Gesundheitsgefahr: Wenn im Schlaf ein Schlaganfall droht

Schlaganfall im Schlaf: Neue Therapiemöglichkeit für Patienten

Jedes Jahr erleiden mehr als eine Viertelmillion Bundesbürger einen Schlaganfall. Eine zeitnahe Notfallbehandlung ist für Betroffene oft überlebenswichtig. Doch manche Menschen trifft der Hirninfarkt im Schlaf. Forscher haben nun entdeckt, dass eine bestimmte Behandlungsmöglichkeit – anders als bislang angenommen – auch noch Stunden nach dem Schlaganfall helfen könnte.


Zahlreiche Todesfälle könnten vermieden werden

Gesundheitsexperten zufolge erleiden jedes Jahr mehr als eine Viertelmillion Deutsche einen Schlaganfall. Der Hirninfarkt stellt eine der häufigsten Todesursachen hierzulande dar. Laut Fachleuten wären viele Todesfälle vermeidbar, wenn Schlaganfall-Symptome rasch erkannt und die Betroffenen umgehend versorgt werden. Doch manche Menschen erleiden den Hirninfarkt im Schlaf. Für diese Patienten könnte es nun neue Behandlungsmöglichkeiten geben, wie Forscher berichten.

Bei einem Schlaganfall kann schnelles Handeln Leben retten. Doch manche Menschen bemerken ihren Hirninfarkt erst gar nicht, etwa weil sie ihn im Schlaf erleiden. Eine bestimmte Behandlung kann jedoch auch noch deutlich später als bislang angenommen erfolgen, wie Forscher nun herausgefunden haben. (Bild: psdesign1/fotolia.com)

Leben retten durch schnelles Handeln

Schlaganfall ist die zweithäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für bleibende Behinderung im Erwachsenenalter in der westlichen Welt.

Ursache für einen Schlaganfall ist in der Regel der Verschluss eines Blutgefäßes im Gehirn (Ischämie) durch ein Blutgerinnsel (Thrombus). In der Folge stirbt das durch das verschlossene Gefäß versorgte Hirngewebe ab.

Schnelles Handeln ist daher lebenswichtig.

Das Blutgerinnsel kann medikamentös durch die Behandlung mit einer Thrombolyse aufgelöst werden. Geschieht dies rechtzeitig, können bleibende neurologische Symptome oder eine Behinderung verhindert werden.

Laut Medizinern ist die intravenöse Thrombolyse mit dem Wirkstoff Alteplase eine effektive und sichere Akutbehandlung für den ischämischen Schlaganfall, wenn der Therapiebeginn innerhalb der ersten 4,5 Stunden nach Symptombeginn erfolgt.

Genauer Zeitpunkt des Symptombeginns oft unbekannt

„Bei rund 20 Prozent aller Patienten mit akutem Schlaganfall ist der genaue Zeitpunkt des Symptombeginns jedoch unbekannt, etwa weil die Symptome erst beim morgendlichen Erwachen bemerkt werden oder weil Patienten unbeobachtet einen Schlaganfall erleiden und aufgrund von Sprachstörungen keine Auskunft über den Symptombeginn geben können“, erläutert Prof. Dr. Götz Thomalla vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in einer Mitteilung.

Diese große Gruppe von Patienten kam bislang allein aufgrund des fehlenden Wissens um das Zeitfenster für eine Thrombolyse nicht in Frage.

Doch eine von Wissenschaftlern des UKE geleitete Studie („WAKE-UP“) hat nun erstmals gezeigt, dass auch Patienten, die im Schlaf einen Schlaganfall erleiden und die Symptome erst nach dem Aufwachen am nächsten Morgen feststellen, von einer sogenannten Thrombolyse profitieren können.

Wie es in der Mitteilung heißt, gelang es in der WAKE-UP-Studie nun erstmals, mittels MRT-Diagnostik geeignete Patienten für die Thrombolyse auszuwählen, auch ohne den Zeitpunkt des Schlaganfalls zu kennen.

Bei ihnen traten geringere neurologische Symptome oder Behinderungen auf als bei anderen Patienten.

Die Studienergebnisse wurden vor kurzem bei der European Stroke Organisation Conference in Göteborg präsentiert und im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Weitere Verbesserung der Behandlung von Schlaganfallpatienten

„Das positive Ergebnis der WAKE-UP-Studie ist ein großer Schritt zur weiteren Verbesserung der Behandlung von Schlaganfallpatienten, da die Studie die Möglichkeit eröffnet, eine große Zahl von Patienten mit einer Thrombolyse zu behandeln, die bisher davon grundsätzlich ausgeschlossen waren“, so Thomalla, Erstautor der Studie und Leitender Oberarzt in der Klinik für Neurologie des UKE.

„Die Behandlung auf der Basis der MRT-Bildgebung ohne Wissen um den Zeitpunkt des Symptombeginns stellt einen Paradigmenwechsel für die Thrombolyse beim Schlaganfall dar.“

Auch Prof. Dr. Christian Gerloff, Direktor der Klinik für Neurologie und Stellvertretender Ärztlicher Direktor des UKE, schätzt die Bedeutung der Studie ausgesprochen hoch ein:

„Die Ergebnisse von WAKE-UP werden einen direkten Effekt auf die klinische Praxis der Schlaganfallbehandlung haben. Auf der Basis der Studienergebnisse werden wir in Zukunft bei vielen Schlaganfallpatienten eine bleibende Behinderung abwenden können.“

Mit MRT geeignete Patienten für Thrombolyse identifizieren

In die WAKE-UP-Studie wurden Patienten mit akutem ischämischem Schlaganfall und unbekanntem Zeitpunkt des Symptombeginns im Alter von 18 bis 80 Jahren eingeschlossen. Die Auswahl der Patienten für die Behandlung erfolgte mittels Magnetresonanztomografie (MRT).

Insgesamt 503 der Patienten wurden behandelt – entweder mit dem Wirkstoff Alteplase oder einem Scheinmedikament (Placebo).

„Nach 90 Tagen war das klinische Ergebnis in der mit Alteplase behandelten Gruppe signifikant besser als in der Placebogruppe“, erklärte Studienleiter Thomalla.

So erreichten 53,3 Prozent der mittels Thrombolyse behandelten Patienten ein sehr gutes klinisches Ergebnis, während dies nur bei 41,8 Prozent der Patienten in der Placebogruppe der Fall war.

Prof. Thomalla: „Dies entspricht einer absoluten Zunahme von Patienten, die den Schlaganfall ohne Behinderung überstanden haben, von 11,5 Prozent.“

Patienten in der Alteplasegruppe hatten eine um 62 Prozent höhere Chance, drei Monate nach dem Schlaganfall geringere neurologische Symptome oder Behinderungen zu haben als die Patienten der Placebogruppe.

Auch in der Selbsteinschätzung hinsichtlich Gesundheitszustand und Lebensqualität nach drei Monaten hatten die Patienten in der Alteplasegruppe signifikant profitiert. (ad)