismus in Religionen ließe sich als Placebo für den Alltag bezeichnen: Ob jemand zum Regengott betet, dass die Ernte nicht verdorrt oder meint, dass Gott ihm beiseite steht, wenn er sich einer Herzoperation unterzieht, ob es einen positiven Sinn im Leben gibt. Das alles sind Selbstsuggestionen, die dazu führen können, dass der Körper die entsprechenden Opioide und Hormone produziert.

Religion lässt sich nicht auf das suggestiv erreichte Lindern von Schmerzen reduzieren, doch spielt dies eine erhebliche Rolle. Nicht von ungefähr bitten Christen beim Vaterunser „und erlöse uns von dem Bösen“, und das Ziel des Buddhismus besteht darin, das Leiden im Leben zu überwinden. Eine entscheidende Lehre im Buddhismus ist, Schmerz zu akzeptieren, ohne Alarm zu schlagen. Das ließe sich als Dämpfen des Schmerzbewusstseins beschreiben, was wiederum einen klassischen Placebo darstellt.

Leiden ist der Kern des Christentums. Der gekreuzigte Heiland nahm die Sünden der Menschheit und ihren Schmerzen auf sich, und Apostel Paulus lehrte: „Wir leiden, aber nicht wie es andere tun, die keine Hoffnung haben.“

Der Glaube selbst, und keine übernatürliche Macht, lindert die Schmerzen. So lässt sich auch verstehen, dass Menschen in schlimmen Phasen von Stress zum Glauben finden, sei es, dass eine 14jährige beginnt an Gott zu glauben, während ihre Mutter mit Krebs in der Klinik liegt, oder ein Drogenkranker in der Religion seine letzte Chance sieht.

Solche Placebo-Effekte sind offensichtlich umso größer, je fundamentalistischer ein Mensch seine Religion praktiziert. Moderate Christen, die wissenschaftliche Theorien akzeptieren, produzieren demnach weniger körpereigene Schmerzdämpfer als Fanatiker, die darauf bestehen, dass Wunder geschehen.

Umgekehrt führt diese spirituelle Begeisterung aber auch zu tiefster Verzweiflung, wenn ein erwartetes Wunder nicht eintrifft.

Gibt es auch eine rationale Alternative zur Religion, um die Macht des Placebos über physischen und emotionalen Schmerz zu nutzen? Das dürfte schwierig sein, denn Selbstsuggestionen wirken umso besser, je weniger die Betroffenen wissen, dass es sich um Suggestionen handelt. (Dr. Utz Anhalt)