Drei Wochen ohne Internet verbessern die Schlaf- und Lebensqualität

Volker Blasek

Jugendliche verzichten in einem Projekt auf Medien und Internet

Drei Wochen ohne Internet und Soziale Medien – was bei vielen zunächst blankes Entsetzen auslösen würde, scheint signifikante positive Folgen mit sich zu bringen. Drei Gruppen von Jugendlichen stellen sich dieser Herausforderung im Zuge einer bayrischen Forschungsarbeit. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und einer Entwöhnungsphase zeigten die Jugendlichen positive Reaktionen auf den Entzug. Sie berichten über besseren Schlaf, mehr Lebensqualität und große Entlastung.


In dem Forschungsprojekt „Klassenzimmer unter Segeln“ der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) waren ausgewählte Schülerinnen und Schüler der zehnten Jahrgangsstufe sechs Monate lang auf dem Dreimaster „Thor Heyerdahl“ unterwegs und wurden auf dem Segelboot unterrichtet. In einer dreiwöchigen Fahrt mussten die Probanden komplett auf WLAN und Soziale Medien verzichten. Wie sie auf den Entzug reagierten, wurde von Professor Dr. Thomas Eberle und Dr. Zinaida Adelhardt vom Institut für Erziehungswissenschaften der FAU beobachtet.

In einem Forschungsprojekt waren Jugendliche drei Wochen auf einem Segelschiff vom Internet und sozialen Medien getrennt. Viele zeigten positive Veränderungen wie bessere Schlaf- und Lebensqualität. Fast alle Beteiligten sahen die Sozialen Medien nachher kritischer als vor der Reise. (Bild: magdal3na/fotolia.com)

Leben ohne YouTube, Facebook, Instagram, WhatsApp und Twitter

„Die sozialen Medien spielen im Alltag von Jugendlichen eine enorm große Rolle“, berichten die FAU-Experten in einer Pressemitteilung zu dem Projekt. Aus einer Umfrage des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen gehe hervor, dass 97 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland ein Smartphone besitzen. So gut wie alle nutzen täglich das Internet.

Welche Motivationen haben Jugendliche im Internet?

Laut der Umfrage ist die vorherrschende Motivation zur Nutzung des Internets „Spaß haben“ (82 Prozent). Die zweithäufigste Angabe, die 80 Prozent der Befragten gaben, war „nützlich für den Alltag“. Weitere häufige Motivationen sind „Denkanstöße“ und „Informationen“ bekommen mit jeweils 79 Prozent. Auch „mitreden können“ scheint für 78 Prozent der Jugendlichen eine entscheidende Rolle zu spielen.

Klassenzimmer unter Segeln

Das Institut für Erziehungswissenschaften der FAU betreibt das „Klassenzimmer unter Segeln“ als eigenen Forschungsbereich. Seit zehn Jahren dürfen ausgewählte Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren das Klassenzimmer gegen ein traditionelles Segelboot eintauschen und hautnah fremde Länder und Kulturen erforschen. Im Austausch für diese Erfahrung müssen sie auf viel Komfort und Internet verzichten.

Forschung mal anderes

Die Erfahrungen aus diesem Projekt fließen in die Bildungsforschung ein. Die Probandinnen und Probanden müssen vor, während und nach der Reise standardisierte Fragebögen ausfüllen und an Interviews mit den Erziehungswissenschaftlern teilnehmen. Des Weiteren schrieben die Beteiligten kurze Aufsätze über ihre Erfahrungen.

Ungewöhnlich, doch hoch interessant

„Die Ergebnisse sind ungewöhnlich und hoch interessant“, berichtet Gesamtprojektleiter Professor Dr. Thomas Eberle. Bisherige Studien hätten bislang nur sehr kurze offline-Zeiten von ein paar Stunden oder einem Tag untersucht. In dem Projekt habe es dagegen Offline-Zeiten von bis zu drei Wochen gegeben, so der Experte.

Reaktionen auf die Offline-Zeit

Laut den Erziehungsforschern haben die Jugendlichen sehr unterschiedlich auf die dreiwöchige Offline-Phase reagiert. Die berichteten Erlebnisse reichten von ruhigerem Schlaf über mehr Lebensqualität bis hin zu weniger Stress. „Sie sprachen sogar von einer großen Entlastung, weil sie nicht ständig online sein müssen“, erläutert Projektleiterin Dr. Zinaida Adelhardt.

Die Angst, etwas zu verpassen

Manche Jugendliche fieberten den seltenen Landgängen entgegen, wo sie sich sofort in das nächste WLAN einloggten, um über die sozialen Medien zu kommunizieren. Neben der Angst, etwas zu verpassen, gaben die Jugendlichen auch an, einen gewissen Druck zu verspüren, der von den Erwartungen der Eltern, Geschwister und Freunde ausging. „Sie hatten das Gefühl, dass sie sich immer so bald wie möglich melden müssen“, so die FAU-Wissenschaftler.

Innerhalb drei Wochen änderte sich die Meinung zu Medien

Unabhängig davon, welche Meinung die Jugendlichen vor der Fahrt zu sozialen Medien hatten, wurden sie im Laufe des Projekts zunehmend kritischer. „Innerhalb von nur drei Wochen nach Medienisolation nahmen die negativen Einstellungen gegenüber Sozialen Medien bei den Schülerinnen und Schülern signifikant zu“, resümieren Eberle und Adelhardt. Ein halbes Jahr später planen die Wissenschaftler eine Nachuntersuchung, um festzustellen, ob es sich um einen kurzfristigen oder anhaltenden Effekt handelt. (vb)