Erstklässler in Deutschland sind fitter als bislang vermutet

Alexander Stindt

Experten analysierten die Ergebnisse von Fitnesstests bei Erstklässlern

Immer mehr Kinder leiden unter Übergewicht. Häufig wird dies auf mangelnde Bewegung zurückgeführt. Die Forscher der Technischen Universität München (TUM) untersuchten, wie sportlich Grundschüler sind und wie gut ihre allgemeine Fitness war. Über einen Zeitraum von zehn Jahren analysierten die Experten die Ergebnisse von Fitnesstests bei Erstklässlern.

Die Mediziner der Technischen Universität München untersuchten bei ihrer aktuellen Studie, wie sportlich Erstklässler sind. So wollten die Forscher herausfinden, ob mangelnde Bereitschaft zu Sport bei Erstklässlern zu Übergewicht führt. Die Wissenschaftler veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der englischsprachigen Fachzeitschrift „Frontiers in Pediatrics“.

Entgegen der Erwartungen vieler Experten sind Kinder in dem vergangenen Jahrzehnt nicht unsportlicher geworden. (Bild: Robert Kneschke/fotolia.com)

Keine deutlich schlechteren Ergebnisse

Die Ergebnisse der Untersuchung belegen, dass die Schüler innerhalb von zehn Jahren keine Kraft abbauten. Die Schnelligkeit und die Geschwindigkeit der untersuchten Schüler nahm sogar in diesem Zeitraum zu. Bei Jungen konnte allerdings festgestellt werden, dass die Ausdauer sich im Laufe der Zeit verschlechterte.

Die Ergebnisse von bisherigen Untersuchungen sollten hinterfragt werden

„Entgegen des meist negativen Tenors bisheriger Studien konnten wir nachweisen, dass sich bei Erstklässlern mit Blick auf die sportmotorische Leistungsfähigkeit in den vergangenen zehn Jahren in Summe keine Verschlechterung ergeben hat“, erklärt Autor Filip Mess, Professor für Sport- und Gesundheitsdidaktik an der Technischen Universität München in einer Pressemitteilung. Aus diesem Grund sollten bisherige Studien vielleicht hinterfragt werden.

Experten analysieren die Daten von über 5.000 Erstklässlern

Die Wissenschaftler analysierten für ihre Studie einen Datensatz von Fitnesstests. Die Daten umfassten insgesamt 5.001 Erstklässler. Im Zeitraum zwischen dem Jahr 2006 und dem Jahr 2015 wurden in der Region Baden-Baden etwa 500 Erstklässler pro Jahr untersucht. An dem Projekt waren alle 18 Grundschulen der Region beteiligt.

Welche Tests mussten die Erstklässler absolvieren?

Bei den Tests wurde beispielsweise untersucht, wie Erstklässler bei einem 6-Minuten-Lauf abschließen (Ausdauerleistung), wie viele Liegestütze sie durchführen konnten (Kraft), wie schnell sie einen Sprint über 20 Meter absolvieren (Schnelligkeit) und wie gut sie bei Übungen der Balance abschnitten (Gleichgewichtsfähigkeit). „Bei diesen vier Tests zeigte sich eine nachweisbare Verschlechterung lediglich bei der Ausdauerleistung von Jungen. Bei Mädchen blieb diese dagegen konstant. Die Schnelligkeit und die Gleichgewichtsfähigkeit sind bei beiden Geschlechtern sogar besser geworden“, erklärt die Autorin Dr. Sarah Spengler.

Bisheriges Forschungsdesign ist anfällig für Verzerrungen

Es gibt einen großen Unterschied bei der aktuellen Studie zu bisherigen Forschungsprojekten. Alle Untersuchungen wurden in jedem der zehn Jahre durchgeführt. Bisher verwendeten die meisten Projekte indes lediglich zwei Messzeitpunkte. Diese können beispielsweise in einem Abstand von zwei Jahren liegen. Leider ist ein solches Forschungsdesign sehr anfällig für Verzerrungen. Zum Beispiel könnte in einem Jahr eine Klasse mit komplett unsportlichen Schülern untersucht werden. Im nächsten Jahr könnte dann eine generell sehr sportliche Klasse untersucht werden.

Alle Grundschulen der Region nahmen an der Studie teil

Es gibt noch eine weitere Besonderheit bei dem Projekt, welche zu genaueren Ergebnissen geführt haben könnte. Alle der 18 in der Region liegenden Grundschulen waren an der Untersuchung beteiligt. Dies sollte dazu führen, dass Verzerrungen durch einen zu großen Anteil städtischer oder regionaler Teilnehmer ausgeschlossen sind. „Für die Region Baden-Baden sind die Daten repräsentativ“, sagt Professor Mess.

Sind die Ergebnisse auf ganz Deutschland übertragbar?

Die bei der Studie vorhandene regionale Auswahl kann jedoch auch zu einer Einschränkung der Ergebnisse führen, erläutern die Experten. Sicherlich habe die Langzeitstudie eine höhere Aussagekraft als die bisherigen Forschungen, aber dabei erhobene Daten lassen sich nicht ohne Weiteres auf ganz Deutschland übertragen. Baden-Baden ist eine eher wohlhabende und ländliche Region und in anderen Regionen von Deutschland könnten andere Ergebnissen festgestellt werden.

Sportmotorische Untersuchungen sollten bei jeden Grundschüler in Hessen gemacht werden

Die Ergebnisse der Studie sollten dazu führen, dass zukünftige Studien über die langfristige Entwicklungen der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern ähnliche Forschungsdesigns verwenden. Die Wissenschaftler raten dazu, dass sogenannte sportmotorische Untersuchungen bei allen Grundschülern in Hessen vorgenommen werden.

Aus gesunden Kindern werden später gesunde Erwachsene

„Wir konnten zeigen, dass sich bei den vier Tests lediglich die Jungs in Bezug auf die Ausdauerleistung signifikant verschlechtert haben. Trotzdem darf dies kein Anlass für Schulterklopfen sein. Denn die Daten sagen nicht aus, dass die Leistungen der Kinder auch tatsächlich gut sind. Sie sind halt nur nicht schlechter geworden“, erläutert Autorin Dr. Spengler. Ausreichende Bewegung bei Kindern bleibe weiterhin eine große Herausforderung, denn sie trägt dazu bei, dass aus Kindern später einmal gesunde Erwachsene werden. (as)