Bisphenol A macht Mädchen hyperaktiv und aggressiv

Fabian Peters

Bisphenol A verursacht bei Mädchen erhebliche Verhaltensprobleme

26.10.2011

Mädchen, die während der Schwangerschaft ihrer Mütter mit dem chemischen Weichmacher Bisphenol A belastet wurden, tendieren im späteren Lebensverlauf zu aggressivem, hyperaktivem, ängstlichem und depressivem Verhalten.

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Der in vielen Plastikprodukten enthaltene Weichmacher Bisphenol A (BPA) hat zahlreiche negative Auswirkungen auf den menschlichen Organismus und gilt insbesondere für Kinder als erhebliches Gesundheitsrisiko. Nun haben Forscher der Harvard School of Public Health herausgefunden, dass Bisphenol A bei ungeborenen Mädchen auch Verhaltensprobleme im späteren Lebensverlauf mit sich bringen kann.

Bisphenol A entfaltet hormonelle Wirkung
Die Chemikalie Bisphenol A entfaltet im menschlichen Organismus eine hormonell Wirkung ähnlich dem weibliche Hormon Östrogen. Aufgrund des Eingriffs in den Hormonhaushalt gehen von BPA zahlreiche negative Folgen für die Gesundheit aus, wie unzählige ältere Studien bestätigen. So gilt der Kunststoff-Weichmacher BPA aufgrund der bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen als Auslöser von Eierstockerkrankungen (polyzystisches Ovariensyndrom), schädigend für die Fruchtbarkeit bei Männern und Frauen (Bisphenol-A führt zur Unfruchtbarkeit bei Frauen), potenziell beeinträchtigend für die Gehirnentwicklung und als möglicherweise krebserregend. Zudem konnten Wissenschaftler der Harvard Universität (USA) bereits in früheren Studien nachweisen, das BPA die Reifung von Eizellen schädigt und darüber hinaus auch den Schwangerschaftsverlauf negativ beeinflusst.

Seit dem März 2011 dürfen Hersteller von Babyflaschen aufgrund der Gesundheitsrisiken auch in Deutschland kein Bisphenol A mehr für die Produktion verwenden und seit dem Juni ist hierzulande der Handel mit BPA-belasteten Babyflaschen untersagt. Zu weitreichenderen Regelungen konnte sich der Gesetzgeber bisher jedoch nicht durchringen und so wird BPA weiterhin zur Herstellung von Plastik und Kunstharzen verwendet und ist zum Beispiel in der Beschichtung der meisten Konservendosen, aber auch in Plastiktrinkflaschen enthalten. BPA ist heute laut Aussage der Experten nahezu bei jedem Menschen in Deutschland im Blut nachzuweisen. Auch Schwangere und Kinder haben demzufolge kaum eine Möglichkeit die Aufnahme von BPA gänzlich zu vermeiden.

96 Prozent der Kinder hatten BPA im Körper
Die Forscher der Harvard School of Public Health untersuchten die Auswirkungen des BPA bei 244 Müttern und ihren Kindern aus der Region Cincinnati (USA). Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler um Studienleiter Joe Braun in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Pediatrics“ veröffentlicht. Die teilnehmenden Frauen reichten während ihrer Schwangerschaft zwei Urinproben ein und gaben eine weitere Probe beim Geburtstermin ab. Sämtliche Urinproben wurden von den US-Wissenschaftlern auf die Bishpenol-A-Konzentration untersucht. Außerdem kontrollierten die Forscher jährlich die BPA-Belastung der Kinder bis zum Alter von drei Jahren. Nach dem die Kleinen ihr drittes Lebensjahr abgeschlossen hatten, wurden darüber hinaus die Mütter zum Verhalten ihrer Kinder befragt. Die Forscher entdeckten in mehr als 85 Prozent der Urinproben der Mütter BPA und wiesen die gefährliche Chemikalie bei über 96 Prozent der Kinder nach. Im zeitlichen Verlauf blieben die Werte der Müttern zwischen der ersten und der letzten Probe ungefähr konstant, wohingegen die BPA-Belastung bei den Kindern zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr sogar abnahm. Allerdings wiesen die Kinder oftmals deutlich höhere Konzentrationen auf als ihre Mütter. Zwar zeigte „keines der Kinder klinisch anormales Verhalten“ aufgrund der BPA-Belastung, „aber manche Kinder hatten größere Verhaltensprobleme als andere“, erläuterte Joe Braun in dem aktuellen „Pediatrics“-Artikel.

Verhaltensprobleme durch BPA
Daher haben die US-Forscher im Rahmen ihrer aktuellen Studie „den Zusammenhang zwischen den Bisphenol A-Werten der Mütter und Kinder und dem auffälligem Verhalten“ genauer untersucht. Dabei stellten sie fest, dass die Töchter der Frauen mit einer hohen BPA-Konzentrationen während der Schwangerschaft eher zu Hyperaktivität, aggressivem, ängstlichem oder depressivem Verhalten tendieren. Die betroffenen Mädchen hatten ihre Emotionen deutlich schlechter unter Kontrolle, als die Töchter der Frauen mit niedrigen BPA-Werten, schreiben Braun und Kollegen. Vergleichbare Wirkungen seien bei Jungen nicht zu verzeichnen, so die US-Forscher weiter. Der Zusammenhang zwischen den Verhaltensproblemen und der BPA-Konzentration habe sich auch unter Berücksichtigung anderer beeinflussender Faktoren bestätigt.

Zahlreiche Gesundheitsrisiken durch Bisphenol A
Die Studie der Havard-Wissenschaftler leistet einen weiteren Beitrag zur Aufdeckung der Gesundheitsrisiken, die mit dem Kunststoff-Weichmacher BPA einhergehen. Außerdem belegen die aktuellen Ergebnisse die Aussage zweier früherer Studien, die bereits einen möglichen Zusammenhang zwischen Bisphenol A im Mutterleib und dem späteren Verhalten der Kinder festgestellt hatten. Erstmals konnte nun jedoch nachgewiesen werden, dass eine BPA-Belastung im Mutterleib schwerere Folgen mit sich bringt, als der Kontakt mit BPA im späteren Lebensverlauf, erklärten die US-Forscher. Generell sei von erheblichen gesundheitsschädlichen Wirkungen des BPA auszugehen und da die Zusammenhänge zwischen Bisphenol A und Entwicklungsstörungen bisher nicht vollständig erforscht sind, sollten Verbraucher am besten gänzlich auf beschichtete Konservendosen, in Plastik verpackte Nahrungsmittel oder Plastikflaschen mit der Recycling-Nummer Sieben verzichten, warnen die Experten. Ein generelles Verbot – das im Sinne der Verbraucher durchaus wünschenswert scheint – wird indes nicht zuletzt aufgrund des starken Einflusses der Plastik-Lobby in der EU vermutlich noch einige Zeit auf sich warten lassen beziehungsweise im Zweifelsfall erst erfolgen, wenn noch gravierendere Folgen des BPA bekannt werden. (fp)