Artikulationsstörungen: Ursachen und Behandlungsansätze

Dr. Utz Anhalt
Wenn Kinder Laute nicht richtig aussprechen können, liegt vermutlich eine Artikulationsstörung vor – im Fachjargon Dyslalie. Die Betroffenen lassen Laute ganz aus, ersetzen sie durch andere oder sprechen sie verzerrt aus.

Fehlende Laute in der Muttersprache

Artikulationsstörungen behandeln Logopäden vor allem bei Kindern. Doch auch Erwachsene machen Fehler bei der Lautbildung. Muttersprachlich bedingte Probleme gelten bei ihnen nicht als Störung: Viele Ostasiaten können zum Beispiel kein R aussprechen, weil es in ihren Sprachen nicht vorkommt. Viele Deutsche können das R nicht rollen wie im Spanischen, und die meisten Mitteleuropäer scheitern an den unterschiedlichen Sch-Lauten der slawischen Sprachen. Die Klicklaute der San sind für indogermanische Muttersprachler ausgesprochen schwierig.

Lispeln lässt sich durch entsprechende Übungen bei Kindern leichter korrigieren als im Erwachsenenalter. (Bild: Africa Studio/fotolia.com)

Lispeln

Als Störung gilt hingegen das Lispeln von Erwachsenen, also die Unfähigkeit, Zischlaute zu bilden. Im Unterschied zu Kleinkindern, denen sch, s und z gleichermaßen schwer fällt, haben erwachsene Lispler fast ausschließlich Defizite, s und z zu bilden: Sie bilden diese Laute ausschließlich mit der Zunge zwischen den Zähnen, statt ein weiches S hinter den Zähnen zu formen.

Lispeln lässt sich durch Training im Kindesalter einfacher korrigieren als im Alter. Viele erwachsene Lispler konnten als Kinder auch das sch nicht richtig aussprechen, lernten dies aber mit oder ohne Training. Die falsche Aussprache des s und z aber behielten sie dabei, auch deswegen, weil ein leichtes Lispeln bei s oder z im Deutschen weniger auffällt.

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Lispeln nimmt meist in bestimmten Situationen zu, zum Beispiel, wenn die Betroffenen stark erregt oder unkonzentriert sind, wenn sie unter Stress stehen oder Alkohol sowie Drogen konsumieren.

Probleme bei der Lautbildung

Dieser Mangel, Laute zu bilden, ist das einzige Symptom dieser Störung – im Unterschied zu anderen Sprachstörungen. Wer unter einer Dyslalie leidet, hat keine Probleme mit dem Wortschatz, der Grammatik oder dem Satzbau, und es mangelt diesem Kind auch nicht am Verständnis der Sprache.

Haben Menschen hingegen Probleme, Laute an die richtige Stelle im Wort und Satz zu setzen, sprechen wir von phonetischen Störungen. Wenn Kinder unter dem fünften Lebensjahr Laute auslassen, ersetzen oder falsch aussprechen, handelt es sich nicht um eine Störung. Auch Fünfjährige sprechen oft noch ein oder zwei Lautgruppen falsch aus, zum Beispiel t und d oder s, z, sch und ch, oder f und w.

Die häufigste Störung der Artikulation sind Fehler bei der Aussprache von s, z, sch oder ch. Diese werden meist mit der Zunge zwischen den Zähnen ausgesprochen, und viele Kinder haben Probleme, die Zunge richtig einzusetzen.

Die zweithäufigste Störung nach den Fehlern beim Bilden von Zischlauten sind die Laute k und g, die viele Kinder durch t oder d ersetzen.

Sind diese Sprechfehler jedoch auffällig, sollten Eltern von Fünfjährigen einen Arzt oder Logopäden aufsuchen, damit diese Fachleute klären können, ob die Artikulation gestört ist.

Wie entsteht Lispeln?

Der Fachbegriff für Lispeln lautet Sigmatismus. Beim sch zum Beispiel entweicht die Luft normalerweise nur über die Vorderzähne, und wir bilden den Laut bei geschlossenem Mund. Je nachdem, ob und wie nahe wie nahe wir unsere Zunge dabei an die Vorderzähne oder das Zahnfleisch im Oberkiefer pressen, umso schärfer ist der Laut.

Wenn die Luft auch über die seitlichen Zahnreihen aus dem Mund tritt, verschwimmt das sch mit s und z zu einem Tszsch, sszsch, einem Szschtsch oder ähnlichem. Die Königsdisziplin für Sch-Laute ist das Russische, in dem es insgesamt fünf verschiedene sch Laute gibt, vom weichen dsch über ein tschsch bis zu einem scharfen ttsch.

Wer unter einem starken Sigmatismus beim sch leidet, der stößt bei sch Lauten mit der Zunge zwischen die Zähne und bringt ein scharfes S hervor. Er oder sie sagt statt schön szön und statt schnell sznell.

Beim „klassischen“ Lispeln sprechen die Betroffenen hingegen alle s und z Laute aus wie das englische th im Wort think.

Psychische Folgen?

Leichtes Lispeln behindert auch Erwachsene nicht sonderlich. Ist das Lispeln aber stark ausgeprägt und kommt noch eine unpräzise Aussprache hinzu, dann leidet die Kommunikation, da andere Menschen Probleme haben, die Betroffenen zu verstehen.

Starkes Lispeln kann dazu führen, dass es schwierig wird, den Betroffenen zu verstehen. (Bild: pathdoc/fotolia.com)

Für Menschen, die beruflich oder privat öffentlich reden müssen, entstehen so oft ernst zu nehmende Probleme. Diese können psychischer Natur sein, weil sich Zuhörer über die Aussprache der Betroffenen lustig machen oder sogar deren Intelligenz in Frage stellen.

Dies gilt insbesondere, weil es sich bei Lispeln oft um einen Lernfehler handelt, der sich durch Training beheben lässt. In Kreisen, die auf Etikette Wert legen, gilt diese Artikulationsstörung deshalb oft als Zeichen fehlender Erziehung: Wer lispelt hat dann eine ähnliche Reputation wie jemand, der beim Essen die Ellenbogen auf den Tisch legt.

Andererseits entwickeln selbst Politiker, Geschäftsleute und sogar Popstars einen leichteren Sigmatismus sogar zu ihrem Markenzeichen.

Lispeln liegt nicht immer an Fehlern beim Lernen der Aussprache, sondern kann auch durch die Zahnstellung der Betroffenen bedingt oder gefördert werden. Wer zum Beispiel schief stehende Vorderzähne mit großen Zahnlücken hat, lispelt erst einmal automatisch, und für ihn ist es viel schwerer, die korrekte Artikulation von s, z und sch zu lernen als für Menschen mit geraden Zähnen.

Kombinierte Sprachstörungen

Artikulations- und Phonologische Störungen lassen sich in der Praxis nicht immer voneinander trennen. Wer Laute ersetzt, zum Beispiel statt blamieren bamieren sagt oder statt Tasche Tasse, hat oft auch eine phonologische Störung.

Logopäden untersuchen jetzt die gesamte Artikulation des Betroffenen. Wenn jemand zum Beispiel Laute ersetzt, die einzelnen Laute wie sch, s oder z aber korrekt bilden kann, liegt nicht vorrangig eine Störung beim Artikulieren vor, sondern ein Problem, an der richtigen Stelle die richtigen Laute zu bilden.

Haben betroffene Kinder zusätzliche Probleme, atmen sie zum Beispiel ausschließlich mit dem Mund, rinnt ihnen ständig der Speichel aus den Mundwinkel oder können sie die Bewegung ihrer Gesichtsmuskeln nicht richtig koordinieren, handelt es sich ebenfalls nicht um eine reine Artikulationsstörung.

Zudem unterscheiden wir primäre von sekundären Artikulationsstörungen. Bei denen handelt es sich um eine Störung in der Sprachentwicklung. Sekundäre Artikulationsstörungen folgen indessen auf unterschiedliche Basisbeschwerden.

Schwerhörige entwickeln zum Beispiel oft Störungen in der Aussprache, weil sie die Laute nicht richtig verstehen. Gerade die Zischlaute lassen sich bei Hörproblemen schlecht auseinander halten. Weiterhin können Erkrankungen im Mundraum die Ursache sein, dass die Betroffenen die Aussprache weder richtig lernen noch anwenden. Dazu gehört zum Beispiel die Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte, im Volksmund Hasenscharte genannt. Auch eine geringe Muskelspannung im Mundraum verhindert die korrekte Aussprache.

Genauigkeit

Die meisten Artikulationsprobleme entstehen bei Lauten, die sehr ähnlich gebildet werden und sich nur subtil voneinander unterscheiden. „Dach“ hört sich zum Beispiel bei ungenauer Aussprache an wie „Tag“.

Bei Artikulationsproblemen sollten Eltern mit ihrem Kind früh die richtige Aussprache üben. (Bild: JenkoAtaman/fotolia.com)

Hier liegt es an den Eltern, mit den Kindern früh die richtige Aussprache zu üben. Die meisten Artikulationsstörungen entstehen nämlich, weil Kinder ein falsches Lautmuster lernen. Da wir aber Sprachmuster automatisieren, fällt es umso schwieriger, die Fehler zu korrigieren, je länger das Kind diese Sprache anwendet.

Die meisten Artikulationsstörungen haben ihre Ursache nicht in organischen Beschwerden, sondern liegen schlicht daran, dass Kinder Laute ungenau aussprechen. Sie fallen deshalb besonders häufig auf bei Kindern, die gerade lernen, Sprache zu artikulieren, also zwischen dem 4. und 6. Lebensalter.

Die Diagnose

Logopäden untersuchen mithilfe von Tests, Screenings, Vergleichen und Spielsimulationen, in denen Kinder spontan sprechen, ob die Betroffenen Probleme haben, sich zu artikulieren.

Wesentlich, um eine Artikulations- von einer Verständnisstörung zu unterschieden, ist die sogenannte phonematische Diskriminationsfähigkeit, einfach gesagt, der Test, ob die Kinder die Laute inhaltlich unterscheiden können. Kennen sie zum Beispiel den Unterschied zwischen Tasse und Tasche und Tatze oder Katze und Kasse?

Neben dem Logopäden ist auch der Hals-Nasen-Ohrenarzt gefragt. Er prüft, ob eine Hörstörung vorliegt. Diese Prüfung gilt heute als besonders wichtig: Viele Hörgeschädigte litten nämlich darunter, dass Lehrer und Eltern sie in ihrer Kindheit für dumm oder ungehorsam hielten, weil sie nicht hörten, was diese sagten und deshalb Probleme hatten, selbst Laute zu bilden.

Therapie bei Artikulationsstörungen

Eine Sprechtherapie richtet sich am Individuum aus und an dessen Alter, Interesse und Fähigkeiten. Die betroffenen Kinder werden aktiv einbezogen, das heißt, sie sollen die Aussprache von Anderen und ihre eigene beurteilen.

Der Logopäde schult zuerst das Zuhören. Dann lernen die Kinder mit verschiedenen Methoden erst einmal die fehlerhaften Laute isoliert zu bilden. Sind sie damit erfolgreich, wenden sie sch, s und z oder auch d und t in Silben, Wörtern und Sätzen an.

In der Logopädie werden spezielle Übungen und spielerisches Lernen eingesetzt, um Artikulationsstörungen bei Kindern zu beheben. (Bild: Dan Race/fotolia.com)

Am effektivsten ist die Therapie, wenn die Kinder spielend lernen. Ganz wichtig ist die Motivation der Betroffenen. Die Eltern sind gefragt, den Faden aufzunehmen, und das Erlernte im gemeinsamen Spiel umzusetzen.

Sind artikulationsgestörte Menschen dumm?

Störungen bei der Lautbildung sind kein Kennzeichen für fehlende Intelligenz. In allen Altersklassen und in allen Schulen zeigen Menschen mit Artikulationsstörungen die gleichen Leistungen wie Gleichaltrige.

Ein Drittel der Betroffenen zeigen indessen psychische Auffälligkeiten, die vermutlich die Artikulationsstörungen fördern. Typisch sind Störungen der Konzentration und Aufmerksamkeit wie motorischen Unruhe. Dabei handelt es sich um Defizite, die allgemein zu Problemen beim differenzierten Lernen führen. Wer sich nicht konzentrieren kann, neigt zum Beispiel zum Pauschalisieren, weil er von einem Text nur die Überschriften behält. Wer unaufmerksam ist, verwechselt Begriffe, Worte und Themen, die nur als Fragmente in seinem Langzeitgedächtnis ankommen.

Bei einer korrekten Artikulation kommt es auf das Differenzieren an: Die Betroffenen verwechseln vor allem Buchstaben, die sehr ähnlich ausgesprochen werden. Das gilt, salopp gesagt, aber auch für Menschen, die Karl Marx mit Karl May verwechseln oder ein diffuses Weltbild entwickeln, das aus Assoziationen zu dem besteht, was sie hier und da „mal aufgeschnappt haben“.

Ursachen von Artikulationsstörungen

Es gibt bis heute wenig verifizierbare Metastudien über Artikulationsstörungen. Vermutlich handelt es sich vor allem um eine verzögerte Sprechentwicklung durch Störungen im zentralen Nervensystem. Es handelt sich nicht um eine psychosomatische Störung wie bei vielen Stotterern und auch nur bedingt um mangelnde Förderung in Schule und Elternhaus. (Dr. Utz Anhalt)