Psychogene Sehstörungen: Wenn Kinder plötzlich nicht mehr gut sehen können

Hilferuf der Seele: Wenn Kinder plötzlich unscharf oder verzerrt sehen

Häufig sind es zwar körperliche Ursachen, die dafür verantwortlich sind, dass Kinder plötzlich unscharf oder verzerrt sehen, doch in manchen Fällen steckt auch ein seelischer Konflikt hinter dem Problem. Gesundheitsexperten zufolge ist dies bei Mädchen deutlich öfter der Fall als bei Jungen.


Mädchen sind sehr viel häufiger betroffen

Gesundheitsexperten zufolge ist ein gutes Sehvermögen wichtig für die geistige und motorische Entwicklung von Kindern. Wenn die Kleinen plötzlich unscharf oder verzerrt sehen, kann neben körperlichen Ursachen auch ein seelischer Konflikt dahinterstecken. Laut Schätzungen sind ein bis zwei Prozent aller Kinder, die sich in augenärztliche Behandlung begeben, von solchen funktionellen Sehstörungen betroffen, Mädchen sehr viel häufiger als Jungen. Darauf weist die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) in einer Mitteilung hin.

Wenn Kinder plötzlich unscharf oder verzerrt sehen, kann neben körperlichen Ursachen auch ein seelischer Konflikt dahinterstecken. (Bild: altanaka/fotolia.com)

Nicht immer sind die Augen die Ursache für schlechtes Sehvermögen

Eltern, deren Kinder über schlechtes Sehvermögen klagen, begeben sich mit ihrem Nachwuchs meist sofort zum Augenarzt.

„Er ist die erste Anlaufstelle, um zu klären, ob ein organischer Grund für die Verschlechterung vorliegt“, sagte Frau Professor Dr. med. Nicole Eter, Präsidentin der DOG.

Der Arzt stellt dann mitunter fest, dass es nicht an den Augen liegt – Hornhaut, Linse, Sehnerv oder Makula sind in Ordnung, und es gibt auch keine Fehlsichtigkeit, gegen die eine Brille helfen würde.

„In dieser Situation gehen dem Augenarzt möglicherweise unangenehme Szenarien durch den Kopf“, so Professor Dr. med. Helmut Wilhelm.

„Nun aber gleich an schwere Erkrankungen wie Hirntumor oder Multiple Sklerose zu denken und aufwändige Diagnostik etwa in Form von Kernspintomografie oder Rückenmarkspunktion zu bemühen, wäre der falsche Weg“, sagte der Neuro-Ophthalmologe der Universitäts-Augenklinik Tübingen.

Der Augenarzt sollte vielmehr zunächst versuchen, aktiv zu beweisen, dass die Sehfunktion eigentlich intakt ist.

„Einem erfahrenen Augenarzt wird es sehr schnell auffallen, wenn Angaben gemacht werden, die so nicht zutreffen können“, erklärte der Tübinger Spezialist für nervlich bedingte Sehstörungen.

Dann könne der Experte durch verschiedene Untersuchungsstrategien Situationen schaffen, in denen erkennbar wird, dass subjektive Aussagen zu Sehschärfe oder zum Gesichtsfeld nicht mit objektiven Befunden in Deckung zu bringen sind.

Hilferuf der Seele

Wenn es schließlich erwiesen ist, dass ein Kind falsche Angaben zu seinem Sehvermögen macht, stellt sich die Frage, warum es dies tut.

„In den seltensten Fällen wird es sich um eine bewusste Täuschung handeln“, betonte Wilhelm, der fast jede Woche einen solchen Patienten in der Klinik sieht.

In der Regel leide das Kind unter einem inneren Konflikt, für den es keine Lösung wisse. „Es handelt sich gewissermaßen um einen Hilferuf der Seele, der unsere Reaktion erfordert, gemeinsam mit Kinderärzten und Kinderpsychiatern“, sagte der DOG-Experte.

Konflikte in der Familie und Schulprobleme

Wie es in der Mitteilung der DOG heißt, nennen Untersuchungen zu den Ursachen interfamiliäre Konflikte (30 Prozent) sowie Schulprobleme (25 Prozent) an erster und zweiter Stelle.

In manchen Fällen wird auch ein vorangegangenes Schädelhirntrauma angegeben, das aber nicht Ursache, sondern allenfalls Auslöser sein kann. Häufig bleiben die Gründe ungeklärt.

Präzise Daten dazu, wie häufig psychisch bedingte Sehstörungen bei Heranwachsenden vorkommen, liegen laut den Experten derzeit nicht vor.

Es wird aber davon ausgegangen, dass von allen Kindern, die sich in augenärztliche Behandlung begeben, etwa ein bis zwei Prozent betroffen sind – „Mädchen deutlich häufiger als Jungen“, berichtete Wilhelm.

Allerdings besteht in der Regel kein Grund zur Besorgnis, dass dieser Zustand dauerhaft anhält.

Denn in etwa 90 Prozent der Fälle verschwinden die Beschwerden entweder relativ rasch von selbst oder nach einer kurzen Placebo-Therapie beispielsweise mittels einer schwachen, an sich nicht notwendigen Brille oder wirkstoffreien Augentropfen.

Und: „Nach allem, was wir wissen, ist eine funktionelle Sehstörung kein Zeichen, das eine spätere psychiatrische oder psychosomatische Erkrankung ankündigt“, erläuterte Wilhelm. (ad)