Tiergestützte Therapie – Therapie mit Tieren

Reit- oder auch Pferdetherapie. Bild: Zlatan Durakovic - fotolia
Dr. Utz Anhalt
Tiergestützte Therapien sollen psychische, psychosomatische und neurologische Erkrankungen lindern; sie helfen Menschen mit geistigen Behinderungen; Tiere bringen Lebensfreude in Altersheime und Kindergärten. Hunde arbeiten ebenso als „Therapeuten“ wie Katzen, Pferde wie Lamas oder Delfine.

Tiergestützte Therapie bezeichnet alle Verfahren, bei denen der Kontakt zu Tieren das Leben von Menschen positiv verändern soll, von Borderline-Patienten, die durch Hunde eine Tagesstruktur bekommen über Autisten, die mit Tieren lernen, ihre Scheu vor Berührung zu verlieren bis zu Depressiven, die über den Kontakt zu einem Tier erste Schritte zur Kommunikation mit Menschen machen.

Oft werden Hunde für die Therapie eingesetzt. Bild: Miriam Dörr - fotolia
Oft werden Hunde für die Therapie eingesetzt. Bild: Miriam Dörr – fotolia

Die emotionale Nähe des Tieres, seine Körperwärme und vor allem die Anerkennung durch das Tier wirken heilend.

Heimtiere fördern Verantwortungsbewusstsein, Fürsorge, Lebensfreude, Empathie, und sogar Optimismus, zusammen gefasst die emotionale Intelligenz. Dazu gehören die Intuition, das Erkennen von Gefühlen und das richtige Reagieren auf die Gefühle eines anderen. Tiere zeigen ihre Gefühle nämlich offen. Zudem spielt für sie sozialer Status, Schönheitsideal oder materieller Wohlstand keine Rolle.

Studien zeigen, dass Menschen, die mit Tieren aufwuchsen, im späteren Leben mit Problemen in Beziehungen besser umgehen können als Menschen, die ohne Tiere aufwuchsen.

Das Zusammenleben mit Heimtieren senkt den Blutdruck, stabilisiert den Kreislauf und führt zu weniger Schlafstörungen. Heimtiere beugen den psychosomatischen Erkrankungen in Folge von sozialer Isolation vor, und sie mindern die Gefahr von Suchterkrankungen.

Heimtiere helfen, Stress zu bewältigen, Beziehungsprobleme, ebenso wie die Belastungen des Alltags. Tiere haben keine Termine, arbeiten nicht, und sie sind immer in unserer Nähe. So geben sie unsicheren Menschen Halt.

Manche Tiere bringen uns zum Lachen und fordern uns zum Spielen auf, besonders Hunde und Katzen. Beides regt die Endorphine im Gehirn an, die verringern das Schmerzempfinden, bauen Stress ab und sorgen dafür, dass wir uns wohl fühlen.

Das Zusammensein mit Tieren hat existentielle Qualität. Menschen sind Naturwesen, und in unserer hoch technisierten Welt geht die Bindung an die nichtmenschliche Natur zusehends verloren. Folgerichtig steigt in den Industrieländern die Zahl der Heimtiere rapide an: Wenn kein Wald in der Nähe ist, bietet das Terrarium mit Laubfröschen einen Ersatz. Gebrauchshunde wie Labradore und Golden Retriever finden eine neue Rolle als Familienmitglied.

Tiertherapie – warum?

In der Therapie werden Tiere gezielt eingesetzt. Besonders bei Kindern leiten sie oft die Behandlung ein. Im Unterschied zu Puppen reagieren sie auf das Kind, zeigen ihre Bedürfnisse und Gefühle. Im Unterschied zu Menschen kümmern sie sich nicht um die intellektuellen Fähigkeiten eines Patienten – Religion, Hautfarbe oder Kultur interessieren sie nicht.

Tiere sind spontan, sie zeigen dem Patienten ihre Zuneigung und heben so die Lebensfreude. Das weiche Fell einer verschmusten Katze erfüllt einem vereinsamten Menschen sein Bedürfnis nach Zärtlichkeit, Hunde hingegen zwingen uns zur Aktivität, sei es, dass sie spielen wollen, oder uns stürmisch begrüßen. Menschen, die im Pflege- wie Altersheim oder in einer psychiatrischen Anstalt leben, müssen ihre Selbstverantwortung abgeben und verlieren damit auch einen Teil ihres Selbstbewusstseins. Spaziergänge mit Hunden geben ihnen das Gefühl von Verantwortung und Kompetenz zurück.

Dazu fördern sie die körperliche Gesundheit. Wer einen Hund hält, der muss täglich mehrmals an die frische Luft und nicht nur den Hund, sondern auch sich bewegen.

Menschen mit Behinderungen und Senioren in Heimen sind vielerlei Stress ausgesetzt, sie müssen mit dem Verlust ihrer Intimsphäre leben, weil die Pfleger sie waschen, anziehen und von Ort zu Ort bringen; sie sind mit dem Tod von Freunden und Bekannten konfrontiert, sie leiden unter körperlichen Beschränkungen und Krankheiten.

Tiere reduzieren diesen Stress, das belegen diverse Studien. So senkt sich der Blutdruck bei Menschen, wenn sie ein Tier streicheln, aber auch, wenn das Tier nur in der Nähe ist. Statt immer wieder über ihre körperlichen und seelischen Probleme zu grübeln, lenkt das Tier von den Leiden ab. Mehr noch: Tiere bringen die Neugier zurück in ein Leben, das zwangsläufig durch Routine geprägt ist.

Studien zur Neugierforschung zeigten nämlich, dass Menschen am besten neue Ideen entwickeln, wenn sie weder zu viel noch zu wenig geistig leisten müssen. Dazu kommen Liebe, Verständnis und Akzeptanz, also entscheidende Gefühle für Menschen, die an Depressionen, Demenz, Borderline oder Burnout leiden. Tiere nehmen die Gefühle, die ein Mensch für sie zeigt, pur, egal ob dieser Mensch Behinderungen hat oder nicht.

Tiere dienen zugleich als Brücke für zwischenmenschliche Kommunikation. Soziophobiker, die mit Hunden spazieren gehen, sprechen mit Fremden über ihre Hunde, Senioren im Heim haben ein gemeinsames Thema, wenn die Enkel sie besuchen.

Das Tier fördert die soziale Aktivität eines Menschen heraus. Es ist kein Objekt, sondern ein Subjekt. Wer sich einer Katze oder einem Hund gegenüber gleichgültig oder gar abweisend verhält, zu dem wird das Tier kaum eine soziale Beziehung aufbauen. Je mehr der Patient aus seinem emotionalen Schneckenhaus heraus kommt, umso positiver reagiert das Tier, und der Patient erfährt die steigende Zuneigung des Tieres unmittelbar.

Therapie mit Hunden

Hundetherapien sind die häufigsten tiergestützten Behandlungen und beziehen Pädagogen, Mediziner, Sozialarbeiter und Psychotherapeuten ein. In der Diagnose helfen Hunde besonders zur Diagnose von Erkrankungen, in denen eine verbale Kommunikation kaum möglich ist. Das gilt besonders für Menschen mit Sprachstörungen, Gehörlose, Autisten oder Sprachbarrieren. Hundgestützte Aktivität umfasst Besuchshundedienste in Pflege- und Seniorenheimen ebenso wie in Kindergärten.

Hunde dienen in den USA der Resozialisierung von Kriminellen. Im Washington Corrections Center for Women können Inhaftierte während ihrer Haft Service-Hunde ausbilden, die später Menschen mit Behinderten helfen, zum Beispiel Blindenhunde, Hunde, die Gehörlose auf Geräusche hinweisen, oder den Einkauf erledigen.

Die Ausbildung der Hunde soll zugleich die sozialen Fähigkeiten der Insassinnen verbessern. Die meisten von ihnen kommen nämlich aus Milieus, in denen sie Gewalt in hohem Ausmaß erlebten, psychisch wie physisch.

Die Frauen können sowohl soziales Verhalten von und mit den Hunden lernen wie Erfolgserlebnisse sammeln, wenn sie die Hunde erziehen. Sie verbringen nicht nur ihre Haft mit einer sinnvollen Aufgabe, sondern haben auch eine berufliche Basis, wenn sie in Freiheit kommen.

Therapiehunde absolvieren eine spezielle Ausbildung. Dabei kommt es mehr auf das Individuum als auf die Rasse an, bestimmte Rassen eignen sich aber besonders, erstens, weil sie sehr lernfähig sind und zweitens, weil sie eine enge Beziehung zu Menschen suchen. Dazu gehören vor allem Labrador- und Golden Retriever, Bordercollies und Australian Shepherd, und, im angloamerikanischen Raum, die als „Kampfhunde“ verfemten Bull-, Pittbull- und Staffordshireterrier.

Wir unterscheiden zwischen Hunden, die die Patienten selbst auf Dauer halten und Hunden, die in der Hand von Therapeuten sind und nur zu den jeweiligen Terminen in Kontakt mit den Betroffenen kommen. So verspricht zum Beispiel eine hundegestützte Therapie Erfolge mit Depressiven. Diese lernen dadurch, dass sie im Beisein eines Therapeuten mit den Hunden Kontakt aufnehmen, ihre unsichtbare Mauer zu anderen Menschen einzureißen.

Therapiehunde, die bei den Patienten bleiben, helfen bei psychischen Störungen, eine Tagesstruktur zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen: Eine Borderline-Patientin beispielsweise ging nur noch aus der Wohnung, um einzukaufen, sie schlief auf der Fensterbank, vernachlässigte ihre Körperhygiene und entwickelte eine Sozialphobie. Sie bekam zwei als Therapiehunde ausgebildete Bordercollies, die Hunde zu füttern, mit ihnen spazieren zu gehen, und zugleich ihre Zuneigung zu erfahren, brachte ein wenig Halt in ihr Leben zurück, und sie fand in den Hunden ein Urvertrauen wieder, dass sie zu Menschen verloren hatte.

Retriever eignen sich durch ihre Freude, Dinge zu bringen, hervorragend, um Menschen mit seelischen oder körperlichen Behinderungen den Alltag zu erleichtern. Ein Apportierer, der die Beute nicht bringt ist wie ein Wachhund, der Räuber zum Silber führt. Apportierhunde müssen zugleich selbstständig handeln, sehr ausdauernd sein und das Wasser lieben. Sie brauchen eine gute Nase und scharfe Augen. Diese Wesenszüge haben alle fünf anerkannten Retriever gemein und eignen sich damit hervorragend für die tiergestützte Therapie wie als Assistenzhunde. Sie sind sehr lernwillig und können sogar mit speziellen Wagen in den Supermarkt gehen, um den Einkauf ihres Menschen zu bringen, Türen öffnen, anzeigen, ob das Essen anbrennt oder die Zeitung holen – vor allem aber brauchen wie geben sie Zuwendung.

Der Hunde- und Wolfsforscher Kurt Kotrschal fand heraus, dass Probanden in Anwesenheit eines Hundes wesentlich geringere Konzentrationen an Botenstoffen hatten als Teilnehmer ohne Hund. Je intensiver sie mit dem Hund sprachen und ihn streichelten, umso entspannter wurden sie.

Diese Wirkung hatten die Hunde nur auf unsichere Teilnehmer, die an Verhaltensauffälligkeiten litten. Bei psychisch stabilen Kindern verringerten sich die Stresshormone am stärksten im Beisein eines Erwachsenen.

Das Fazit lautet: Ein Hund kann bei Kindern mit Bindungsstörungen effektiver Vertrauen schaffen als ein erwachsener Mensch. Damit hätten Hunde ein erhebliches therapeutisches Potenzial, um die Beziehung zwischen Therapeut und Patient zu stärken.

Ein Welpe, der zum Therapiehund geeignet ist, muss keiner bestimmten Rasse angehören. Er sollte sehr wesensfest sein, gesund und einen außerordentlichen Spieltrieb besitzen. Menschen gegenüber darf er keine Aggression zeigen, er braucht eine enge Beziehung zu seinem Halter, große Kommunikationsfreude, Geduld und eine hohe Toleranz gegenüber Reizen.

Heilung von Phobien?

Über Therapiehunde kursiert die falsche Vorstellung, dass sie Hundephobien heilen könnten. Keine tiergestützte Therapie heilt jedoch ein Phobie des Klienten. Dafür ist ein Psychologe gefragt. Der kann zwar einen Hund innerhalb der Therapie einsetzen, der Hund heilt aber die Phobie nicht – denn das Tier ist dafür nicht verantwortlich.

Die Pferdetherapie

Pferde stützen zwei unterschiedliche Therapieformen: Zum einen eine Physiotherapie, bei der Reiten die Muskelspannung stärkt, zum anderen Heilpädagogik, die psychische Störungen lindern soll.

Bei der Krankengymnastik auf dem Pferderücken geht das Pferd im Schritt, und der Körper des Erkrankten stellt sich auf die Bewegungen des Pferdes ein. Dies soll spastische Muskeln entspannen und erschlaffte Muskeln anspannen. Der Oberkörper soll an Haltung gewinnen, und ein gestörtes Gleichgewichtsgefühl soll sich wieder einpendeln.

Diese Bewegungsgymnastik ist besonders geeignet für Menschen, die teilweise gelähmt sind, damit sie wieder ein Gefühl für ihren Rumpf entwickeln. Nicht geeignet ist sie hingegen für Patienten mit multipler Sklerose, Bluter oder Menschen, die an Entzündungen der Wirbelsäule leiden.

Reit- oder auch Pferdetherapie. Bild: Zlatan Durakovic - fotolia
Reit- oder auch Pferdetherapie. Bild: Zlatan Durakovic – fotolia

Das „Heilpädagogische Reiten und Voltigieren“ hingegen zielt auf Kinder mit psychischen Störungen und psychosozialen Problemen.

Die Idee dahinter ist, den Patienten ganzheitlich zu fordern und zu fördern: Körperlich, geistig, emotional und sozial. Kinder reagieren auf Pferde mit allen Sinnen, sie streicheln die Tiere, sie riechen sie, sie hören die Geräusche, die das Pferd von sich gibt, sie füttern es, sie können ihm ihre Sorgen anvertrauen.

Kinder, die an dieser Therapie teilnehmen, machen den Stall sauber, sehen zu, wie das Pferd sich wälzt, und wie es sich auf der Weide verhält. Im Unterschied zu Katzen oder Kaninchen schmusen die Kinder mit dem Pferd nicht nur, sondern trainieren ihren ganzen Körper.

Das Voltigieren selbst besteht aus Gymnastik, die das Kind auf dem Rücken des Pferdes durchführt, während das Pferd im Kreis an der Longe geht. Wenn das Kind sich nicht bewegt, funktioniert das Voltigieren nicht. Der gesamte Körper ist im Einsatz, und das soll bei Kindern, die ein falsches Selbstbild haben, also entweder zu wenig Selbstwertgefühl oder ein übersteigert-narzisstisches, dazu führen, sich selbst realistischer wahrzunehmen und „geerdeter“ auf die Umwelt zuzugehen.

Wer reitet, muss sich mit dem ganzen Körper auf das Pferd einlassen, und das Tier gibt ständige Bewegungsimpulse ab, die sich fortwährend ändern. Es läuft schneller oder langsamer, es weicht nach innen oder außen von der Kreislinie ab. Das Kind muss sich darauf einstellen.

Es handelt sich aber nicht um eine rein körperliche Übung. Ohne eine emotionale Verbindung zu dem Pferd ist es nicht möglich, sich auf dessen Bewegungen einzustellen. Reiten ist eine Beziehung zwischen zwei Lebewesen. Ein ausgebildetes Voltigierpferd leitet diese Beziehung ein.

Für sozial auffällige Kinder gilt bei der Pferdetherapie das gleiche wie bei anderen Tiertherapien auch. Kinder, die Probleme mit Eltern und Lehrern haben, lassen sich leichter auf das Pferd ein als auf andere Menschen. Beim Pferd lernen sie so im besten Fall ein soziales Verhalten, das sich positiv auf ihre Beziehungen zu anderen Menschen auswirkt.

Der Voltigiertherapeut hat dabei eine besondere Bedeutung. Er ist die Brücke zwischen Kind, Pferd und der Welt der Erwachsenen. Er kann dem Kind soziales Verhalten beibringen, indem das Kind sieht, welches Vertrauen das Pferd dem Therapeuten entgegen bringt. „Pferdeschinder“ alter Schule, die Pferde brechen, also mit Gewalt zu Übungen zwingen, sind immer fehl am Platz – in der Therapie aber besonders.

Idealerweise lernt das Kind durch die Beziehung zum Pferd, Konflikte sanft zu lösen, es wird selbstsicherer, es lernt, Verantwortung zu übernehmen, es schärft seine Sensibilität und kann diese Lernerfahrungen in Gruppen mit Gleichaltrigen einbringen.

Lamatherapie

Manche Therapeuten in Deutschland arbeiten heute mit Lamas und Alpakas. Lamas haben besondere Eigenschaften, die für eine Entwicklung von Menschen mit psychosozialen Problem förderlich sein können.

Zum einen sind sie „exotisch“. Während die meisten Menschen an Pferde, Hunde oder Katzen bestimmte Erwartungen knüpfen, die oft unrealistisch sind, oder sie sogar negative Erfahrungen mit diesen Tieren machten, verhalten sich die meisten Klienten Lamas gegenüber unvoreingenommen.

Lamas halten sich Menschen gegenüber zurück, sind aber zugleich neugierig und freundlich. Sie bewegen sich langsam und lassen sich so gut beobachten. Wer sich einem Lama nähert, um es zu streicheln, sollte sich ebenfalls behutsam bewegen, sonst geht das Tier auf Distanz.

Für Borderline oder bipolare Störungen, aber auch für das PostTraumatischeBelastungsSyndrom, kurz für alle psychischen Erkrankungen, die mit extremem Verhalten verbunden sind, eignet sich die Lamatherapie. Das Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz balanciert der Betroffene aus, indem er seine Gefühlsausbrüche zügelt. Zugleich nimmt ein Lama, im Unterschied zum Beispiel zu einem Reh, nicht komplett Reißaus, wenn der Patient sich auffällig verhält.

Die Delfintherapie

Der Psychologe David E. Nathanson entwickelte die „Dolphin-Human.Therapy“. In Nathansons Konzept ist der Delfin die Belohnung für die Kooperation zwischen einem therapierten Kind, seinen Eltern und dem Therapeuten. Wenn das Kind sich im Sinn der Therapie verhält, darf es zu dem Delfin ins Wasser steigen. Die Wirksamkeit konnte nie wissenschaftlich belegt werden.

Eine vor allem bei Kindern sehr beliebte aber eher teure Therapie ist die mit Delphinen. Bild: Aleksandr Lesik - fotolia
Eine vor allem bei Kindern sehr beliebte aber eher teure Therapie ist die mit Delphinen. Bild: Aleksandr Lesik – fotolia

Nathanson schrieb: „Wenn wir möchten, dass ein Kind spricht, und das Kind möchte nicht sprechen, müssen wir seine Aufmerksamkeit bekommen und es mit Hilfe des Delfins dazu bringen, den Wunsch zu sprechen in sich zu verspüren. Wir müssen das Kind dazu bringen, es einmal zu tun und dann dieses Verhalten positiv verstärken, so dass es immer wieder den Wunsch danach verspürt, zu sprechen.“

Andere Therapien in den USA sehen die Begegnung mit dem Delfin selbst als Heilung an. In Deutschland bietet nur der Tiergarten Nürnberg eine delfingestützte Therapie, bei denen die Kinder sich den Delfinen vom Beckenrand nähern und später zu ihnen ins Becken steigen.

Delfintherapien stehen seit Jahren scharf in der Kritik, sowohl von Tierschützern als auch von Meeresbiologen. Die Tierschützer kritisieren, dass eine artgerechte Haltung von Delfinen in Gefangenschaft nicht möglich ist, die Meeresbiologen warnen davor, dass diese Begegnung zwischen Kind und Delfin gefährlich sein kann. Zudem vermittle sie ein gänzlich falsches Bild der Tiere.

Die Universität Würzburg kam nach einer Studie 2006 zu dem Ergebnis: „Aufgrund der nachgewiesenen Therapieeffekte bei schwerstbehinderten Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren wird künftig im Tiergarten Nürnberg die Therapie mit Delfinen angeboten, die von den teilnehmenden Familien selbst zu finanzieren ist.“

Der Stiftungsfonds Delfintherapie will Kindern mit schweren Behinderungen die sehr teure Therapie ermöglichen: „Der Stiftungsfonds Delfintherapie wurde ins Leben gerufen um Kindern mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung die Durchführung einer Delfintherapie zu ermöglichen. Die Kosten für eine Delfintherapie werden in Deutschland leider nicht von den Krankenkassen übernommen, obwohl die Berichte rückkehrender Familien, alle von einer erheblichen Verbesserung der Fähigkeiten der Kinder berichten.“

Laut dem Stiftungsfonds nehmen Kinder durch die Delfine wieder Kontakt mit der Umwelt auf, bauen Ängste ab und lösen Verkrampfungen. Damit hälfen sie effektiv bei Behinderungen wie Spastik, Autismus, Hirntrauma oder Geburtsschäden. Angeblich würden Kinder nach der Therapie viermal so schnell lernen wie zuvor.

Weitreichende Untersuchungen hätten gezeigt, dass Therapie in Kombination mit der Interaktion eines Delfins Kinder in ihrer Weiterentwicklung fördert und sie bis zu viermal so schnell lernen, so der Fonds.

Ziel der delfingestützen Therapie sei es, die erhaltenen Fähigkeiten des Patienten zu verbessern. Der Delfin motiviere die Kinder, mit dem Therapeuten an Land zu arbeiten.

Die delfingestützte Therapie sei eine Intensivtherapie für Kinder mit Problemen in der Sprache, Motorik und Kommunikation. Sie stünde nicht allein, sondern stütze traditionelle Therapien wie die Physio- und Sprachtherapie dort, wo diese nicht mehr weiterkämen.

Kritiker bemerken aber, dass die „Verbesserung der Fähigkeiten“ ausschließlich dem subjektiven Urteil der Eltern unterliege, während es keine objektiven Studien gäbe, ob die Therapie den Zustand der Kinder wirklich positiv verändere.

Der Meeresbiologe Dr. Karsten Brensing warnt: „Aus eigenen persönlichen Erfahrungen weiß ich, dass Delfine Menschen gegenüber aggressiv sein können. Darüber hinaus wurde in meinen Untersuchungen deutlich, dass besonders die Tiere in kleinen Gehegen versuchen, dem Menschen auszuweichen. Gerade diese Ausweichreaktionen erzeugen auf Dauer Stress und können die Ursache für aggressives Verhalten sein. Es gibt eine Vielzahl von Unfällen die von einfachen Kratzern bis zu Rippenbrüchen reichen. Und mancher Trainer musste die Interaktion mit gefangen gehaltenen Tieren mit dem Leben bezahlen.“

Ingrid Stephan leitet das Institut für soziales Lernen in Niedersachsen. Sie sagt: „Durch Delfine erreichte Effekte lassen sich meiner Meinung nach auch durch andere Tierarten erzielen.“

Die Anwesenheit von freundlichen Tieren allein hilft Menschen, denen es psychisch schlecht geht. Bei bestimmten psychischen Störungen können Tiere in der Therapie die Symptome deutlich verbessern. Nicht alle Tierarten- und individuen sind dabei für alle Patienten gleichermaßen geeignet. Eine tiergestützte Therapie ergänzt andere Therapien, ersetzt sie aber nicht. Therapiehunde – und pferde sind speziell ausgebildet; Eltern, die sich für ihr Kind mit psychischen Störungen ein Tier anschaffen, um ihm zu helfen, sollten sich gründlich informieren und Fachleute zu Rate ziehen: Unausgebildete Hunde, die schnell auf Reize reagieren und wenig belastbar sind, reagieren auf extremes Verhalten des Betroffenen vielleicht sogar aggressiv. Bei einem Hund ist es darüber hinaus ratsam, wenn Eltern von Betroffenen mit dem Hund eine Ausbildung in der Hundeschule machen. (Dr. Utz Anhalt)

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