Ärztemangel bedeutet künftiges Versorgungsrisiko

Alfred Domke

Ärztemangel: Medizinisches Versorgungsrisiko in Deutschland

27.12.2013

Einer aktuellen Untersuchung zufolge fehlen in Deutschland etwa 2.600 Hausarztpraxen. Auch an Fachärzten bestehe ein Mangel. Vor allem in ländlichen Regionen drohe ein medizinisches Versorgungsrisiko.

Tausende Arztpraxen fehlen
In ländlichen Regionen Deutschlands werde der Mangel an Haus- und Fachärzten zu einem Risiko für die medizinische Grundversorgung. Den Zahlen einer Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung (KBV) zufolge fehlen bundesweit etwa 2.600 Hausarztpraxen, die nach der Bedarfsplanung der Ärzteverbände zur Sicherstellung der Grundversorgung vor allem auf dem Land nötig wären. Dies geht nach Informationen der „Welt“ aus einer Erhebung der KBV vom August hervor. Außerdem würden rund 2.000 Facharztpraxen fehlen, davon allein 1.250 Praxen für Psychotherapeuten.

Ärzte für die Grundversorgung dringend gebraucht
„Die Zahlen zeigen, wie dringend wir Ärzte für die Grundversorgung der Bürger vor Ort brauchen“, so KBV-Sprecher Roland Stahl gegenüber der „Welt“. Angesichts medizinischer Versorgungslücken hatten die Kassenärzte bereits Anfang 2013 zusammen mit Krankenkassen, Kliniken und Patientenvertretern vor allem im ländlichen Raum ihre Bedarfsplanung nachjustiert. So sollte mit einer detaillierteren Planung der tatsächliche Versorgungsbedarf genauer erfasst werden, um so Anwerbeversuche zur Ansiedlung von Ärzten auf dem Land gezielter einzusetzen.

Gewünschter Erfolg blieb blieb bislang aus
Die nun vorliegende Zwischenbilanz zeige aber, dass der gewünschte Erfolg bislang ausblieb. „Mit Planung alleine ist noch kein neuer Arzt gewonnen“, so Stahl. Bundesweit gibt es rund 52.000 Hausarzt- und etwa 66.400 Facharztpraxen, davon annähernd 22.000 psychotherapeutische Praxen. Der Großteil der Mediziner bevorzuge mittelgroße Städte und Metropolen, vor allem um dort die vorhandene Infrastruktur zu nutzen, wie etwa Kinderbetreuung oder Freizeitangebote. Im ländlichen Raum dagegen sind viele Praxen unbesetzt. Dort gehen aufgrund der Altersstruktur viele Ärzte in den Ruhestand und die Praxen werden dann nur unzureichend nachbesetzt. Eine weitere Folge davon ist, dass dadurch auch Apotheken und Physiotherapeuten fehlen, da diese auf eine entsprechende Anzahl von Hausarztpraxen angewiesen sind.

Umsatzgarantien und Investitionshilfen
Bis zum Jahr 2021 werden nach Einschätzung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bundesweit etwa 51.000 Haus- und Fachärzte in den Ruhestand wechseln. Die Ärzteverbände versuchen seit Jahren gegenzusteuern, doch die Versorgungslücken halten sich hartnäckig. „Die Kassenärztlichen Vereinigungen tun bereits sehr viel, um Mediziner für die Niederlassung zu gewinnen“, sagte Stahl. Beispielsweise würden Ärzten Umsatzgarantien und Investitionshilfen von den Vereinigungen angeboten. „Manche richten komplette Praxen ein. Doch entscheidend ist auch die Attraktivität des Standorts“, so der KBV-Sprecher. „Hier müssen Kommunen ein Standortmarketing betreiben wie bei der Ansiedlung von Betrieben.“

Neuer Bundesgesundheitsminister ist gefragt
Künftig ist auch der neue Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gefragt, bei der Problemlösung mitzuwirken. Zur Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung sollten die Anreize zur Niederlassung in unterversorgten Gebieten verbessert werden, heißt es im schwarz-roten Koalitionsvertrag. Die Koalitionäre dazu: „Darum werden wir unnötige bürokratische Anforderungen abbauen und die Rahmenbedingungen für Zulassungen für Ärztinnen und Ärzte und Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten flexibilisieren.“ Auch die Zulassung von Krankenhäusern zur ambulanten Versorgung in unterversorgten Gebieten solle erleichtert werden.

Deutschland gehört zu internationalen Spitzenreitern bei Ärztedichte
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln sieht derzeit noch keinen Ärztemangel in Deutschland. So werden jährlich in den kommenden Jahren zwar etwa 6.600 Ärzte aus dem Berufsleben ausscheiden. „Diesen stehen aber jährlich etwa 10.000 Absolventen der Humanmedizin gegenüber“, heißt es in einer Mitteilung des IW von vor wenigen Monaten. Bei einer gleich bleibenden Bevölkerungszahl ist die Zahl der Ärzte zwischen 1999 und 2011 sogar um 92.000 gestiegen. „Über ihre ärztliche Versorgung brauchen sich die Deutschen vorerst keine Sorgen zu machen“, heißt es weiter. Es würden derzeit auch mindestens 31.000 Ärzte aus dem Ausland in Deutschland praktizieren. Zum Teil handele es sich dabei um deutsche Staatsbürger, die aufgrund hoher Zulassungshürden im Ausland studiert hätten, teilt das IW mit. Bei der Ärztedichte mit 3,84 Ärzten pro 1.000 Einwohner gehöre Deutschland zu den Spitzenreitern im internationalen Vergleich. (ad)

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