Das Stigma männlicher Unfruchtbarkeit überwinden

Franziska Schreiber
Die Nachfrage nach Mitteln gegen männliche Unfruchtbarkeit ist riesig. Um die mangelnde Qualität ihres Spermas auszugleichen sind Männer sogar bereit, teure und invasive In-Vitro-Fertilisationen (IVF) an ihren Partnerinnen vornehmen zu lassen, berichtet ein führender Experte für Fruchtbarkeit.


Für einen Mann ist die Nachricht seiner eigenen Unfruchtbarkeit häufig ein niederschmetterndes und beschämendes Urteil. Zwar ist männliche Unfruchtbarkeit der häufigste Grund für Paare im Vereinigten Königreich, um eine IDV-Behandlung durchführen zu lassen – aber als dem 39-jährigen Craig Franklin unverblümt gesagt wurde, dass er kein Sperma hatte, fühlte er sich alleine und entmannt.

Männliche Unfruchtbarkeit ist ein gesellschaftliches Tabuthema. (Bild: fizkes/fotolia.com)

„Der Allgemeinarzt sagte: Du produzierst keine Spermien, du wirst keine Kinder haben können. Und jetzt raus mit dir“, berichtet der 39-Jährige. Es habe überhaupt keine Unterstützung gegeben.

Die Auswirkungen trafen ihn hart und hätten beinahe dazu geführt, dass er mit seiner Partnerin Katie Schluss gemacht hätte.

„Ich war sehr lange wütend. Hatte Existenzängste“, erzählt er dem BBC-Programm Victoria Derbyshire. „Meine Leistung bei der Arbeit hat sich so stark verschlechtert, dass ich Ende letzten Jahres meinen Job verloren habe.“

„Es hat mir das Herz gebrochen. Ich habe einen Mann gesehen, der gebrochen wurde“, sagt Katie. „Er fühlte sich nicht mehr wie ein Mann, und das ist so unfair.“

Die führende Fruchtbarkeits-Expertin Prof. Sheena Lewis – Vorsitzende der British Andrology Society mit dem Ziel, die Förderung der reproduktiven Gesundheit von Männern zu verbessern – sagt, dass die mangelnde Beachtung der männlichen Fruchtbarkeit im Gesundheitssystem ein dringendes Problem sei.

„Männer werden nicht richtig versorgt, nicht diagnostiziert und nicht betreut“, so die Forscherin weiter. Die Qualität des Spermas von Männern in der westlichen Welt sei rückläufig. Allerdings sei wenig darüber bekannt, wie es verbessert werden kann – und es gebe nur wenige Behandlungen, die von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden.

Das führt zu der absurden Situation, dass sich Frauen routinemäßig einer IVF unterziehen müssen – obwohl an ihrer eigenen Fruchtbarkeit nichts auszusetzen ist.

„Die Frau fungiert hier tatsächlich als Therapie für das Problem des Mannes“, sagt sie. „Wir geben einer Person, die es gar nicht braucht, ein invasives Verfahren, um eine andere Person zu behandeln. Das ist in keinem anderen Bereich der Medizin so.“

Prof. Lewis fügt hinzu, dass es auch ein enormer Kostenfaktor für das Gesundheitssystem sei, gerade in einer Zeit, in der IVF in vielen Teilen des Landes rationiert werden musste.

Genetische Ursachen

Ein Paar, das anonym mit dem Programm von Victoria Derbyshire gesprochen hatte, hätte seinen Sohn vielleicht nie bekommen können, wenn sie nicht privat nach anderen Möglichkeiten gesucht hätten.

Standardmäßig bekamen sie IVF verschrieben – trotz der guten Fruchtbarkeit der Partnerin, aber die Behandlung scheiterte an den schlechten Spermien des Mannes.

„Es war wirklich unangenehm. Spritzen mit Nadeln, die nicht gleich beim ersten Mal reingehen, das ist kein Spaziergang im Park“, erklärt sie.

Daraufhin suchte der Mann eine Privatklinik auf und ließ eine Behandlung der Varikozele, einer Abnormalität im Hodensack, vornehmen, von der bis zu 40% der Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen betroffen sind. Die Operation war sogar preiswerter als die IVF und seine Frau konnte auf natürlichem Wege schwanger werden.

Für Stephen Harbottle, einen beratenden klinischen Wissenschaftler, der geholfen hat, die Fruchtbarkeitsrichtlinien für den Gesundheitswächter NICE zu entwickeln, sagt: „Da die Varikozele-Behandlung nicht für jeden Mann funktioniert, muss das Gesundheitssystem sicherstellen, dass andere Optionen erforscht werden, bevor einem Paar eine In-Vitro-Fertilisation angeboten wird.“

Dazu gehören einfache Lösungen wie Nahrungsergänzungsmittel oder Tests zur Überprüfung genetischer bedingter Spermienschädigung.

Der Grund, warum dies derzeit nicht passiert, ist, dass „Ärzte überhaupt keine anderen Möglichkeiten haben, als Patienten für IVF zu überweisen. Männer werden in gewisser Weise nur durch das System geschröpft.“

Konzentration auf die Frau

Einige Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen berichten auch, dass sie bei den Hausärzten, die sich auf die Frauen konzentrieren, das Gefühl haben, dass sie von der Behandlung ausgeschlossen sind.

Mark Harper – aus Ilkeston in Derbyshire – hat zwei Kinder durch Spendersperma. Aber als bei ihm fehlendes Sperma diagnostiziert wurde, war es seine Frau, die der Arzt mit der Nachricht anrief, nicht er.

„Wenn Sie über männliche Unfruchtbarkeitsprobleme sprechen, sollten Sie mit dem Mann darüber sprechen“, sagt er. „Ich bin hier, ich bin eine Person, ich war derjenige, der vor dir sitzt, und ich bin derjenige, mit dem du reden musst.“

Beim Thema Unfruchtbarkeit ist der Mann häufig außen vor. (Bild: auremar/fotolia.com)

Das Royal College of General Practitioners (RCGP) sagte in einer Erklärung, dass seine Mitglieder „bestens für sensible, nicht wertende Gespräche mit den Patienten ausgebildet sind … einschließlich der möglichen Gründe, aus denen jemand unfruchtbar sein könnte und seinen besten Optionen“.

Biologische Uhr der Männer

Prof. Sheena Lewis sagt, die mangelnde Aufmerksamkeit für die männliche Fruchtbarkeit bedeute auch, dass Männer nicht über ihre reproduktive Gesundheit informiert werden und sie fälschlicherweise für selbstverständlich hielten.

„Männer haben eine biologische Uhr. Im Laufe der Zeit gibt es aufgrund ihres Lebensstils immer mehr Möglichkeiten für Mutationen in ihrem Sperma. Männer, die bei der Zeugung über 45 Jahre alt sind, haben häufiger Kinder, die Kinderkrebs oder psychiatrische Störungen wie eine bipolare Störung oder Autismus haben“, sagt sie und fügt hinzu, dass das auch bei jungen Männern mit schlechter Spermienqualität der Fall ist.

Katie und Craig sagen, dass die Ärzte den Grund dafür, warum sie nicht schwanger werden konnten, bei Katie vermuteten – sie wurde getestet, bevor Craigs Fruchtbarkeit überhaupt in Zweifel gezogen wurde.

Das Paar sucht nun privat nach Spendersamen, nachdem ihm das Gesundheitssystem IVF verweigert hat.

Das Stigma, das männliche Unfruchtbarkeit umgibt, hat dazu geführt, dass Craig vorher noch nie offen über dieses Thema gesprochen hat – bis jetzt wussten es sogar seine Freunde nicht.

„Darüber redet man unter Männern nicht“, sagt er. „Es wird ausgeblendet, totgeschwiegen.“

Das Ehepaar sagt, dass es anderthalb Jahre gedauert hat, sich damit abzufinden, dass man keine Kinder ohne Spendersamen bekommen kann. Das schlimmste sei gewesen, dass ihnen nie emotionale Unterstützung angeboten wurde. Aber jetzt sind sie darüber hinweg.

„Wir sind stärker als je zuvor“, sagt Katie. „Aber andere Paare sind vielleicht nicht so stark wie wir. Sie können das vielleicht nicht durchstehen und ich kann verstehen, warum. Es ist so schwer für den Mann, sich damit abzufinden, dass er seiner Frau kein Kind geben kann.“ (fs)