Juckreiz einfach unterbinden: Neuer Wirkstoff schaltet chronisches und akutes Jucken ab

Volker Blasek

Dieser neue Wirkstoff unterdrückt auch heftigen Juckreiz

Wohl jeder kennt den quälenden und nervigen Juckreiz nach einem Mückenstich. Doch bei manchen Juckreizgeplagten geht der Drang zum Kratzen weit über diese bekannten Reize hinaus. Rund zehn Prozent der Bevölkerung leiden unter Haut-, Nieren- oder Lebererkrankungen, die einen chronischen Juckreiz mit sich bringen, der Betroffene fast in den Wahnsinn treiben kann. Ein Schweitzer Forscherteam hat nun einen Wirkstoff entwickelt, der Juckreiz komplett neutralisieren kann.


Der neue Wirkstoff unterdrückt effektiv sowohl akuten als auch chronischen Juckreiz, berichtet das Forscherteam, um Professor Hanns Ulrich Zeilhofer vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich. Für chronischen Juckreiz sei dies sogar der erste Behandlungsansatz überhaupt. Nach Angaben der Wissenschaftler entfaltet das neu entwickelte Arzneimittel seinen Wirkstoff direkt an den Rezeptoren, die für Juckreiz verantwortlich sind. Ihre Studienergebnisse publizierten die Forschenden kürzlich in dem renommierten Fachjournal „Nature Communications“.

Lästiges und quälendes Jucken könnte bald in Vergessenheit geraten. Ein neuer Wirkstoff erzeugt eine gewollte Unwissenheit, indem er das Juckreiz-Signal unterdrückt, bevor es an das Gehirn weitergeleitet wird. (Bild: absolutimages/fotolia.com)

Kommt bald das Wundermittel gegen Juckreiz?

Quälendes Jucken und Kratzen könnte bald der Vergangenheit angehören. Insbesondere für Patienten, die unter anhaltenden juckenden Hautausschlägen, Nieren- oder Lebererkrankungen leiden, könnte der neue Wirkstoff eine große Erleichterung sein. „Diese chronischen Beschwerden, die rund 10 Prozent der Bevölkerung betreffen, werden bisher zum Beispiel mit Antidepressiva oder Immunsuppressiva behandelt“, schreiben die Wissenschaftler in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen.

Ursprünglich gegen Angst entwickelt

Der Wirkstoff sollte ursprünglich angstlösend wirken und gegen Angststörungen eingesetzt werden. Bei Tests stellte sich heraus, dass der Wirkstoff zwar nicht die gewünschte Linderung gegen Angstgefühle erbringt, aber dafür die Weiterleitung von Juckreizsignalen ins Hirn hemmt. Wie die Forschenden erläutern, wird die Wirkung erzielt, indem der Wirkstoff auf bestimmte Nervenzellen im Rückenmark einwirkt. Über diese sogenannten GABA-Rezeptoren lasse sich das Juckreizsignal steuern.

Keine unbekannten Beteiligten

Die oben erwähnten GABA-Rezeptoren sind Wissenschaftlern und Medizinern schon länger bekannt. Auch die Wirkung anderer Medikamente (Benzodiazepine) basiert auf dieser Rezeptorenfamilie. Diese Arzneien kommen beispielsweise bei Schlaflosigkeit, Angststörungen oder Epilepsie zum Einsatz.

Beschleunigte Heilungsprozesse

Das Forscherteam um Professor Zeilhofer konnte noch weitere positive Aspekte des Wirkstoffes erkennen. In ihren Experimenten konnten die Pharmakologen dokumentieren, dass der experimentelle Wirkstoff nicht nur akuten und chronischen Juckreiz unterdrückt, sondern auch den Heilungsprozess bei ekzemartigen Veränderungen der Haut beschleunigt. Mäuse mit Hautveränderungen bekamen den Wirkstoff verabreicht und kratzen sich infolge deutlich weniger, wodurch die Ekzeme wesentlich schneller verheilten.

Für Mensch und Tier geeignet?

In weiteren Versuchen, welche die Forschenden in Zusammenarbeit mit dem Tierspital der Universität Zürich durchführten, bestätigte sich die juckreizlindernde Wirkung auch bei Hunden. Unerwünschte Nebenwirkungen konnten bislang nicht festgestellt werden. „Die Ergebnisse lassen hoffen, dass die Substanz, die wir getestet haben, auch beim Menschen wirkt“, resümiert Professor Zeilhofer die Studie.

Auch Hunde dürfen sich freuen

„Gleichzeitig sind die Erkenntnisse für die Tiermedizin wertvoll“, berichtet der Professor weiter. Haushunde würden genauso wie Menschen häufig unter chronischem Juckreiz leiden. Auch der beste Freund des Menschen könnte von der neuen Therapie profitieren. Der Wirkstoff wurde bereits als Patent angemeldet. Nun widmen sich die Forschenden der Aufgabe, die Substanz als Arzneimittel für die Humanmedizin nutzbar zu machen. (vb)