Experte: Aids Heilung wahrscheinlicher als Impfung

Astrid Goldmayer

Bei Aids halten Experten eine Heilung für wahrscheinlicher als die Entwicklung eines Impfstoffs gegen HIV

21.03.2014

In Fachkreisen wird über die Heilungschancen von Aids diskutiert. Nachdem kürzlich ein mit HI-Viren infiziertes Baby für „funktionell geheilt" erklärt wurde, scheint die Wahrscheinlichkeit zu steigen, dass Patienten zukünftig nicht mehr ihr Leben lang auf Medikamente angewiesen sind, um das Virus unter Kontrolle zu bringen. Experten zufolge könnte eine Heilung sogar noch vor der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Aids möglich sein.

In sehr wenigen Fällen ist eine „funktionelle Heilung“ von Aids möglich
HIV ist noch immer eine unheilbare Krankheit. Dank antiretroviraler Therapie können Betroffene aber ein weitgehend normales Leben führen. Auch die Lebenserwartung hat sich dank der modernen Behandlung deutlich erhöht. Einige Experten gehen sogar davon aus, dass die Heilung von Aids zukünftig nicht unrealistisch ist. „Wir werden in den nächsten Jahren schneller eine Heilung als eine Impfung bekommen", erklärte der Aids-Forscher Hans Jäger, der die 15. Münchner Aids- und Hepatitis-Tage leitet, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Von Freitag bis Sonntag diskutieren rund 1.500 Experten über das Thema.

„Die Heilung ist ein planbares Konzept, die Therapien sind besser geworden", informierte Jäger im Vorfeld des Fachkongresses. Ihm seien mindestens 20 Fälle bekannt, in denen eine sogenannten funktionelle Heilung auftrat. Als funktionell geheilt bezeichnen Mediziner Patienten, bei denen sich praktische keine Viruslast mehr nachweisen lässt, ohne dass sie spezielle Medikamente erhalten. Jüngstes Beispiel ist ein HIV-infiziertes Baby aus den USA, bei dem – obwohl es keine Behandlung erhielt – die Zahl der Viren nicht stieg.

Bei den meisten Patienten führt eine unbehandelte HIV-Infektion jedoch zum Ausbruch von Aids. In diesem Krankheitsstadium treten die sogenannten opportunistischen Infektionen auf, die durch Bakterien, Pilze, Viren oder Parasiten hervorgerufen werden. Betroffene leiden zudem häufig an bösartigen Tumore wie dem Kaposi-Sarkom und Lymphdrüsenkrebs sowie HIV bedingten Veränderungen im Gehirn (HIV-Enzephalopathie) und dem Wasting-Syndrom. Letztere können im weiteren Verlauf den Tod des Betroffenen verursachen.

Warum konnten einige HIV-Patienten geheilt werden?
Warum es bei einigen, sehr wenigen Patienten auch ohne Behandlung nicht zum Ausbruch von Aids kommt, ist noch weitgehend ungeklärt. Im Blut dieser HIV-Infizierten lässt sich zwar meist das Virus wie ein „Fußabdruck“ nachweisen, die Immunabwehr hält es jedoch unter Kontrolle, so dass eine medikamentöse Therapie nicht mehr notwendig ist. Jäger sind zwei Babys, zwei Patienten aus Berlin und 15 weitere aus einer französischen Studie bekannt, die als funktionell geheilt gelten. „Das sind natürlich viel zu wenige. Wir haben noch nicht verstanden, welche Mechanismen das sind, die speziell diese Menschen an die Heilung gebracht haben. Wir wissen nur: Es klappt. Wir haben den Beweis dafür, dass es möglich ist", so der Experte.

Im Fall eines HIV-Kranken aus Berlin, der an Leukämie litt, bewirkte eine Stammzelltransplantation die funktionelle Heilung. Einige Jahre nach der Behandlung war das Virus nicht mehr in seinem Körper nachweisbar. Der Aids-Forscher berichtet zudem von einem Verfahren, bei dem der Andockmechanismus für das Virus bei den Helferzellen außer Kraft gesetzt wird. Auf diese Weise werden die zuvor außerhalb des Körpers behandelten Zelle immun gegen das HI-Virus, wenn sie dem Patienten wieder zugeführt werden. Während die alten, vom HIV befallenen Zellen sterben, überleben die neuen. Jäger glaubt, dass dieses „genetische Editing“ auch bei Patienten, die bereits seit langer Zeit an der Infektion leiden, wirksam sein ist.

Funktionelle Heilung bei Aids nur mit hohem Risiko überprüfbar
In anderen Fälle, wie bei den15 Patienten der französischen Studie oder bei Neugeborenen und Neuinfizierten, sei die Viruslast im Blut trotz Therapieabbruch nicht gestiegen. „Jetzt müssen wir das auf größere Patientengruppen übertragen", erläutert Jäger. „Wir sind dabei zu untersuchen, ob nicht mehr von den früh Behandelten zu den funktionell Geheilten gehören können als angenommen." Das sei aber nicht so leicht, da mit dem Absetzen der Medikamente immer ein hohes gesundheitliches Risiko verbunden sei. Deshalb wisse man in vielen Fällen nicht, ob ein Patient funktionell geheilt sei. Die Forschung konzentriere sich deshalb auf Laboruntersuchungen. Wann ein Impfstoff gegen die HIV-Infektion entwickelt werde, stehe in den Sternen. Nach Jägers Ansicht müsse mehr Geld in die Therapieforschung investiert werden.

Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge litten Ende 2012 etwa 78.000 Menschen in Deutschland an einer HIV-Infektion – unter ihnen auch 200 Kinder. Bei mehr als 3.400 Personen wurde eine Neuinfektion festgestellt und etwa 550 Patienten starben an Aids.Weltweit sind mehr als 35 Millionen Menschen von der Immunschwäche betroffen. (ag)

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