Geringe Belastbarkeit: Ursachen und Hilfe

Sebastian
Seelisch Belastbare können mit Tragödien und schwerem Stress umgehen, sei es in Beziehungen, bei Krankheiten oder Geldproblemen. Menschen verkraften solche Belastungen normalerweise: Das zeigt sich zum Beispiel nach Erdbeben, wenn die Betroffenen ihre Häuser und Leben neu aufbauen.

Eine normale oder sogar starke Belastbarkeit bedeutet indessen nicht, keine Gefühle zu haben, denn Trauer und Schmerz empfinden auch diejenigen, die Katastrophen erlebten und danach neu anfangen. Es bedeutet vielmehr, Krisen durchzustehen und zu verarbeiten. Verhalten, Gedanken und Handlungen, die eine Perspektive geben, lassen sich auch lernen.

Wenn alles über einen zusammenbricht und keine Belastbarkeit mehr vorhanden ist. Bild: shefkate - fotolia.
Wenn alles über einen zusammenbricht und keine Belastbarkeit mehr vorhanden ist. Die Ursachen für eine geringe Belastbarkeit können vielfältig sein. Häufig stecken seelische bzw. psychische Ursachen dahinter. Manchmal können auch schwere Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs ursächlich sein. Bild: shefkate – fotolia.

Äußere Faktoren stärken oder schwächen die Belastbarkeit. Stabile Beziehungen innerhalb und außerhalb der Familie sind wichtig, um innere Stärke zu entwickeln, an Krisen nicht zu zerbrechen; Beziehungen, die Liebe und Vertrauen geben, fördern die Belastbarkeit.

Stabil Belastbare entwickeln realistische Pläne und leiten die richtigen Schritte ein, sie umzusetzen; sie verständigen sich mit anderen Menschen, um Probleme zu lösen und kontrollieren ihre Impulse.

Missbrauchte, Verängstigte und Verwöhnte​​

Für gering Belastbare ist hingegen der Alltag ein Spießrutrenlauf; jeder Behördengang stellt sie vor kaum lösbare Probleme. Das kann soziale Ursachen haben: Eltern, die manipulieren oder missbrauchen, erziehen Kinder, die nicht drauf zu vertrauen, dass „alles gut geht“. Eltern, die ihre Kinder „klein machen“, also ihre Leistungen für nichtig erklären statt Fortschritte zu unterstützen, fördern damit jemand, der sich nichts mehr zutraut.

Ähnliches gilt für überängstliche Eltern, die bei jedem eigenen Schritt ihrer Kinder die Katastrophe an die Wand malen. Sie formen spätere Erwachsene, die ungewohnten Situationen hilflos gegenüberstehen. Die „Sorge“ um das, was passieren könnte, erstickt jede Initiative. Gar nichts zu tun verspricht eine falsche Alternative gegenüber einer „bedrohlichen Außenwelt“.

Kinder zu verwöhnen fördert ebenfalls geringe Belastbarkeit. Die Betroffenen fürchten sich nicht unbedingt vor dem Alltag; sie haben aber nicht gelernt, ihn zu bewältigen. Ihnen fehlen die praktischen Erfahrungen, und zugleich wiegen sie sich in falscher Sicherheit – denn die versorgenden Eltern warten nicht in der Außenwelt.

Menschen, die Belastungen schwer meistern, weil sie sozial fehl geprägt sind, können dies aber lernen – zumindest, wenn sie keine schweren psychischen Schäden erlitten. Vertrauliche Beziehungen und Erfolge in der Außenwelt transformieren Misstrauen in gesunde Vorsicht. Eigene Erlebnisse trennen die Ängste der Eltern von dem eigenen Leben. Verwöhnte lernen durch Erfahrungen, in denen sie auf sich gestellt sind, zum Beispiel, in dem sie in eine fremde Stadt ziehen. Dazu gehört aber die Bereitschaft, „Privilegien“ aufzugeben.

Körperliche Symptome

Auch wer aus sozialer Erfahrung heraus gering belastbar ist, zeigt oft körperliche Symptome, und eine genaue Analyse ist nötig. Dies gilt auch umgekehrt: Menschen, deren geringe Belastbarkeit sich durch eine Krankheit entwickelt, sollten nicht in ihrer Kindheit forschen. Veränderte sich eine ursprüngliche Belastbarkeit zum Beispiel durch ein Herzproblem? Dann sind soziale Erfahrungen bestenfalls zweitrangig.

Krankheiten, die mit geringer Belastbarkeit einher gehen, sind unter anderem: Adipositas, Erkältung, Gehirnhautentzündung, Leukämie, Herzmuskelentzündung, Multiple Sklerose, Lungenkrebs, Alzheimer, Blutarmut, Leistenbruch, Schilddrüsenunterfunktion, Eisenmangel wie Magnesiummangel und Übersäuerung.

Stehen die körperlichen Symptome im Vordergrund, heißt das somatische Störung. Gehen die körperlichen Symptome mit psychischen Problemen einher, bezeichnet man das als psychosomatische Störung. Neben Neurologen und der inneren Medizin ist hier der Psychiater gefragt.

Ein Mensch kann zum Beispiel wenig belastbar sein, weil er an Übergewicht leidet, stark raucht und ein Alkoholproblem hat. Frisst er sich einen „Schutzpanzer“ an, weil er frühe Verletzungen erlitt? Dann ist das Übergewicht ein Symptom für Passivität als Lebensstruktur. Meldet sich die Erschöpfung, weil er Angst vor Behördengängen hat? Liegt diese Angst wiederum daran, dass er Veränderungen fürchtet? Handelt es sich um eine generelle Angststörung? Ist die geringe Belastbarkeit gar ein Versuch, sich selbst zu schützen?

Das Rauchen einzuschränken, auf Alkohol zu verzichten, sich gesund zu ernähren, und regelmäßig Sport zu betreiben, hilft derweil gegen die körperlichen Symptome wie gegen die psychischen Probleme gleichermaßen.

Liegen psychische Ursachen vor, muss ein Psychologe die Behandlung begleiten. Wenn der Betroffene so wenig belastbar ist, dass er Probleme im Beruf, Alltag und Beziehungen hat, ist die psychische Erkrankung meist bereits fortgeschritten. Gesprächstherapien stehen am Anfang, um die Ursache des Problems zu ermitteln. Erst dann entwerfen Psychologe und Arzt die Behandlung: Psychische Betreuung und Medikamente arbeiten dabei Hand in Hand. Visualisierungen helfen dem Patienten, ein Bild von sich zu entwickeln, wie er gerne wäre: Zum Beispiel schlanker, souveräner, aktiver. Eine Verhaltenstherapie hilft, sich dem erwünschten Zustand zu nähern.

Liegt die geringe Belastbarkeit aber an einer akuten Krankheit, wäre eine reine Psychotherapie fatal: Raucherhusten wie Bronchitis zum Beispiel führen zu Atemproblemen. Schonung hilft bei Bronchitis, Sauerstoff bei Raucherhusten.

Krankheiten können auch ein Mittel sein, Stress-Situationen zu entgehen und für Entspannung zu sorgen. Die Grenzen zwischen eingebildeten und echten Symptomen zerfließen. Kopfschmerzen und Erschöpfung sind dann Reaktionen darauf, eine Situation zu meiden. Den Betroffenen als „Simulanten“ zu verurteilen, ist meist falsch, denn die körperlichen Symptome zeigen, dass er sich real überfordert fühlt.

Chronisches Erschöpfungs-Syndrom

Das Chronische Erschöpfungs-Syndrom (CFS) ist eine der häufigsten Beeinträchtigungen. Jeder vierte Mitteleuropäer leidet unter Müdigkeit am Tage und fühlt sich erschöpft. Oft sind die Betroffenen körperlich wie geistig überlastet, ernähren sich ungesund oder schlafen zu wenig – eine Folge des Leistungsdrucks im Spätkapitalismus. Ein chronisches Erschöpfungs-Syndrom liegt vor, wenn diese Zustände länger als ein halbes Jahr dauern und trotz gesundem Tagesplan und ausreichend Schlaf bleiben. Das gilt für 1 % der Deutschen.

Die Betroffenen können sich kaum konzentrieren, haben Gedächtnislücken, kein sexuelles Verlangen, sind anfällig für Krankheitserreger und bekommen deshalb häufig Erkältungen wie grippale Infekte, sie schlafen schlecht und wenig, sie leiden unter Schmerzen im Kopf, den Muskeln, Gelenken und Lymphknoten; Depressionen, Ängste und innere Unruhe beeinträchtigen ihre Psyche.

Die Medizin weiß nichts genaues über die Ursachen. Klar ist aber, dass psychische Belastungen im Vordergrund stehen. Allerdings können die Symptome auch auf organische Erkrankungen hinweisen – und dann handelt es sich nicht um CPS: Herzprobleme, Lungen- und Nierenschäden, Krebs oder Krankheiten des Stoffwechsels ebenso wie Diabetes. Drogenmissbrauch, Anorexie und Bulemie äußern sich ebenfalls in chronischer Erschöpfung.

Das chronische Erschöpfungs-Syndrom lässt sich nur langfristig behandeln. Da die Ursachen zudem unbekannt sind, müssen der Patient und seine Angehörigen die Unsicherheit aushalten. Als ersten Schritt können sie belastende Lebensgewohnheiten ändern. Dazu hilft auch eine Verhaltenstherapie. Das ist aber oft leichter gesagt als getan: Wer ständig höhere Leistungen bringen muss und dafür immer weniger Geld bekommt, seinen Lebensunterhalt kaum aufbringen kann, sich verschuldet, keine Zeit für intime Beziehungen hat, und deswegen krank wird, kann die Situation schwer selbst verändern. Eine CFS-Diagnose müsste also sicherstellen, dass er wegen seiner Krankheit von der Arbeit frei gestellt wird. Veränderte Lebensgewohnheiten linderten bei jedem Dritten der Betroffenen die Symptome.

Wenn sich ein CFS anbahnt, aber noch nicht chronisch geworden ist, lässt sich einfach gegensteuern: Erholsamer Schlaf in durchlüfteten Räumen, Verzicht auf Alkohol und Nikotin, gesunde Ernährung (also komplexe Kohlenhydrate, wenig Fette, Vitamine, Obst, Gemüse und Fisch); Sport und Gymnastik, Sonnenlicht, Techniken zur Entspannung wie autogenes Training oder Yoga; psychologische Betreuung. Gegen unzumutbare Verhältnisse am Arbeitsplatz helfen individuelle Strategien aber wenig. Statt den Kranken dazu zu bringen, in der krank machenden Situation wieder zu funktionieren, ist der Gesetzgeber gefragt, menschenwürdige Arbeitsplätze vorzuschreiben.

Magnesium- und Eisenmangel

Organische Ursachen für eine geringe Belastbarkeit sind Magnesium- und Eisenmangel. Magnesium erhält der Körper durch den Dünndarm und scheidet es im Schweiß und Urin wieder aus. Das Magnesium führt der Körper sich durch die Nahrung zu. Enthalten Speisen und Getränke zu wenig Magnesium, kommt es zu einem Magnesiummangel; Alkohol, Nikotin und genetische Dispositionen führen dazu, dass der Körper weniger Magnesium aufnehmen kann.

Die Betroffenen leiden unter schlechter Durchblutung, sie fühlen sich dauerhaft erschöpft, der Herzrhythmus ist gestört, die Füße sind kalt und taub, die Muskeln zucken und verkrampfen sich, Rücken und Kopf schmerzen. Sie müssen häufig schlafen, ohne sich erholt zu fühlen. Seelische Verstimmungen begleiten die körperlichen Probleme: Die Patienten fühlen sich verwirrt und schmieden trübe Gedanken; die Welt erscheint ihnen grau in grau.

Eisenmangel ist ein Massenproblem; unter ihm leiden circa zwei Milliarden Menschen, insbesondere Frauen. Eisen ist nötig, um Hämoglobin zu produzieren, und die Zellen wie Enzyme aufzubauen. Der Körper kann dabei Eisen nicht selbst produzieren und muss täglich 1 bis 2 Gramm aufnehmen. Eisen ist vor allem in Fleisch und Fisch enthalten, vor allem in Leber.

Roter Traubensaft ist sehr eisenhaltig und kann einem Mangel ausgleichen. Bild: Kitty - fotolia
Roter Traubensaft ist sehr eisenhaltig und kann einem Mangel ausgleichen. Bild: Kitty – fotolia

Frauen benötigen während ihrer Periode und Schwangerschaft größere Mengen an Eisen. Starke Regelblutungen, aber auch Entzündungen des Magens und Hämorrhoiden führen zu einem erhöhten Eisenverbrauch. Sportler scheiden Eisen verstärkt durch den Urin und Schweiß aus.

Eisenmangel zeigt sich durch eingerissene Mundwinkel, spröde Haare und Nägel, Schmerzen in der Zunge. Andauernder Eisenmangel führt zu Blutarmut, weil der Körper keine roten Blutkörperchen mehr produziert. Dann leiden die Betroffenen an Schwindel, Kopfschmerzen, ihre Hände und Beine kribbeln, und sie werden anfällig für Infektionen.

Eisenmangel lässt sich vorbeugen durch mageres Fleisch, ebenso wie Hülsenfrüchte, weiße Bohnen oder Linsen. Kafffee, Tee und Milch sollte man bei den Mahlzeiten vermeiden.

Eisenmangel begleitet oft andere Krankheiten; Essgestörte haben regelmäßig ein Eisenproblem, Ess- und Brechsüchtige ebenso wie Anorektiker_innen.

Depressionen

Eine Depression schränkt das Erleben, Verhalten und die Leistung stark ein. Depressive fühlen sich hoffnungslos und innerlich leer. Schuld paart sich mit Angst, Verzweiflung mit Trauer, und in einer schweren Depression empfinden sie überhaupt nichts mehr; sie fühlen sich „wie versteinert“. Zwischen ihnen und der Außenwelt scheint eine Glasglocke zu liegen, die sie nicht durch brechen können; Kommunikation mit anderen Menschen scheint unmöglich.

Alle Gedanken an die eigenen Fähigkeiten rutschen ins Negative; die Gesellschaft entwickelt sich für sie in eine ausschließlich düstere Richtung. Sie können sich kaum konzentrieren, quälen sich mit Selbstkritik und denken an Selbstmord. Typische Wahnvorstellungen sind: An einer unheilbaren Krankheit zu leiden, von der Familie gehasst zu werden und ein Versager zu sein. In der depressiven Phase lassen sich die Leidenden selten davon überzeugen, dass sie nur eine Phase durchleben.

Depressive brechen Freundschaften ab, beenden ihre Hobbys, gehen nicht mehr zur Arbeit und können diese auch nicht aushalten. Meist legen sie sich in das Bett und starren an die Wand. Sie reden ebenso leise wie einsilbig, ihr Gesicht wirkt wie erstarrt. Sie schlafen wenig und wachen früh auf; sie essen kaum und nehmen stark ab; sie haben kein sexuelles Verlangen; ihr ganzer Körper schmerzt.

Depressive Phasen dauern mehrere Wochen, Monate, und manchmal sogar Jahre. Eine leichtere Depression, die aber chronisch verläuft, nennt man Dysthymie. Sie beginnt meist nach der Pubertät.

Lange depressive Phasen sind gefährlich, weil der Betroffene sie als Teil seiner Persönlichkeit wahrnimmt. Er sieht sich nicht als Opfer einer vorüber gehenden Krankheit, sondern hält die Hoffnungslosigkeit für sein inneres Wesen.

Der Volksmund verwendet den Begriff Depression fahrlässig. „Ich bin zur Zeit depressiv“ meint meist „ich fühle mich nieder geschlagen“. Diese Fahrlässigkeit hat für den Umgang mit real depressiv Erkrankten fatale Folgen: Wer sich nämlich bedrückt fühlt, sei es, weil er den Job oder den Partner verloren hat, der geht zwar durch ein emotionales Tal, kommt aber in aller Regel auch wieder dort heraus – zum Beispiel durch Selbstdisziplin.

Schlimmer noch: Ein Kranker, der an seinem Zustand nichts ändern kann, sieht sich in die Nähe des ewigen Nörglers gerückt, der anderen die Stimmung verdirbt. Bei solchen „Miesmachern“ ist die beste Methode, sie in der Situation zu ignorieren und generell den Kontakt zu ihnen zu meiden. Klinisch Depressive brauchen hingegen professionelle Hilfe ebenso wie liebevolle Zuwendung.

Wer Erfahrungen mit klinisch Depressiven hat, benutzt den Begriff also vorsichtig, und depressive Erkrankungen lassen sich von normalem Betrübt sein klar unterscheiden. Echt Depressive klagen selten gegenüber anderen; sie sind dazu körperlich nämlich kaum mehr in der Lage. Oft suchen sie einen Arzt nicht wegen der psychischen, sondern der körperlichen Probleme auf, zum Beispiel, um sich Schlaftabletten verschreiben zu lassen. Sie fühlen sich wie gelähmt, und ihre Antriebsschwäche ist keine „Laune“ wie das „Null-Bock“ Gefühl eines Teenagers. Andere Depressive sind rastlos, laufen hin und her. Beiden gemeinsam ist eine als existentiell empfundene Verzweiflung.

Die Ratschläge, um einen „normal Lustlosen“ zu motivieren, verschlimmern das Leid eines Depressiven statt es zu lindern. „Die Zähne zusammen beißen“ treibt ihn noch mehr in die falsche Vorstellung, selbst schuld an seinem Zustand zu sein. Der Tipp, mit anderen zusammen etwas zu unternehmen, führt ihm gnadenlos vor Augen, dass er das nicht kann.

Ihm zu suggerieren „die Wirklichkeit ist nicht so düster“ stellt seine Wahrnehmung in Frage, tatsächlich sehen Depressive ihre Umwelt klar – zu klar: Depressive halten sich für wertlos; sie fühlen sich schuldig – an was auch immer. Sie fühlen sich für Katastrophen in ihrer Umwelt verantwortlich, mit denen sie wenig zu tun haben. Trotz dieser verzerrten Perspektive nehmen Depressive aber die Realität teilweise besser wahr als „Gesunde“ – auf eine für sie negative Art und Weise.

Das zeigt der Glühbirnen-Test: Die Probanden drücken eine Taste, manchmal geht deshalb das Licht an, bei anderen Teilnehmern leuchtet die Birne zufällig. Nicht-Depressive meinen viel zu oft, dass sie die Lampe anschalten. Depressive hingegen liegen erstaunlich nahe bei dem wirklichen Zusammenhang zwischen dem Drücken der Taste und dem Licht. Sie lassen sich also nicht irre führen.

Ihnen fehlt die positive Selbstsuggestion. Ob meine Firma Erfolg hat oder scheitert, liegt fast immer auch an Glück, genauer gesagt, an äußeren Bedingungen, die wir nicht beeinflussen können. Religiöse Praktiken entstanden aus dem Bestreben, die Umwelt zu kontrollieren. Ohne positive Suggestionen würde vermutlich kaum jemand einen Roman oder eine Doktorarbeit schreiben. Politiker, Künstler oder Wissenschaftler sind auch deswegen erfolgreich, weil sie glauben (oder behaupten), für wichtige Entwicklungen verantwortlich zu sein. In Wirklichkeit waren sie meist zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Das Gefühl der Ohnmacht des Depressiven ist also oft realistisch. Dieser Hyperrealismus treibt den Leidenden in die Hoffnungslosigkeit bis hin zum Gedanken an Selbstmord. Dann braucht ein Depressiver sofort professionelle Hilfe, denn seine Suizidfantasien sind kein Versuch, Aufmerksamkeit zu erhaschen, sondern todernst. Ihm freundlich diese Gedanken auszureden, ist gefährlich; er braucht psychiatrische Hilfe, um vor sich selbst geschützt zu werden. Die findet am besten in einer geschlossenen Abteilung statt, da moderne Antidepressiva erst nach Wochen wirken.

Solche Antidepressiva bringen die Botenstoffe im Gehirn des Patienten wieder ins Gleichgewicht. Dazu braucht er eine Psychotherapie, denn körperliches Empfinden und depressive Gedanken sind untrennbar verbunden. Die Therapie setzt an simplem Verhalten an: Ein Depressiver, der nicht aus dem Bett geht, verschlimmert sein Leiden.

Der Therapeut versucht also erstens, den Patienten aus seiner Trägheit heraus zu bekommen, und zweitens verschafft er ihm Situationen, die ihn belohnen. Gute Erfahrungen mit schwer Depressiven versprechen inzwischen Therapiehunde. Die Betroffenen empfinden eine Mauer zwischen sich und anderen Menschen. Hunde durchbrechen diese Mauer und können die Kranken dazu bewegen, Schritt für Schritt wieder Kontakt zu Menschen zu suchen. (The Quarterly Journal of Experimental Psychology, März 2007).

Geringe Belastbarkeit bei Krebs

Alle Krebsarten bedeuten, in fort geschrittenem Stadium, geringe Belastbarkeit. Für jemand, der an Lungenkrebs im Endstadium leidet, ist geringe Belastbarkeit indessen das kleinste Problem. Oft übersehen wird jedoch die geringe Belastbarkeit von Menschen, die den Krebs überlebten. Sie brauchen gezielte Unterstützung.

Das so genannte Fatigue-Syndrom bezeichnet dauerhafte Müdigkeit nach einer Krebsbehandlung. Eine Zytostatia-Therapie zum Beispiel schränkt die Blutbildung ein – das bedeutet geringe Belastbarkeit. Wer als Kind an Krebs erkrankte, ist als Erwachsener in der Regel traumatisiert. Dies kann sich als Depression oder Angststörung äußern. Die Betroffenen isolieren sich sozial und werden bisweilen berufsunfähig.

Das gilt auch für die Angehörigen. Kinder, die ihre Mütter bis zum Tod pflegen, verlieren leicht den Anschluss in der Schule, und sind ebenfalls von Ängsten geplagt. Sie wirken im Vergleich zu Altersgenossen zwar oft reif, mussten sich aber mit existentiellen Situationen beschäftigen, die ihnen die Energie für altersspezifische Vorbereitung auf den Beruf rauben.

Chemotherapien führen oft zu Spätschäden. Leider wird in der Nachsorge häufig nur drauf geachtet, ob der Krebs wieder kommt. Herz-Erkrankungen, Diabetes, Störungen des Stoffwechsels oder fehlende Knochendichte gehören indessen zu den verbreiteten Spätfolgen. Sie alle schränken die Belastbarkeit ein.

Mangelernährung

Mangelernährung bedeutet, dass der Körper nicht genug Nährstoffe, Energie und Eiweiß bekommt. Wer auf Dauer zu wenig isst, ernährt sich mangelhaft. Aber auch wer sich unausgewogen ernährt, verweigert seinem Körper die notwendigen Vitamine und Mineralien.

Die Symptome der Mangelernährung werden oft falsch interpretiert und hängen zudem häufig zusammen mit einem generell ungesunden Lebenswandel. Wer sich unausgewogen ernährt, weil er Überstunden macht, außerdem viel raucht, zu wenig schläft und keinen Sport treibt, nimmt die schlechte Ernährung vermutlich kaum als Auslöser wahr für sein Unwohlsein. Alte Menschen schreiben Folgen von Mangelernährung schnell ihrem Alter zu.

Die Symptome einer Mangelernährung sind zudem auch für psychische Probleme und ernst zu nehmende organische Erkrankungen typisch: Nährstoffmangel zeigt sich als Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Durchfall und Übelkeit – das gilt aber ebenso für Liebeskummer und Magen-Darm-Infektionen. Seelische Leiden können zudem ein Grund dafür sein, sich mangelhaft zu ernähren. Eine gesunde Ernährung wirkt hier zwar keine Wunder, hilft aber auch gegen das seelische Leiden. Denn die Folgen der Mangelernährung wie körperliche Schwäche, fehlende Motivation und Erschöpfung, forcieren trübe Gedanken.

Mangelernährung hat verschiedene Ursachen: Ernste Ess-Störungen wie Bulemie und Magersucht gehen notwendig mit unausgewogener Ernährung einher. Magersüchtige ernähren sich mangelhaft, weil sie insgesamt zu wenig essen; Ess- und Brechsüchtige nehmen zu wenig Nährstoffe zu sich, weil sie diese erbrechen, bevor der Körper sie umsetzen kann.

In den Industriestaaten leiden arme Menschen oft unter unausgewogener Ernährung, also qualitativem Mangel. Junkfood hat meist viel zu viel Zucker, einfache Kohlenhydrate und Fette, während Vitamine und Mineralien weit gehend fehlen. Alkoholiker und Heroin-Süchtige vernachlässigen in der Regel einen Ausgleich des Giftes durch Mineralien; sie benötigen Wasser, Salze und Vitamine.

In der Dritten Welt und bei traditionellen Kulturen ist ein ausgewogene Ernährung oft nicht möglich. Im Amazonas-Gebiet, in Papua-Neuguinea und in weiten Teilen Afrikas besteht die Nahrung hauptsächlich aus Stärke, gewonnen aus Yams oder Süßkartoffeln. Vitaminmangel ist weit verbreitet.

In den Industriestaaten ist eine ausgewogene Ernährung hingegen möglich – auch mit kleinem Geldbeutel. Frisches oder gefrorenes Gemüse und Obst für die Vitamine, Fisch für das Eiweiß und die Omega-Fette, dazu Direktsäfte, Hülsenfrüchte für die Ballaststoffe, Vollkornbrot für komplexe Kohlenhydrate, und Milch für Kalzium reichen bereits, um einer Mangelernährung vorzubeugen. Brocolli und Blumenkohl, Grünkohl und Weißkohl sind „Energiebomben“. Allerdings fehlt Obdachlosen die Möglichkeit, frische Lebensmittel selbst zuzubereiten, und viele Berufstätige haben eine Lebensstruktur, die einem ausgewogenen Nahrungsplan widerspricht.

Unterschiede in der Konstitution

Jeder Mensch ist anders. Wer in einem Bereich gering belastbar ist, erträgt oft Situationen, in denen „Belastbare“ verzweifeln. Hochsensible Menschen gelten zum Beispiel häufig als gering belastbar, wenn sie „zur falschen Zeit am falschen Ort sind.“ Sie sind aber nicht krank.

Hochsensibilität ist keine Persönlichkeitsstörung, sondern eine Wahrnehmung, ohne die keine Gesellschaft auskommt. Jeder fünfte Mensch reagiert aufgrund seiner Erbanlagen wesentlich empfindlicher auf Reize als die Anderen. Dieses Anderssein bedarf einer speziellen Förderung. Hochsensible bemerken Nuancen, die Anderen nicht auffallen. Sie verstehen die Symbolsprache der Träume und versetzen sich in imaginäre Welten. Sie sind ausgesprochen einfühlsam und interessieren sich sehr für spirituelle Fragen. Hochsensible werden von Reizen schnell überflutet. Der Versuch, sich an die Norm anzupassen, sich „zusammen zu reißen“, wäre fatal. Denn Hochsensible vertragen nicht weniger als Andere, sondern müssen mehr verarbeiten. Sie brauchen einen reizarmen Rückzugsort, um Gedanken zu fokussieren. Ihre Leistung ist deshalb stark abhängig von der Umgebung. Überstimulation führt schnell zu Gefühlsausbrüchen.

Sie erscheinen gering belastbar, weil sie empfindlich auf Gerüche, Rauch, Dämpfe oder Pollen reagieren, sich schlecht an Dauerlärm gewöhnen, optische und akustische Eindrücke intensiver wahrnehmen. Sie erschrecken sich leicht, sind schnell erregbar, und sie können Stress schlecht ertragen. Wenn „zu viel los ist“ ziehen sie sich zurück. Sie schneiden in Prüfungen schlecht ab, wenn jemand sie kontrolliert. Weil sie mehr Reize verarbeiten müssen als „normal“ Sensible erschöpfen sie schneller – sie sind also gering belastbar.

Hochsensible zeigen indessen, wie wichtig ein Arbeitsumfeld ist, dass dem Individuum gerecht wird. Die vermeintlichen Schwächen sind nämlich Stärken, wenn sie gefördert werden: Hochsensible können sich außerordentlich gut konzentrieren, ihre Empathie übertrifft die der „Normalen“ bei weitem. Sie denken in größeren Zusammenhängen, haben eine ausgeprägte Intuition, ein feines Empfinden für Gerechtigkeit, eine rege Imagination, nehmen psychische Beziehungen am Arbeitsplatz genau wahr, wägen Entscheidungen sorgfältig ab, reflektieren eigene Handlungen, arbeiten gewissenhaft bis zum Drang nach Vollkommenheit und lernen bis ins hohe Alter.

Auf ihre sozialen Fähigkeiten kann keine Firma, die Humanität ernst nimmt, verzichten: Hypersensible fühlen sich anderen Menschen stärker verbunden als umgekehrt, sie nehmen die Gefühle anderer intensiv wahr und hören gut zu. Sie versuchen, auch unter extremen Bedingungen, die Harmonie herzustellen.

Vielerlei Belastung

Manche Menschen sind „von Natur aus“ robust. Sie nehmen Schicksalsschläge hin oder nehmen sie gar nicht erst wahr. Andere sind sensibel und reagieren auf Reize intensiver. Je nachdem, wo jemand seine „Archillesferse“ hat, ist er dort gering belastbar: Wer unter einer Hundephobie leidet, ist als Kellner in einem Biergarten, wo ständig Hunde herum liegen, permanent belastet. Wenn mein Mitarbeiter an einer Rauchallergie leidet, ist er nicht gleich eine „Mimose“, weil ich als Kettenraucher dieses Problem nicht habe.

Wenn ich ein exzellenter Programmierer bin, aber wegen einem Bandscheibenvorfall nicht schwer heben kann, bin nicht generell schwach belastbar; das gilt auch umgekehrt, wenn ich als Möbelpacker arbeite, aber nicht weiß, wie man einen Computer anstellt.

Wenn sich also jemand belastet fühlt, gilt es erst einmal, dieses ernst zu nehmen, auch wenn die Mehrheit der Mitarbeiter dieses Problem nicht hat. Nervöse Beschwerden in Magen, Darm oder Herz sind ernste Warnsignale – außerdem Schweißausbrüche, Kopfschmerzen und Verspannungen der Muskeln. Wenn der Betroffene außerdem zusehends ungeduldig wird, aufbraust, seine Leistung abfällt, und er vorzeitig ermüdet, ist das Team gefragt. Statt ihn mit Druck zum Durchhalten zu bewegen, steht ein Gespräch an, woran seine Beschwerden liegen.

Oft sind Betriebsklima und Arbeitsbedingungen der Grund für den Leistungsabfall. Mobbing führt zu genau dem Stress, der geringe Belastbarkeit auslöst: Wer Angst hat, zur Arbeit zu gehen, wer seinen Mitarbeitern (zu Recht) misstraut, der fühlt irgend wann genau die Erschöpfung, die geringe Belastbarkeit kennzeichnet. Gering belastbar sind auch Hoch qualifizierte, die ihr Studium mit Bestnoten abschlossen, aber als Erwachsene unter Mobbing in der Schulzeit leiden. Wen seine „Mitschüler“ als „Streber“ demütigten, und wer deshalb soziale Beziehungen mit Angst besetzt, verzweifelt deshalb an Situationen, die für Mitarbeiter, die solche Erfahrungen nicht machten, normal sind.

Wen einzelne Auslöser in seiner Arbeitsqualität einschränken, dem kann mit einfachen Mitteln geholfen werden – sei es ein anderes Putzmittel bei allergischen Reaktionen auf eine Chemikalie, oder indem man Spinnweben entfernt, wenn ein Kollege an einer Spinnenphobie leidet.

Sind Beruf und Belastbarkeit jedoch unvereinbar, ist ein Berufswechsel die Konsequenz. Wer zum Beispiel Lehrer wurde, weil ihn die vermeintlich geringe Arbeitszeit, das ansprechende Gehalt und der angeblich lange Urlaub reizte, und der jetzt überlastet ist, wenn er er Gruppen von pubertierenden Schülern gegenüber sitzt, hat den falschen Beruf gewählt.

Für alle Formen von geringer Belastbarkeit gilt derweil die Devise: Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. (Dr. Utz Anhalt)