Statt Cannabis: Lebermoos soll die wirksamere und sogar gesündere THC-Alternative sein

Volker Blasek

Ist Lebermoos medizinisch effektiver als Cannabis?

Die medizinische Verwendung von Cannabis setzt sich zunehmend durch. Der im Cannabis enthaltene Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) kann nachweislich Schmerzen, Muskelkrämpfe, Schwindel und Appetitverlust lindern. Allerdings wird Cannabis auch vielfach als illegales Betäubungsmittel verwendet, wirkt psychoaktiv, kann abhängig machen und Psychosen begünstigen. Derzeit wird ein seltenes Moos untersucht, dass die gleichen Vorteile von THC mit sich bringt, aber weniger Nachteile hat. Kann Lebermoos dem Cannabis den Rang ablaufen?


Forschende aus der Schweiz haben erstmalig eine THC-ähnliche Substanz aus dem Lebermoos „Radula perrottetii“ hinsichtlich der medizinischen Nutzung untersucht. Wie das Team der Universität Bern und der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich berichtet, können die Substanzen aus dem Lebermoos, die sogenannten Perrottetinen, eine THC-ähnliche schmerzstillende und entzündungshemmende Wirkung erzielen, die dem Cannabis überlegen ist. Die Forschungsergebnisse sind kürzlich in dem Fachjournal „Science Advances“ erschienen.

Das seltene Lebermoos, das nur in Japan, Neuseeland und Costa Rica wächst, enthält THC-ähnliche Wirkstoffe, die Schweizer Forschenden zufolge effektiver wirken als Cannabis-Wirkstoffe. (Bild: dule964/fotolia.com)

Cannabis gilt als konkurrenzlos

In der Medizin wird der Wirkstoff THC zunehmend gegen gewissen Schmerzformen, bei Krämpfen, gegen Schwindel und bei Appetitlosigkeit eingesetzt. Nach einem Jahr medizinischem Cannabis steigt die Nachfrage. Insgesamt werden die positiven Aspekte bei Bedürftigen als überwiegend eingestuft. Die starke psychoaktive Wirkung macht Cannabis aber auch für den Missbrauch beliebt. Die Hanfpflanze galt bislang als weltweit einzige Pflanze, aus der THC gewonnen werden kann. Der Wirkstoff wurde erstmals im Jahr 1964 von Raphael Mechoulam am Weizmann-Institut in Israel aus Cannabis isoliert.

Lebermoos als erster Cannabis-Kontrahent

Lange Zeit gingen Forschende davon aus, dass Hanf die einzige Pflanze ist, aus der man THC gewinnen kann. Im Jahr 1994 entdeckte der japanische Pflanzenchemiker Yoshinori Asakawa jedoch mit dem THC verwandte Substanzen in dem Lebermoos „Radula perrottetii“, dass nur in Japan, Neuseeland und Costa Rica wächst. Diese Naturwirkstoffe nannte er Perrottetinen. Lebermoos kann in der Schweiz als legale Rauschdroge gekauft und konsumiert werden. Nach Angaben der Schweizer Forschenden wirkt das Moos aus medizinischer Sicht effektiver als Cannabis.

Als legales Rauschmittel im Internet entdeckt

In den Untersuchungen konnte das Team erstmals die Perrottetinen-Atome dreidimensional anordnen. Hierbei zeigte sich eine auffallende Ähnlichkeit zum THC. „Es ist erstaunlich, dass nur zwei Pflanzengattungen, die 300 Millionen Jahre in der Entwicklungsgeschichte auseinanderliegen, psychoaktive Cannabinoide produzieren“, berichtet Jürg Gertsch von der Universität Bern in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen. Er entdeckte die Lebermoose im Internet, die als legale Rauschdrogen angeboten wurden. Aus wissenschaftlicher Sicht war zu diesem Zeitpunkt nicht viel darüber bekannt.

Lebermoos versus Cannabis

Dies wollte das Forscherteam nun ändern. Bei Mäusen konnten die Forschenden belegen, dass Perrottetinen sehr einfach ins Gehirn gelangen und dort die gleichen Rezeptoren aktivieren wie THC, die sogenannten Cannabinoid-Rezeptoren. Dabei stellte das Team fest, dass die entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung der Moos-Wirkstoffe stärker ist als die aus dem Cannabis. „Dies macht Perrottetinen für eine medizinische Anwendung interessant“, schreiben die Forschenden.

Warum ist Lebermoos besser für medizinische Zwecke geeignet?

Wie bereits zahlreiche Studien belegten, hat THC großes therapeutisches Potenzial bei chronischen Erkrankungen. Dennoch wird es verhältnismäßig wenig verwendet, weil höhere Dosen stark psychoaktiv wirken. Andrea Chicca aus dem Forscherteam erklärt die Vorteile der Perrottetinen: „Dieser Naturstoff wirkt weniger stark psychoaktiv und könnte gleichzeitig entzündliche Prozesse im Gehirn blockieren.“ Insbesondere hemmen Perrottetinen die entzündungsauslösenden Prostaglandine im Gehirn. Diese Gewebshormone sind für Schmerzen, Blutgerinnung, Entzündungen und viele andere negative Vorgänge verantwortlich.

Werden Lebermoose Cannabis ersetzen?

Die Perrottetinen können laut den Forschenden genau wie das THC an Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn andocken, die eigentlich für die körpereigenen Endocannabinoide gedacht sind. „Um Cannabinoidforschung zu betreiben, braucht es solide Grundlagenforschung im Bereich der biochemischen und pharmakologischen Mechanismen, wie auch kontrollierte klinische Studien“, resümiert Gertsch. Es seien noch weitere Studien nötig, um die medizinische Eignung von Perrottetinen aus dem Lebermoos einschätzen zu können. (vb)