Traum: Warum Menschen träumen

Sebastian
Träume – Das Training der Evolution
„Träume gewähren uns Zugang zu den tiefsten Schichten menschlicher Erfahrung, darum können sie unsere Gesundheit und unsere persönliche Entwicklung fördern, und uns klarer zu Bewusstsein bringen, was es heißt, lebendig zu sein.“ Anthony Stevens

Traumforschung

Die Hindus unterscheiden seit Jahrtausenden zwischen Wachheit, Traumschlaf und traumlosen Schlaf und Schamanen suchen noch viel länger Traumerfahrungen als wesentliche Kommunikation zwischen Mensch und Welt.

Warum wir träumen: Bis heute nicht abschließend erforscht. Bild: Ljupco Smokovski - fotolia
Warum wir träumen: Bis heute nicht abschließend erforscht. Bild: Ljupco Smokovski – fotolia

Die Bedeutung der Träume wird heftig diskutiert, zumindest, seit Aristoteles bezweifelte, dass sie Eingebungen der Götter sind. Freudianer gegen Jungianer, Nativisten gegen Empiristen, Neurobiologen gegen Sozialpsychologen, so hießen einige der verfeindeten Lager in der Moderne.

Die Romantik verherrlichte den Traum und erforschte ihn in allen Facetten. Sie richtete sich explizit gegen die starren Formen des Klassizismus und die Absolutheit der Logik im Denken von René Descartes. Wer also über Träume disputierte, der stritt um die Art zu leben.

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Der Kernkonflikt kreiste stets darum, ob Träume als sinnlose Erinnerungen im Gehirn herum wirbeln, oder ob sie wichtige Botschaften vermitteln. Künstler aller Zeiten, Psychoanalytiker und Schamanen sahen Träume als bedeutend an, manche Neurowissenschaftler betrachteten sie hingegen lediglich als Produkt des Hirnstoffwechsels.

Der Neurophysiologe Mc Carley zum Beispiel sah Träume als Versuch der Großhirnrinde, überschüssige Informationen irgendwie zu organisieren. Crick denunzierte den Traum sogar als Strategie, um „parasitäre Erscheinungen zu entfernen“.

J. Allan Hobson, einer der wichtigsten Traumforscher der Zeitgeschichte, hält Träume hingegen für klare Aussagen und reflektiert sie täglich, um seinen inneren Zustand zu bestimmen.

William C. Dement, der den REM-Schlaf entdeckte, glaubte nicht nur an die Wandlungskraft der Träume, er stoppte sogar das Rauchen, nachdem er von Lungenkrebs geträumt hatte.

Solche Träume sind das genaue Gegenteil von Informationsmüll; sie korrigieren vielmehr selbstzerstörerische Gewohnheiten des Ich-Bewusstseins.

Das Individuum und die Evolution

„Jede Nacht werden wir in unseren Träumen in ein biologisches Ritual verwickelt, bei dem unsere persönliche Lebenserfahrung von der „ewigen Erfahrung“ unserer Spezies durchdrungen wird,“ schreibt Anthony Stevens.

Die Komplexe sind dabei Brücken zwischen der individuellen und der kollektiven Psyche. Laut Stevens sind wir alle im Traum multiple Persönlichkeiten, und angeborene Prädispositionen verbinden sich mit persönlicher Entwicklung.

Bis heute steht die Analyse von Traumbildern am Anfang, und das, was Darwins Evolutionslehre für die Biologie leistete, steht in der Traumforschung noch aus.

Wir wissen jedoch, dass bestimmte Themen immer wieder auftreten, und zwar auf der ganzen Welt. Angstträume sind zum Beispiel allgegenwärtig. Sie warnen uns vor Gefahren und motivieren uns dazu, diese zu überwinden.

Klassische Warnträume erscheinen zum Beispiel in Form von Prüfungen. Gerade, wenn wir das Studium schleifen lassen, erinnert uns ein Traum, in dem wir die Abschlussklausur vergeigen, daran, uns selbst zu disziplinieren.

Angst geht einher mit Wachsamkeit, in der inneren wie der äußeren Welt; sie bereitet uns auf Kampf oder Flucht vor. Alle Stadien der Angst, Wachsamkeit, Furcht, Panik und blankes Entsetzen treten in Angst- und Alpträumen auf.

Der Alp war im Volksglauben ein Dämon, der sich nachts auf die Brust setzte und böse Träume verursachte. Das Grauen im Alptraum erscheint uns so real, dass wir uns sogar fürchten, einzuschlafen.

Im Alptraum geht es um Überlebensfragen: Ertrinke ich in einem reißenden Strom, bin ich eingesperrt ohne jede Möglichkeit zu fliehen, verirre ich mich im Dunklen? Kreisen Raubtiere mich ein? Überfallen mich Fremde? Alle klassischen Alpträume sind zugleich Situationen unserer evolutionären Anpassung, in denen wir real wachsam sein mussten.

Das evolutionäre Erbe belegen Menschen, die von Geburt an taubblind sind. Sie träumen die gleichen Angstfiguren.

Archetypische Muster

„Träumen ist ein Weg, wie das Leben des Individuums auf das Leben der Spezies aufgepfropft wird. Es hat den Sinn, das Wachstum und die Bewusstheit zu fördern.“ Anthony Stevens

In den Träumen von Menschen verknüpfen sich die vier Gehirnschichten, die wir grob als Reptiliengehirn, frühes Säugergehirn, spätes Säugergehirn und menschliches Gehirn bezeichnen können.

In den älteren Geschichten im Mittel- und Zwischenhirn produziert der Organismus vermutlich die archetypischen Impulse: Nahrungssuche, Kampf, Flucht und Paarung.

Das Gehirn trainiert im Schlaf dieses lebenswichtige Verhalten, und das Individuum kann so in der Tageswirklichkeit darauf zugreifen.

Das Bewusstsein lässt sich als Deutungsinstanz des Gehirns begreifen, dass eine Unmenge von Signalen ordnet und ihren Sinn erforscht. Unsere Natur kommt nicht ohne Bedeutung aus: Träumen, Erinnern und Bewusstsein sind somit Notwendigkeiten unserer Evolution.

Jung nannte die Urmuster der menschlichen Psyche Archetypen. Ihnen entsprechen in der Linguistik Noam Chomskys Tiefenstrukturen der Sprache, in der Anthropologie die Infrastrukturen bei Lévi-Strauss, in der Soziobiologie genetisch weitergegebene Verhaltensstrukturen, und in der Kognitionswissenschaft die Darwinschen Algorithmen.

Archetypische Muster der Mythologie, die Joseph Campbell übergreifend bei den Kulturen der Welt erkannte, finden sich im Traum wieder:

– Die wunderbare Geburt und die Kindheit des Helden.
– Von der Armut zum Reichtum, der Kampf mit dem Ungeheuer und der Gewinn des Königreiches.
– Der Jüngling begegnet der Jungfer.
– Kampf zwischen Licht und Finsternis.
– Vom Reichtum zur Armut. Die Wiederkehr der Finsternis (Hölle, Unterwelt etc.)

Diese Episoden des Traums und Mythos spiegeln das wirkliche Leben, Kindheit, Jugend, Erwachsen sein und Altern, von zu Hause fort gehen, Prüfungen bestehen, sich von den Bindungen an Eltern und Geschwister lösen, durch Prüfungen erwachsen werden, sich in der Welt bewähren und seine Position zu erobern, den Mutterkomplex zu überwinden (den Drachen besiegen) – das wird besonders deutlich, wenn das Ungeheuer den Helden verschlingt, und dieser sich aus dem Bauch frei schneidet. So erst rettet er die Prinzessin, kann also seine Partnerin finden, sie zur Frau nehmen und selbst eine Familie gründen.

Archetypen sind zum Beispiel Berge, Flüsse, Meere, Bäume oder Blumen, die Mutter, der dunkle Gegenspieler, das Kind, das Verschlungen werden des Helden, die Wiedergeburt des Helden. Trickster, Räuber, Könige und Götter sind Urmuster.

Traumbilder

Träume personifizieren, sie übertreiben, um zu verdeutlichen, und sie vergleichen: Mein Nachbar, der sich ständig Dinge leiht, ohne sie zurück zu geben, erscheint im Traum als Ratte; ein „Berg von Aufgaben“, die ich erledigen muss, zeigt sich mir im Traum als realer Berg, vor dem ich stehe, und den ich erklimmen muss.

Die REM-Phase

„Das Träumen ist ein Verfahren selektiver Informationsverarbeitung, das neue Eindrücke kontinuierlich überwacht und (…) im Zentralnervensystem bewertet.“ Anthony Stevens

1953 entdeckte Eugene Aserinsky, dass der Tiefschlaf (Rapid Eye Movement / REM) von intensiven Träumen begleitet wird. Diese REM-Phasen sind nicht durch äußere Reize bestimmt, sondern sie treten in jeder Schlafperiode mehrmals hintereinander auf.

Wenn wir einschlafen, mischen sich Eindrücke des Wachzustands mit fragmentarischen Bildern und dramatischen Geschehnissen der Traumwelt.

Dann folgt die Non-REM-Phase, in der die Augen ruhig bleiben. Auch in dieser Phase träumen wir, aber die Träume sind eher Gedanken; sie sind stark vom unmittelbaren Erleben des Alltags geprägt. Es fehlen Klarträume, Sinnestäuschungen und die an Fantasyromane erinnernden epischen Geschichten der REM-Phase. Diese erste „Leichtschlafphase“ dauert circa neunzig Minuten.

Die REM-Phasen erkennen wir hingegen an Klarträumen, in denen wir wissen, dass wir träumen, in den aufregenden Kämpfen mit Ungeheuern, den Träumen, in denen wir fliegen, fallen, sprechende Tiere treffen. Die erste dieser Phasen hält zehn Minuten an, die zweite und dritte sind wesentlich länger, während die Non-REM-Phasen sich verkürzen.

Nach der dritten REM-Phase wachen wir meist auf, und die Träume, an die wir uns erinnern, stammen aus dieser Zeit.

Laut Stevens bildete sich der REM- Schlaf vor circa 130 Millionen Jahren aus, als die Säugetiere lebende Junge zur Welt brachten. Junge Säugetiere waren viel verletzlicher als die Embryonen in den Eiern der Vögel und Reptilien. Der REM-Schlaf diente vermutlich dazu, ihnen das Lernen zu ermöglichen.

Katzen träumen davon, die Beute zu fangen, Hunde jagen im Traum, Kaninchen fliehen und Ratten suchen ihre Umgebung ab. Nur im Traum kann das Gehirn dieser Tiere diese Handlungen trainieren, denn im Wachzustand muss das Tier in der Außenwelt reagieren.

Der REM-Schlaf war also, nach Stevens, die Lösung der Natur, um bei einer beschränkten Körpergröße ein komplexes Gehirn zu formen.

Der menschliche Traum ist weniger an die stammesgeschichtlichen Überlebensfunktionen gebunden als die Träume anderer Säugetiere. Wir entwickelten unsere Kultur, unsere Symbole und die Sprache. Die Information im Hier und Jetzt koppelte sich beim Menschen viel enger an die persönliche Erfahrung, und doch treffen wir in den REM-Träumen auf die archetypischen Muster unserer Evolution.

Mehr noch, so Stevens: „Träume können einseitige Einstellungen des bewussten Ichs dadurch kompensieren, dass sie archetypische Komponenten aus dem kollektiven Unbewussten mobilisieren, um die bessere Anpassung des Individuums ans Leben zu fördern.“

Die REM-Phase verdichtet Elemente der Erinnerung zu einer sinnvollen Story. Sie greift Vergangenes auf, bringt sie in Analogie zur Gegenwart, integriert und vergleicht beides.

Der REM-Traum interpretiert alte Themen neu, er ist das Theaterstück der Psyche. Er organisiert Erinnerungen, er erfindet, er stellt auf den Kopf und erschaft. Er verändert uns, wenn wir mit ihm arbeiten.

Der REM-Traum ist auch ein Spiel, er ist den Spielen von kleinen Kindern sogar sehr ähnlich. Damit geht er über das Befriedigen primärer Bedürfnisse hinaus und eröffnet neue Möglichkeiten, das Leben zu gestalten.

Warum vergessen wir Träume?

Gesunde Erwachsene unterscheiden zwischen Traumgeschehen und Alltagsrealität. Psychisch Kranke, Kinder und vermutlich Tiere tun das nicht.

Mystische Träume. Bild: boscorelli - fotolia
Mystische Träume. Bild: boscorelli – fotolia

Für Kinder und Tiere wäre es fatal, sich in Gänze an Träume zu erinnern, und sie in der materiellen Welt 1 zu 1 beizubehalten. Wenn, so Stevens, ein Kaninchen, das träumt, aus dem Bau zu kommen und gefressen zu werden, dies vollständig erinnerte, traute es sich nicht mehr nach draußen und würde verhungern. Kleinkinder würden in einer Welt voller Monster leben, und kein gutes Zureden könnte ihnen helfen.

Stevens zufolge bleibt somit lediglich die Botschaft des Unbewussten aus dem Traum im Bewusstsein, im Fall des Kaninchens: Sei wachsam.

Klarträume

Klarträume sind Träume, in denen wir wissen, dass wir träumen; oft greifen wir in die Traumhandlung ein und entscheiden uns bewusst, welche Handlungen unser Traum-Ich unternimmt.

Der Klartraum verbindet die innere Welt des Traums mit der Außenwelt, die wir wach wahrnehmen. Er vermittelt zwischen den Wahrnehmungen des Bewussten und Unbewussten.

Klarträume, schamanische Reisen, aktive Imagination und Psychosen ähneln sich. Alle sind Schwellenzustände, in denen bewusste und unbewusste Systeme interagieren.

In der Traumtherapie beschleunigt das Klarträumen den Heilungsprozess. Die Träumer nehmen ihre inneren Erfahrungen viel intensiver wahr.

Wer mit seinen Träumen vertraut ist, zum Beispiel, indem er ein Traumtagebuch führt, kann sehr viel besser klar träumen als untrainierte.

Klarträumen lässt sich auch trainieren, indem wir uns mehrmals täglich, besonders beim Einschlafen und Aufwachen, fragen, ob wir träumen. Wenn wir zum Beispiel merken, dass die Gedanken sich entfernen, können wir laut fragen „träume ich?“

Oder wir achten darauf, wenn wir merken, dass wir nicht „mehr ganz bei der Sache sind“, ob Unmögliches geschieht: Gleiten unsere Hände? Schweben wir über dem Boden? Verändern Gegenstände ihre Farbe? Wir können solche Handlungen auch ausführen und daran erkennen, ob wir uns in einem Schwellenzustand befinden.

Wer solche einfachen Übungen durchführt, hat meist in den nächsten Wochen den ersten Klartraum.

Die Übung besteht darin, den Körper einschlafen zu lassen und das Bewusstsein wach zu halten. Dies schaffen wir zum Beispiel, wenn wir bei der Nachtruhe zählen und dabei sagen: „Ich träume.“ Irgendwann träumen wir wirklich.

Sich beim Einschlafen auf die Gedanken konzentrieren, die im Kopf herum geistern, ist ebenfalls förderlich, um seine Träume bewusst zu gestalten.

Die meisten Klarträume entstehen mittags, wenn der Wachzustand direkt in den REM-Zustand übergleitet.

Autosuggestion hilft beim Klarträumen ebenfalls, also sich selbst zum Beispiel tagsüber immer wieder sagen „heute habe ich Klarträume“, oder sich im Wachzustand Klarträume vorzustellen.

Weder sind Träume nur unbedeutende Fragmente von Erlebnissen noch ist unsere bewusste Wahrnehmung im Wachzustand objektiv. Sie entwirft vielmehr eine Story aus Bedürfnissen, Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen.

Das „westliche Denken“ der Moderne trennte Traum und Wachzustand scharf voneinander. Buddhisten, Schamanen und heutige Neuropsychologen bezweifeln das. Der Klartraum belegt, dass die Zustände des Wachzustands und der Traums nicht getrennt sind, sondern ineinander übergehen.

Kinderträume

„Wenn du etwas tun willst, dann musst du es zuerst träumen, damit du weißt, was zu tun ist.“ Alvin, 7 Jahre alt

Kleinkinder bis zum Alter von drei Jahren unterscheiden nicht zwischen Schlaftraum und Wachzustand. Es bringt deshalb nichts, ihnen zu sagen, dass es die Monster im Schrank nicht gibt. Nur ihnen zu zeigen, dass wirklich kein Monster im Schrank sitzt, beruhigt sie.

Im Alter von vier bis sechs Jahren erkennt das Kind den Unterschied zwischen Innen und Außen. Es unterscheidet zwar zwischen Tageswirklichkeit und Traum, versteht aber noch nicht, dass der Traum nur in ihm lebt. Magische Figuren, die den Traum beeinflussen, haben im Universum eines Sechsjährigen ihren Platz, und die Altersgenossen diskutieren jetzt, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt.

Zwischen sechs und acht Jahren erkennen Kinder Träume wie Erwachsene als einen rein innerlichen Vorgang. Die mythischen Themen nehmen kontinuierlich ab.

Kinderträume sind häufig beunruhigend, im Gegensatz zu Freuds These, der Träume als imaginäre Wunscherfüllungen betrachtete – und sie sind archetypisch.

Kinder in postmodernen Gesellschaften träumen die gleichen Angstbilder wie Kinder der Jäger und Sammler in der Umwelt des frühen Menschen: Sie werden verlassen, entführt, Tiere jagen und fressen sie.

Auch Figuren in Kinderträumen wie Hexen und böse Geister gehören zu den kulturellen Bildern der Jäger und Sammler.

Evolutionär betrachtet ist das kein Zufall, denn Kinder sind und waren nämlich den archetypischen Bedrohungen der Spezies Mensch unmittelbarer ausgesetzt als Erwachsene: Ein Kleinkind ohne den Schutz des Vaters fiel schnell einer Hyäne zum Opfer, ein Fremder konnte es leichter verschleppen als einen erwachsenen Mann.

Kinder in Tokyo, New York und London träumen von Tieren mit großen Mäulern, die sie verschlingen, obwohl die realen Gefahren gänzlich anders gelagert sind, und auch wenn sie ein solches Tier nie gesehen haben.

Sexuelle Träume

Freuds These von den versteckten Phallus- und Vaginasymbolen im Traum rückte einen respektvollen Umgang mit der Vielschichtigkeit der Symbole lange ins Abseits. In einer prüden Gesellschaft machte Freud den Fehler, Traumsymbole zu sexualisieren; dabei sind sexuelle Träume meist ausgesprochen direkt.

Zumindest heute träumt kaum jemand vom Sex, indem ihm Penisse in Form von Spazierstöcken erscheinen oder Hauseingänge als Vaginen. Längliche Gegenstände können im Traum zwar für den Phallus stehen, müssen es aber nicht.

Schöpferische Träume

Freud wischte das kreative Potenzial von Träumen beiseite und verspottete die Künstler, die in Träumen ihre Inspiration fanden, als abergläubisch. Wir wissen heute, dass Freud falsch lag.

Kreative Lösungen sind oft ungeplante „Geistesblitze“, denen eine lange, im Unbewussten gespeicherte, Beschäftigung mit einem Thema vorausgeht. Auf einmal ist die Antwort da, im Wachzustand wie im Traum. Der Traum stellt die Lösung von Problemen meist als Metaphern da, die der Träumende jedoch unmittelbar versteht und fühlt, dass sie richtig sind.

Einfach auf die Lösung im Traum zu warten funktioniert aber nicht. Komponisten, Schriftsteller und Wissenschaftler berichten immer wieder von kreativen Lösungen, die ihnen im Traum erschienen, zum Beispiel, wenn sie nach Stunden vergeblicher Mühen am Schreibtisch einschliefen.

Das deutet darauf hin, dass das Unbewusste verarbeitet, womit wir uns bewusst beschäftigen, und, je mehr wir uns in ein Thema vertiefen, umso stärker an einer Lösung arbeitet.

Träume und psychische Krankheiten

Träume lassen sich, laut Stevens, als vom Schlaf erlaubten Wahnsinn bezeichnen und sind den Zuständen, die psychisch Kranke im Wachzustand erleben, ähnlich. Warum soll aber ein Prozess, der einer psychischen Störung ähnelt, ein schöpferisches Potenzial in sich tragen?

Wenn wir seelische Erkrankungen als abnormal ausgrenzen, wäre träumen wohl keine kreative Tätigkeit. Betrachen wir aber psychiatrische Symptome als sinnvolle Strategien des Gehirns, schockiert deren Nähe zum Traum nicht mehr, sondern ist ein Wegweiser.

Das Karsakow-Syndrom zum Beispiel, in dem Alkoholiker erstens ihre Erinnerungen vergessen, und diese fehlenden Erinnerungen zweitens mit Fantasien füllen, ähneln Träumen, in denen wir uns kaum an den Wachzustand erinnern, und unser Unbewusstes stattdessen dramatische Stories entwirft. Das Gehirn erträgt die Leere nicht und füllt sie mit neuen Inhalten des Bewussten wie Unbewussten.

Eine Frau, die an paranoider Schizophrenie leidet, läuft schreiend durch die Straße. Dazu gibt sie Würgleute von sich. Sie brüllt: „Ihr Schwarzmagier weicht von mir.“ Sie glaubt, Schwarzmagier, die seit der ägyptischen Antike ihr Unwesen treiben, hätten sie verhext, sich mit magischen Kräften in ihrem Körper eingenistet, und hätten auch Angela Merkel und die „Neue Weltordnung“ unter Kontrolle. Mal sind die Schwarzmagier mit Vampiren im Bund, mal mit Zombies und Werwölfen.

Die Figuren ihres Wahns sind archetypisch, und die gleichen Figuren treten in Angsträumen auf. So wie der Traum Erlebnisse des Alltags mit diesen Urmustern verbindet, handelt die Schizophrene im Wachzustand.

Der Größenwahn eines Manikers deckt sich mit unseren Träumen, in denen wir Drachen töten, in das Weltall fliegen und in goldenen Palästen leben; die Stimmung eines Depressiven überschneidet sich mit Alpträumen, in denen wir gefangen sind oder gefesselt, in denen uns Gewichte erdrücken, oder in denen wir allein durch eine tote Welt wandeln.

Aktive Imagination

Träume sind, laut Stevens, symbolische Dramen des Unbewussten, Rituale symbolische Akte im Bewusstsein. Aktive Imagination bezeichnet Techniken, um unbewusste Fantasien, sprich Träume, zu gestalten, also das Geschehen des Traums zu betrachten und zu seinen Figuren in Beziehung zu treten.

Die Figuren in den Träumen sind wirkliche Teile unserer Selbst, und wir lernen, uns wert zu schätzen, wenn wir sie ernst nehmen.

Aktive Imagination erreicht einen Schwellenzustand zwischen Wachsein und Schlaf. Wir rufen uns Figuren aus unseren Träumen vor Augen und lassen sie sich entfalten. Wir stellen ihnen Fragen: Wie alt bist du? Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Was möchtest du von mir? Warum trittst du in meinem Traum auf? Bald fühlen wir, welche Antworten die richtigen sind, und oft beginnen die Figuren, mit uns zu sprechen.

Viele Schriftsteller arbeiten so: Sie entwerfen Figuren als Skizze und sehen zu, wie sich diese selbst entwickeln. Wie das Traumtagebuch schreiben wir auch die aktive Imagination auf, während sie geschieht.

Es spielt keine Rolle, ob wir die Traumfiguren mögen. Die „Monster“ zeigen unsere dunkelsten und schwächsten Aspekte. Daher sind dies die Bilder mit dem größten Wachstumspotenzial, denn erst den Schatten zu integrieren ermöglicht Entwicklungen.

Traumarbeit

„Im Träumen besitzen wir eine Ressource, die wir nur unter erheblichen persönlichen Kosten vernachlässigen können.“ Anthony Stevens

Von jedem Traum gibt es drei Versionen: Den Traum, den ich träume, den Traum, an den ich mich erinnere, und den Traum, den ich jemand anders erzähle. Die zweite und dritte Version sind bereits Traumarbeit. Ich entwerfe ein stimmiges Setting.

In einem Traumbuch können wir sowohl die Träume aufschreiben, als auch Symbole und Bilder malen, die uns dazu einfallen. Wir sollten dabei alle Details aufschreiben, die uns einfallen. Jede Interpretation gilt es zu unterlassen.

Dann lasen wir die Assoziationen sprießen, und zwar alle. Ob sie richtig oder falsch sind, sagt uns unsere Intuition.

Wenn Götter, Dämonen, Hexen und Heilige in unseren Träumen auftauchen, forschen wir in der Bibliothek und Internet über ihren kulturellen Hintergrund und ihre archetypische Bedeutung nach. Kunst, Literatur, Religionswissenschaft und Mythologie helfen uns dabei, ihre symbolische Bedeutung in allen Facetten zu durchleuchten.

Bei der Deutung geht es nie um richtig oder falsch, sondern darum, welche Bedeutung die wichtigste für unsere Selbsterkenntnis ist. Wenn sich mehrere Interpretationen aufdrängen, und das geschieht häufig, dann lassen wir sie so stehen. Meist verstehen wir mit der Zeit, was sie bedeuten, und wie sie zusammen hängen.

Um die Botschaft eines Traums zu verstärken, können wir eigene Rituale entwickeln, Wir schreiben auf, was der Traum für unser Leben bedeutet, wir können ihn malen und zeichnen, oder die wichtigsten Symbole in Ton modellieren und so be-greifen.

Wir können Lehren aus dem Traum direkt umsetzen, zum Beispiel uns bei einem alten Freund, von dem wir träumten, melden, oder sie im pschoaktiven Rollenspiel, Gestalttherapie, in Musik oder Theater bearbeiten.

Wir können das Traumbild auch immer dann in der Fantasie herbeirufen, wenn die Situation da ist, auf die der Traum aufmerksam macht: Wenn ich vor einem Gespräch mit meinem Chef Angst habe, denke ich daran, wie ich im Traum den Tiger zähmte.

Manchmal träumen wir von etwas, was wir im Wachleben noch nie getan haben: Fallschirmspringen, nach Afrika reisen oder Japanisch lernen. Nicht alles muss symbolisch sein. Vielleicht sind es Dinge, die wir schon immer tun wollten – und dann sollten wir sie tun.

Einen Traum zu deuten ist harte Arbeit. Wir prüfen uns selbst, wie wir auf das Setting des Traums reagieren, und dafür gehen wir es Punkt für Punkt durch wie ein Schriftsteller sein Werk, nämlich:

– Ort, Landschaft und Situation der Handlung
– Die Figuren, ihre Fähigkeiten, ihre Geschichte, ihre Einstellungen.
– Das Verhalten der Figuren
– Tauchen Tiere auf, die symbolische Eigenschaften verkörpern könnten (schlaue Füchse, geschwätzige Elstern…)?
– Welche Gegenstände erscheinen, wozu dienen sie, was bedeuten sie symbolisch (Kleidung, Kutschen, Schmuck, Flaschen…)?
– Welche Stimmungen erzeugt der Traum, wie ist die Atmosphäre (hedonistisch, agonisch, depressiv, agressiv, lustig)?
– Farben, Zahlen und Muster, die eine symbolische Bedeutung haben können?

Dabei gilt generell, laut Stevens: Das Bild ist der Lehrer, und wir sollten mit Deutungen vorsichtig sein und uns Unbekanntes nicht weg interpretieren, denn gerade hier liegen die unentdeckten Aspekte von uns selbst.

Diagnostische Träume

Diagnostische Träume haben mit übernatürlichen Wesen und esoterischen Geisterbeschwörungen nichts zu tun, sondern sie sind, im Wortsinne natürlich.

Unser Unbewusstes erkennt Gefahren oft, bevor wir sie bewusst reflektieren. Es wählt dazu passende Symbole – die Sprache des Traumes ist die Sprache der Metaphern und Übertragungen.

Wir träumen häufig von organischen Krankheiten, die uns noch nicht bewusst sind. In Traumarbeit erfahrene Heiler sehen metaphorische Bilder von Erkrankungen auch bei anderen Menschen als sich selbst, Kinder träumen von Krankheiten ihrer Eltern und Geschwister.

Stevens erwähnt eine Patientin, die von einem balinesischen Krankheitsdämon träumte, der sie auf eine glühend heiße Heizung setzte, und die im Schlaf einen brennenden Schmerz im Bein spürte. Als sie aufwachte, war der Schmerz vorbei.

Der Traum wiederholte sich zwei Mal, und nach dem dritten Mal spürte sie den Schmerz auch real. Hinzu kam Schwindelgefühl. Sie suchte einen Arzt auf, und der erkannte eine Blasen – und Nierenentzündung.

Voraus schauende Träume?

Träume weisen auf zukünftige Möglichkeiten hin. Religionen behaupten, dass Träume der Propheten die Zukunft voraussagten.

Das kann kein Traum. Vereinfacht gesagt: Der ältere Teil unseres Gehirns lernt nach der Erfahrung und speichert diese Erfahrung im Unbewussten ab. Das Vorderhirn hingegen schätzt ein und plant, und im Traum agieren beide Teile miteinander.

Zum einen gibt es die Träume, die an Horoskope erinnern. Ihre Bilder sind so weitläufig, dass sie immer irgendwie zutreffen. Wenn ich zum Beispiel davon träume, dass ein Schiff untergeht, und in der nächsten Woche lese ich, dass vor Neuguinea ein Frachter versank, ist das zufällige Zusammentreffen des inneren und äußeren Geschehens so wahrscheinlich, dass sich die vermeintliche Prophezeiung selbst erfüllt.

Zum anderen gibt es Träume, die tatsächlich genau so zuzutreffen scheinen. Einer der berühmtesten ist der von Abraham Lincoln, der träumte, von einem Attentäter erschossen zu werden – und von einem Attentäter erschossen wurde.

Ein anderes Beispiel ist Sitting Bull, der vor der Schlacht am Little Big Horn einen Sonnentanz durchführte, bis er nach massivem Blutverlust zusammen brach. Im Traum sah er dann, wie die Sioux einen Sieg über die US-Army errangen. Der Traum enthielt gleichzeitig die Warnung, nichts von den Weißen an sich zu nehmen.

Wenige Tage später vernichteten die indianischen Krieger Custers Regiment. Sie feierten wie im Rausch und nahmen die Gewehre der amerikanischen Soldaten an sich. Doch in den nächsten Monaten stellte die US-Army eine Sioux-Gruppe nach der anderen und zwang sie in Reservate.

Beide Träume scheinen eine höhere Eingebung zu belegen, doch genauer betrachtet zeigen sie den wachen Geist der Träumenden: Lincoln hatte die Sklaverei abgeschafft, den Krieg gewonnen und unzählige Feinde gegen sich. Er musste mit einem Attentat rechnen.

Sitting Bull war in Little Bighorn umgeben von der größten Streitmacht die die verbündeten Stämme je zusammen bekommen hatten, geführt von dem militärischen Genie Crazy Horse. Er kannte zugleich die Übermacht des weißen Amerika nur zu gut und wusste, dass sich die Lakota nicht in Sicherheit wiegen durften.

Was als prophetische Träume erscheint, war also die Arbeit des Unbewussten zweier großer Denker, deren Analyse sich im Traum zu Bildern verdichtete.

Weit häufiger sind Träume, bei denen wir nur denken, dass sie zutrafen, oder dass wir ein Geschehnis vorher geträumt hätten. Hier hilft ein Traumtagebuch, mit dem wir überprüfen können, ob wir diesen Traum wirklich hatten.

Wer Träume jedoch für Schäume hält, schmeißt einen wesentlichen Teil dessen weg, was es bedeutet, ein menschliches Wesen zu sein und verzichtet darauf, sich selbst kennen zu lernen und sein Leben nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. (Dr. Utz Anhalt)