Sechster Sinn – Mythos oder Real?

Das unbewusste System. Bild: freshidea - fotolia
Dr. Utz Anhalt
Hellsicht bezeichnet eine angebliche Fähigkeit, Dinge jenseits der Reichweite der eigenen Sichtweite wahrzunehmen. Es kann sich dabei sowohl um Zukunftsschau wie Einblicke in die Vergangenheit oder an ferne Orte handeln. Das so genannte „Zweites Gesicht“ ist ein anderer Begriff für diese Art des „Sehens“.

Eine Micha bietet im Internet: „Hellsichtiges,treffsicheres, bekanntes Medium „Telepathie“ Energieübertragung auf Wunsch während des Gesprächs „Jenseitskontakte“ und verlangt für ein Telefongespräch 98 Cent die Minute. Was ist von solchem Hellsehen zu halten?

Existiert der sechste Sinn? Bild: psdesign1 - fotolia
Existiert der sechste Sinn? Bild: psdesign1 – fotolia

Die fünf Sinne

Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten bezeichnen die fünf Sinne des Menschen. Der sechste Sinn ist eine reale oder vermeintliche Fähigkeit, Dinge darüber hinaus wahrzunehmen, die mit diesen fünf Sinnen weder greifbar noch nachvollziehbar sind, sich aber scheinbar, angeblich oder wirklich als wahr heraus stellen.

Allerdings kommen zu den fünf Sinnen noch weitere hinzu: Der Sinn für Temperatur, der Gleichgewichtssinn, die Schmerzempfindung, und die Tiefenempfindung.

Der sechste Sinn

Zum „sechsten Sinn“ gehören Vorahnungen und ein Gespür für Stimmungen, die sich im nach hinein real oder vermeintlich als wahr heraus stellen. Zum Beispiel spüren manche Mütter, dass es ihrem Kind schlecht geht, obwohl sie räumlich weit von dem Kind entfernt sind.

Oder Menschen wissen, wenn das Telefon klingelt, wer bei ihnen anruft. Sie fahren aus „einem Bauchgefühl“ heraus mit der Straßenbahn und nicht mit dem Auto und erfahren später, dass sich ein Unfall ereignete.

Oder in einem Traum passiert einem Menschen etwas Schlimmes, und Wochen später stellen die Ärzte fest, dass dieser Mensch unter Krebs leidet.

Esoterik kontra Psychologie

Esoteriker und Religiöse sehen den sechsten Sinn und das zweite Gesicht als übersinnliche Segnungen oder eine besondere Verbindung zu übernatürlichen Kräften. Viele Wissenschaftler lehnen die Idee eines „sechsten Sinnes“ ab: Ihnen zufolge handelt es sich vor allem um Fehlschlüsse, die Zufällen eine besondere Bedeutung geben.

Wenn also jemand an einem bestimmten Tag nicht mit dem Auto fährt und sich gerade dann ein Unfall ereignet, interpretiert er diesen Zufall als Folge seines Handelns. Genau so gut hätte er auch mit der Bahn fahren können, ohne dass sich eine Verbindung gegeben hätte.

Demzufolge handelt es sich um kognitive Kurzschlüsse, die Geschehnisse in einen Kausalzusammenhang setzen, der nicht vorhanden ist. Ähnlich verhielte es sich mit Menschen, die meinen, vorher zu merken, wer bei ihnen anruft, wenn das Telefon klingelt.

Zum einen könnte es sich um Erfahrung handeln, dass es nämlich genau an der Zeit ist, dass diese Person sich meldet, zum anderen vergessen die Betroffenen die vielen Momente, in denen sie an diese Person dachten, ohne, dass sie sich meldete.

Intuition

Eine andere Erklärung, die viele Psychologen vorziehen, ist die Intuition, also das unbewusste Wahrnehmen und Handeln, auch schnelles Denken genannt. Dies hängt eng mit Erfahrungen und Assoziationen zusammen, die das Gehirn bildet und im Traum verarbeitet.

Intuition gleich 6. Sinn? Bild: pathdoc - fotolia
Intuition gleich 6. Sinn? Bild: pathdoc – fotolia

Ein Traum davon, dass es einem Menschen schlecht geht, wäre damit kein in die Zukunft gerichtetes Hellsehen, sondern das Gehirn würde im Unbewussten Informationen bearbeiten, die dem entsprechenden Menschen gar nicht bewusst sind: Das heißt, wenn ihm dieser andere Mensch im Traum erscheint, nahm der Träumende unbewusst vorher Signale wahr, die darauf hindeuten, dass er krank ist.

Bei Eltern gilt ähnliches. Wenn ihnen ihre Kinder nahe stehen, beschäftigen sie sich bewusst oder unbewusst mit ihnen. Meldet sich das Kind über längere Zeit nicht, obwohl es das gewöhnlich tut, schlägt das mütterliche Gehirn Alarm: Irgend etwas läuft falsch.

Unberücksichtigt bleiben dabei die unzähligen Situationen, in denen Mütter sich Sorgen um ihre Kinder machen, ohne dass den Kindern etwas zustößt, oder sogar über behütende Mütter, die sich immer Sorgen machen und sich bestätigt sehen, wenn dem Kind endlich etwas passiert.

Oder sie jagen dem Kind so viel Angst ein, dass es die gefährliche Situation selbst herbei führt.

Was sagt die Wissenschaft?

Das zweite Gesicht und der sechste Sinn beschäftigt die Religion seit Jahrtausenden, und ebenso die moderne Wissenschaft-

Eberhard Bauer vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene schrieb: „Ahnungen, Visionen, Wahrträume und zweites Gesicht sind menschliche Erfahrungen, die seit jeher zur Kulturgeschichte gehören.

Zwar besteht kein Zweifel, dass es solche außergewöhnlichen Erlebnisberichte gibt – die Frage ist, wie sie sich deuten lassen. Untersuchungen der Parapsychologie weisen darauf hin, dass in der Tat anomale Wechselwirkungen zwischen Menschen untereinander und ihrer Umwelt vorkommen, die sich – bisher! – einer befriedigenden konventionellen Erklärung entziehen.“

Er schloss: „Entweder lernen wir daraus, dass wir uns auf sehr subtile Weise täuschen lassen, oder wir finden ein neues Erklärungsmodell für solche Anomalien. Wissenschaft und Gesellschaft können nur davon profitieren.“

Bernd Harder von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften hält den sechsten Sinn hingegen für nichts anderes als die Fähigkeit aus unbewussten Beobachtungen Schlüsse zu ziehen: „Bei einer Autofahrt sagt ein Mann zu seiner Frau: „Wir könnten mal wieder Tanzen gehen.“ Seine Frau ist erstaunt – sie hatte eben das Gleiche gedacht. Ein übersinnliches Phänomen?

Nein. Kurz zuvor hatten sie ein Plakat mit Werbung für eine Käsesorte aus einem Urlaubsort gesehen. Dort war das Paar in den Ferien öfter beim Tanzen gewesen.

Der sechste Sinn ist wenig mehr als die Fähigkeit, aus begrenzten Informationen richtige Schlüsse zu ziehen. Ahnungen beruhen auf Beobachtungen, die wir unbewusst wahrnehmen.

Wer dennoch glaubt, paranormal begabt zu sein, kann sich von dem US-Skeptiker James Randi testen lassen. Für ein nachweisbares echtes Phänomen zahlt er eine Million Dollar Preisgeld.“

Das Beispiel mit dem Tanzen lässt sich auf zahllose Situationen übertragen. Nehmen wir an, ein junger Student befindet sich in einer Lebenskrise. Er studiert in Hamburg und kommt aus Buxtehude. Eines Nachts irrt er einsam durch St. Georg, dann steigt er, nur halb bewusst, in den Zug, weil es ihn in seine alte Heimat zieht.

Es ist sieben Uhr morgens und am Gleis in Buxtehude trifft er seinen Vater, der zur Arbeit fährt. Sonst ist der immer mit dem Auto gefahren.

Der Vater merkt, dass mit dem Sohn etwas nicht stimmt, ruft die Mutter an, und die holt ihn vom Bahnhof ab.

Im Kurzschluss handelt es sich um den sechsten Sinn, denn der Student konnte nicht wissen, dass sein Vater am Bahnhof ist.

Allerdings sehnte sich der junge Mann nach Nestwärme, traute sich aber nicht, das den Eltern direkt zu sagen.

Ohne es im Bewusstsein zu verankern, hatte er mitbekommen, dass sein Vater derzeit mit der Bahn zur Arbeit fährt. Es handelt sich also um eine intuitive Handlung.

Präkognition

Prägoknition bezeichnet die Fähigkeit, zukünftige Geschehnisse zu erfassen, die sich rational nicht erschließen lassen. Dazu gab es diverse Experimente mit Zufallsgeneratoren. Eine andere Bezeichnung dafür ist hellsehen.

Zum einen sagen wir ständig die Zukunft voraus, und da Menschen ihre Zukunft planen, müssen wir das auch. Wir beziehen dabei unser Wissen, unsere Erfahrung, unsere Beobachtungen und die Einschätzungen anderer Menschen ein.

Das tun wir zum einen bewusst, meist aber unbewusst und automatisch, das Gehirn arbeitet sparsam und bewusste Gedankenprozesse brauchen Zeit und Energie.

Was sagen Skeptiker?

Skeptiker halten den Glauben an übersinnliche Hellsicht für psychisch bedingt:

1) Übersinnliche Voraussagen sind scheinbar genau, aber nur, bis sie unter die kritische Lupe genommen und analysiert werden.

2) Dunkle Visionen der Zukunft haben wir alle, und sie tauchen in unseren Träumen auf

3) Eine scheinbar geringe Wahrscheinlichkeit, dass die Voraussagen durch bloßen Zufall eintreffen

4) eine übertriebene Berichterstattung über vermeintliche Hellseher in den Boulevardmedien, die weit entfernt von wissenschaftlichen Minmalstandards sind – zum Beispiel, wenn in Talkshows „Hellseher mit übersinnlichen Fähigkeiten“ auf gleicher Augenhöhe mit reputierten Psychologen diskutieren

5) eine mangelnde Kenntnis über Intuition als Summe erworbenen Wissens und angewandter Erfahrung. Was als Hellsehen erscheint, wäre demnach nur Menschenkenntnis

6) selektive Wahrnehmung und selektive Erinnerung

7) unbewusstes Hinzudichten von Erinnerungen, Träumen und Visionen nach dem Geschehnis

8) mangelndes Verständnis vom Gesetz der Großen Zahl

9) glauben, was wir glauben wollen

Manipulation und Erfahrung

Schlimme Fälle von Manipulation durch die Massenmedien sind bewusste Lügen: So arbeitete die „Hellseherin“ Tamara Rand mit dem Talkshowmaster Gary Greco in Las Vegas zusammen. Beide veröffentlichten ein Video, in dem Rand den Mordversuch an Ronald Reagan angeblich am 6. Januar 1981 voraus gesagt hatte. Tatsächlich drehte das Team in betrügerischer Absicht das band aber am 31. März 1981, also nach dem Attentat.

Voraussagen von Hellsehern treffen ein, wie auch Voraussagen von Nicht-Hellsehern eintreffen. Im Alltag treffen wir sehr häufig wahre Voraussagen über die Zukunft: Wenn jemand voraussagt, dass seine Partnerin möchte, dass er die Wohnung saugt, braucht er keine übersinnlichen Fähigkeiten. Es handelt sich vielmehr um erworbene Erfahrungen, mit denen ich Gedanken voraussagen kann.

Menschen, die in einem Bereich Wissen haben, das anderen fehlt, können leicht als Hellseher durchgehen: Wenn jemand keine Ahnung von Hochwasser hat und sein Haus direkt am Flussufer baut, und ein Ortsansässiger voraussagt, dass der Keller überflutet wird, erscheint dies dem Nichtsahnenden womöglich als übersinnliche Gabe – dabei handelt es sich um einen Vorsprung in Erfahrung und Wissen.

Der Forer-Effekt

Als Forer-Effekt bezeichnen wir die Regel, dass eine Voraussage um so wahrscheinlicher eintritt, je vager sie ist, sie uns dann sogar um so genauer zu stimmen scheint.

Dabei vergessen wir zum einen die „prohetischen“ Träume, die nicht (!) eintrafen, zum anderen bestimmte Vorahnungen, die wir nicht erzählten, um nicht als Feigling zu gelten. Zum Beispiel, wenn wir eine Flugreise nicht antraten, weil wir glaubten, fürchteten oder „ahnten“, dass das Flugzeug abstürzte, ohne dass dies der Fall war.

Ein klassischer Forer-Effekt ist der Glaube an Wochen- oder Tageshoroskope. Wir lesen sie zum einen morgens beim Frühstück und richten uns unbewusst auf die Vorhersagen ein. Die Formulierungen sind so schwammig gehalten, dass sie immer zutreffen können.

Steht zum Beispiel beim Sternzeichen Fisch: In der ersten Tageshälfte müssen sie eine Entscheidung treffen, in der zweiten Tageshälfte sind sie erfolgreich in ihren Projekten, wenn nichts dazwischen kommt.

Betrug oder sechster Sinn? Hellsehen. Bild: Monika Wisniewska - fotolia
Betrug oder sechster Sinn? Hellsehen. Bild: Monika Wisniewska – fotolia

Jeder Mensch trifft jeden Tag jede Menge Entscheidungen. Wenn ich mich also entscheide, statt der blauen Jacke den schwarzen Mantel anzuziehen, sagt das Horoskop die Wahrheit.

Wenn ich in der zweiten Tageshälfte vor habe, meine Steuererklärung zu schreiben, und mein Gatte überredet mich zum Eis essen, und ich werde nicht fertig. Es kommt etwas dazwischen. Mache ich die Steuererklärung fertig, stimmt es ebenfalls.

Anekdoten, „Erfahrungen“ und Zeugenaussagen sind keine wissenschaftlichen Beweise, oft eher das Gegenteil. Richter, Staatsanwälte und empirische Wissenschaftler wissen um den unzureichenden Wahrheitsgehalt von Zeugenaussagen – nicht, weil die Betroffenen lügen würden, sondern weil unser Gehirn Storys bastelt, die funktionieren, und nicht die, die der objektiven Wahrheit entsprechen.

Was sagen kontrollierte Tests?

Kontrollierte Tests mit hellseherischen Fähigkeiten, die Zufall oder natürliche Ursachen ausschließen, sind bisher immer gescheitert. Esoteriker erklären dies damit, dass die Testsituation die „Vibrations“ oder „Energien“ störe. Wissenschaftler sage hingegen, dass die Hellseher beim Testen ihrer Fähigkeiten scheitern, weil sie diese Fähigkeiten nicht haben.

James Randi, der Hellsehen wissenschaftlich untersuchte, kam zu folgendem Ergebnis

1) Die Probanden hatten ihre Fähigkeiten noch nie unter kontrollierten Bedingungen getestet

2) Manche brachten grotesk-lächerliche Begründungen für ihr Versagen vor

3) Andere waren ehrlich von ihrem Versagen überrascht

Selbst erfüllende Prophezeiungen

Besonders kritisch zu sehen sind Menschen, die meinen hellsichtig zu sein und dabei „Vorahnung“, Spekulation und eigene Ängste miteinander verweben.

Martina (Name geändert) zum Beispiel hat eine panische Angst davor, vergewaltigt zu werden. Ihre Psychotherapeutin führt dies auf die Gewalttätigkeiten zurück, die sie als Kind durch ihren Vater ausgesetzt war.

Der jungen Frau diagnostizierte ein Arzt, am Borderline-Syndrom zu leiden. Dazu gehören auch Psychose-Zustände, in denen sie äußeres und inneres Geschehen nicht voneinander trennen kann.

Martina sagt über sich selbst: „Ich habe eine sehr scharfe Intuition.“ So sei sie durch einen Park gejoggt und habe in einer dunklen Ecke zwei Männer gesehen. Sofort hätte sie eine „Warnung“ im Bauch gespürt und sei in die andere Richtung gelaufen. Eins „wusste“ sie genau: „Die beiden wollten mich vergewaltigen.“

Hier fand nichts statt, was eine „Vorahnung“ hätte belegen können. Mit einer Hellsicht in die Zukunft hat dieses „Bauchgefühl“ also nichts zu tun, sehr viel aber mit Ängstern der „Hellseherin“.

Diese selbst erfüllenden Prophezeiungen treffen auch Patienten, die Hellsehern in die Fänge gerieten, die sie warnten, dass Schlimmes passieren würde. Die Betroffenen verhalten sich dann zum Beispiel an dem Tag, wenn der „Hellseher“ ein Unglück voraus sagte, besonders unsicher und lösen so einen Unfall aus.

Cold Reading

Inge Hüsken und Wolgang Hund klären bei der Gesellschaft für die Wissenschaftlichte Untersuchung von Parawissenschaften auf „In kontrollierten Tests sind Wahrsager nicht erfolgreicher, als der Zufall erwarten lässt. Dass dennoch viele Klienten von verblüffenden Treffern berichten, wird von Psychologen vor allem auf die Technik des „Cold Reading“ zurückgeführt, mit der Wahrsager beim Gesprächspartner den irreführenden Eindruck erwecken, sie seien umfassend über seine Persönlichkeit und seine Lebenssituation informiert.“

Was ist aber Cold Reading? Die Skeptiker erklären: „Im Kern besteht Cold Reading darin, aus dem Erscheinungsbild und dem Verhalten des Klienten (beispielsweise Kleidung, Körperhaltung, Sprechweise, scheinbar harmlosen Bemerkungen) Rückschlüsse auf die betreffende Person zu ziehen. Dies kann unbewusst geschehen oder aber gezielt eingesetzt werden, um den Zugang zu übernatürlichen Informationsquellen vorzutäuschen.“

Dann gibt es noch den Barnum-Effekt: „Die Hellseher verwenden allgemein gehaltene Aussagen, die der Klient auf seine individuelle Situation bezieht und als zutreffend bewertet.“

Menschen sind manipulierbar

Florian Freistetter schrieb 2012 auf den Scienceblogs: „Wenn euch ein „Hellseher“ etwas sagt, dass „kein anderer wissen kann“, dann seid ihr entweder einem echten Betrüger auf den Leim gegangen, der sich vorher über euch informiert hat. Oder ihr habt ihm die Information im Gespräch selbst gegeben und er hat sie später nur wiederholt.“

Gefeit vor solchen Scharlatanen ist niemand. Freistetter schreibt: „Wir möchten zwar gerne glauben, dass wir auf solche Tricks nicht reinfallen – aber wir sind alle nicht so klug und aufmerksam, wir wir uns das insgeheim vorstellen. Wir vergessen schnell, wir denken selektiv und lassen uns zu leicht beeindrucken. Ein geübter Hellseher, Astrologe oder Kartenleger kann das nutzen und uns Informationen, die er erst kurz zuvor von uns selbst bekommen hat, später als „mysteriöses“ Wissen präsentieren.“

Tatsächlich haben manche Menschen besondere Fähigkeiten, die sie als übersinnliches Hellsehen bezeichnen. Zu diesen Talenten gehört eine geschulte Gabe, andere Menschen zu beobachten. Die „Hellseher“ schließen aus der Mimik, Gestik und Körpersprache eines Menschen auf seine Ängste, Wünsche und Interessen. Zu einer bestimmten Frage können die „Magier“ ihr Opfer dann in eine bestimmte Richtung lenken.

Die Intuition

Rationales und irrationales Denken, unbewusstes und bewusstes Handeln, Vernunft und Gefühl – intuitives und deduktives Verständns; die Psychologie bringt heute ein wenig Klarheit in die Art, wie Menschen Informationen verarbeiten.

Esoteriker nutzen den Begriff Intuition inflationär und bringen ihn direkt mit Wahrsagern, Hellsehern, außersinnlichen Kräften, vermeintlichen Jenseitsbegegnungen und höherem Bewusstsein in Verbindung.

Auch die Künstler der Romantik verherrlichten die Intuition, das Subjektive, ohne allerdings den Begriff zu benutzen.

Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung schreibt: „Eine Intuition ist weder eine Laune noch ein sechster Sinn, weder Hellseherei noch Gottes Stimme. Sie ist eine Form der unbewussten Intelligenz.“

Die Forschung widmet sich erst seit einigen Jahrzehnten der Intuition als Quelle des menschlichen Denkens.

Das automatische Denken

Unter Intuition fallen Gefühle, uns in eine bestimmte Richtung zu entscheiden, ohne bewusst zu wissen, warum wir das tun. Die Gefühle sind dabei so stark, dass wir oft unmittelbar aus ihnen heraus handeln.

Die einfachste Erklärung dafür lautet, dass das Gehirn schnell die meisten Informationen ausblendet und wichtige von unwichtigen Informationen trennt, um so schnelle Entscheidungen zu ermöglichen.

Einig sind sich die meisten Forscher, dass die Intuition umso besser funktioniert, je mehr Erfahrungen wir in einem bestimmten Bereich haben. Das Gehirn selektiert wesentliche Informationen dann schneller und „richtiger“ als wenn wir Neuland betreten.

Gigerenzer hält die traditionelle Aufteilung zwischen Logik und Unlogik, Vernunft und Gefühl, Intelligenz und Dummheit für vollkommen falsch. Intelligenz sei keinesfalls immer bewusst und überlegt, so der Psychologe.

Intuition sei Bauchgefühl, und wir würden uns auf dieses Gefühl sogar mehr verlassen als auf Kopfentscheidungen. Intuitive Entscheidungen basierten, ihm zufolge, auf wenigen Informationen und würden alle anderen ignorieren.

Schnelles Denken, langsames Denken

Daniel Kahnemann erforschte die Fallstricke der Intuition. Er unterscheidet das schnelle Denken, also das unbewusste vom langsamen Denken, dem bewussten. Demnach handelt es sich um zwei verschiedene Modi, in denen das Gehirn arbeitet, wobei das intuitive Denken wesentlich häufiger in den Vordergrund tritt.

Schnelles Denken ist es demnach zum Beispiel, wenn jemand uns anspricht und wir sofort Feindseligkeit oder Freundschaft heraus hören.

Das bewusste System

Das bewusste System hingegen analysiert und berechnet, es überlegt genau, zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu wählen, zum Beispiel beim Einkauf: Welches Produkt hat welche Vorteile, welche Nachteile.

Dazu bedarf es allerdings Konzentration, und das bewusste Denken erledigt nur einen Aufgabe zur gleichen Zeit, das kalkulieren braucht Zeit und mentale Energie, denn das Gedächtnis kann nur eine bestimmte Anzahl von Informationen zugleich bearbeiten.

Das unbewusste System

Das unbewusste System hingegen ist schnell, und das hatte enorme Vorteilen in unserer evolutionären Entwicklung: „Es erhöhte die Überlebenschancen, wenn man die schwerwiegendsten Bedrohungen oder die vielversprechendsten Gelegenheiten schnell erkannte und umgehend darauf reagierte.“

Das unbewusste System. Bild: freshidea - fotolia
Das unbewusste System. Bild: freshidea – fotolia

Beim Rascheln im Gebüsch, beim Schatten auf einem Ast verbat es sich geradezu, Step bei Step zu analysieren, ob es sich um eine Großkatze, einen Windhauch oder einen harmlosen Vogel handelte. Wäre es nämlich eine Großkatze gewesen, hätte das langsame Denken unsere Vorfahren den Kopf gekostet.

Wenn die Intuition trügt

Das unbewusste Situation arbeitet in Alltagssituationen gewöhnlich gut: Ohne lange und logisch zu überlegen, wechseln wir automatisch die Straße, wenn wir aus dem Augenwinkel die Informationen bekommen, dass kein Auto in Sicht ist.

Ohne nachzudenken, kratzen wir uns an der Schulter, wenn es juckt. Wir riechen Kaffeeduft und automatisch schließen wir: Das ist eine Cafeteria.

Die Falle liegt, laut Kahnemann darin, dass die Intuition Informationen nutzt, die dem Gedächtnis leicht zugänglich sind. Dadurch tappt die Intuition immer wieder in die Falle von Denverzerrungen, wie Kahnemann in jahrelangen Experimenten nachwies.

Ein Beispiel ist die Aufgabe:

Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Euro.Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball.Wie viel kostet der Ball?

Die erste Antwort der Intuition wäre 10 Cent. Das ist aber falsch. Wenn der Schläger nämlich einen Euro mehr als der Ball kostet, dann kosten beide zusammen 1,20 Euro. Die richtige Antwort, die das logische Nachdenken ergibt, ist 5 Cent.

Hellsehen in der Literatur

Stephen King verwendet Hellsehen als Mittel in seinen Horror-Romanen.

Johnny Smith kann in „Das Attentat“ in die Zukunft sehen, nachdem ein Unfall einen Teil seines Gehirns störte. Dann will er die Zukunft ändern, indem er die Gegenwart verändert.

In „Zuneigung“ liest die Bruja-Hexe Mama Delorme Gedanken und sagt, sie hätte das zweite Gesicht. Sie weiß sofort, dass Martha Rosewall schwanger ist, wovon die junge Frau selbst nichts weiß.

Psychic Detectives

Esoteriker glauben an, und die Klatschpresse berichtet von „psychic detectives“, also Hellsehern, die der Polizei bei den Ermittlungen helfen würden. In Hochzeiten der Esoterik, der Jenseits-Begegnungen und des Gläserrückes, zum Beispiel in den 1880er und 1920er Jahren suchten solche angeblich übersinnlich begabte Medien tatsächlich die Polizei als „übernatürliche Helfer“ auf. Im Internet kursiert sogar der Begriff „Kriminaltelepathie“, als handle es sich dabei um eine Wissenschaft.

Das Fachmagazin „Die Kriminalpolizei“ kommentiert dazu: „Besonders wichtig ist dem Autor in diesem Zusammenhang der Befund, dass – nach Angaben der befragten Polizeidienststellen – die entsprechenden Hellseher in keinem einzigen Falle einen brauchbaren Hinweis gegeben oder auch nur im Entferntesten weiter geholfen hätten.“ (Dr. Utz Anhalt) 

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