Ausgestorbene Berufe – Schnitter, Waldläufer und Wurzelseppen

Das Leben der Menschen in Wald und Flur war 1400, 1600 oder 1800 nach unserer Zeitrechnung alles andere als idyllisch. Holz war für sie eine heiß umkämpfte Ressource und zunehmend Mangelware. Statt den edlen Rittern und Elfen der Romantik rackerten sich Millionen von Menschen auf dem Feld und im Wald ab und versuchten, jeden Quadratmeter zu nutzen – bisweilen, um nicht zu verhungern. Dabei hatten sie neben Tieren und Werkzeugen vor allem ihre eigenen Hände. Viele Berufe verschwanden, als Maschinen das erledigten und Fabriken die Dinge produzierten, was zuvor Schnitter, Köhler oder Harzer getan hatten.


Auch die Landschaft, der Ackerbau und das Forstwesen unterschieden sich um 1600 oder 1800 sehr vom heutigen Deutschland: Schotterebenen in Flusstälern, Magerfluren, Heidegebiete, Moore, Auen und lichte Wälder umfassten den Großteil Mitteleuropas. Heute erhalten Naturschützer mit großem Aufwand die letzten Reste dieser vorindustriellen Kulturlandschaften. Kollektiv genutztes Weideland für Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde schuf offene Flächen, eine oft rasenähnliche Vegetation und in den Hutewäldern parkähnliche Landschaften, denen der Unterwuchs fehlte.

Der Schnitter ist in der ökologischen Landschaftspflege ein begehrter Spezialist. (Bild: silentalex88/fotolia.com)

Der „Deutsche Wald“ wurde in der Romantik zum Ort der Sehnsucht, die „Waldeinsamkeit“ zum Inbegriff „deutschen Gemüts“. Mit dem realen Wald hatte das nicht viel zu tun, die Romantik war eine Strömung des verunsicherten Bürgertums der Städte, und das war hin- und hergerissen zwischen der Fiktion einer vormodernen Idylle, die es niemals gegeben hatte und der technischen Moderne, die zwar vieles vereinfachte, aber auch Anonymität und Hektik mit sich brachte. In dieser Zeit gab es Berufe, die damals von hoher Bedeutung waren, aber heutzutage fast gänzlich verschwunden sind.

Schnitter

Als Schnitter ist uns heute die Figur des Gevatters Tod bekannt, der mit seiner Sense die Menschen wie Getreidehalme niedermäht. Die Vorlage für diese Metapher vom Tod war eine harte Handarbeit. Schnitter standen in der Hierarchie der Landwirtschaft recht weit unten. Es handelte sich um Landarbeiter, die das Getreide mit Sense oder Sichel ernteten. Oft handelte es sich um Saisonarbeiter, die von Hof zu Hof wanderten und ihre Dienste anboten. Ihr Werkzeug brachten sie selbst mit. Über die Runden kamen sie nur, weil die Getreidearten Roggen, Gerste und Hafer zu unterschiedlichen Zeiten reiften. Hinzu kamen die verschiedenen Temperaturen in Berg und Tal, von der Sonne durchfluteten Ebenen und schattigen Nordseiten, die auch bei gleichen Sorten zu frühen oder späten Erntezeit führten.

Der Schnitter war ein typischer Beruf der vormotorisierten Landwirtschaft, nicht unbedingt des Mittelalters. So nahm die Zahl der Schnitter gerade nach 1871 im Deutschen Reich rasant zu. Diese „Sachsengänger“ zogen in Massen aus den strukturarmen Gebieten östlich der Elbe in die Magdeburger Börde, wo sie auf den fruchtbarsten Böden des Reiches Zuckerrüben ernteten. Diese schnitten sie zwar nicht, sondern gruben sie aus, der Name aber blieb erhalten. Die Saisonschnitter hausten in eilig angelegten Schnitterkasernen, die heute Baudenkmäler darstellen.

In Mitteleuropa gibt es heute keine Schnitter mehr. Mit den Mähdreschern starb der Beruf aus und auch die Sensenschmiede verloren an Bedeutung. Für den Erhalt artenreicher Wiesenbiotope ist jedoch oft das Mähen mit der Hand nötig. Dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND e.V.) und dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) fällt es deshalb schwer, Kundige zu finden, die Sense oder Sichel bedienen können. Die Schneide der Sense muss in einem bestimmten Winkel zum Gras beziehungsweise Getreide als auch zur Erde stehen, damit sie mäht, statt in den Boden zu stechen. Diese Methode muss erst einmal gelernt und trainiert sein. In Indien und Afrika sind Schnitter nach wie vor weit verbreitet.

Wiesenmacher

Der Wiesenmacher schuf urbares Land, das sich für die Landwirtschaft nutzen ließ. Ihn gab es vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Bekannt ist dieser Beruf vor allem aus Ravensberg, aber auch in Ostwestfalen und in Norddeutschland.

Im Ravensberger Land durchzogen viele kleinere Flüsse und Bäche die Täler. Die Eiszeit formte diese Mulden- oder Kerbtäler (Sieken). Bereits in der frühen Neuzeit war Acker- und Weideland knapp geworden, da sich hier viele Menschen ansiedelten, um die schweren Lößböden zu nutzen. Im 16. Jahrhundert schufteten hier die Wiskenmaker (Wiesenmacher). Sie stachen die Talränder steil ab, leiteten die Bäche seitlich um und schufen so zusammen hängende Grünflächen, die für zwei bis drei Schnitte pro Jahr reichten – das alles mit Handwerkszeug wie Spaten und Schaufeln. An den steilen Böschungen entstanden Gehölze, die die Einheimischen als Bauholz und Heizmaterial nutzten. Es handelt sich also bei diesen sehr artenreichen Flächen keineswegs um eine Naturlandschaft.

Heute stehen an den steilen, von den Wiesenmachern angelegten Siekkanten alte Buchen und Eichen, die die Bauern gezielt anpflanzten. Sie dienten nicht nur als Brennholz, sondern auch als Unterstand für das Vieh und als Einfriedung. Die Tätigkeit dieser Wiesenmacher ist noch aus dem 19. Jahrhundert überliefert. So zogen hunderte von Männern aus Sudenburg und Oldendorf nach Preußen, Schlesien, Polen und sogar Russland, um mit ihren eigenen Händen Ackerland zu schaffen. Bei Gifhorn im heutigen Niedersachsen schufen sie 1840 immerhin 3500 Hektar bewässerte Rieselwiesen. Diese dienten unter anderem der Bienenzucht. Auch für die Wiesenmacher bestand mit dem Aufkommen motorisierter Landmaschinen kein Bedarf mehr.

Wer Weintrauben aus dem Weingarten stahl, musste mit harten Strafen rechnen, wenn ihn der Weingartenhüter erwischte. (Bild: JackF/fotolia.com)

Weingartenhüter

Im Mittelalter galt zwischen Beginn der Traubenreife und der Traubenlese der Weinlesebann. In dieser Zeit wurden die Weingärten geschlossen. Die Weingartenhüter sorgten dafür, dass kein Unbefugter sie betrat. Herzog Albrecht II. erwähnte diese Hüter der Weingärten in der österreichischen Weinverordnung 1352.

Die Hüter hatten weitreichende Befugnisse. Sie durften zum Beispiel jeden töten, der mit Waffen den bewachten Weingarten betrat. Wer auch nur drei Weintrauben stahl, durfte fortan ein „schädlicher Mann“ genannt werden, in der Anwesenheitsgesellschaft des Mittelalters, in der Handel und Kommunikation vor allem von Angesicht zu Angesicht stattfand, kam das einer sozialen Ächtung gleich. Wer sich einer Verhaftung durch den Weingartenhüter widersetzte, wurde für vogelfrei erklärt. Die österreichische Hüterordnung von 1707 schrieb gar vor, dass Traubendieben, je nach Größe des Diebstahls, ein Ohr abgeschnitten oder eine Hand abgeschlagen werden sollte.

Zeichen aus Stroh und Holz zeigten an, dass der Weingarten geschlossen war, das zeitgemäße Pendant zu unseren „Betreten verboten“-Schildern. Hüter durften nur straffreie Männer werden, deren Gesetzestreue nicht infrage stand, die körperlich fit waren und die Gemarkung kannten. Hüter wurden gut entlohnt und die Arbeit steigerte ihr gesellschaftliches Prestige.

Sie mussten auf die Hüterordnung schwören, Tag und Nacht ihren Dienst zu versehen und während der Arbeitszeit in Hütten in den Weingärten wohnen. Zuerst handelte es sich um einfache Häuschen aus Stroh und Weinreben, später legten die Gartenbesitzer feste Unterkünfte für sie an. Die Hütten waren meistens getarnt, um potenzielle Gesetzesbrecher zu überraschen. Bekannt sind Hütersäulen aus Baumstämmen, an denen oben ein Hütrad befestigt war, auf das der Hüter stieg, um das Land nach Eindringlingen zu überblicken. In der Nähe von Wien wurden solche Hütersäulen aus entasteten Schwarzföhren hergestellt.

Die Hüter trugen Äxte, die auch Hüterhackeln genannt wurden, und Säbel. In der Neuzeit wurde das Waffenarsenal der Weingartenhüter um Pistolen und Gewehre erweitert. Die Feuerwaffen wurden selten eingesetzt, um Diebe zu töten. Sie dienten vielmehr dazu, die auf frischer Tat Ertappten zu erschrecken. Aufgabe des Hüters war es, die Überführten festzunehmen und der Obrigkeit zu überstellen. In der Frühzeit übergaben sie die Deliquenten dem Besitzer des Weingartens, später der Polizei. Für ausgelieferte Diebe bekamen sie eine Prämie, die sich damals Stinglgeld nannte. Die Hüter trugen Signalhörner, in Traiskirchen als Hiatapfoazn bezeichnet, außerdem Peitschen, die Hiatagoassln. Damit vertrieben sie auch Vögel wie Stare und Drosseln, die die Weingärten heimsuchten.

Ende der Bannzeit war der 10. Oktober. Ein Knaller aus Schwarzpulver zeigte an, dass die Weingärten wieder geöffnet waren. Die Hüter zogen in die Orte ein und wurden feierlich begrüßt. Oft war dieser Einzug der Hüter zeitgleich mit dem Erntedankfest.

Den Hüterberuf gab es bis in die 1970er Jahre. Die letzten beiden im Einsatz befindlichen Hüter in Rust am See verjagen vor allem Vögel. Seit den 1990er gibt es in Österreich eine Wiederaufführung der alten Hüterfeste. Einige der Weingartenhütten wurden restauriert, um Besuchern dieses Stück Kulturgeschichte zu vermitteln.

Wurzelseppen und Kräuterfrauen

Der Name dieses einst anerkannten Berufes klingt erst einmal wie Waldschrat oder Dorfdepp. Auch seine andere Bezeichnung, Wurzelsammler, hört sich nach einem armen Schlucker an, der die Pflanzen aus der Erde buddelt, um nicht zu verhungern.

Im Kern handelte es sich um Kräutersammler. Entgegen der Vorstellung vom Kräuterweiblein oder der Kräuterhexe verrichteten meist, aber nicht nur, Männer diese Tätigkeit. Das „Sammeln“ war harte Knochenarbeit. Die Wurzeln mussten unversehrt ausgegraben werden – mit kleinen Spaten, Beilen oder sogar mit den bloßen Händen.

Bekannt wurden die Wurzelsammler aus Arnsdorf in Niederschlesien. Sie gruben die im Riesengebirge wachsenden Kräuter aus. Die Apotheken im Ort verarbeiteten sie dann zu

  • Tees,
  • Salben,
  • Pasten,
  • Tinkturen,
  • Magentropfen
  • und stellten auch Kräuterliköre daraus her.
Theodor Fontane schrieb 1891 in „Der letzten Laborant” über den letzten Kräutersammler. (Bild: Heike Jestram/fotolia.com)

1690 wurde ein solcher Kräutersammler beschrieben:
„Er war eine eigenartige Erscheinung – groß, ganz in Grün gekleidet, mit einem mächtigen Kranz aus allerlei Kräutern auf dem Kopf und einem ebenso mächtigen Bart. Um seinen Hals hingen lebendige Schlangen; er ließ sich von ihnen blutig beißen, um anschließend die heilende Wirkung des Schlangenspecks zu demonstrieren, mit dem er die frischen Bisswunden bestrich. Er hatte verschiedene Kräuter dabei. Es wurde erzählt, dass er sogar Mittel gegen Zauber besaß.“(Poznaj swój kraj, Nr. 12/2002, S.27)

Der Niedergang der Wurzelsammler hatte den gleichen Grund wie das Ende der Rattengiftverkäufer und der Wanderheiler auf den Jahrmärkten: die Kontrolle der Medizin mit amtlichen Prüfverfahren. 1843 erlaubte die Gewerbeordnung unter Friedrich Wilhelm II. nurmehr offiziell zugelassene Arzneimittel. Die noch lebenden Wurzelseppen bekamen zwar ein Recht, ihre Kräuter weiter auf Lebenszeit (ad dies vitae) zu verarbeiten, Nachfolger waren jedoch nicht zugelassen. Theodor Fontane schrieb 1891 über den letzten Laboranten von Krummhübel, Ernst August Zölfel. Er war einer der letzten seiner Profession.

Waldzeichenschneider

Waldzeichenschneider markierten Wege in den Wäldern. Ihre Tätigkeit ist besonders aus dem Raum Dresden überliefert. Das Anlegen solcher Wegenetze erstreckte sich über Jahrhunderte. In der frühen Neuzeit wurden Wege aus dem Mittelalter vermessen, kartografiert, erweitert und ausgebaut. Die Waldzeichenschneider schnitzten Symbole in die Rinde von Bäumen. Dazu schnitten sie ein Stück Rinde heraus, schnitzten die jeweilige Form in das Holz und malten sie rot aus.

Der Dresdner Saugarten

Johannes Humelius konzipierte 1560 ein Wegenetz in Form eines Sterns rund um den Dresdner Saugarten. Von diesem Kern verliefen im Abstand von 45 Grad acht Achsen. Hinzu kamen fünf Ringwege in konzentrischer Formation – Kreuz Zwei bis Kreuz Sechs. 1589 erschien das vollständige Netz in einer Karte der Dresdner Heide. Sinn dieses Systems war eine leichte Jagd, denn die Heide war das Jagdrevier der Dresdener Kurfürsten. Über 270 schwarze Symbole markierten Brücken, Hügel, Quellen und so weiter. Noch heute finden sich um die zehn dieser handgeschnitzten Symbole in der Heide.

Die vom Waldzeichner geschnittenen Baumzeichen waren früher übliche Wegweiser im Wald. (Bild: Bernd Heinze/fotolia.com)

Waldläufer

Den Waldläufer kennen wir aus dem Roman Lederstrumpf und durch Karl Mays Figuren wie Old Firehand. Im Fantasy-Rollenspiel nimmt er in pseudomittelalterlichen Spielergruppen einen festen Platz als Fernkämpfer ein. Als Selfmademan, der von der Jagd auf Pelztiere lebt und auf eigene Faust den Profit einstreicht, wäre er indessen im Mitteleuropa des Mittelalters und der frühen Neuzeit bestenfalls als Wilderer im Gefängnis gelandet. Tatsächlich bildeten sich diese Waldläufer erst in Amerika heraus, wo es das Jagdprivileg ebenso wenig gab wie andere Privilegien der Aristokratie.

Diese Männer, auch Mountain Men oder auf Französisch „coureur des bois” genannt, zogen aus den Kolonien an der Ostküste nach Westen, zu den großen Seen, in die Rocky Mountains oder die endlosen Wälder Kanadas. Sie lebten mit den Indianern und tauschten ihre Pelze bei den Niederlassungen der großen Handelsgesellschaften.

Die ersten bekannten Coureurs hießen Médard Chouard, auch bekannt als Sieur des Groseilliers, und Pierre-Esprit Radisson. 1660 kamen sie mit 60 Kanuladungen Pelzen in die französische Siedlung Trois-Riviéres zurück von den großen Seen. Waldläufer waren die ersten Pioniere im Westen und sie erschlossen Handelswege in Land, das für die Europäer Neuland war. Das Geschäft war großartig. Pelztiere wie

  • Luchse,
  • Biber,
  • Fischotter,
  • Marder
  • oder Waschbären

gab es noch in Hülle und Fülle.

Der Biber war wegen seines Pelzes ein beliebtes Ziel der Trapper, heute steht er unter Naturschutz. (Bild: Stan/fotolia.com)

Wer den Mut hatte, den Städten des Ostens den Rücken zu kehren und in der Wildnis zu leben, konnte sich eine reiche Nase verdienen. Doch bald schon ging es vielen der Waldläufer gar nicht mehr um den Gewinn, denn sie verloren den Glauben an den Profit als Maß aller Dinge. Wenn sie ihre Pelze eingetauscht hatten, verprassten sie den Erlös zusammen mit ihren indianischen Freunden auf Festen. Dann zogen sie wieder in die Wälder, um dort, fernab der Alltagsbürokratie, in Freiheit zu leben. Das wurde zu ihrem Lebenssinn.

Die große Zeit der französischen Waldläufer ging zu Ende, als die Hudson’s Bay Company selbst in den Westen vordrang. Die ehemaligen unabhängigen Pelzjäger arbeiteten jetzt als Angestellte der großen Kompanien. Einen großen Boom erlebten die Waldläufer Anfang des 19. Jahrhundert, als Zylinder aus Biber in Europa in Mode waren. In den 1820ern war diese Mode jedoch vorbei und viele der Pelzjäger hängten ihren Job an den Nagel.

Im 19. Jahrhundert bildeten sich erneut selbstständige Trapper (Fallensteller) heraus, die Mountain Men der Rocky Mountains. Trafen Bürger der Städte des Ostens auf diese Naturburschen, begegneten sich zwei Welten. In Felle und Wildleder gekleidet, mit wuchernden Bärten und langen Messern erschienen sie der Bourgeoisie in New York oder Chicago als ebenso „wild“ wie die Indianer, mit denen die Mountain Men in inniger Freundschaft lebten. Oft heirateten sie indianische Frauen. James Feminore Cooper machte 1821 den Waldläufer im Roman Lederstrumpf unsterblich.

Auch in der Wildnis der Rocky Mountains jagten und lebten die Waldläufer und Trapper. (Bild: John Hoffman/fotolia.com)

Kienrußbrenner, Harzer und Schmierbrenner

Der Rußbrenner gehörte zu den ausgestorbenen Berufen in den Wäldern. Kienrußbrenner ließen Zapfen von Nadelhölzern, Reisig und Kienspäne schwelen und gaben Harzgrieben hinzu, Abfall, der beim Gewinnen von Baumharz entstand. Die Asche, die übrig blieb, hieß Kienruß, ein fast reiner Kohlenstoff. Der Ruß diente als Basis für Malerfarben, Druckerschwärzen und Schuhpolitur, auch Tinte ließ sich daraus herstellen.

Der Rußbrenner arbeitete an einem Brennofen, der auf einem Steinfundament ruhte. Neben dem Ofen befand sich der Rußfangraum und dort sammelte sich der Rauch, der aus einer Öffnung hinten am Ofen in den Raum zog. Der Ruß haftete jetzt an den Wänden im Rußraum und dort schlug ihn der Rußbrenner ab. 50 Kilo Harzgrieben ergaben bis zu sechs Kilo Ruß.

Ein Boom der frühen Neuzeit

Rußbrenner waren in der frühen Neuzeit von enormer Bedeutung und das liegt an Gutenbergs Druckerpresse. Ohne den in den Rußhütten produzierten feinen Kohlenstoff wäre der Massendruck von Büchern und Flugblättern nicht möglich gewesen. Erst in der industriellen Revolution verloren die Kienrußproduzenten an Wert. Denn das industrielle Verschwelen von Steinkohle erforderte weit weniger Aufwand.

Was verdiente ein Rußbrenner?

Ein Rußbrenner wurde nicht reich, nagte aber auch nicht am Hungertuch. Erst einmal musste er einiges investieren in Brennstoffe, Ofen, Hilfskräfte, Abgaben und Zinsen. Unterm Strich brachte eine mittelgroße Hütte, die pro Jahr circa 40 Zentner Ruß herstellte, ein Einkommen, mit dem sich das Leben gerade so finanzieren ließ. Die wenigsten Rußbrenner arbeiteten indessen nur am Brennofen. Die meisten arbeiteten zugleich als Harzer oder Pechsieder, bisweilen hingen sie auch mit den Köhlern zusammen.

Harzer

Harzer gewannen Harz aus Bäumen, wobei sie besonders das von Kiefern nutzten. Sie entfernten die Rinde vom Stamm und schnitten in das Holz darunter. Der so verletzte Baum stieß Harz aus, die Harzer fingen es auf, sammelten es und verarbeiteten es weiter. Harzen war überall in Deutschland stark reglementiert, denn von jeher stand es in enger Konkurrenz zur Forstwirtschaft, denn durch das Entharzen wird das Holz als Nutzholz fast wertlos.

Pechsieder und Schmierbrenner

Die Rußsieder arbeiteten oft zugleich als Pechsieder und Schmierbrenner. Sie verbrannten Baumharz zu Schmierstoffen und versorgten damit Brauer, die ihre Fässer abdichteten, Apotheker, die daraus Pechöl kochten, sowie Metzger, die mit zerriebenem Pech die Haare der Schlachttiere entfernten.

Köhler

Im Schwarzwald sollte es einen Geist geben, das Glasmännlein. Zu diesem ging der Köhler Peter, denn Peter hasste seine ebenso mühsame wie dreckige Arbeit, die ihm weder Reichtum noch Anerkennung brachte. Dann begegnete er einem noch schlimmeren Waldgeist, dem Holländermichel. Der Pakt mit den Geistern verschaffte Peter Reichtum, doch dafür auch ein kaltes Herz in der Brust, sodass er weder Freude noch Trauer spürte. Das Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff aus dem Jahre 1827 bezieht sich viel stärker auf die Realwelt als die Märchen der Brüder Grimm und nennt gleich drei alte Berufe: Das Glasmännlein erinnert an die Glasbläserhütten im Schwarzwald, Peter ist ein Kohlenbrenner, und der Holländermichel ist sinnbildlich für die Flößer, die Baumstämme aus Schwaben bis nach Rotterdam und Amsterdam trieben.

Sozialgeschichtlich gibt das Märchen eine Menge her. Die Romantik war eine Kunstgattung des Umbruchs von der Feudalzeit zur Industriegesellschaft. Peter befand sich als Köhler Anfang des 19. Jahrhunderts auf einem Ast, der gerade abbrach. Es gab diese Kohlenbrenner zwar noch, doch Braun- und Steinkohle ersetzten zunehmend die Holzkohlebrennereien und Dampfmaschinen das Handwerk. Auch deshalb brachte Peters aus der Zeit gefallener Beruf weder Profit noch Status.

Der Köhler hatte einen der schmutzigen Berufe und deshalb keinen hohen Stand. (Bild: Stihl024/fotolia.com)

Im Schwarzwald stellten die Köhler Holzkohle in Meilern her, vor allem, um Eisen zu verhütten, aber auch, um Glas herzustellen und Edelmetalle zu verarbeiten. Um Metalle und Glas zu produzieren war Holzkohle notwendig, da die Temperatur von Feuern aus Brennholz nicht ausreichte. Köhler waren niemals angesehen und lebten in relativer Armut. Sie hatten einen schlechten Ruf wie alle, die den Großteil ihres Lebens außerhalb der Dorf- und Stadtgemeinschaft verbrachten. Hinzu kam der Schmutz. Zwar waren die hygienischen Verhältnisse der frühen Neuzeit generell unzureichend, doch der Köhler, der bis in jede Pore nach Rauch roch, und dem Ruß an jeder nackten Hautstelle haftete, galt als ähnlich anrüchig wie Gerber oder Abdecker. Man brauchte ihn, wollte aber nicht viel mit ihm zu tun haben.

Heute erinnern rekonstruierte Köhlerhütten im Harz, Schwarzwald oder Deister an dieses einst in Waldgebieten allgegenwärtige Gewerbe. Sie erinnern auch daran, wie falsch heutige Projektionen eines „deutschen Urwalds“ sind, die meist eine „gute alte Zeit“ so gegen 1800 imaginieren. Wo heute Touristen die dunkle Mystik der Tannenwälder genießen, war der Wald vor 200 Jahren fast abgeholzt. Erst als die Gewerbe der Kienrußbrenner, Köhler und Flößer keine Bedeutung mehr hatten, konnte der Wald wieder wachsen.

Die Flößer

Bereits das Alte Testament berichtet, dass Hiram, der König von Tyros, die Zedern in Flößen über das Mittelmeer an König Salomo von Israel lieferte. Die Römer besorgten sich Bauholz in Form von Flößen aus Korsika. Im Spätmittelalter sorgte das Wachstum der Bevölkerung vor allem in den expandierenden Städten für Holzknappheit, Bau- und Brennholz musste von weither transportiert werden. Die einfachste und bisweilen einzige Methode, die schweren Stämme zu befördern, waren Fließgewässer. „Das Volk, so bei der Kinzig wohnet, besonders bei Wolfach, ernähret sich mit den großen Bauhölzern, die sie durch das Wasser der Kinzig gen Straßburg flözen, und viel Geld jährlich erobern.“ schrieb Sebastian Münzer 1544 über das Flößen im Schwarzwald.

Bereits 926 schlugen die Ungarn Holz im Schwarzwald, um damit Flöße zu bauen. Bis ins Mittelalter war der Schwarzwald ein kaum besiedelter Urwald, der aber eine wichtige Ressource in Mengen lieferte: Holz. Es diente dazu, Holzkohle herzustellen, die Menschen bauten damit Häuser und brauchten es in Bergwerken. Aus Holz stellten sie die meisten Gegenstände des Alltags her, Wasserröhren ebenso wie Kutschen, Axtstiele und Möbel.

Das Holz zog die Menschen in den Schwarzwald. Im Hochmittelalter entwickelte sich der neue Beruf des Flößers. Sein Markenzeichen war ein schwarzer Hut mit breiter Krempe, bis an den Bauch reichende Stulpenstiefel und eine Lederhose. Der Flößer band die Stämme mit Weidenruten ein, eine anspruchsvolle Aufgabe, denn das Floß war starken Belastungen ausgesetzt – durch Flusskrümmungen, Strömungen, Felsen und andere Hindernisse.

In einigen Gebieten werden auch heutzutage in der Holzindustrie Baumstämme noch geflößt. (Bild: Friedberg/fotolia.com)

Ein wichtiges Werkzeug des Flößers war der Floßhaken. Damit löste er Holz, das sich verkeilt hatte. Diese Tätigkeit hieß „Aufsprengen“. Sie war sehr gefährlich, denn der Flößer konnte ebenso ins reißende Wasser fallen und von den Stämmen erschlagen werden. Die Saison dauerte von Frühling bis Herbst, im Winter stellte der Flößer seine Werkzeuge her, zum Beispiel Spannkeile und Spangen.

Die Holländer brauchten Holz, das der Schwarzwald bot, und die beste Möglichkeit, die schweren Stämme zu verschicken, boten die Flüsse. Flößer banden die Baumstämme zu Flößen zusammen, dann zogen diese Richtung Rhein bis nach Holland, wo der Strom bei Rotterdam mündet. Kleine Talflöße in den Seitentälern kamen zu den Floßhäfen und wurden dort zu Großflößen zusammen gebunden, die bis zu 200 Stämme umfassten. Die „Holländertannen“ aus dem Schwarzwald waren begehrt, hoch und gerade gewachsen und sie boten das beste Material für die Masten der Segelschiffe.

Zwar ist Holz nach wie vor ein wichtiger Wirtschaftszweig im Schwarzwald, doch Eisenbahn und LKWs machten die Flößer arbeitslos. 1894 verließen die letzten Flöße Schiltach, 1895 Wolfach. Der Flößerpfad von Lossburg nach Wolfach erinnert an dieses alte Gewerbe. Andernorts in Deutschland hielt sich das Flößen noch bis in die 1950er Jahre. (Dr. Utz Anhalt)

Literatur:

  • Otto Kerscher: Daheim in der Waldheimat. Erinnerungen an meine Kinderzeit. Erzählungen von ausgestorbenen Berufen. 1990
  • Reinhold Reth. Das alte Handwerk. Von Bader bis Zinngießer. 2005