Tod und Trauer: Umgang, Verarbeitung und Hilfe bei Verlusten

Dr. Utz Anhalt

Mit dem Tod leben – Trauer als Arbeit

Der Tod gehört zum Leben. Doch fällt es uns Menschen ebenso schwer, uns mit dem eigenen Tod abzufinden wie den Tod von Verwandten, Partnern und Freunden zu verarbeiten. Ein Grund dafür ist, dass wir als soziale Lebewesen auf Bindungen in Beziehungen elementar angewiesen sind, und mit dem Tod eines wichtigen Mitglieds dieses Beziehungsnetzes gerät unser Ordnungssystem erst einmal aus den Fugen. Trauer können wir weder verdrängen noch abkürzen, sondern müssen sie bewusst durchleben. Es gibt jedoch einige Möglichkeiten, den Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten, die uns dabei helfen, das Leben danach zu gestalten.

Tod – Ein Tabu?

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit waren Sterben und Tod öffentlich präsent und rituell in den Alltag eingebunden. Eine hohe Kindersterblichkeit und eine niedrige Lebenserwartung sorgten dafür, dass die Menschen schon in jungen Jahren den Verlust von Verwandten und Freunden hinnehmen mussten. Nach dem zweiten Weltkrieg, dem großen Sterben, verschob sich der Tod in die Anonymität. Fortschritte in der Medizin ließen in allen Industriestaaten das Lebensalter ansteigen; zuvor tödliche Erkrankungen sich immer besser behandeln.

Durch die medizinischen Fortschritte können ehemals tödliche Erkrankungen heute besser behandelt werden und die Menschen ein immer höheres Lebensalter erreichen. (Bild: bilderstoeckchen/fotolia.com)

Der Blick auf die Ärzte verschob sich: Tod galt zunehmend als Schuld der Mediziner. Nicht nur das Sterben, sondern auch die Schwäche alternder Menschen rückte immer mehr in eine Tabuzone. Senioren sollten nicht nur immer länger leben, sondern auch bis zum Tod aktiv bleiben. Die medizinischen Apparate verlängerten den Sterbeprozess – Menschen, die vor wenigen Generationen längst tot gewesen wären, lassen sich mit heutiger Technik am Leben erhalten, und das bisweilen über Jahre.

Alter, Schwäche und Sterben rückten aus dem Zentrum der Gemeinschaft. In der Vergangenheit starben die Menschen nämlich im Dorf und in der Großfamilie. Nicht nur das Begräbnis, sondern auch das Sterben gehörte zum sozialen Leben.

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Im 20. Jahrhundert rückte das Sterben aus der Gemeinschaft. Alte Menschen kamen in Altersheime und starben dort oder im Krankenhaus. Die Generationen zog es sowieso viel stärker auseinander als in traditionellen Gesellschaften; Erwachsene hatten zu ihren Eltern oft über Jahre keinen Kontakt mehr.

Doch nicht nur die Sterbenden, auch die Hinterbliebenen blieben zunehmend allein. Weil der Tod aus der Wahrnehmung gedrängt war, wussten Außenstehende häufig nicht mit der Traurigkeit umzugehen. Oft mieden die Menschen im sozialen Umfeld das Gespräch oder zogen sich sogar von den Betroffenen zurück.

Inzwischen setzt ein Umdenken ein. Eine breite Diskussion um Sterbehilfe rückte die Praxis in den Fokus, das Leben mit Apparaten auszudehnen, obwohl ein reales Leben längst vorbei ist. Menschen machen sich zunehmend Gedanken darüber, wie sie sterben wollen und bereiten sich darauf vor, ihr Leben nicht anonym in einer Klinik zu beenden.

Weil das Siechen und Sterben aus dem Alltag verschwand, verloren die Hinterbliebenen die Entwicklung, Abschied zu nehmen. Abschied nehmen schmerzt, es ist aber eine tief gehende Erfahrung und bereits Teil der Trauerarbeit. Wer jemand beim Sterben begleitet hat, dem bleibt diese Erfahrung meist als Reifungsprozess im Gedächtnis verankert. Wenn die Sterbenden geistig noch bei Sinnen sind, hinterlassen sie den Begleitern oft wichtige Botschaften.

Kinder und Tod

Viele Eltern wissen heute nicht mehr, wie sie mit ihren Kindern über den Tod reden sollen. Manche Tierärzte besorgen sogar Kaninchen in der gleichen Farbe wie das verstorbene, um die Kinder darüber hinweg zu täuschen, dass ihr Haustier nicht mehr lebt.

Mit Kindern nicht über den Tod zu reden, ist aber ein Fehler. Kinder sind neugierig für alles, was um sie herum passiert, und früher oder später stoßen sie auf den Tod. Sei es, dass sie ein totes Tier sehen, sei es, dass sie hören, dass jemand gestorben ist. Wenn die Eltern jetzt herum drucksen, den Fragen ausweichen oder „halbe Antworten“ geben, löst das beim Kind Angst aus. Kinder haben nämlich ein feines Gespür dafür, ob die Eltern ihnen etwas verheimlichen und fühlen, dass das Geheimnis etwas Schreckliches sein muss.

Spätestens, wenn der erste Mensch stirbt, der dem Kind nahe steht, will das Kind wissen, was passiert. Viel besser ist es, mit dem Kind vorher über den Tod zu reden. Viele Erwachsenen schieben den Schutz des Kindes vor. Aussagen wie „es ist noch zu klein, um das zu verstehen“ oder „der kommt wieder“ schützen in Wirklichkeit nur die Eltern, die nicht wissen, wie sie das Thema erklären sollen.

Kleine Kinder können meist noch nicht verstehen, dass der Verstorbene nicht mehr zurückkommt. (Bild: pingpao/fotolia.com)

Das heißt allerdings nicht, dass kleine Kinder einfach verstehen, was Tod sein bedeutet. Viele Kinder glauben, dass ein Toter nur vorüber gehend nicht da ist. Dass jemand nicht mehr existiert, ist für Kleinkinder schwierig zu verstehen, weil in ihrer Welt alles real ist, was sie sich vorstellen.

Was passiert im Gehirn?

Wenn ein Mensch stirbt, der uns nahe steht, stört das die Hirnprozesse, besonders in Hirnstamm wie Kleinhirn und im limbischen System. Betroffen sind also einerseits unsere Gefühls- und Gedächtniszentralen, andererseits Essen, Schlafen, Atmen und Kreislauf.

Wer sich nach dem Tod eines Nahestehenden in diesem Zustand befindet, der leidet unter Schlafproblemen, er vergisst vieles, kann sich kaum orientieren, er fühlt sich krank und kann nicht essen.

Das Gehirn läuft im Ausnahmezustand und signalisiert: Bedrohung. Die Betroffenen reagieren mit Flucht, Aggression und / oder Erstarren.

Flucht, Aggression und Erstarre

„Angst verhindert nicht den Tod. Sie verhindert das Leben.” Naguib Mahfouz

Flucht fällt uns häufig erst auf, wenn sie in eine Panikattacke ausartet. Doch wir kennen alle Fluchten im Alltag und nehmen sie kaum wahr, weil sie sich nicht dramatisch anfühlen: Wir fahren dann ohne Ziel mit dem Auto durch die Gegend, machen einen Kurztrip nach Paris, weil uns die Decke auf den Kopf fällt, oder wir betrinken uns.

Wenn wir unterwegs sind, löst das das Gefühl, nicht weiter zukommen. Wir bewegen uns, und das bedeutet: Wir machen etwas. Wenn wir traurig sind, steigen wir aus dem ständigen Grübeln eine Zeit aus – wir lenken uns ab.

Die Trauer bleibt zwar, aber wenn wir mit dem Auto unterwegs sind, müssen wir uns auf den Weg konzentrieren: Bremsen, abbiegen, entscheiden, wo wir hin fahren.

Physiologisch handelt es sich dabei um eine biologische Reaktion aus Angst: Wenn wir uns bedroht fühlen, signalisiert das Gehirn „Gefahr“, und wir versuchen, der gefährlichen Situation zu entkommen.

Wenn wir trauern, weil ein Mensch gestorben ist, der Partner sich getrennt hat, oder wir uns schlicht ein besseres Leben vorstellen, sind Fluchten ebenso sinnvoll wie riskant. Sie lösen das Problem nicht, gewähren uns aber eine Pufferzone zwischen unseren schrecklichen Gefühlen und ihrer unmittelbaren Verarbeitung.

Eine vorübergehende „Flucht“ sorgt für Abstand und hilft, dem Gedankenkarussell für einen Moment zu entkommen. (Bild: sognisondesideri/fotolia.com)

Allerdings können sich diese Fluchten schnell selbstständig machen. Das weiß jeder Alkoholiker, der den Halt verlor, weil ein Mensch, der ihm zuvor Stütze war, starb, er sich in den Suff flüchtete und jetzt keine Kontrolle mehr über seinen Alkoholkonsum hat.

Eine weitere Reaktion auf Angst ist Aggressivität. Auch diese ist biologisch verankert: Wenn ein Tier oder ein Mensch in einer Situation ist, die unmittelbar sein Leben bedroht (oder zu bedrohen scheint, das Gehirn unterscheidet nicht), dann entscheidet er bzw. es sich intuitiv zwischen Angriff und Flucht. Diese Entscheidung läuft im schnellen Teil unseres Gehirns, dem biologisch alten.

Würden wir nämlich erst „unseren Kopf anstrengen“, also das beim Menschen entwickelte analytische Denken einschalten, wäre es im Ernstfall zu spät: Wenn ich lange überlege, ob der Schatten unter den Bäumen ein Tiger sein könnte, hätte der Tiger mich längst getötet, falls es einer wäre.

Bei Tieren, die in Sozialverbänden leben, löst der Tod eines Rudelmitglieds die Kette der Angstreaktionen aus. Das ist auch kein Zufall, denn wenn das Tier nicht an einer Krankheit oder Altersschwäche stirbt, bedeutet der Tod eine Bedrohung für alle anderen Rudelmitglieder: Auch bei Lawinen oder Feuer ist Flucht die beste Handlung, bei einem Fressfeind lautet die Entscheidung: Bin ich, sind wir stark genug, ihn zu vertreiben oder fliehen wir.

Die Angstreflexe Flucht, Aggression und Starre sind nicht rational, das heißt, sie durchlaufen nicht den Teil unseres Gehirns, der reflektiert und analysiert. Sie finden auf der „unbewussten“ Ebene statt, dem assoziativen Handeln – sie entsprechen dem, was wir bei Tieren als Instinkte bezeichnen.

Deshalb verhalten sich Trauernde, rational betrachtet, bisweilen unfair: Sie reagieren aggressiv, wenn Nahestehende ihnen helfen wollen. Sie weisen Anderen die Schuld am Tod zu. Das mag zwar gelegentlich berechtigt sein, entspringt aber einem unbewussten Angstreflex. Aggressivität zum Beispiel gegenüber einem Beutegreifer, der den Tod eines Rudelmitglieds verursachte, ist in der Evolution sinnvoll und sogar notwendig.

Außerdem wird so das diffuse Gefühl der Angst durch eine konkrete Handlung kontrolliert. Wenn es einen Schuldigen gibt, habe ich die Möglichkeit, zu handeln. Gegenüber einem blinden Geschehnis habe ich diese Option nicht.

Für Trauernde sind alltägliche Dinge wie das Aufstehen und Anziehen kaum machbar – das Gefühl der inneren Leer übermannt alles andere. (Bild: Paolese/fotolia.com)

Betroffene sind gut beraten, sich die „irrationalen“ Reaktionen und Gefühle zu verzeihen. Wenn sie wissen, dass sie so, biologisch bedingt, die Erschütterung ihrer sozialen Struktur kontrollieren, verstehen sie, dass sie nicht „krank“ sind.

Starre geht mit Flucht und Angriff einher. Trauernde haben Probleme, den Alltag zu bewältigen. Sie schaffen es kaum, aufzustehen, sich anzuziehen, zu waschen oder zu essen. Selbst wenn sie äußerlich funktionieren, erstarren sie innen: Egal, was sie tun, in sich fühlen sie nur eine innere Leere.

Auch diese ist eine biologisch sinnvolle Reaktion auf eine Bedrohung. Die Leere gibt eine Blaupause, damit die Betroffenen nicht ihre Gefühle überwältigen, sie kapseln sich von den Emotionen ab. Allerdings wechselt die Leere sich ab mit extremen Gefühlsausbrüchen.

Hilflosigkeit

Trauernde sind, wörtlich genommen, nicht mehr Herren ihrer Sinne. Sie können ihre Reaktionen wenig steuern. Auch dies liegt am Gehirn.

Ein Todesfall und andere persönliche Katastrophen stören den Neokortex, wo unser Denken und Handeln sitzt. Funktioniert dieses Zentrum, dann können wir unsere Impulse bis zu einem gewissen Grad steuern. Wir „rasten zwar aus“, zumindest ab und zu, bekommen uns danach aber wieder „in den Griff“.

Betroffene verlieren diesen Einfluss. Sie wollen ihren Alltag organisieren, schaffen es aber nicht, Sie wollen nicht aggressiv sein, attackieren aber Umstehende. Wer trauert, verliert sich in Gedankenkreisen. Sie denken zwar ständig darüber nach, wie es weitergeht, sind aber nicht in der Lage, eine Linie zu entwickeln.

Der Grund für die Erschütterung ist nicht nur der Verlust des geliebten Menschen, sondern vor allem die totale Veränderung. Gemeinsame Feiern, die geteilte Arbeit, der Urlaub, das Haus, alle symbolisch besetzten Koordinaten des eigenen Lebens verschwinden.

Vorher fällten die Betroffenen Entscheidungen innerhalb eines Koordinatensystems, in dem sie ihren festen Platz hatten und deshalb wussten, wofür oder wogegen sie sich entschieden. Jetzt fehlen alle Bezüge.

Die Betroffenen kreisen ebenso um die Vergangenheit, ohne dass sie zu einem Ergebnis kommen könnten. Das Drama besteht ja gerade darin, dass derjenige, mit dem sie darüber reden könnten, nicht mehr ist. Es spielt faktisch keine Rolle, ob die Trauernden in einer bestimmten Situation etwas anderes gesagt, gedacht oder getan hätten.

Schuldgefühle wie „hätte ich ihn doch vom Rauchen abgehalten, dann wäre er nicht am Krebs gestorben“, oder „hätte ich ihn gehindert, an dem Tag mit dem Auto zu fahren, dann hätte er keinen Unfall erlitten“ wechseln sich ab mit Flüchen auf das Schicksal: „Warum passiert mir das?“

Auch hier handelt es sich um psychologisch sinnvolle Konstruktionen des Unbewussten, denen aber die Bezüge fehlen. Das menschliche Gehirn funktioniert weniger logisch wie ein Computer, sondern es ist unser Sinnstifter: Es entwirft permanent Storylines, an denen wir uns im Leben orientieren können. Ob diese objektiv stimmen, ist gleichgültig, das belegt die weltweite Existenz von Religionen, die wissenschaftlich widerlegt sind.

In der ersten Phase der Trauer ist es unmöglich, Betroffene mit rationaler Analyse der Situation zu konfrontieren.

In allen Religionen existieren Rituale für den Umgang mit dem Tod. (Bild: Dan Breckwoldt/fotolia.com)

Der Tod als Verwandlung

Todesrituale sind in allen Religionen zentral: Die Ägypter bauten ihren toten Herrschern Pyramiden als Grabmäler, in der Normandie wurden die Fürsten mitsamt erschlagener Sklaven, Pferde und Besitz in Hügelgräbern bestattet, und die Wikinger schickten ihre Häuptlinge in einem brennenden Drachenschiff auf das offene Meer – alle im Glauben, dass der Tod nur der Übergang in eine andere Welt war.

Manche Kulturen wie die Navajo sehen hingegen alles, was mit dem Tod zusammen hängt ausschließlich negativ und meiden Orte, an denen Menschen bestattet sind. Den Verstorbenen auch nur zu erwähnen, hat in ihrer Vorstellung böse Folgen. Einen neutralen Umgang mit dem Tod gibt es hingegen vermutlich nirgends.

Der Tod ist nicht nur für alle Religionen zentral, er ist womöglich die wesentliche Ursache, warum Menschen Religionen entwickelten. Zwar versuchten unsere Vorfahren auch, sich die Phänomene der Natur zu erklären, sie schufen mit dem gemeinsamen Ritual eine enge Verbindung der „Wir-“ Gruppe, sie ordneten Natur, Kultur und Umwelt in ein System und konnten sich so in der Welt orientieren.

Doch noch wichtiger war die Antwort auf die Frage: „Was kommt danach?“ Hier unterscheiden sich Menschen von allen (anderen) Tieren. Hoch entwickelte Säugetiere wie Elefanten oder Wölfe trauern vermutlich um ihre Toten, das heißt, sie nehmen den Tod eines Mitglieds ihrer Gruppe als Verlust wahr. Sie sind irritiert oder reagieren aggressiv, sie sind also auf eine ähnliche Weise erschüttert, wie Menschen im Angesicht des Todes eines Verwandten.

Doch eines können vermutlich nur Menschen: Den Tod als Verwandlung von einem Zustand in einen anderen wahrnehmen. Wenn der Kadaver verwest ist, nicht mehr riecht, nicht mehr so aussieht wie das lebendige Individuum, dann bringen Tiere ihn nicht mehr mit dem verstorbenen Artgenossen in Verbindung.

Menschen beobachteten hingegen, wie der zuvor lebende Mensch, der atmete, lachte und sprach, zuerst nicht mehr atmet, nicht mehr spricht, nicht mehr lebt; dann sehen sie, wie der Körper sich verfärbt, das Fleisch verwest und am Ende aus dem Menschen Erde wird.

Menschen stellen sich zudem die Frage nach dem Sinn. Sie können sich Dinge vorstellen, auch Dinge und Welten, die es nicht gibt – gerade das ist Kultur. Während unsere Vorfahren aber den Prozess des Sterbens und der Todes sehen konnten, und sahen, wie der Körper verweste, konnten sie sich nur vorstellen, was dann und ob dann etwas passierte.

Die organisierte Religion gab Antworten, und die Priester behaupteten, zu wissen, wie es danach weiter ging. So sicherte sich eine Kaste, die nicht arbeitete, ihren Status, indem sie die Unsicherheit der Menschen auffing. Die ersten Religionen waren Ahnenkulte.

Die Vorstellung, dass die Ahnen diese Welt mitbestimmen, wirkt zwar erst einmal abergläubisch, ist aber zutiefst menschlich. Menschen leben nicht nur in der Natur, sondern in der Kultur. Der Kontakt zu den Ahnen ist die Verbindung zur Überlieferung und tradiert damit die kulturelle Erfahrung: Erst aus dem Wissen über die Vergangenheit können wir die Gegenwart gestalten.

Zudem denken wir Verstorbene immer mit, zumindest auf einer unbewussten Ebene. Die Erfahrungen mit unseren Großeltern tauchen in unseren Träumen wieder auf, und die Vorstellungen von den Totengeistern spiegeln nur zu genau die Irrungen, Wirrungen, Ängste und Schuldgefühle, mit denen sich auch atheistische Trauernde konfrontieren.

Geister der Toten gehen um, um sich zu rächen, oder, weil sie eine Schuld nicht beglichen haben. Sie erscheinen den Hinterbliebenen, um ihnen zu sagen, dass es ihnen gut geht. Sie erscheinen wie die weiße Frau, um die Lebenden vor Unheil zu warnen. Sie kehren als Wiedergänger zurück und ziehen die Lebenden ins Grab.

Zusammen gefasst: Die Geister der Toten im Glauben an Übernatürliches entsprechen genau den Ängsten, Fantasien und Erinnerungen, die in dem Teil unseres Gehirns, das Assoziationen bildet, herum spuken.

Bei der Beerdigung nehmen Angehörige, Freunde und Bekannte gemeinsam Abschied. (Bild: Kzenon/fotolia.com)

Was hilft?

„Der Tod ordnet die Welt neu. Scheinbar hat sich nichts verändert, und doch ist alles anders geworden.“ Antoine de Saint-Exupéry

Das religiöse Ritual, Totenruhe, die letzte Salbung und jegliche Form von Bestattung, das Verbrennen des Leichnams ebenso wie die Beerdigung oder das Seemannsgrab schaffen einen kollektiven Rahmen, um die Trauer zu ordnen. Die Zeremonie, an der Verwandte, Freunde, aber auch Bekannte und Anhänger bei Prominenten, teilnehmen, bindet die Leidenden in die Gemeinschaft ein.

Religion und Neurowissenschaft scheinen erst einmal wenig miteinander zu tun zu haben. Gerade in den polytheistischen Religionen zeigt sich indessen deutlich, dass sie ihre Kraft nicht aus dem unbedingten Glauben an einen Gott ziehen wie vor allem Christentum und Islam, sondern aus dem gemeinsamen Ritual.

Damit unterstützt die Zeremonie die Trauernden auch aus Sicht der Neurowissenschaft. Denn Verständnis der Betroffenen sich selbst gegenüber verbunden mit Verständnis von anderen, und dazu bewusst gewählte Symbole und Rituale helfen unserem Gehirn, die Situation zu bewältigen.

Wenn wir uns selbst Verständnis entgegen bringen und außerdem Verständnis von anderen Menschen bekommen, schüttet das Hirn Dopamin und Serotonin aus. Wir fühlen uns besser und lösen uns aus der Starre.

Nehmen die anderen Menschen an, dass wir uns zurück ziehen, überreizt reagieren oder versuchen, zu fliehen, verstärkt das ebenfalls die Produktion dieser „Glücksstoffe“.

Es ist also falsch, wenn wir selbst trauern, die „Zähne zusammen beißen“ zu wollen und uns zu verurteilen, wenn wir uns nicht unter Kontrolle haben.

Am besten klappt das, wenn wir bereits lernten, uns selbst anzunehmen, mit unseren Schwächen ebenso wie mit unseren Stärken, unseren verrückten Gedanken und auch mit Verhalten, was wir nicht immer mögen. Akzeptieren heißt nicht, dass wir alles an uns toll finden, sondern, dass wir uns so annehmen, wie wir sind.

Wenn wir das nicht gelernt haben, ist, so hart es klingt, die Trauer nach einem Verlust eine große Chance. Um uns selbst zu umarmen, können wir uns selbst genau beobachten, also fragen, was genau denke ich jetzt, was fühle ich, was möchte ich tun?

Dabei können wir auch die Schere im Kopf beobachten und notieren, welche Gedanken uns unheimlich sind. Es hilft ungemein, ein Tagebuch zu führen und alles, was in uns ist, hinein zu schreiben.

Die Gefühle, Gedanken und Vorstellungen, die wir in dieser Phase entwickeln, sind vermutlich mit die intensivsten unseres Lebens. Das Niederschreiben hilft nicht nur, den rasenden Gedanken eine Form zu geben und so aus dem Leerlauf des Kreisens um uns selbst heraus zu kommen; sie sind auch ein großer Schatz für die Zukunft.

Niemals sonst kommen unsere intimsten Ängste, Erinnerungen, aber auch Konflikte, Werte und Normen so deutlich ans Licht wie in den Zeiten der Krise. Auch, wenn wir es in den ersten Phasen nicht verstehen: Die Einschnitte stellen die Weichen für unser Leben und nicht die Zeiten, in denen alles glatt läuft – voraus gesetzt, wir gehen mit der Krise konstruktiv um.

Viele Menschen machen den Fehler, dass sie es für einen „Frevel“ gegenüber dem Toten halten, sich etwas Gutes zu tun. Dabei würden die Verstorbenen vermutlich genau das wollen. Der Tote hat nämlich nichts davon, wenn es uns schlecht geht.
Wir können an schöne Momente mit den Toten denken, an das denken, was er uns lehrte, aber auch etwas tun, was wir mögen. Wir können an einen Ort fahren, den wir schon immer sehen wollten, die Musik hören, die uns gefällt, oder im Wald spazieren.

Stattdessen zu denken, es ehre den Toten, wenn es uns besonders dreckig geht, verstärkt die Probleme. Es ist zwar wichtig, die Gefühle heraus zu lassen, also zu weinen oder sogar zu schreien, nicht aber, „weil es sich so gehört“ Trübsal zu blasen.

Der konstruktive Umgang mit der Krise stellt eine wichtige Weiche für das weitere Leben. (Bild: Gerald/fotolia.com)

Wie unterstützen wir Trauernde?

Den meisten Menschen fällt es schwer, mit Trauernden umzugehen. Wenn die Betroffen aggressiv reagieren, sich zurück ziehen, oder sich, im Gegenteil, in Aktionen stürzen, machen wir uns Sorgen. Oder wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen.

Statt Theorien über das Verhalten zu schmieden, die Betroffenen zu meiden oder wie ein rohes Ei zu behandeln, können wir die Fragen stellen: Was denkst du jetzt? Was willst du tun?

Die schwierigste Lektion, um einen Menschen in dieser Krise zu begleiten, besteht darin, nicht zu viel zu tun. Trauer braucht Zeit, und Betroffenen hilft es am wenigsten, wenn Außenstehende ihnen Ratschläge geben – egal, wie gut gemeint diese sind.

Menschen in akuten Krisen die eigenen Ideen einzutrichtern, wie sie ihr „Krisenmanagement“ verbessern könnten, schadet ihnen und stört die Heilung. Lassen Sie sie erzählen, ohne zu bewerten oder Vorschläge zu geben. Viel besser als „Lösungsprogramme“, zu denen die Leidenden überhaupt noch nicht in der Lage sein können, ist es, sie zu begleiten – und zwar wörtlich genommen.

Vielleicht haben die Betroffenen Lust auf einen Waldspaziergang, möchten in ein Cafe gehen, wo sie mit der Verstorbenen häufig saßen, einen Ort aus der gemeinsamen Kindheit aufsuchen oder einen Film gucken, den sie mit dem Toten verbinden.
Für Nicht-Betroffene sieht das nicht nach aktivem Beistand aus, weil sich keine Ad-Hoc Ergebnisse sehen lassen, doch gerade diese aktive Passivität, in der die Trauernden alles sagen können, aber nichts müssen, erleichtert ihnen Bewältigung ungemein.

Hinterbliebene brauchen Freunde, die einfach nur da sind. Sie brauchen niemand, der sagt „ich verstehe das“, aber es nicht verstehen kann. Stattdessen können Freunde ihre eigenen Gefühle ehrlich ausdrücken. Freunde können sich darauf einstellen, dass Schmerz und Traurigkeit der Betroffenen auch nach langer Zeit wiederkommen. Sie sollten auch lange danach mit den Trauernden über die Tote sprechen. Das tut zwar manchmal weh, ist aber gut.

Versuchen Sie nicht, den Verlust durch einen Ersatz weg zu reden, nach dem Motto „Du bist doch noch jung, du findest einen neuen Partner.“ Kein Mensch ist austauschbar. Achten Sie auf Familienmitglieder. Wenn zum Beispiel ein Kind stirbt, sind die Leidtragenden nicht nur die Eltern, sondern auch die Geschwister. Sorgen Sie dafür, dass kein Trauernder vernachlässigt wird.

Welche Wirkung haben Rituale?

Alle Religionen wissen um die Wirkung von Ritualen und Symbolen. Atheisten sollten dies nicht als Aberglauben abtun. Menschen unterscheiden sich von Tieren darin, dass sie aktiv Symbole einsetzen, um sich zu verständigen und die Welt zu ordnen. Wir müssen das sogar: Wenn ein Mensch allein in der Wildnis ist, wird er in kurzer Zeit beginnen, seine Umwelt mit Sinnbildern aufzuladen.

Der bewusste Umgang mit eigenen Symbolen bedeutet keineswegs, mit einem gekreuzigten Jesus in der Hand bei den Betroffenen aufzutauchen. Es geht um die Assoziationen, Erinnerungen und Sinnbilder, die der Hinterbliebende selbst verinnerlicht.

Das Grab zu besuchen, kann wichtig sein, ebenso eine Trauerfeier mit wirklichen Freunden. Es können aber auch Gegenstände sein, die an den Verstorbenen erinnern: Auf seiner Staffelei ein Bild malen, in die Natur zu gehen und mit seinem Fernglas die Landschaft beobachten.

Der Besuch des Grabes kann dabei helfen, den Tod eines nahe stehenden Menschen zu verarbeiten. (Bild: patrick/fotolia.com)

Was von einem Toten bleibt, ist die Erinnerung. Um in das Leben einzutreten, hilft es ungemein, diese Erinnerungen lebendig zu gestalten. Statt über die Vergangenheit zu grübeln und Dinge des Verstorbenen wie in einem Museum zu bewahren, bleibt er auf eine bestimmte Art anwesend, wenn wir die Dinge benutzen. Sie können dem Toten zum Beispiel einen Brief schreiben und diesen Brief mit in sein Grab werfen.

Die individuellen Symbole und Rituale bedingen vielleicht mit, warum Menschen religiöse Vorstellungen entwickeln, sie sind jedoch nicht metaphysisch zu erklären, sondern biologisch. Der orbitofrontale Kortex speichert unsere frühen Lernerfahrungen, und zwar nicht im analytischen Sinn als Worte, sondern als Gefühle und subjektive Wahrheiten, die sich als Symbole ausdrücken.

Neben Verständnis gegenüber sich selbst und durch andere sind Symbole und Rituale enorm hilfreich, um mit dem Tod eines nahen Menschen zurechtzukommen. Die Neurowissenschaften können erklären, wieso das so ist.

Ohne an Übernatürliches zu glauben, ist uns der Tote auf dieser Ebene sehr nahe, denn die mit ihm verbundenen Erinnerungen sind ein Teil von uns. Mehr noch: Dadurch, dass wir uns in das einfühlen, was die Verstorbenen uns mit gegeben haben, bleiben sie unter uns.

Wir können aber auch spezielle Rituale gestalten, die nur den Verstorbenen und uns etwas angehen. Zum Beispiel können wir Fragen an ihn stellen und uns überlegen, was er darauf geantwortet hätte. Wir fühlen uns dem Toten so gleichzeitig nahe und spüren, dass er weg ist. Wir verstehen durch ein solches Zwiegespräch unsere eigenen widersprüchlichen Gefühle besser.

Lassen Sie sich von niemand vorschreiben, wie Sie zu trauern haben. Es ist ein individueller Vorgang: Das emotionale Durchleben, das Verstehen des Geschehenen, das Ordnen des Chaos und das äußere Funktionieren organisiert jeder Mensch anders.

Manche trauern einem Verstorbenen einige Wochen nach, bei anderen dauert diese Phase Jahre und wieder andere kommen über einen Verlust niemals hinweg.

Trauer statt Depression

Depressive Erkrankungen nehmen in Deutschland zu; Trauer aber zeigen die meisten Menschen selten. Sie passt nicht zum Bild der „dynamischen Erfolgreichen“; lieber setzen wir eine tatkräftige Maske auf und verbergen, wie es in uns aussieht.

Wenn jemand stirbt, ist offene Trauer sehr wichtig. Sie hilft uns, den Verlust zu begreifen, auszudrücken und letztlich zu verarbeiten. Wenn wir sie unterdrücken, wuchern unsere unerträglichen Gefühle im Unbewussten weiter: Sie erscheinen in unseren Träumen, sie verankern sich als negative Grundstimmung und als stummes Leid, das wir irgendwann nicht einmal mehr benennen können.

Lethargie, Stumpfsinn und Niedergeschlagenheit treten an die Stelle der Tränen. Der Prozess der Heilung wird unterdrückt. Dabei sind die einzelnen Phasen ein seelischer Prozess, der mit dem Heilen körperlicher Wunden vergleichbar ist.

Die Erschütterung durch den Verlust führt dazu, dass sich die Nervenverbindungen erst einmal neu herstellen müssen. Einem Betroffenen zu sagen, „jetzt reiß dich zusammen, das Leben geht weiter“, ist wie einem Menschen mit gebrochenem Bein in den Hintern zu treten, damit er los läuft.

Trauern ist weder eine psychische Krankheit noch eine Infektion. Sie braucht keine Mittel, um sie zu beseitigen, sondern Zeit, um ihre Arbeit zu leisten. Trauer ist sinnvoll: Durch sie realisieren wir den Verlust; erst dadurch können wir uns mental und praktisch auf die neue Situation einstellen.

Falsch ist es, die Illusion aufrecht zu erhalten, der Verstorbene wäre noch da: Eltern, deren Kinder sterben, lassen zum Beispiel oft deren Zimmer unangetastet. So kommen sie über den Verlust nie hinweg. Besser ist es, die persönlichen Dinge zu bewahren, die mit Erinnerungen verbunden sind, aber das Haus so umzuräumen, dass kein Platz mehr für den Verstorbenen ist.

Trauerarbeit ist wichtig, um den Verlust des geliebten Menschen annehmen zu können. (Bild: marjan4782/fotolia.com)

Verdrängung

Nicht die Trauer ist das Problem, sondern sie entweder zu vermeiden oder sie nicht zu verarbeiten. Manche Menschen lernten nie, auf eigenen Beinen zu stehen; sie blieben an ihre Eltern in einem infantilen Zustand gebunden und lösten sich niemals aktiv von ihnen. Wenn jetzt ein Elternteil stirbt, haben diese Menschen kaum eine Möglichkeit, den Verlust zu verarbeiten, weil die elterliche Fürsorge ein Teil ihrer Lebensstruktur ist.

Diese Menschen binden sich oft nach dem Tod an ein Idealbild des Toten. In einem morbiden Narzissmus spiegeln sie sich in dem Teil von sich, der noch im Elternteil steckt, weil er nie unabhängig wurde. Für sie ist es besonders schwer, Abschied zu nehmen und das eigene Leben zu organisieren.

Die Phasen der Trauer

Trauer verläuft in verschiedenen Phasen. Zuerst ist der Betroffene im Zustand des Schocks. Er fühlt sich wie gelähmt, er wirkt, als stünde er neben sich – wie in einer anderen Welt. Das kann bis zu einer Woche dauern.

Angehörige können in dieser Zeit die Alltagsarbeiten der Betroffenen übernehmen: Tasten Sie jedoch die Dinge des Toten nicht an. Die Betroffenen sollten das selbst tun und so begreifen, dass der Mensch weg ist.

Die Betroffenen lassen den Tod in dieser Phase oft nicht an sich heran; sie behaupten, der Verstorbene sei noch am Leben; sie reden den Verlust schön; sie tun so, als hätte sich nichts geändert.

Die zweite Phase ist die der Kontrolle. Die Leidenden versuchen jetzt, die Bestattung zu organisieren. Er „steht immer noch neben sich“. Hilfe sollte jetzt behutsamer vor sich gehen, denn die Leidenden dürfen nicht verlernen, den Alltag für sich zu regeln.

Die dritte Phase ist die Regression. Jetzt erst beginnt die Verarbeitung. Die Bestattung ist vorbei, ebenso der Schock – jetzt kommt die Wirklichkeit. Der Verlust wird jetzt in voller Härte wahrgenommen. Viele versuchen, den Tod zu verdrängen. Sie reden mit dem Verstorbenen, denken, er sei noch da, meinen, ihn zu hören, zu sehen oder zu riechen.

Alles erscheint jetzt leer, jede Handlung verliert ihren Sinn, sie fühlen sich als würden sie nicht zur Welt gehören, oft flüchten sie sich in Arroganz über die „Fassaden der Menschen dort draußen“. Zugleich erwarten die Außenstehenden, dass das „normale Leben“ weitergeht. Die Hinterbliebenden stehen unter dem Druck, sich wieder einzugliedern.

Meist kommt es in dieser Phase zu Konflikten zwischen dem Betroffenen und seiner Umwelt. Jetzt ist er in seinen Gefühlen zerrissen; er entscheidet sich für etwas und verwirft es direkt darauf. Er wirkt launisch, reagiert leidet an Kurzatmigkeit und Schlaflosigkeit, hat keine Kraft und keinen Hunger.

Wer vorher geholfen hat, steht jetzt vor einer Herausforderung. Er ist gekränkt, weil die Betroffenen sich scheinbar undankbar verhalten. Auch die Außenstehenden haben ein Recht auf ihre Gefühle und wollen nicht mehr alles durchgehen lassen.

Doch die Gefühlsausbrüche, die die Helfer treffen, gelten oft dem Verstorbenen selbst, der jedoch als Ansprechpartner fehlt. Wer das weiß, kann die Betroffenen stützen, indem er ihnen zeigt, dass ihr psychisches Chaos in dieser Situation selbstverständlich ist, und dass er ein Recht hat, auf den Verstorbenen wütend zu sein.

Wer den Schmerz nur verdrängt, wird immer wieder damit konfrontiert. (Bild: Michael Schindler/fotolia.com)

Kontrolle der Gefühle durch Außenstehende hilft nicht, aber: In dieser Situation als Betroffener die Flucht zu ergreifen, ist ebenso verständlich, wie es den Schmerz verschlimmern kann. Statt sich der Trauer zu stellen, wechseln Betroffene vielleicht die Wohnung, kündigen Freundschaften auf, die sie mit dem Toten verbinden oder stürzen sich in sinnlose Aktivität.

Doch den Schmerz verdrängen sie so nur, und er wird in geballter Form wiederkommen, oft, wenn sie es am wenigsten erwarten.

Die vierte Phase ist der Wiedereintritt ins Leben. Jetzt versteht der Überlebende, dass das Leben ohne den Toten weitergehen muss. Die Vergangenheit wird langsam Vergangenheit, die Betroffenen können jetzt reflektieren und ihre Beziehung zum Toten in einem distanzierten Licht sehen.

Im besten Fall baut er jetzt neue Beziehungen auf und organisiert sein Leben neu.

Das Phasenmodell ist nicht statisch: Bei manchen Menschen dauern die einzelnen Phasen sehr lange, bei anderen finden die einzelnen Stufen so nicht statt, und wieder andere springen von Neuanfängen zu Verzweiflung und Vermeidung zu offenem Ausdruck ihrer Gefühle.

Nicht jede Trauer ist gleich

Jeder Mensch trauert unterschiedlich, und jeder Tod ist verschieden. Wenn ein Mensch mit 93 Jahren nach langer Demenz stirbt, sind die Verwandten drauf besser vorbereitet als wenn ein 18jähriger Suizid begeht.

Kinder trauern anders als Erwachsene, und psychisch Labile anders als Menschen, die Schicksalsschläge durcharbeiten.
Eltern, deren Kind sich umgebracht hat, plagen meist Schuldgefühle, und die wechseln sich mit Wut auf das Kind ab. Oft vergrößern Vorwürfe der Anderen die Verzweiflung. Die Betroffenen sehen sich zusätzlich als Täter_innen verunglimpft.
Die Eltern quälen sich mit der Frage, was sie falsch gemacht haben. Doch auf das Warum gibt es keine Antwort, denn das Kind, das sie beantworten könnte, ist tot.

In dieser Situation sollten Hinterbleibende therapeutische Hilfe aufsuchen. Auch Selbsthilfegruppen von Menschen mit gleichem Schicksal helfen weiter.

Kleine Kinder können ihre Gefühle nicht kontrollieren; sie trauern sprunghaft. Im einen Moment haben sie beste Laune, spielen bei Opas Beerdigung auf dem Friedhof, im nächsten brechen sie in Heulkrämpfe aus. Trauer zeigt sich bei Kindern in ihrem ganzen Spektrum: Sie schlafen schlecht, sie ziehen sich zurück und werden aggressiv. Sie wollen wissen, was passiert ist. Sie fragen, wo der Tote jetzt ist, und wie er gestorben ist.

Kinder spüren die Erschütterung durch den Tod mehr als Erwachsene, sehnen sich eine „heile Welt“ zurück, und sie idealisieren den Toten. Sie reagieren sensibel auf den Umgang der Erwachsenen mit der Trauer. Je offener eine Familie Gefühle zeigt, umso leichter ist es für das Kind, seine Traurigkeit auszudrücken.

Ein Kind ist niemals zu klein, um über das Geschehene zu reden. Die Eltern sind in der Pflicht, mit dem Kind aus eine Art und Weise darüber zu sprechen, die es verstehen kann.

Ein offener Umgang mit Gefühlen innerhalb der Familie erleichtert es Kindern, ihre Traurigkeit rauszulassen. (Bild: Eléonore H/fotolia.com)

Was sollten Sie vermeiden?

1) Schließen Sie nicht von sich auf den Trauernden. Es geht nicht darum, was sie aushalten können, sondern um den Betroffenen.
2) Schreiben Sie den Betroffenen nicht vor, wie lange sie trauern dürfen. Das geht nur sie etwas an.
3) Vermeiden Sie Phrasen, um die Betroffenen aufzumuntern wie „das wird schon wieder“.
4) Reden Sie nicht aus falscher Fürsorge den Tod klein, sagen Sie besser nichts und zeigen den Leidenden, dass sie nicht allein sind.
5) Unterstützen Sie die Hinterbliebenden mit kleinen Gesten. Schreiben Sie eine Postkarte aus dem Urlaub, bringen Sie ihm etwas Schönes mit, laden Sie ihn ein.

Ich-Stärke

Generell gilt: Je stärker ein Mensch sein Ich entwickelt und seine Lebenskonflikte integriert hat, desto besser kann er negative Gefühle aushalten und seine eigenen Emotionen ausdrücken. Je besser jemand Bindung und Beziehungen eingehen kann, umso besser kann er sich auch trennen: Loslösung und Bindung gehören zusammen.

Die Verzweiflung durchzustehen und zu überwinden ist auch stark von der Beziehung zum Verstorbenen abhängig. Es fällt uns keinesfalls leichter, uns von einem Menschen zu verabschieden, den wir hassten.

Haben wir mit dem Toten zusammen unsere eigene Autonomie entwickelt, dann fällt es uns leichter, nach seinem Tod auf eigenen Beinen zu stehen. Bei einer Hassliebe, einem schwelenden Konflikt, der die Verstorbene und mich verband, fällt das aber viel schwerer.

Der Psychologe Goldbrunner sagt, dass es kein einfaches Muster für Trauer gibt. Diese zeichne sich gerade durch verschiedene Impulse aus, die in der Waagschale stehen: Aushalten und Vermeiden von Schmerz, zwischen Gefühl und Verstand, Aktivität und Passivität, Ablösung und Bindungserhalt.

Der Prozess braucht Zeit, aber als Prozess muss er auch ein Ende haben. In diesem Sinn ist Trauer das Gegenteil von Depression oder Depression eine nicht verarbeitete Trauer. Es geht darum, irgendwann nicht immer wieder nur in die Verzweiflung abzutauchen, sondern anzuerkennen, dass es Geschehnisse gibt, die sich weder berechnen noch steuern lassen. (Dr. Utz Anhalt)

Literatur
Ich sehe deine Tränen. Trauern, klagen, leben können.
Jorgos Canacakis, Kreuz-Verlag, ISBN: 3783121183
 
Wenn guten Menschen Böses widerfährt.
Harold S. Kushner – Hans Sponsel, Gütersloher Verlagshaus, ISBN: 3579009656

Lass deiner Trauer Flügel wachsen. Wenn man von einem lieben Menschen Abschied nehmen muss
Earl A. Grollman, Herder, ISBN: 3451050994
 
Auf dem Weg im Land der Tränen. Gebete und Texte für trauernde Eltern.
Thomas Schmid, Echter, ISBN: 342902479X
 
Trauern hat seine Zeit. Abschiedsrituale beim frühen Tod eines Kindes.
Michaela Nijs, Verlag für Angewandte Psychologie, ISBN: 3801712397
 
Trauerheilung. Ein Wegbegleiter.
Claudia Cardinal, Patmos, ISBN: 3491770378