Wissenschaftler: Höhere Sterblichkeit durch das Herzmedikament Digitalis

Fabian Peters
Herzmedikament Digitalis bedingt eine erhöhte Sterblichkeit

Die Behandlung von Herzpatienten mit Digitalis birgt unter Umständen ein deutlich höheres Risiko, als bislang angenommen. So kommt eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Frankfurt zu dem Ergebnis, dass die Sterblichkeit bei Patienten mit Herzproblemen durch Digitalis deutlich erhöht werde. Patienten mit einer Herzschwäche oder Vorhofflimmern zeigten unter der Einnahme von Digitalis eine wesentlich höhere Sterbewahrscheinlichkeit, berichten Professor Dr. Stefan Hohnloser und Kollegen im „European Heart Journal“.

„Es gibt widersprüchliche Erkenntnisse darüber, ob Digitalis bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern) oder einer Herzpumpschwäche zu einer erhöhten Mortalität führt“, schreiben die Wissenschaftler. In der bislang größten Metastudie zu dem Einsatz des Wirkstoffs Digitalis kommen die Forscher nun allerdings zu dem eindeutigen Schluss, dass bei den genannten Patientengruppen „tatsächlich eine erhöhte Sterblichkeit vorliegt, wenn sie mit Digitalis behandelt werden.“ Dies gelte insbesondere für Patienten mit Vorhofflimmern.

Digitalis-Sterblichkeit

Drohende schwerwiegende Nebenwirkungen
Digitalis wird aus der Fingerhutpflanze extrahiert und seit Jahrhunderten in der Medizin eingesetzt. Noch heute findet das Pflanzenextrakt bei Patienten mit Herzschwäche und einem irregulären Herzrhythmus infolge von Vorhofflimmern Anwendung. Doch ist der Dosierungsspielraum des Medikaments – also die Dosierung, bei der Digitalis effektiv und unbedenklich ist – laut Angaben der Frankfurter Wissenschaftler sehr eng. Dieses enge therapeutische Fenster stellt bei dem Einsatz mitunter ein erhebliches Problem dar. Denn liegt die Dosierungen zu hoch, besteht die Gefahr von schwerwiegenden Nebenwirkungen. Zusätzlich sind zahlreiche Wechselwirkungen von Digitalis mit anderen Medikamenten bekannt. Aus diesem Grund „sind regelmäßige Blutuntersuchungen zur Bestimmung der Digitalis-Blutkonzentration empfohlen“, berichten Hohnloser und Kollegen.

21 Prozent höheres Sterberisiko
In der aktuellen Metaanalyse berücksichtigten die Forscher des Universitätsklinikums Frankfurt alle zu diesem Thema publizierten Studien der Jahre 1993 bis 2014. Am Ende wurden 19 relevante Studien identifiziert, in denen die Daten von insgesamt 326.426 Patienten (235.047 Vorhofflimmer- und 91.379 Herzinsuffizienzpatienten) Eingang fanden, so die Mitteilung des Universitätsklinikums Frankfurt. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, „dass bei den Patienten, die mit Digitalis behandelt worden waren, das Sterblichkeitsrisiko um 21 Prozent erhöht war, verglichen mit den Patienten, die diese Medikamente nicht erhalten hatten.“ Bei der detaillierteren Betrachtung von zwei Patientengruppen mit Vorhofflimmern beziehungsweise Herzinsuffizienz sei Digitalis mit einer 29-prozentigen beziehungsweise 14-prozentigen Risikoerhöhung einhergegangen.

Zurückhaltung bei der Anwendung geboten
In den Therapieempfehlungen Europas und der USA zur Behandlung der Herzinsuffizienz und des Vorhofflimmerns hat Digitalis bis heute einen Platz, wobei diese Empfehlungen nach Einschätzung der Frankfurter Wissenschaftler allerdings lediglich die bislang hochgradig unbefriedigende Datenlage zu dem Einsatz von Digitalis widerspiegeln. Hier fehlen „randomisierte kontrollierte Studien mit Digitalis, um die Effektivität und Sicherheit dieser Medikation nachzuweisen“; so Hohnloser und Kollegen. Bis diese Studien vorliegen, sollte Digitalis ihrer Ansicht nach mit großer Zurückhaltung angewandt werden. Zudem sei ein sorgsames Monitoring der Patienten, inklusive Bestimmung der Plasma-Digitalis-Konzentration, notwendig. „Meine persönliche Meinung ist, dass die Zeit der Digitalis-Therapie – besonders als Herzfrequenz-kontrollierendes Medikament bei Vorhofflimmern – vorüber ist“, berichtet Professor Hohnloser. Allerdings müsse diese Hypothese noch in entsprechenden Studien überprüft werden.

Laufendes Risikobewertungsverfahren zu Digitalis
In Deutschland sind sechs Medikamente mit dem Digitalis-Derivat Digoxin zugelassen, berichtet die Nachrichtenagentur „dpa“ unter Berufung auf das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Darüber hinaus sei ein Präparat mit der Variante Digitoxin verfügbar, das ebenfalls ein Digitalis-Derivat bilde, wird Prof. Hohnloser von der Nachrichtenagentur zitiert. Ein Sprecher des BfArM erläuterte gegenüber der „dpa“, dass die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) derzeit die Risiken des Wirkstoffs überprüfe und sobald die Ergebnisse dieses Risikobewertungsverfahrens feststehen, werde das BfArM über mögliche Sicherheitsmaßnahmen informieren. Zu einzelnen Risiken sei jedoch durchaus bereits einiges bekannt. So bestehe zum Beispiel eine potenziell gefährliche Wechselwirkung zwischen Digoxin und dem Herzmedikament Dronedaron. In den Fachinformationen werde auf die Gefahr hingewiesen. Ärzte sollten dieses Risiko selbstverständlich kennen und bei der Behandlung ihrer Patienten berücksichtigen. Insgesamt wurden dem BfArM laut Angaben der Nachrichtenagentur „dpa“ 20 Verdachtsfälle zu der Wechselwirkung seit 1978 gemeldet, darunter ein Todesfall.

Digitalis-Medikamente nicht eigenständig absetzen
Von einem eigenständigen Absetzen der Digitalis-Medikamente durch die Patienten ist trotz möglicher Risiken dringend abzuraten, so die „dpa“ unter Berufung auf die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie. Stephan Willems vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg wird hierzu von der Nachrichtenagentur mit der Aussage zitiert, dass sich die Betroffenen mit ihrem Arzt zusammensetzen und prüfen sollten, ob es sinnvoll ist, die Digitalis-Präparate weiter einzunehmen. Hier gebe es durchaus verschiedene Alternativen. Laut Willems sollte die aktuelle Studie auf jeden Fall ein Denkanstoß sein – nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Ärzte. Bei gut eingestellte Patienten sei nicht zwangsweise ein Wechsel des Medikaments erforderlich, doch „einen neuen Patienten auf Digitalis einzustellen, ist heute nicht mehr sinnvoll, das kann man sicher sagen“, wird Willems von der „dpa“ zitiert. (fp)

nachweis: Andrea Damm / pixelio.de

Bildnachweis 2: Cornerstone  / pixelio.de