Weihrauch – Geschichte, Anwendung und Wirkung des Naturheilmittels

Dr. Utz Anhalt
Weihrauch als Naturheilmittel
Weihrauch kennen wir vor allem von religiösen Feiern, dabei ist er zugleich eine alte Heilpflanze. Der Baum wächst ursprünglich am Horn von Afrika, also in Somalia, Äthiopien, Eritrea, Jemen und Oman. Es handelt sich um niedrige Bäume mit knorriger Rinde, die wie Papier abblättert; die Bäume bilden circa 25 cm lange Blütenstände. Wilder Weihrauch braucht Wüstenklima.

Weihrauchernte

Bereits in der Antike ernteten die Menschen in Südarabien das Weihrauchharz. Dafür ritzten sie im Frühjahr die Äste an, warteten einige Wochen und zogen das ausgeflossene Harz ab. Im Sommer ist das Harz am besten. Ein Baum liefert zwischen 3 und 10 Liter Harz. Die erste Ernte gilt als minderwertige, die letzte mit nahezu weißem Harz, als beste. Sie ist circa 15mal so teuer, und der Duft hat ein schweres Zitronenaroma.

Weihrauch ist das Harz des Weihrauchbaumes. Es wird durch das Anritzen der Rinde gewonnen. (Bild: cbasting/fotolia.com)

Das Weihrauchland

Das biblische Saba war der wichtigste Stadt in Südarabien, im Kern umfasste es den Jemen. Der Reichtum Sabas hatte einen Namen: Weihrauch. Der Süden Arabiens hatte das Monopol auf Weihrauchharz (und Myrrhe), und die Kulturen des Nahen Ostens und des Mittelmeers begehrten es. Weihrauch hatte als Räucherwerk eine zentrale Stellung in religiösen Ritualen und Heilungen.

Durch das Weihrauch wurde Saba ein Zentrum des Fernhandels mit der jemenitischen Hafenstadt Aden. Über diese lief der Handel mit dem begehrten Rauchwerk durch das arabische Meer und den indischen Ozean nach Indien. Kamelkarawanen transportierten das Harz durch die arabische Wüste bis zum Mittelmeer. Dort organisierten griechische Händler dern Weitervverkauf.

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Sabas Hauptstadt Marib bestand schon im 3. Jahrtausend v.u.Z., und Saba war die wichtigste Hochkultur des antiken Arabiens: Die Bewässerungssysteme der Hauptstadt machten 10 000 Hektar Land fruchtbar.

Assyrische Texte berichten von Karawanen aus dem heutigen Jemen, die Weihrauch mitbrachten, und die Bibel erzählt, dass die Königin von Saba Geschenke an König Salomon schickte, darunter Weihrauch.

Welche Harze gibt es?

Weihrauchharz lässt sich aus vier Baumarten gewinnen: Boswellia sacra, Boswellia papyrifera, Boswellia serrate und Boswellia frereana. Kenner unterscheiden die unterschiedlichen Hartztypen als herber und weicher im Duft, besser oder schlechter brennbar, hell und dunkel. Den „typischen“ Weihrauchduft senden sie beim Verbrennen alle aus. Indessen unterscheidet sich die Qualität nicht nur hinsichtlich der Weihrauchart, sondern auch der Standort spielt eine Rolle.

Indischer Weihrauch

Schon früh führten die Inder Weihrauch nicht nur aus Arabien ein, sondern bauten ihn auch selbst an. Dieser indische Weihrauch spielte eine wichtige Rolle in der Ayurvedamedizin. Grundlage ist Boswellia serrata. Indischer Weihrauch enthält bis zu 9 % ätherische Öle, circa 16 % Harzsäuren und um die 20 % Schleimsäuren.

Es gibt vier verschiedene Arten von Weihrauchbäumen, aus denen sich das wertvolle Harz gewinnen lässt. (Bild: cbasting/fotolia.com)

Göttlicher Rauch

Die antiken Ägypter setzten Weihrauch zur körperlichen und spirituellen Reinigung ein, insbesondere beim Mumifizieren, und nannten die Harztropfen den „Schweiß der Götter“. Die Reichen räucherten mit Boswellia im Alltag. Später gehörte er zu den Kulthandlungen der römisch-katholischen wie der orthodoxen Kirchen, die das Räuchern wiederum von den vorchristlichen Religionen wie dem Mithrasglauben, der Weihrauch, Feuer und Kerzen in Anrufungszeremonien nutzte.

Kulte wie Privatleute mischten Weihrauch meist mit anderem Rauchwerk, besonders Myrrhe, aber auch Lorbeer oder Galbanum.

Die Kanaaniten betrieben einen Räucherkult, der im jüdischen Tempel von Jerusalem Einzug hielt. Morgens und abends hielten die jüdischen Priester am Altar ein Rauchopfer ab. Die Babylonier verbrannten angeblich in ihrem Baaltempel jährlich bis zu 20 Tonnen Weihrauch.

Rauch statt Tiere

In der römischen Republik verdrängte das (symbolischere) Rauchopfer die Tieropfer an die Götter. Es gab extra Weihrauchgefäße (accerra), in denen die Gläubigen Weihrauchkörner verbrannten und den Göttern dankten. Bei Triumphzügen liefen Sklaven, die Weihrauchfässer schwenkten, dem Zug voran. Die Kaiser Roms befahlen, dass die Untertanen vor ihrem Bild Rauchopfer abhielten.

Weihrauch hatte neben der religiösen Bedeutung in Rom auch eine pragmatische: Der Rauch vertrieb den Gestank nach Kot, Urin und Abfall, der in der aus allen Nähten quellenden Stadt waberte.

Die frühen Christen hatten das Weihrauchschwenken noch als heidnisch abgelehnt; als unter Konstantin das Christentum allerdings Staatsreligion wurde, ließen die Bischöfe wie zuvor die römischen Würdenträger Weihrauchschwenker voraus laufen.

Unter den Geschenken der Heiligen Drei Könige befand sich Weihrauch aus Südarabien.

Die Weihrauchstraße

Es gab nicht eine Seidenstraße, sondern viele, und sie verbanden das Mittelmeer mit China, Bagdad mit dem Kaukasus, und Afghanistan mit dem Libanon. Diese Handelswege erstreckten sich über tausende von Kilometern, durch Gebirge und Sandwüsten, durch Sümpfe und Wildnis.

Die Nomaden der Steppe lauerten ebenso wie die Beduinen in der Wüste, und Überfälle auf die Karawanen waren ihr täglich Brot. Die Gefahren und Strapazen machten diesen Handel nur bei Luxusgütern attraktiv, die eine hohe Gewinnspanne erzielten. Dazu gehörte die chinesische Seide, dazu gehörten indische Gewürze und Edelsteine aus Pakistan – und dazu zählten Weihrauch und Myrrhe.

Über die Weihrauchstraße wurde das begehrte Harz aus dem Oman bis nach Damaskus transportiert. (Bild: amy_lv/fotolia.com)

Bis nach Indien und Norwegen

Die Weihrauchstraße über Land verlief von Oman und Jemen über Hedschas nach Gaza und Damaskus, von dort zogen Zwischenhändler an das Mittelmeer. Griechische und phönizische Händler vertrieben das kostbare Harz im Mittelmeerraum. Von dort gelangte es in alle Regionen Europas, in die heutige Türkei und bis an das Schwarze Meer, wo die Wikinger es bezogen und bis nach Skandinavien brachten. Die südarabischen Reichen hielten den Ursprung des Weihrauchs geheim und überwachten die Anbaugebiete mit Militär.

Laut dem Archäologen Barry Cunliffe kannten die Schiffsführer im Roten Meer bereits im 2. Jahrhundert v.u.Z. die Monsunwinde, die es ihnen ermöglichten, von Oktober bis April nach Indien und von April bis Oktober zurückzufahren. Die indische Nachfrage nach Weihrauch machte die lange Reise lukrativ.

Wichtige Zwischenstationen für die Händler vom Roten Meer waren die südarabischen Häfen Muza nahe der Meeresstraße von Bab el-Mandeb und Qana am Golf von Aden. Hier nahmen die Schiffe Vorräte für die Reise auf und dazu Weihrauch, Myrrhe und Dattelwein. Archäologen stießen in Quana auf ein Depot, in dem in der Antike Rauchwerk gelagert wurde.

Indische Kochgefäße, die in Quana gefunden wurden, deuten darauf hin, dass sich auch indische Seeleute in diesem südarabischen Hafen aufhielten – und die kamen vermutlich wegen Weihrauch.

Geflügelte Schlangen bewachen den heiligen Baum

Weder die antiken Griechen noch heutige Historiker wissen deshalb, wo genau die Weihrauchbäume wuchsen, deren Harz von Spanien bis Indien im Handel war. Herodot glaubte sogar, dass geflügelte Schlangen die Weihrauchhaine bewachten. Es gibt aber ein Indiz: An der Grenze des Jemens, in der Region Dhofar im heutigen Oman, begann die Weihrauchstraße, und deshalb lag hier vermutlich der Schwerpunkt des Anbaus.

Der Gebrauch von Weihrauch ist fester Bestandteil in der katholischen Kirche. (Bild: mitifoto/fotolia.com)

Weihrauch in der römisch-katholischen Kirche

Im Christentum steht Weihrauch für Reinigung und die Verehrung Gottes. Der Rauch symbolisiert dabei das zu Gott aufsteigende Gebet. Für Katholiken steht der Weihrauch für die Einheit des Menschen aus Leib und Seele; Weihrauch ist ein Zeichen des Heiligen Geistes wie Jesus in Brot und Wein.

Das Räucherwerk gehört zur katholischen Messe und zum Stundengebet, ebenso zu Prozessionen und der Andacht. Es wird auf die eucharistischen Gaben geschwenkt, ebenso auf den Altar, die Priester, das Altarkreuz, die Osterkerze und die Weihnachtskrippe.

Wird ein Altar geweiht, dann muss an fünf Stellen des Altars Weihrauch verbrannt werden.

Weihrauch als Heilpflanze

Weihrauch galt vermutlich deshalb als göttlich, weil unsere Vorfahren ihn zur Heilung von Krankheiten nutzten; Heiligkeit und Heilung lassen sich in der Antike kaum trennen.

Hippokrates, der Urvater unserer Medizin, sah Weihrauch als Mittel, um Wunden zu reinigen, gegen Erkrankungen der Atemwege und gegen Verdauungsbeschwerden. Im Mittelalter diente Weihrauch ebenfalls als Medizin, so erfahren wir bei Hildegard von Bingen.

Der persische Arzt Abu Sina empfahl das Harz, um den Geist und Verstand zu stärken.

Die Menschen im Nordosten Afrikas nutzten Weihrauch gegen Magenprobleme, Bilharziose und Syphilis.

Die indische Naturheilkunde Ayurveda setzt das Harz ein gegen Arthritis, Rheuma und Gelenkschmerzen.

In der traditionellen indischen Medizin wird Weihrauch zum Beispiel gegen Arthritis und Rheuma eingesetzt. (Bild: amy_lv/fotolia.com)

Moderne Medizin

Ob Weihrauch eine hinreichende Wirkung für Arzneimittel hat, ist in der wissenschaftlichen Medizin nicht hinreichend untersucht. Derzeit laufen Studien zu Weihrauch in der Behandlung von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

Als Arzneimittel ist gegenwärtig nur der indische Weihrauch gelistet, der als alkoholischer Trockenextrakt als Medikament bei Arthrose und chronisch entzündlichen Erkrankungen des Darms verabreicht werden darf.

Medizinische Wirkung

Weihrauch enthält Acetyl-11-keto-ß-boswelliasäure, einen Stoff, der Entzündungsprozesse bremst. Besonders effizient zeigte sich in Studien Boswellia papyrifera aus Äthiopien, Somalia und Eritrea sowie Jemen und Oman. Studien lieferten jedoch widersprüchliche Ergebnisse.

Eine bedrohte Heilpflanze

Als Medikament für die breite Masse taugt Weihrauch indessen nicht: Boswelliasäuren lassen sich kaum synthetisch produzieren, und alle Weihraucharten sind bedroht. (Dr. Utz Anhalt)

Links
http://www.schiller-institut.de/seiten/journal/archiv/jemen.htm
https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/boswellia-spp-weihrauch/@@view/html/index.html

Literatur:
Barry Cunliffe: 10000 Jahre. Geburt und Geschichte Eurasiens. 2017.
Peter Frankopan: Silk Roads. A new history of the world. 2015