Vorurteile – Psychologie und Stereotypen

Nina Reese
„Menschen sind schlecht darin, Lügen zu erkennen“ (Victoria Rubin). Ein Vorurteil begreift die Sozialpsychologie als eine generalisierte Haltung gegenüber einer Menschengruppe, einer Person, aber auch dem Gegenstand einer Diskussion oder einem Objekt, die weder auf Quellenanalyse, noch auf wirklicher Erfahrung beruht und auch nicht kritisch geprüft wird.

Im Wortsinne handelt es sich um ein Vor-Urteil. Der Betroffene fällt also ein Urteil, bevor er dazu in der Lage ist. Dieses Urteil kann positiv oder negativ sein. Im allgemeinen Sprachgebrauch verwenden wir den Begriff Vorurteil indessen für negative Bewertungen. Diese können für die Objekte des Vorurteils schwere Folgen haben – bis hin zum Pogrom.

Das negative Vorurteil

In der älteren Literatur galt der Blick dem negativen Vorurteil, also der feindseligen Haltung einem Menschen gegenüber, der zu einer Gruppe gehört, oder den der mit dem Vorurteil belastete dieser Gruppe zuordnet, und zwar nur, weil er das Opfer dieser Gruppe zuordnet. Der Betroffene soll dann all die negativen Eigenschaften haben, die der Mensch mit dem Vorurteil der Gruppe zuschreibt – wie sich das Opfer real verhält spielt dabei keine Rolle.

Das negative Vorurteil richtet sich gegen Gruppen, die „sozial unerwünscht“ sind – nämlich von dem, der das Vorurteil hat, schürt oder verbreitet. Zum Kennzeichen dieses Vorurteils gehört seine Stabilität. Es handelt sich um eine negative Einstellung, die derjenige, der sie hat, auch dann aufrecht hält, wenn seine realen Erfahrungen dem entgegen sprechen.

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Negative Vorurteile richten sich gegen „sozial unerwünschte“ Gruppen. (Bild: Melpomene/fotolia.com)

Psychologische Erklärungen

Im Zuge der Aufarbeitung der NS-Zeit richtete sich das Paradigma der 1950er Jahre auf den autoritären Charakter. Diese autoritäre Persönlichkeit sehnt sich demnach nach einer starken Führerfigur und hat Angst vor allem, was in ihre kleine Welt eindringt. Feste äußere Strukturen sind solchen Menschen lebenswichtig, weil sie sich innerlich leer und verunsichert fühlen.

Ihre eigene Unsicherheit und ihre negativ abgespaltenen Seiten projizieren sie auf Menschengruppen, die sie als „fremd“ ansehen. Sie haben dabei Angst, Erfahrungen zu machen, die ihre eng gesetzten Grenzen überschreiten könnten. Deswegen lernen sie „fremde Menschen“ nicht als Individuen kennen. Eine neue Erfahrung, die sie selbst verändern würde, versetzt diese Menschen in Angst.

Dieser Ansatz machte die schwarze Pädagogik, also die autoritäre Erziehung durch Eltern und Lehrer, verantwortlich für solche mit Vorurteilen behafteten Persönlichkeiten.

Eigen- und Fremdgruppe

Später, bis weit in die 1970er Jahre stand die soziokulturelle Perspektive im Vordergrund. So galten jetzt soziale Normen als wesentlich für die Entstehung von Vorurteilen.

Dann konzentrierte sich die Forschung auf die Dynamik zwischen Gruppen und Gruppenkonflikten. Hier ging es darum, dass Vorurteile sich nicht primär aus einer ängstlich-autoritären Persönlichkeit entwickeln, sondern, um einen Status in der „Wir“-Gruppe zu erreichen, die sich gegen eine „Die-“ Gruppe richtet.

Klassisch für solche Vorurteile wären zum Beispiel Kriege zwischen Jugendgangs in verschiedenen Stadtteilen, die „objektiv betrachtet“ weder einen Sinn noch einen Grund haben, aber von realem Hass aufeinander geprägt sind – den die Beteiligten im Rückblick selbst als lächerlich ansehen.

Vorurteile in diesem Sinn wären unbewusst zweck-rational. Die eigene Gang gibt Zugehörigkeit, vermittelt Stärke und gegenseitige Hilfe in der Gruppe. Dieses wird dann durch die Abwertung anderer Gangs als Alleinstellungsmerkmal definiert. Die Ablehnung der Mitglieder der anderen Gruppe ist aber echt – dadurch wird sie zum Vorurteil.

Die eigene Gang bietet Jugendlichen Schutz, vermittelt ein Gefühl von Zusammenhalt und Stärke. (Bild: Franz Pfluegl/fotolia.com)

Verschiebung der „Wir“-Gruppe

Dieser Ansatz geht über in die kognitive Erklärung. Derzufolge reicht bereits das „minimale Gruppenparadigma“ aus, also die Trennung zwischen „ingroup“ und „outgroup“, um die „outgroup“ zu diffamieren. Die Konstruktion einer sozialen Identität allein reicht demnach völlig, um Vorurteile zu entwickeln, die bis zum aktiven Angriff auf die Outgroup führen können.

In jüngerer Zeit zeigte der Sozialpsychologe Harald Welzer am Beispiel der Judenverfolgung- wie vernichtung im Dritten Reich, dass eine Verschiebung der „Wir-Gruppe“ zu unvorstellbaren Verbrechen führen kann.

So konstruierten die Nazis erst die „deutsche Volksgemeinschaft“ und grenzten die Juden dann systematisch aus dieser „Volksgemeinschaft“ aus. Während jüdische Deutsche nicht einmal Fremde waren, wurden sie jetzt zu Anderen gemacht.

Es begann damit, dass die Nazis jüdische Läden blockierten, Juden durften nicht mehr an Universitäten arbeiten und mussten einen gelben Stern tragen. Dann zog das Regime ihre Vermögen ein und beschlagnahmte ihre Häuser und bereitete so ihre Entmenschlichung vor – um sie so nach Jahren des schrittweisen Ausgrenzens aus der „Wir-Gruppe“ vernichten zu können.

Symbolischer Rassismus

In den 1980er Jahren griff die Theorie des symbolischen Rassismus versteckte Vorurteile auf und erkannte sie vor allem in westlichen Gesellschaften. Kern der Theorie war, dass offene Vorurteile, insbesondere rassistische und antisemitische, nach 1945 geächtet waren.

In westlichen Gesellschaften, die Freiheit und Gleichheit zu ihrem Selbstverständnis zählen, werden demnach offen geäußerte Vorurteile und damit Abwertungen von gesellschaftlichen Minderheiten unterdrückt.

Vorurteile würden vielmehr vor allem subtil geäußert oder in einen Kontext gestellt, der vorgibt, die Freiheit und Gleichheit zu verteidigen.

Verdeckter Antisemitismus

Da sie aber weiterhin fort bestanden, wirkten sie verdeckt fort. So stellten Antisemiten ihren Judenhass kaum noch offen zur Schau, sondern verlagerten Stereotypen der Judenfeindschaft auf den Staat Israel oder „die Zionisten“.

Deutlich wurde der judenfeindliche Kern, wenn Konstrukte wie die des „Geldjuden, der die Welt aussaugt“ auf jüdische Organisationen in den USA oder den Staat Israel projiziert wurden.

Ein typisches Beispiel für solche verdeckten Vorurteile ist heute der als „Islamkritik“ getarnte Fremdenhass gegen Menschen, die einen Hintergrund aus den Ländern des Nahen Ostens haben. Dieser bietet sich für versteckte Vorurteile geradezu an, da Religionskritik an antiaufklärerischen Vorstellungen und Handlungen einen rechtstaatlich-zivilisierten Charakter hat.

Islamkritik oder Fremdenhass

Zudem ist eine Islamkritik, die eine wirkliche und konkrete Kritik meint, sehr berechtigt. Im Unterschied zu den deutschen Juden unterstellten Verbrechen sind islamistische Terroranschläge ebenso Realität wie eine extrem gefährliche islamische Variante des Faschismus und islamische Rechtsvorstellungen, die mit einer bürgerlich-demokratischen Ordnung unvereinbar sind.

Mit Aufklärung und Religionskritik haben die rechten Muslimhasser aber nichts zu tun. Kay Sokolowsky schreibt: „Alt ist der Fremdenhass, der sich hier manifestiert. Neu sind die scheinaufgeklärten Gründe, mit denen er sich auftakelt. Ein perfider Trick, der es auf den ersten Blick so aussehen lässt, als habe es mit Ausländerfeindlichkeit nichts zu tun, was die Muslimhasser treiben.“

Er erklärt auch, warum Menschen, die Vorurteile gegen Mitbürger aus dem Nahen Osten haben, sich heute als „Islamkritiker“ darstellen: „Es ist gesellschaftlich nicht konform, gegen „die Kümmeltürken“, „die Kameltreiber“ oder „die Knoblauchfresser“ zu hetzen. Also weichen die Fremdenhasser auf Schimpfwörter wie „Mohammedaner“, „Musel“ oder „Kulturbereicherer“ aus.“

Wie allgemein bei Vorurteilen zeigt sich das Ressentiment hier daran, dass es nicht um konkrete Taten oder Organisationen geht, die Gegenstand von begründeter Kritik sein könnten. Sokolowsky schreibt: „ Wollten die, die am Feindbild Muslim bauen, tatsächlich nur vor fanatischen Islamisten warnen, würden sie nicht generell jedem Menschen, der türkische oder arabische Eltern hat, unterstellen, er sei ein potenzieller Selbstmordattentäter, ein „Ehrenmörder“ oder Vorkämpfer der Scharia in Deutschland.“

Diskriminierendes Verhalten schließt Gewalt und Beschimpfungen ebenso wie z.B. eine verschärfte Überwachung durch die Polizei ein. (Bild: fpic/fotolia.com)

Vorurteil gleich Diskriminierung?

Ein Vorurteil ist eine Einstellung, eine Diskriminierung, eine Handlung. Diskriminierungen entstehen (auch) aus Vorurteilen. Ein diskriminierendes Verhalten bezeichnet eine ungleiche Behandlung von Menschen und Menschengruppen, weil sie dieser sozialen Gruppe zugehören.

Zu diesem Verhalten gehören offene Beschimpfungen und Beleidigungen ebenso wie körperliche Gewalt, der Entzug von Rechten, ungleiche Bezahlung, Ausgangsverbote, verschärfte Überwachung durch die Polizei, Rechtfertigungszwang bei Behörden oder der Boykott von Geschäften.

Vorurteile und Gesellschaft

Vorurteile sind nicht unabhängig von ihrer Gesellschaft, im Gegenteil: Sie lassen sich sogar nur im Wechselspiel der in einer Gesellschaft definierten Vorstellungen von Moral und Ethik bestimmen. Vorurteile diskriminieren in diesem Sinne soziale Gruppen oder konstruieren solche sozialen Gruppen überhaupt erst, die sich von den Normen dieser Gesellschaft unterscheiden.

Je weniger eine Gesellschaft und die Menschen in dieser Gesellschaft bereit oder in der Lage sind, Pluralität zuzulassen, umso rigider wird sie Andersartigkeit bekämpfen. Umgekehrt: Je mehr eine Gesellschaft Aufklärung und eine offene Diskussion zulässt, um sie weniger Raum bietet sie für Vorurteile.

Die Hexenprozesse der Frühen Neuzeit waren ein dunkles Beispiel für die Macht von Vorurteilen, die Rechtsgültigkeit erlangen. Aus heutiger Sicht waren nicht nur sämtliche Verurteilten für die Kernpunkte der Anklage vollkommen unschuldig: Kein Mensch kann einen Pakt mit einer Fantasiefigur wie dem Teufel abschließen oder Gewitter herbei zaubern. Sie waren auch im Wortsinne Opfer von Vorurteilen, weil ihre „Schuld“ vor dem Urteil feststand – es ging nur darum, ein Geständnis aus ihnen heraus zu foltern.

Mit anderen Worten: Vorurteile setzen nicht notwendig einen bestimmten autoritären Charakter voraus, sondern vertreten oft lediglich die Norm einer Gesellschaft, einer Religionsgemeinschaft oder einer ideologischen Gruppe.

Pluralismus versus Vorurteil?

Pluralismus, Selbstreflexion und Aufklärung wirken Vorurteilen sinnvoll entgegen, wie die Ideengeschichte der europäischen Neuzeit zeigt. Wissenschaftlich empirische Methoden, ja das wissenschaftliche Denken selbst, richten sich eindeutig gegen Vorurteile, sondern erfordern Beweisführung und Belege.

Traditionsblindheit fördert hingegen Vorurteile. Je verhafteter ein Mensch in Traditionen ist, und je wichtiger diese für seine Selbstdefinition sind, umso schwieriger wird es für ihn, umzulernen. Das wirkt sich besonders aus, wenn die Normen einer Gesellschaft für den Betroffenen Privilegien und Dominanz bedeuten.

Von Interesse geleitete Lügen

Hier lässt sich nur schwer auseinander halten, ob es sich wirklich um Vorurteile, also um tatsächliche Überzeugungen handelt, oder um Propaganda, die den eigenen Status rechtfertigt. Wenn jemand zum Beispiel sagt „Frauen können nicht bei der Polizei arbeiten“, weil er als Polizist sie als Konkurrenz ansieht, aber ganz genau weiß, dass sie eben so gut arbeiten können, wie er selbst, dann handelt es sich nicht um ein Vorurteil, sondern um eine Lüge, um die eigene Position zu sichern.

Sozialpsychologen sprechen von „interessenbestimmten Lügen“. Die wiederum funktionieren am besten, wenn sie an bestehende Vorurteile anknüpfen.

Die Perspektive des Anderen

Vorurteile gegenüber anderen Menschen abzubauen, fällt jedem schwer. Je besser jemand gelernt hat und willens ist, seine eigenen Urteile kritisch auf ihren Realitätsgehalt zu prüfen, zugeben kann, sich zu irren und die Perspektive des Anderen zu verstehen, umso besser kann er Vorurteile überwinden.

Rollenspiele zum Beispiel ermöglichen, die Perspektive eines Anderen, seine Erfahrungen und Gefühle nachzuvollziehen.

Rollenspiele ermöglichen es, sich in das Denken und Fühlen von anderen hineinzuversetzen. (Bild: master1305/fotolia.com)

Studien ergaben, dass persönliche Kontakte nur dann Vorurteile abbauen, wenn die Beteiligten kooperieren wollen und sozial unterstützt werden.
Hinzu kommt der Gewöhnungseffekt, der indessen vor allem dazu führt, dass sich bestehende Einstellungen polarisieren.

Komplexer ist die Re-Kategorisierung. Sie verlangt eine aktive Mitarbeit, soziale Kategorien bewusst ändern zu wollen. Statt den Anderen in eine verallgemeinerte Kategorie zu stopfen wie Muslim, Holländer oder Frau rückt die Individualität des Anderen in der Vordergrund.

Stereotypen

Stereotypen bezeichnen feste Normen, die die Außenwelt in Schablonen ordnen. Ein Stereotyp stimmt mit der Wirklichkeit nur wenig überein. Stereotypen können sozial geteilt sein, wir sprechen dann von kulturellen Stereotypen. Sie lassen sich aber auch bei Individuen erkennen.

Das menschliche Gehirn entwirft automatisch Stereotypen. Es entwirft von Objekten, Lebewesen und auch von Menschengruppen abstrakte Bilder. Diese können sogar die Form von Symbolen einnehmen.

Das Gedächtnis verknüpft dabei durch Erziehung und Gesellschaft vermittelte Muster und eigene Erfahrungen zu Assoziationen. Diese Muster selbst sind jedoch noch nicht der Stereotyp, sondern der Stereotyp ist das Gesamturteil über diese Assoziationen.

Bei Stereotypen wie „Alle Bayern tragen Lederhosen und trinken Weißbier“ handelt es sich um weit verbreitende Vorstellungsbilder – die mit der Realität nur wenig zu tun haben. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)

Pars pro Toto

Umgekehrt kann das Gehirn auch ein „pars pro toto“ entwerfen und die Assoziationen zu einem Mitglied einer Gruppe (auch einer imaginierten Gruppe) mit der Gruppe insgesamt gleich setzen. Ein besonders primitiver Stereotyp bildet sich zum Beispiel, wenn ich im Urlaub in Ungarn bin, ein Mann sich im Supermarkt vordrängelt, und ich danach denke „Ungarn klauen im Supermarkt“.

Von solchen Stereotypen lebt der Pauschaltourismus und ein wesentliches Segment der exotistischen Trivialliteratur: Wenn der Pauschaltourist bei Spanien an Sonne, Meer und Flamenco denkt, sorgt der Reiseveranstalter dafür, dass eine „authentische Flamencogruppe“ im Hotel auftritt.

Die Funktion von Stereotypen

Das Problem bei Stereotypen ist, dass sie eine Funktion in unserem Denken haben. Unser Gehirn bildet assoziative Netzwerke, Muster in den Synapsen, die es aktiviert, um uns eine Orientierung in der Welt zu bieten. Ob diese Assoziationen mit der äußeren Wirklichkeit übereinstimmen, ist dabei nicht entscheidend.

Stereotypen bieten psychische Sicherheit

Entscheidend ist vielmehr, dass diese „Storylines“ uns ein Koordinatensystem geben, das uns vor dem Absturz in Verwirrung bewahrt. So kennt jeder Ethnologe das Trauma der Feldforschung, also den psychischen Ausnahmezustand, wenn er sich auf eine andere Kultur einlässt und sichere Gewissheiten zusammen brechen.

Diese Phasen sind mit psychischer Desorientierung verbunden und zeigen sich kurzfristig mit den Symptomen psychischer Störungen: Dazu gehören Halluzinationen, zumindest leichte Psychosen, Angstzustände, Hilflosigkeit und sogar Dissoziationen – bis hin zum temporären Verlust des Gefühls für Zeit und Raum.

Ebenso erleidet der Ethnologe einen Kulturschock, wenn er in sein Herkunftsland zurück kehrt. Das ehemals Vertraute erscheint fremd, umso mehr das Fremde vertraut wird.

In der Hirnforschung wird heute vermutet, dass Attribute, die einer bestimmten Gruppe zugeordnet werden, sich als so genannte Knoten in den Synapsen festsetzen, und die Verknüpfungen zwischen diesen Knoten suggerieren Ähnlichkeit, Fremdheit, die Intensität und die emotionale Qualität. Daraus folgt dann die Bewertung.

Kategorien und Stereotypen

Unser Gehirn bildet Kategorien, indem es bestimmte Assoziationen nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden sortiert. Ohne eine solche Einordnung könnten wir uns als Menschen nicht in der Welt bewegen.

Wir identifizieren also soziale Reize und ordnen sie „ähnlichen“ sozialen Reizen zu. Stereotypen bilden sich umso eher, je umfassender die Kategorie gebildet ist. Je weniger wir differenzieren, umso mehr spezifische Informationen gehen verloren.

Das Denken in Stereotypen hat dabei den Vorteil, dass es schnell geht. Wir müssen viel weniger Informationen aufnehmen und verarbeiten, wir müssen weniger nachdenken und können deshalb schneller handeln.

Das Problem der heutigen Gesellschaft für die Bildung von Kategorien im Gehirn ist ihre Komplexität. Wir alle werden über das Internet mit unendlich mehr Informationen versorgt als die Menschen noch vor zwei oder drei Generationen.

Unser Gehirn kann nicht unendlich viele Subkategorien entwerfen, um alle diese Informationen differenziert zu verarbeiten. Um das Koordinatensystem aufrecht zu erhalten, ist der einfachste Weg, die Komplexität zu reduzieren und in einfachere Kategorien zu verallgemeinern.

Um komplexe Informationen überschaubarer zu machen, werden diese in einfacheren Kategorien verallgemeinert. (Bild: mars58/fotolia.com)

Jede Gruppe bildet Stereotypen

Die meisten Vorurteilsforscher gehen heute davon aus, dass das Individuum die Stereotypen seiner sozialen Gruppe lernt, und dass jede soziale Gruppe Stereotypen bildet. Dabei entscheidet sich aber im Individuum, wie sehr es diesen Stereotypen nachgibt: Stereotypen in einer Gruppe bedeuten also nicht automatisch, dass jedes Individuum dieser Gruppe Menschen anderer Gruppen diskriminiert oder Vorurteile bildet.

Wahrscheinlich ist hier ein entscheidender Faktor, ob die individuelle Neugier gefördert wird oder nicht. So kann ein Individuum, dass mit den Stereotypen seiner Gruppe aufwächst, gerade daraus eine Neugier entwickeln, wie die Wirklichkeit der Anderen aussieht.

Wird dem Individuum jedoch die Angst eingeprägt, dass „draußen“ die Ungeheuer lauern, wird es jede Fahrt in die nächste Kleinstadt als Weg in die Hölle betrachten.

Manche Wissenschaftler sehen nicht die Stereotypen als solche als verantwortlich für negative Vorurteile, sondern den Umgang damit. So deuten Studien an, dass Menschen mit niedrigen Vorurteilen gegenüber „fremden Gruppen“ sowohl positive als auch negative Stereotypen aktivieren, während Menschen mit hohen Vorurteilen nur negative Stereotypen einblenden.

Fake News

Fake ist das englische Wort für Fälschung. Fake News sind also gefälschte Nachrichten, und zwar in dem Sinn, dass sie vorgaukeln, eine reale Information zu liefern, obwohl die „Nachricht“ erfunden ist.

Sie gehören von jeher zu den Instrumenten der Propaganda, sei es in der Politik, in der Wirtschaft oder im Krieg. In der Wirtschaft gehören dazu geschönte Statistiken, in der Politik gefälschte Aussagen über den Erfolg der eigenen Partei und ein Leugnen der Erfolge der Anderen.

Im Krieg dienen Fake News von jeher dazu, die Moral des Feindes zu schwächen und die der Eigengruppe zu stärken. Fake News gehen dabei über in das Konstruieren von Feindbildern: Der Feind darf nichts menschliches mehr haben, er wird ein Monstrum, das alle erdenklichen Gräueltaten begeht. Die Kämpfer der Feinde sind hinterhältige Mörder, die eigenen Kämpfer glorreiche Helden.

Heutige Fake News sind von klassischen „Zeitungsenten“, miserabler Recherche oder unklaren Darstellungen zu unterscheiden. Wer Fake News veröffentlicht, ist kein Journalist, der bei seiner Arbeit schlampt, sondern jemand, der bewusst Unwahrheiten verbreitet.

Kriegführung im Internet

Massenhaft generierte Fake News in sozialen Medien sind eine Form publizistischer Kriegsführung. Wenn Leser nämlich seriöse Recherche nicht mehr von Manipulationen und Lügen unterscheiden können, lässt sich jede Lüge unter die Leute bringen.

Fake-News verbreiten sich in den sozialen Medien rasend schnell. (Bild: designer491/fotolia.com)

Die Verbreitung von Fake News in den sozialen Netzwerken hat für die Lügner einen großen Vorteil. Einen Text anzuklicken und zu teilen, geht schnell – die Diskussion darüber ist in der Regel oberflächlich. Ihn hingegen als gefälschte Nachricht aufzuklären, bedarf des Verweises auf seriöse Quellen und erfordert Zeit, Energie und Arbeit.

In der Zwischenzeit hat der Verbreiter der Fake News aber bereits weitere Fälschungen verbreitet, und der seriöse Journalist läuft wieder hinterher.

Fake News verbreiten sich in der Informationsgesellschaft. Die Vielfalt an Informationen bietet auch ein Paradies für Manipulation und Desinformation.

Warum wirken Fake News?

Fast alle Menschen in den Industrieländern haben heute einen Zugang zum Internet. Die wenigsten von ihnen entwickeln jedoch Medienkompetenz.

Die Vielfalt an Informationen verdeckt, dass die Menschen deswegen nicht besser mit Informationen umgehen können als vor dem Internet: 20 politische Artikel pro Tag auf Facebook zu posten, ersetzt kein Politikstudium.

Oft ist sogar das Gegenteil der Fall. Selbst in geisteswissenschaftlichen Studiengängen, in denen die Studierenden den kritischen Umgang mit Texten lernen sollen, greifen Studierende oft erst einmal zu Google statt eigenständig den Seminartext zu diskutieren: Eine reflektierte Hausarbeit über Nietzsche wird so zu einem copy and paste dessen, was über Nietzsche bei Google zu finden ist.

Was aber bereits für die gilt, die eigentlich ihre Expertise für Textanalyse erlernen, gilt umso mehr für Menschen, die diese fachlichen Zugänge nicht haben.

Was haben Fake News aber mit Vorurteilen zu tun? Sehr viel. Wer sich in seinen negativen Vorurteilen suhlt und entweder nicht in der Lage ist, diese zu reflektieren oder kein Interesse daran hat, der versorgt sich im Internet mit genau den „Informationen“, die diese Vorurteile bestätigen.

Typische Fake News

Da ist er oder sie dann mit gefälschten Nachrichten bestens bedient. Typische Fake News der letzten Jahre richten sich gegen Flüchtlinge im allgemeinen oder speziell gegen Muslime, die von den Menschen, die spezifisch negative Vorurteile haben, nicht als menschliche Individuen wahr genommen werden.

Es spielt für Konsumenten von Fake News keine Rolle, ob jemand, dessen Vater Muslim ist (der Islam kennt keine Taufe) für den IS kämpft oder vor dem IS flieht. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob er oder sie sich selbst überhaupt als Muslim definiert.

Zu diesen im Kern gegen Muslime und Flüchtlinge gerichteten gefälschten Nachrichten gehört, dass der Berliner Senat angeblich Weihnachten verbieten will (aus Rücksicht auf Muslime). Diese Fake News entspricht dem Stereotyp der Islamisierung Deutschlands, in der Muslime die christlichen Feste durch islamische ersetzen würden.

Dann wieder sollen Flüchtlinge aus Pakistan im Januar 2016 eine Frau in Teltow vergewaltigt haben. Obwohl die Polizei öffentlich klarstellt, dass es dieses Verbrechen niemals gegeben hat, verbreiten es Rechtspopulisten munter weiter.

Oder sie behaupten, die Polizei würde den Vorfall leugnen, zitieren angebliche Gespräche mit Polizisten, die ihnen das angeblich versichern oder weichen darauf aus, dass solche Vergewaltigungen durch „Muslim-Horden“ täglich in Deutschland vorkämen. Nichts davon stimmt, das ist den Hetzern aber auch gleichgültig.

Dramatische Gestaltung

Leicht zu erkennen lassen sich Fake News mit dramatischen Aufmachung und offensichtlicher Unlogik. „Merkels RAPEFUGEES vergewaltigen Kinder!!!!!!!!!!“ zeigt bereits im polemischen Aufbau, dass es sich nicht um eine seriöse Nachricht handelt. Auch unbekannte oder gar keine Verfasser, nicht genannte Zeugen, fiktive Orte, „Statistiken“ mit unseriöser Quelle sind Hinweise.

Fake-News lassen sich zum Beispiel durch besonders reißerische Überschriften, fehlende Angaben zum Verfasser oder Statistiken mit unseriösen Quellen identifizieren. (Bild: francis bonami/fotolia.com)

Das Internet lässt derweil die Definition dessen, was Fake News sind, immer weiter verschwimmen. Klassische Zeitungen wie die Süddeutsche trennen jedoch nach wie vor strikt zwischen Nachricht und Kommentar. Allerdings lässt sich eine solche Trennung in realitas niemals zu hundert Prozent vollziehen.

Jede Nachricht bedeutet nämlich, dass der Journalist Informationen selektiert, und auch etablierte Journalisten gehen oft nicht akkurat mit Worten um. Wenn ich in einer Nachricht zum Beispiel einen Politiker zitiere, ist … meint, oder …glaubt bereits eine Bewertung. Die Nachricht hieße … sagt.

Außerhalb des Graubereichs von subjektiven Einschätzungen gibt es aber ganz eindeutige Fake News: Fake News sind Nachrichten, deren Gegenstand nicht der Wirklichkeit entspricht. Wenn ich schreibe: Auf der A2 fand ein LKW-Unfall mit 3 Toten statt, und es gab diesen Unfall nicht, ist das eine gefälschte Meldung.

Demagogen, willige Vollstrecker und Leichtgläubige

Fernab vom Internet sind Fake News uralt. Sie beziehen ihre Bedeutung aus dem Gerücht, das zur Tatsache erhoben wird. Da unterscheiden sich diejenigen, die das Gerücht erfinden, weil es ihren Interessen dient von denen, die es glauben, weil es ihren Vorurteilen entspricht und die wiederum von denjenigen, die es glauben, weil sie leichtgläubig sind.

Bei den Leichtgläubigen lässt sich nicht von Vorurteilen sprechen. So verbreiten auch Menschen Fake News über erfundene Vergewaltigungen von „deutschen Frauen“ durch Flüchtlinge, die keine negativen Vorurteile gegenüber Flüchtlingen teilen, aber Angst vor Vergewaltigung haben.

Die Fake News Verbreiter versuchen gezielt, solche Ängste zu schüren. Die Betroffenen reagieren dann aber meist geschockt, wenn sie erfahren, dass die Quelle für den von ihnen verbreiteten Beitrag eine Seite von Neonazis ist.

Die Seite hoaxmap.org sammelt solche Gerüchte und verlinkt zu Zeitungsartikeln, die diese Gerüchte widerlegen auf der Basis von Informationen der Polizei.

Die Verbreitung der Fake News, die sich gegen Flüchtlinge oder generell gegen „Fremde“ richten, laufen über gut vernetzte Gruppen, die Memes erstellen und Screenshots fälschen. Sie lassen sich oft leicht erkennen, weil sie nicht nur „alternative Fakten“ in das Netz werfen, sondern auch „alternative Begriffe“ verwenden wie „Rapefugees“, „Asylbetrüger“, „Merkels Fachkräfte“ oder „Sozialtouristen“.

Emotionen sorgen für Klicks

Das Internet ermöglicht dabei, negative Vorurteile massenhaft zu verbreiten, weil die „In-Group“ für das Bestätigen der Vorurteile viel größer wird als zuvor. Die virtuelle Realität erlaubt außerdem, das Vorurteil weniger der Wirklichkeit auszusetzen als zuvor.

Es lässt sich zum Beispiel einfach behaupten „ich war vor Ort“ und bevor der Nachweis kommt, dass das gelogen war, sind die nächsten zehn Behauptungen draußen.

Bilder können besonders gut lügen, insbesondere bei Fake News. So werden einfach Menschen mit „arabischem Aussehen“ zu Bildern von den Terroranschlägen in Berlin oder Brüssel gepostet, obwohl die damit nicht das geringste zu tun haben.

In sozialen Medien sorgen polarisierende Posts für mehr Reaktionen als sachliche, und deshalb verbreiten sich Fake News auf Facebook explosiv. Die Hitze der Diskussion hat dabei mit der Wahrheit einer Meldung nichts zu tun.

Soziale Medien verbreiten Vorurteile

Gefälschte Meldungen sind für Menschen, die ihre negativen Vorurteile pflegen im Gegenteil ein Aufhänger, um sich virtuell darin zu bestätigen. Sie suchen keinen Dialog, sondern den Schlagabtausch. Je mehr „Futter“ sie gegen den Gegner haben, umso besser.

Es ist ihnen dabei gleichgültig, ob sie (meist schlecht gemachte) Satire posten, Fake News oder reale Berichte. Es gilt lediglich darum, den eigenen Narrativ in den Vordergrund zu schieben.

Gegendarstellungen sind dabei weniger populär. Die gefälschte Nachricht, dass der Papst Trump unterstützte, wurde 800.000 mal gepostet, die Richtigstellung hingegen nur 33.000 mal.

Im Gegensatz zu Fake News werden Gegendarstellungen im Netz nur zurückhaltend verbreitet. (Bild: blende11.photo/fotolia.com)

Gerüchte, aus denen Fake News werden, haben nicht nur virtuelle Konsequenzen. Zum Beispiel behauptete eine 13jährige Russlanddeutsche, drei „Südländer“ hätten sie vergewaltigt. Es folgte sogar ein Säbelrasseln mit der russischen Regierung, die selbst über Russia Today permanent Fake News verbreitet.

Als das Mädchen zugab, die Vergewaltigung erfunden zu haben, geiferten die Fremdenfeinde bei Facebook, die Polizei habe sie dazu gezwungen oder die Richtigstellung des Mädchens selbst sei eine Fake News.

Unter den politischen Parteien setzt vor allem die AfD systematisch gefälschte Meldungen ein. Frauke Petry zum Beispiel behauptete, die FU Dresden untersage ihren Mitarbeitern, an Pegida-Aufmärschen teilzunehmen.

Während AfD-Politiker lügen wie gedruckt, beschimpfen sie zugleich die etablierte Presse pauschal als Lügenpresse, und da die AfD-Wähler ihre Vorurteile bestätigt haben wollen, interessiert es sich nicht, dass Petry eine Unterlassungserklärung über ihre Lüge betreffs der TU Dresden schreiben musste.

Wie lassen sich Lügen erkennen?

Es gibt in der Psychologie nur wenig Gewissheit, um Lügen zu erkennen. Bei weit verbreiteten Fake News lassen sich aber gemeinsame Merkmale feststellen: Wer Gerüchte schürt, möchte nicht sachlich informieren, sondern seine Interessen einflüstern.

Fake News sind deshalb oft suggestiv. Sie inszenieren Bedrohungs-Szenarien, zum Beispiel nach dem Motto „wenn jedes Jahr Millionen Flüchtlinge kommen, gibt es in Deutschland 2030 20 Millionen Muslime und die Scharia regiert uns…“ Hier gibt es nicht einmal irgendeinen Beleg für eine suggerierte Zukunft und keinerlei Studien, die diese Prognose zulassen.

Sie unterstellen ihren Gegnern nicht nur niedere Motive, sondern machen sie auch für Verbrechen verantwortlich: „Die Gutmenschen, die Flüchtlinge verhätscheln, sind verantwortlich für die Vergewaltigungen durch die Rapefugees“. Das hat mit einer Meinung eben so wenig zu tun wie mit einem sachlichen Kommentar.

Etwas schwieriger sind Fake News zu entlarven, die sich im Gewand der Pseudowissenschaft historischer Geschehnisse bedienen, um ihre Hetze vermeintlich seriös abzusichern. Typisch sind Szenarien wie „1400 Jahre Islam heißt 270 Millionen Tote“.

Es handelt sich dabei um ein perverses Ranking, den 6 Millionen von den Nazis ermordeten Juden über 40mal so viele vermeintliche Opfer „des Islams“ entgegen zu stellen. Die Seiten, die diese „News“ verbreiten, enthalten in der Regel auch Geschichtsrevisionismus über den von den Nazis geführten zweiten Weltkrieg und Relativierungen der Shoah.

Solche Fake News sind indessen auch ein Beleg für negative Vorurteile durch die ausufernde Größe der Kategorien, die eine Differenzierung nicht mehr zulässt. (Dr. Utz Anhalt)

Literatur

Anita Karsten: Vorurteil. Ergebnisse Psychologischer und sozialpsychologischer Forschung. Darmstadt 1978.

Badi Panahi: Vorurteile, Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus in der Bundesrepublik heute. Frankfurt a.M. 1980.

Anton Pelinka: Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung. Berlin 2012.

Max Horkheimer: Über das Vorurteil. Köln 1963.